Präsidentschaftskandidat Marek Hilšer  Mit Ideen und Authentizität

Mann steht auf alter Eisenbrücke
Marek Hilšer: „Es reicht, nicht gleichgültig zu sein gegenüber dem Geschehen um uns herum.“ Foto: © Martina Houdek

Die Erfolgsgeschichte von Marek Hilšer hat viele Menschen in Tschechien inspiriert. Nahezu unbekannt war der junge Arzt und Bürgerrechtsaktivist als er seine Kandidatur für das Amt des tschechischen Präsidenten bekannt gab. Geld für eine Kampagne hatte er auch (fast) keins. Überraschend erhielt er mehr als 450.000 Stimmen (8,83 Prozent). Im Interview verrät Marek Hilšer, was ihn motiviert und wie er sich in Zukunft engagieren will.

Marek, der Wahlkampf war bestimmt anstrengend, aber auch stimulierend. Jetzt liegen die Wahlen schon einige Wochen zurück. Wie geht es dir?

Ich fand das alles überhaupt nicht anstrengend. Man ist mal ein bisschen müde, das schon. Aber ich habe den ganzen Wahlkampf als eine Art Leistungssport angenommen. Und gleich nach den Wahlen, als die Spannung von mir abfiel, hatte ich sogar Entzugserscheinungen wegen des fehlenden Adrenalins. Ähnlich wie zum Beispiel im Studium, wenn man zwei Monate lernt, dann alle Prüfungen hinter sich hat und nichts mehr mit sich anzufangen weiß. Aber insgesamt fühle ich mich gut, das war eine tolle Erfahrung. Ich habe mich sehr über die Unterstützung der Menschen gefreut, auf der anderen Seite ist das eine große Verantwortung. Es setzt einen etwas unter Druck, dass man irgendwie weitermachen muss und nicht einfach verschwinden kann. Ich überlege gerade, wie ich diesem Vertrauen am besten gerecht werden kann.

Wie hast du es geschafft, diesen Wahlkampf durchzuhalten? Gab es auch Momente, in denen du alles einfach hinschmeißen wolltest? Zum Beispiel, als du erkannt hast, dass du und dein Team es nicht schaffen würdet, genügend Unterschriften zu sammeln?

Einen Moment, in dem ich alles hinschmeißen wollte, hatte ich nicht. Oder vielleicht manchmal morgens beim Aufwachen, das kommt schon mal vor. Aber dann putzt man sich die Zähne und hat gleich wieder gute Laune. Oder zumindest geht es mir so. Morgens habe ich mich also schon manchmal gefragt, ob das alles einen Sinn hat. Aber hinschmeißen wollte ich nicht. Im Gegenteil: Je länger der Wahlkampf dauerte, desto weniger Zweifel hatte ich. In die Kampagne waren irgendwann so viele Leute involviert, die ehrenamtlich Unterschriften sammelten. Deren Vertrauen hat das Ganze mit Sinn erfüllt. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, die Senatoren und Abgeordneten anzusprechen, als ich erkannt habe, dass wir das mit den Unterschriften nicht schaffen. Vorher hatte ich gar nicht erst darüber nachgedacht, weil ich nicht erwartet hätte, dass mich überhaupt einer von ihnen unterstützen würde. Ich hatte keine großen Hoffnungen, dass sie irgendeinen Jungen von der Straße unterstützen würden, der Präsident werden will.

Wie hast du sie kontaktiert? Hast du ihnen einfach geschrieben?

Ja, aber ich habe nur ein paar angeschrieben, von denen ich mir gedacht habe, dass es klappen könnte. Nicht angeschrieben habe ich also Politiker von den Kommunisten, ANO oder anderen Parteien, mit denen wir uns in Bezug auf Werte und Programm nicht hätten einigen können. Die ersten Reaktionen waren positiv, wir haben uns getroffen, und auf diesem Weg habe ich die Unterstützung einer ausreichenden Zahl von Senatoren erhalten. Ich habe mich mit insgesamt fünfzehn Senatoren getroffen und zehn von ihnen gaben mir ihre Unterschrift. Es war nur so, dass viele, die mir ihre Unterschrift gegeben hätten, schon für jemanden anderen unterschrieben hatten. Bei vielen, auf deren Unterstützung ich gehofft hatte, war es leider nicht mehr möglich. Aber am Ende hat es geklappt, Senator Papoušek hat mir dabei sehr geholfen.

Hat das nicht dem Gedanken des Bürgerkandidaten widersprochen?

