Nigerianische Studenten in Kiew „Wir hatten großes Glück, dass wir überlebt haben“

„Wir hatten großes Glück, dass wir überlebt haben“ Foto: Roma Kaiuk via unsplash | CC0 1.0

Bright (27), Abraham (31) und Johnson (34) studierten Wirtschaft an der Universität in Kiew, verließen aber die Ukraine, als um sie herum die Bomben fielen. Sie verbrachten mehrere Tage bei mir in Bratislava und erzählten mir von ihren Erfahrungen.

Kapitál-Logo Dieser Artikel erschien zuerst in der slowakischen Monatszeitschrift Kapitál. Wir bedanken uns für die Genehmigung, ihn auf JÁDU zu veröffentlichen!

Trotz allem, was sie in den letzten zwei Wochen durchgemacht haben, zieht oft ein Lächeln über die Gesichter von Bright, Johnson und Abraham. Auch in der Hektik der Reise zwischen fremden Städten erkundigt sich Bright, der Jüngste der Gruppe, nach Musikclubs in Bratislava und möchte wissen, ob ein slowakisches Mädchen an einem Schwarzen Jungen interessiert wäre. Johnson ist die treibende Kraft der Gruppe, ständig denkt er darüber nach, wohin sie gehen könnten und was sie dort tun werden, er telefoniert dauernd oder schreibt Textnachrichten, er sprüht vor Hoffnung, obwohl er keine Ahnung hat, in welchem Land sie eine Arbeitserlaubnis und die Möglichkeit bekommen werden, ihr Studium fortzusetzen. „Nichts, was im Leben wichtig ist, kommt einfach so zu dir“, sagt er mit einem Funkeln in den Augen, als ich ihm einige seiner Pläne ausrede. Abraham wirkt wie der Älteste, obwohl er Johnsons jüngerer Bruder ist. Er ist ruhig, hat einen prüfenden Blick, spricht langsam, man spürt, dass er sich jedes Wort gut überlegt und mehrere Schritte vorausdenkt.

Die Ukraine haben wir uns ausgesucht, weil es dort ein qualitativ hochwertiges Bildungssystem gibt, das auch nicht so teuer ist wie in manchen westeuropäischen Ländern.“

Unterbrochenes Studium

Er war derjenige, der vor der russischen Invasion wochenlang täglich CNN schaute und die letzten Tage vor Ausbruch des Krieges aus Angst kaum schlief. Als seine Freunde am 24. Februar um vier Uhr morgens von den ersten Explosionen geweckt wurden, war für ihn klar, dass sie ihre Sachen packen und Kiew so schnell wie möglich verlassen mussten. Er war ein Jahr zuvor mit mehreren Familienmitgliedern und Freunden aus Abuja, der Hauptstadt Nigerias, in die Stadt gekommen. „Wir haben uns entschieden, in die Ukraine zu gehen, weil die Lage in Nigeria immer besorgniserregender wird und sich seit den großen Protesten vor zwei Jahren noch weiter verschlimmert hat. Viele Menschen haben Angst, brutales Vorgehen der Polizei ist an der Tagesordnung. Die Ukraine haben wir uns ausgesucht, weil es dort ein qualitativ hochwertiges Bildungssystem gibt, das auch nicht so teuer ist wie in manchen westeuropäischen Ländern“, erklärt Abraham. „Außerdem hatten wir bereits viele Freunde in der Ukraine, die uns empfohlen haben, in Kiew zu studieren. Und es studieren bei weitem nicht nur Leute aus Nigeria dort, sondern wir haben viele Kommilitonen aus zahlreichen anderen Ländern – aus Indien, Pakistan oder China“, fügt Bright hinzu.

Alle drei äußern sich lobend über das Leben in Kiew, die Menschen seien aufgeschlossen und gastfreundlich zu ihnen gewesen. Da sie keine Arbeitserlaubnis bekamen, widmeten sie sich ausschließlich ihrem Studium und erhielten dafür Unterstützung von ihren weit entfernten Familien. Johnsons Gesicht verfinstert sich, als er erwähnt, dass ein Jahr Studium 3000 Dollar gekostet hat und sie jetzt nicht wissen, wie oder ob sie es überhaupt beenden können. Natürlich kann die Universität ihnen jetzt noch nicht sagen, ob sie unter diesen kritischen Umständen ihre Kurse wenigstens online belegen können. Die Möglichkeiten, ihr Studium in einem anderen europäischen Land fortzusetzen, sind derzeit sehr ungewiss. „Das Wichtigste ist, dass wir so schnell wie möglich wieder auf eigenen Beine stehen“, sagt Johnson abschließend.
 

