Männlicher Kinderwunsch
Vaterschaft mit Hindernissen

Kevin Silvergieter Hoogstad mit seinem Partner René und den beiden Pflegekindern. Foto: © Cindy & Kay Fotografie

Lange Zeit war das Thema unerfüllter Kinderwunsch vor allem weiblich besetzt. Doch mit dem Wandel von Rollenbildern trauen sich auch immer mehr Männer, über ihre Sehnsucht nach Kindern und Familie zu sprechen. Der Weg dorthin ist vor allem in männlichen gleichgeschlechtlichen Beziehungen mitunter kompliziert. Und wie geht es heterosexuellen Männern, die sich Kinder wünschen, aber keine zeugen können? Drei männliche Perspektiven zum Kinderwunsch.

Frauen werden spätestens ab dem 30. Lebensjahr von teils völlig fremden Menschen gefragt, ob sie sich Kinder wünschen. Ich kann das aus eigener Erfahrung als späte Mutter bestätigen. Bis ich mit 36 Jahren (manche würden wohl sagen: endlich!) schwanger wurde, hörte ich unzählige Male den Satz: „Wünscht Du Dir denn keine Kinder?“. Einmal sogar am australischen Great Barrier Reef. Ich hatte einen Schnorchelausflug gebucht, war glücklich ungebunden und mental eher mit der Frage beschäftigt, ob ich wohl Clownfische sehen würde. Ein sehnsüchtiger Kinderwunsch wurde mir qua Geschlecht von einer der anderen Ausflüglerinnen trotzdem unterstellt, sie nickte mitleidig, als ich sagte, ich wüsste nicht, ob und wann ich ein Kind bekommen würde.
 
Männer wie der Schauspieler und zweifache Pflegevater Kevin Silvergieter Hoogstad befinden sich in der umgekehrten Situation. „Von Frauen wird der Kinderwunsch geradezu erwartet, sie werden gefragt: Wann ist es denn soweit? Schwule Männer machen in der allgemeinen Wahrnehmung Karriere, fahren in teure Urlaube und führen einen hedonistischen Lebensstil, in dem Kinder keinen Platz haben. Ich glaube, auch deswegen setzen sich wenige homosexuelle Männer mit diesem Gedanken und dem Kinderwunsch auseinander“, sagt Silvergieter Hoogstad, der Kinder schon immer toll fand und seinen Wunsch nach Familie trotzdem zunächst begrub, auch, weil er nicht zu dem Lebensstil passte, dem die Gesellschaft ihm unterstellte.
 
Wirft man einen Blick auf die Zahlen, so klaffen die Geschlechter in Sachen Kinderwunsch jedenfalls nicht so weit auseinander, wie es die höchst unterschiedlichen Rollenerwartungen vermuten lassen würden: Laut einer Studie des Delta-Instituts für Sozialforschung aus dem Jahr 2015 haben in Deutschland 26 Prozent der Frauen und 24 Prozent der Männer einen aktuellen, unerfüllten Kinderwunsch. Und wenn man den Zeitpunkt weiter fasst, so sind es bei den Frauen 56 Prozent, bei den Männern 48 Prozent, die fest davon ausgehen, dass Kinder im Laufe der nächsten Jahre Teil ihres Lebens sein sollen.  
 
Auch für gleichgeschlechtliche Paare wird der Wunsch nach Familie immer selbstverständlicher: Mehrere Umfragen von schwulen und lesbischen Verbänden zeigen, dass etwa jede zweite lesbische Frau und jeder dritte schwule Mann in Deutschland sich Kinder wünschen.

Regenbogenväterbuch Foto: © Omnino Verlag

Regenbogenväter, Pflegefamilien und Mehrelternschaft

Der Weg zur Familie ist aber vor allem für männliche gleichgeschlechtliche Paare ungleich schwerer. Silvergieter Hoogstad wusste als junger Mann nicht, ob sich sein Wunsch überhaupt jemals erfüllen würde. Konkret wurde es erst, als er seinen Partner René kennenlernte. „Zu Beginn war dieser Wunsch auch eine große Überforderung, weil wir einfach nicht wussten, wie und ob wir das schaffen können. Da war Hoffnung, aber auch die Befürchtung, dass es nicht klappt, von Anfang an da“, sagt Silvergieter Hoogstad.
 