Als ich auf diesem Weg Unterstützung gesucht habe, hielten mir einige Leute vor, ich sei nun kein Bürgerkandidat mehr. Aber am Ende war ich froh, dass es so gelaufen ist. Denn damit habe ich gezeigt, dass ein aktiver Bürger, der etwas verändern will, zu seinem politischen Vertreter gehen kann und dieser ihn vielleicht anhört. Und gerade das ist für mich Demokratie. Heute spricht man viel von „direkter Demokratie“, es herrscht der Eindruck, man könnte alles mit Referenden lösen. Ich denke hingegen, dass man Probleme, mit denen man sich intensiv auseinandersetzt und zu deren Lösung man beitragen will, mit Unterstützung der Politik und ihren konkreten Vertretern angehen muss. Das wird viel zu selten genutzt. Hier gilt das Prinzip der Verantwortung – es geht nicht nur darum, seinen Stimmzettel irgendwo loszuwerden und heimzugehen, sondern darum, seine Haut zu Markte zu tragen, seine Ansichten zu demonstrieren und einen Beitrag zu leisten.

Was bedeutet es eigentlich für dich, ein Bürger zu sein? Warum muss ein Bürger überhaupt etwas tun? Manche wollen einfach nur zuhause vor dem Fernseher sitzen…

Das ist auch eine Möglichkeit und die will ich keinem nehmen. Aber wenn jemand unzufrieden ist, dann reicht es nicht zu schimpfen, dann muss man weiter gehen. Sonst bleiben wir immer nur Untertanen und warten, bis einer da oben das Problem löst. Ich bin im Laufe meines Lebens zu der Überzeugung gelangt, dass man handeln muss, nicht gleichgültig sein darf, sich um Lösungen bemühen muss, seinen Teil zur Gestaltung der Gemeinschaft leisten sollte. Hier ein Beispiel: Als ich Medizin studiert habe, gab es kein Toilettenpapier. Das war ein Problem, das uns wirklich belastete. Ich kandidierte für den Hochschulsenat und hatte die Lösung des Problems in meinem Programm, nach meiner Wahl habe ich das dann umgesetzt. Nicht jeder muss Senator oder Präsident werden, es reicht, nicht gleichgültig zu sein gegenüber dem Geschehen um uns herum.
Marek Hilšer nahm 2017 teil am jádu-Projekt „Deutschland, das wünsche ich dir...“.

Wir leben in einer Zeit des politischen Marketings, hinter dem viel Geld steckt. Du hast es ohne das viele Geld geschafft, wie ist dir das gelungen?

Ich erinnere mich, wie mir zu Beginn des Wahlkampfs ein Fachmann sagte, dass ein Kandidat zu 30 Prozent aus Persönlichkeit besteht, der Rest sind Marketing und Geld. Das hat mich wirklich aufgeregt, weil es mir verrückt erschien, dass ein normaler Bürger keine Chance hat, in das Ganze einzudringen, einzugreifen. Dieses Hindernis des Geldmangels hat mich provoziert. Eine Grundregel des Marketings lautet doch „Das beste Marketing ist gute Ware“. Ich wollte also mit Ideen und Authentizität zum Ziel gelangen. Wenn der Gedanke wahrhaftig ist und man durchhält, dann klappt das. Das hat sich für mich in einem begrenzten Umfang bestätigt. Auf der anderen Seite ist Geld für Flyer und Billboards wirklich ein Vorteil, wenn man bekannt werden und die breite Öffentlichkeit ansprechen will. Auf jeden Fall hat sich gezeigt, dass Geld nicht die Voraussetzung für eine Kandidatur an sich sein muss. Einige Leute haben mir geschrieben, dass meine Kandidatur ihnen gerade in dieser Hinsicht den Optimismus wiedergegeben hat.

Gibt es etwas, von dem du sagst „Das hätte ich anders machen sollen“?

Das nicht. Sicher würde man einige Dinge finden, die man hätte anders machen können. Wenn man bedenkt, welche Startvoraussetzungen ich hatte, denke ich, dass ich nicht mehr hätte tun können. Ich finde, dafür, dass ich so ein winziges Team und eine so verschwindend geringe Chance hatte, ist es gut ausgegangen. Man hat oft gehört, dass mein Programm vielen Leuten gefällt, aber dass es einfach keine Chance hätte. Sie hatten das Gefühl, dafür würden sie ihre Stimme wegwerfen. Das hat mich in vielerlei Hinsicht ausgebremst, zum Beispiel auch bei der Sponsorensuche. Aber für mich ist etwas mit ungewissem Ausgang zu tun, eben genau die Definition von Hoffnung, das ist doch das Havel-Prinzip.

