Ausgesprochen ... Berlin  Karneval der Vielfalt

Die Gruppe Marafoxe Nacao Nago beim Ersatzfest des KdK 2022
2022 gab es nur ein kleines Ersatzfest des Karneval der Kulturen, bei dem beispielsweise die Gruppe Marafoxe Nacao Nago auftrat. Unsere Autorin hat früher häufig mit ihrer Band Rainhas do Norte am Karneval teilgenommen. Foto (Detail): picture alliance/dpa © Christoph Soeder

Pfingsten in Berlin ist Karnevalszeit! Nee, doch nicht… Zum dritten Mal in Folge wurde der Karneval der Kulturen 2022 abgesagt. Unsere Kolumnistin Marie Leão erzählt, wie der Karneval der Kulturen dazu beigetragen hat, die kosmopolitische Seite der Stadt neu zu beleben.

Die Sehnsucht der Feiernden aus über 180 Nationen nach dem Karneval der Kulturen (KdK) ist riesig. Ich habe zuvor jedes Mal daran teilgenommen, entweder als Musikerin auf einer der Bühnen, beim Sonntagsumzug selbst, oder auch als DJ auf einer der zahlreichen wunderschönen Partys, die diese vier Tage transkultureller Euphorie jährlich am Pfingstwochenende begleiten.

Ich erinnere mich noch an den ersten Karneval der Kulturen 1996 in Kreuzberg, früher noch von der Werkstatt der Kulturen organisiert, heute von Piranha Arts. Ich war frisch in Berlin und trommelte bereits in der damals noch kleinen Sambaschule Borboleta, aus der später die berühmte Sapucaiu no Samba hervorging, fünfmalige Gewinnerin des Wettbewerbes des Sonntagsumzuges und überhaupt eine der größten und besten europäischen Sambagruppen. Ich stand dort in der Menge der Trommler*innen, als plötzlich die Bassistin der legendären Post-Punk-Frauen*band As Mercenárias aus São Paulo vor mir stand, von der ich in den 1980er Jahren ein großer Fan war. Da war eine persönliche und musikalische Freundschaft geboren, die bis heute anhält. Post-Punk trifft auf Samba – der Karneval der Kulturen war schon immer ein Karneval der Vielfalt. Das war ja auch die Idee der Veranstaltung.

Als ich 1995 hier ankam, war Berlin, das vor dem Zweiten Weltkrieg eine sehr kosmopolitische Stadt war, noch sehr... deutsch. Manchmal versuchte ich, mit den Menschen auf der Straße zu kommunizieren, aber kaum jemand sprach Englisch. Ich hatte den Eindruck, dass Ausländer*innen (damals benutzte niemand den Begriff „Migrant*innen“) wie ich, eher in ihrer eigenen nationalen Blase lebten und nicht viel mit Deutschen interagierten. Außerdem wurden Menschen aus dem globalen Süden – noch öfter als heute – stereotypisiert, exotisiert, auf ihre Herkunft reduziert. Wenn mich jemand nach meinem Akzent fragte oder woher ich komme, war die Reaktion auf meine Antwort in 99 Prozent der Fälle so etwas wie: „Oooh, Brasilien! Saaammmbaaa!“ oder auch: „Wie?! Brasilien?! Sie sind doch viel zu weiß für eine Brasilianerin!“ Es nützte nichts, zu erklären, dass Brasilien nach den USA das Land mit der zweitgrößten deutschstämmigen Bevölkerung außerhalb Deutschlands ist, dass es ein multiethnisches Land ist… Irgendwann hatte ich keinen Bock mehr darauf und antwortete einfach: „Ich komme vom Mars. Was ist mit dir?“ Kulturelle Brücken gab es damals kaum. 

Unterschiedliche Sprachen, Gerichte, Tänze und Musikstile

Der KdK war also geradezu revolutionär, weil er Protagonist*innen aus so vielen Kulturen aus der ganzen Welt zusammenbrachte und deren vielen Stimmen auch endlich ein bisschen mehr Gehör verlieh. Deutsche, Migrant*innen und Menschen mit Migrationshintergrund schlossen Freundschaften und Partnerschaften. Der Erfolg war enorm. Während die erste Ausgabe des Karnevals der Kulturen 50.000 Menschen anlockte, feierten ab 2010 mehr als eine Millionen Partygänger*innen aller möglichen Altersgruppen, Hautfarben und Glaubensrichtungen zusammen. Mit seinem jährlichen Straßenfest und Umzug ist der KdK zu einem Höhepunkt bei Berlin-Tourist*innen geworden und hat dazu beigetragen, dass die Stadt ihr kosmopolitisches Flair zurückerobert hat. Heutzutage hört man in bestimmten Vierteln der Stadt neben Deutsch Sprachen aus aller Welt, so dass ein fast melodiöses Sprachengewirr entsteht. Es mag Zufall sein, , aber für mich macht es durchaus Sinn, dass er immer zu Pfingsten stattfindet, denn mit diesem Datum wird dem Moment gedacht, in dem nach christlichem Glauben Feuerzungen über den Jüngern Christi schwebten, die daraufhin in allen Sprachen der Erde zu sprechen begannen.

Wir können nur hoffen, dass sich das Coronavirus diesen Winter nicht erneut ausbreitet. Ein Karneval wird nicht über Nacht organisiert, sondern ist die Arbeit eines ganzen Jahres. Ich vermisse die Caipirinhas am Stand von Dadá, die Konzerte mit Bands und Grooves aus aller Welt, die Pflanzenversteigerung am Eingang des Blücherplatzes, das Kaleidoskop an Geschmacksrichtungen an den Essständen, und natürlich den Umzug der Gruppen. Mit großer Euphorie bin ich schon häufig stundenlang mitmarschiert: Schmerzende Füße, Blasen an den Fingern vom vielen Trommeln - aber voll mit Adrenalin. Komm, Karneval der Kulturen! Nächstes Jahr wieder, versprochen?
 

„AUSGESPROCHEN …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Marie Leão, Susi Bumms, Maximilian Buddenbohm und Sineb el Masrar. Unsere Berliner Kolumnist*innen werfen sich in „Ausgesprochen … Berlin“ für uns ins Getümmel, berichten über das Leben in der Großstadt und sammeln Alltagsbeobachtungen: in der U-Bahn, im Supermarkt, im Klub.