Leihmutterschaft und Adoption aus dem Ausland kamen für das Paar aus ethischen und finanziellen Gründen nicht infrage. Sie entschieden sich für eine Pflegschaft und absolvierten beim Jugendamt die dazu nötigen Seminare, nahmen ihren mittlerweile achtjährigen Pflegesohn und einige Jahre später auch eine Pflegetochter auf. Unter papapi.de bloggen sie über ihr Leben als Regenbogenfamilie auf dem Land. Sie teilen Rezepte und Basteltipps, typischer Elternblog-Content also – und ein Stück neue Normalität, die zeigt, dass Familien heute nicht dem klassischen heterosexuellen Modell entsprechen müssen.
 
Laut der Bundeszentrale für politische Bildung gibt es etwa 9500 sogenannte Regenbogenfamilien mit gleichgeschlechtlichen Eltern, in Deutschland leben rund 14.000 Kinder in einer solchen Familie – ein geringer Bruchteil von den ungefähr 10,65 Millionen Kindern unter 14 Jahren, die hierzulande leben. Doch in Deutschland ist gleichgeschlechtliche Elternschaft auch erst seit dem 1. Oktober 2017 rechtlich möglich – allerdings ausschließlich auf dem Weg der Adoption. Zuvor war lediglich die Stiefkindadoption erlaubt, dass also ein Partner das leibliche Kind des anderen adoptiert.
 
Der Traum von der bürgerlichen Familie ist lange ausgeträumt, sagt auch der Journalist und Autor Sören Kittel, doch für schwule Männer, die Vater werden wollen, gebe es noch immer viel zu wenige verfügbare Informationen. Auch deswegen hat Kittel, der Vater einer Tochter ist, gemeinsam mit Alexander Schug, Uli Heissig und Gianni Bettucci einen Ratgeber für Männer geschrieben: Das Regenbogenväterbuch – Ratgeber für schwule Papas (und alle, die es werden wollen).

Die Herausgeber des „Regenbogenväterbuchs“: Gianni Bettucci, Uli Heissig, Alex Schug, Sören Kittel Die Herausgeber des „Regenbogenväterbuchs“: Gianni Bettucci, Uli Heissig, Alex Schug, Sören Kittel | Foto: © Omnino Verlag Kittels Weg zur Vaterschaft war nicht leicht. Nach jahrelangem Hadern und Überlegen besuchte er schließlich im Berliner Regenbogenfamilienzentrum eine Gruppe, in der sich auch heute noch Menschen treffen, die darüber nachdenken, eine solche Familie zu gründen. Ob als lesbisches Paar, das sich mit einem schwulen Mann zusammentut, wie in Kittels Fall, oder über Leihmutterschaft oder Co-Parenting. Kittel lernte dort im Sommer 2014 die künftigen Mütter seiner Tochter kennen. Er und die beiden Frauen befolgten die Hinweise aus der Gruppe, unter anderem: Einander gut kennenlernen und die wichtigsten Punkte schriftlich fixieren. Er sei aber in rechtlichen Fragen sehr blauäugig in die Sache hineingegangen, habe zum Beispiel das Sorgerecht abgegeben. „Das war fatal, denn das Verhältnis zu den beiden Müttern wurde so schlecht, dass ich meine Tochter zeitweise gar nicht sehen konnte und die ursprüngliche schriftliche Vereinbarung nicht mehr der Rede wert war.“ Kittels Geschichte hat sich mittlerweile zum Guten gewendet, der Kontakt zu seiner Tochter ist nun seit einem Jahr wieder regelmäßig.
 
Trotzdem müsse sich bewusst machen, dass eine solche Vaterschaft ein Marathon sei und kein Sprint. „Ich kenne viele Konstellationen von Regenbogeneltern, die sich aus einem Kinderwunsch heraus gefunden haben, darüber hinaus nicht viel gemeinsam haben und bis heute nicht wirklich gute Freunde sind.“ Das beute aber nicht, dass sie schlechte Eltern seien, sagt Kittel.
 