Das einzige, was ich später bereut habe, war meine Äußerung zu #metoo. Ich gebe zu, dass ich in dem Moment, als ich auf die Frage antwortete, nicht genau wusste, worum es ging. Als ich mich dann schlau gemacht habe, tat es mir wirklich leid. Ich habe mich entschuldigt und eine Erklärung abgegeben. Gleichzeitig habe ich damit die Erfahrung gemacht, dass man bereits Gesagtes oft nicht mehr zurücknehmen kann. Erstens kommt die Entschuldigung bei denen, die sich darüber geärgert haben, meistens nicht mehr an, und zweitens schaffen es komplexere Erklärungen selten in die Medien.

Du bist viel in der Republik rumgekommen. Was waren die stärksten Eindrücke?

Was die Themen angeht, haben sich die Menschen am meisten für meine Haltung zu Migration und Europäischer Union interessiert. Hoffnung wurde selten geäußert, die Menschen sind eher abgestumpft. Für sie ist die Politik ein Moloch und sie glauben im Allgemeinen nicht daran, dass man etwas verändern kann. Aber insgesamt kann ich sagen, dass der Wahlkampf vor Ort sehr stimulierend ist, ich habe viele tolle Menschen kennen gelernt. Das war der inspirierendste Teil des Wahlkampfs. Auf der anderen Seite hat sich mir gegenüber fast niemand aggressiv verhalten, bis auf die städtische Polizei in Nový Jičín.

Haben sich die Leute dir anvertraut?

Es gab die merkwürdigsten Situationen. Da kam zum Beispiel ein Herr zu mir, der darum bat, dass ich mir die Ablagerungen seines Bienenstocks ansehe. Das was aus dem Bienenstock fällt, kontrolliert man immer, um festzustellen, ob der Stock von Parasiten befallen ist. Angeblich hatte er gelesen, dass ich mich mit der Imkerei beschäftige, und er wollte die Ablagerungen mit mir zusammen begutachten. Weil bekannt war, dass ich mich mit der Behandlung von Gehirntumoren beschäftige, kamen ungefähr drei Menschen mit der Frage, wie die Chancen ihrer Verwandten auf Heilung stünden. Das war nicht leicht, als ich plötzlich in einer ganz anderen Rolle dastand. Na und dann noch so ein bizarres zwischenmenschliches Aufeinandertreffen, als eine 80-jährige Dame mir sagte, dass sie mich um ein Date bitten würde, wenn sie nur jünger wäre.

Da hast du gesagt, dass sie dich wenigstens wählen soll...

Ja klar.

Du wirst für den Senat kandidieren, aber nicht als Vertreter deiner Geburtsstadt Chomutov.

In Chomutov deshalb nicht, weil ich finde, dass man dort kandidieren soll, wo man es nah zu Ort und Menschen hat. Außerdem gibt es für Chomutov schon einen guten Kandidaten. Aber ich beschäftige mich mit meiner Heimatregion: Wie ich durch die vor Kurzem veröffentlichte Schuldenlandkarte erfahren habe, gehört die Region Chomutov zu den am stärksten betroffenen Landkreisen. Ich habe vor, dieses Problem jetzt mehr zu thematisieren und auf diese Weise die Verbindung mit meiner Heimat zu verstärken.

Marek Hilšer

Marek Hilšer wurde im Jahr 1976 in Chomutov geboren. Er ist ein tschechischer Arzt, Hochschulpädagoge, Wissenschaftler und Bürgerrechtsaktivist. Er studierte internationale Beziehungen und Medizin an der Karlsuniversität. Dort arbeitet er seit dem Jahr 2007 in der 1. medizinischen Fakultät als Lehrbeauftragter und wissenschaftlicher Mitarbeiter; im Rahmen seiner Forschungen spezialisiert er sich auf den Kampf gegen Krebs. Im Jahr 2011 und 2012 nahm er an einer medizinischen Hilfsmission der Organisation ADRA in Kenia teil. Er kandidierte 2018 bei den tschechischen Präsidentschaftswahlen, Hilšer erhielt in der ersten Runde 454 949 Stimmen (8,83 Prozent), und landete überraschend auf dem 5. Platz von 9 Kandidaten.

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