Zudem ist das deutsche Recht auf die Lebensform, die er gewählt hat – die schwul-lesbische Co-Elternschaft oder Queer-Familie – nicht ausgerichtet. Mehr als zwei Elternteile sind hierzulande nicht vorgesehen, und das hat auf das Leben von Familien wie Kittels ganz praktische Auswirkungen, derer man sich bewusst sein muss.

Die rechtliche Lage von Regenbogenfamilien

International gibt es bei der rechtlichen Lage in homosexuellen Familien große Unterschiede. In Ländern wie Australien, Norwegen, Österreich und den Niederlanden ist Elternschaft in einer lesbischen Regenbogenfamilie auch ohne Adoption zugelassen – dort wird die Ehefrau oder eingetragene Partnerin der biologischen Mutter des Kindes automatisch rechtlicher Elternteil oder kann, ähnlich wie unverheiratete Väter in heterosexuellen Partnerschaften in Deutschland, das Kind rechtlich anerkennen. Leihmutterschaft ist in wenigen Ländern wie Russland, Thailand und manchen US-Bundesstaaten (Kalifornien) auch für homosexuelle Paare eine legale Möglichkeit, Eltern zu werden. Dass Kinder – durch Co-Parenting zweier homosexueller Paare beispielsweise – auch rechtlich mehr als zwei Eltern haben können, ist in Deutschland nicht vorgesehen. In den Niederlanden, wo diese Familienform immer beliebter wird, wird ein entsprechender Gesetzesentwurf seit mehreren Jahren diskutiert.

Männliche Zeugungsunfähigkeit ist immer noch ein Tabuthema

Journalist Benedikt Schwan „Nicht Vater eines leiblichen Kindes zu werden, diese Gewissheit aushalten zu müssen, fühlt sich an, als sei jemand gestorben“, sagt Benedikt Schwan, Autor des Buches „Ohnekind: Männlich, Kinderwunsch, steril“. | Foto: © Nat Urazmetova Auch der Journalist Benedikt Schwan wünscht sich Kinder – aber er kann keine zeugen. Woran genau das liegt, weiß er bis heute nicht. In seinem Buch Ohnekind – Männlich, Kinderwunsch, steril widmete er sich der Frage, was die allgemeine Diagnose Unfruchtbarkeit für ihn bedeutet. „Männer glauben, sie hätten ewig Zeit, Nachwuchs zu zeugen – biologisch gesehen ist das übrigens nicht korrekt, weil die Spermienqualität mit dem Alter abnimmt – und sehen sich auch von außen nicht mit den gleichen Erwartungen an Elternschaft konfrontiert wie Frauen, was dazu führt, dass viele das Thema lange von sich wegschieben“, sagt Schwan heute.
 
Dabei sei dieser unerfüllte Wunsch für Männer nicht weniger schmerzhaft. „Nicht Vater eines leiblichen Kindes zu werden, diese Gewissheit aushalten zu müssen, fühlt sich an, als sei jemand gestorben. Es kommt und geht in Wellen, aber es ist eine endgültige Tatsache, die immer wieder schmerzt“, so Schwan.
 
Der unerfüllte männliche Kinderwunsch sei aber immer noch ein Tabu, öffentlich gebe es kaum Männer, die sich dazu äußern. Selbst über Transsexualität werde da zum Teil offener diskutiert. Ein Mann, der ähnlich wie eine Solo-Mutter versuchen würde, ohne Partnerin schwanger zu werden? „Das würde ziemlich sicher bei vielen auf Ablehnung stoßen”, sagt Schwan. Seitdem er sein Buch veröffentlicht hat, sind aber viele seiner Freunde und Kollegen auf ihn zugekommen, die ebenfalls Schwierigkeiten dabei haben, ein Kind auf natürlichem Weg zu bekommen. „Vorher haben sie das nie erwähnt. Das war für mich so eine Art Bestätigung: Sehr viele Menschen sind betroffen.“ Schwan und seine Partnerin interessieren sich nun zunehmend für eine Pflegschaft, doch aktuell kommt ihnen dabei die Corona-Krise dazwischen. Was ihn, Kittel und Silvergieter Hoogstad eint: Die Überzeugung, das Elternschaft kein biologisches, sondern vor allem ein soziales Konstrukt ist, und dass sich das Bild von dem, was Familie bedeutet, in den nächsten Jahrzehnten radikal wandeln wird.

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