Es gab zwei Warteschlangen, eine für ukrainische Staatsbürger und eine für Menschen anderer Nationalitäten. Unsere Schlage bewegte sich furchtbar langsam.“

Flucht aus der Stadt

Auf die Beine brachte alle drei auch die erste morgendliche Explosion am Tag der Invasion, eine Rakete schlug im Nachbarhaus ein und sie erwachten, als Wände bebten und Fenster klapperten. Sie rannten auf die Straße, wo bereits Hunderte von Menschen, ausländische und einheimische Studenten standen. Zwei oder drei Kampfjets flogen über ihre Köpfe hinweg. Trotz ihrer Angst verließen sie die Stadt nicht sofort, sondern harrten noch zwei Tage in einem Versteck aus, in der Hoffnung, die Lage möge sich beruhigen. Doch nach zwei Nächten mit heulenden Sirenen, Schüssen und Explosionen kamen sie zu dem Schluss, dass es keinen Sinn hat, noch länger zu warten. Ein Freund besorgte ihnen ein Auto, sie bestellten zusätzlich noch ein Taxi, das sie mehr als 16.000 Hrywnja (etwa 500 Euro) kostete, und gemeinsam fuhren zehn nigerianische Studenten an die slowakische Grenze.

Unterwegs stießen sie immer wieder auf Panzer und über ihnen flogen Kampfjets. Nur wenige Minuten, nachdem sie von einer Tankstelle, an der sie getankt hatten, weggefahren waren, sahen sie, wie Bomben auf diese Tankstelle fielen. Eine ähnliche Erfahrung machten sie an einem der Checkpoints, wo russische Soldaten eine Polizeistation angriffen, die sie kurz zuvor passiert hatten.

Zwanzig Stunden später hielten sie in Iwano-Frankiwsk, um in einem Hotel zu übernachten, aber in der Nacht gab es Sirenenalarm, und sie mussten bis zum Morgen in einem unterirdischen Schutzraum warten. Am nächsten Tag organisierten sie in der Stadt ein weiteres Taxi, das sie nach Uschhorod brachte. An der Grenze warf sie der Taxifahrer jedoch hinaus und sie mussten sich vor dem Grenzübergang in die Schlange stellen. „Es war bitterkalt und wir standen dort 13 Stunden lang. Es gab zwei Warteschlangen, eine für ukrainische Staatsbürger und eine für Menschen anderer Nationalitäten. Unsere Schlage bewegte sich furchtbar langsam“, erinnert sich Bright an die lange Nacht an der Grenze. Am Morgen kamen sie auf die slowakische Seite, wo sie Tee, Kaffee, eine Kleinigkeit zu essen, Prepaid-SIM-Karten für ihre Handys und eine kostenlose Busfahrt nach Košice erhielten. Von dort aus zogen sie einige Tage später weiter nach Bratislava.

Wir hoffen immer noch, dass sich die Situation in Kiew beruhigt und wir zurückkehren können. Wir haben unsere kompletten Sachen dort gelassen und wollen auch unser Studium fortsetzen.“

Wohin nun?

Während Abraham ständig die neuesten Nachrichten aus der Ukraine verfolgt, telefoniert Johnson und plant die nächsten Schritte. Alle paar Minuten hat er jedoch einen anderen Vorschlag, es ist klar, dass er in Wirklichkeit keine Ahnung hat, wo es sie hinverschlagen wird. Eine Zeit lang überlegt er, dass sie sich bei der sogenannten Fremdenpolizei (cudzinecká polícia) anmelden und eine Weile in Bratislava bleiben könnten, dann zieht er Wien in Betracht, und später sucht er bereits nach Verbindungen nach Deutschland und in die Niederlande. Schließlich fängt er an, über Möglichkeiten auf Malta zu sprechen. Ich kann sie bis in die Nacht hinein im Zimmer streiten hören, man spürt ihre Unsicherheit und Nervosität. Ich versuche, von meinen Freunden zu erfahren, wie ihre Chancen auf eine Arbeitserlaubnis in den Ländern der Europäischen Union stehen, aber es sieht nicht sehr rosig aus. „Wir hoffen immer noch, dass sich die Situation in Kiew beruhigt und wir zurückkehren können“, so Abraham zu seinen Überlegungen, „wir haben unsere kompletten Sachen dort gelassen und wollen auch unser Studium fortsetzen.“ Auf die Frage, ob sie gerne nach Nigeria zurückkehren würden, schütteln alle drei nachdrücklich den Kopf. „Vielleicht gehe ich zurück, wenn ich fünfzig bin“, sagt Johnson. „Bist du verrückt, frühestens wenn wir siebzig sind“, lacht Bright. Mir ist gar nicht zum Lachen zumute, aber ich will ihnen die gute Laune nicht verderben und so lache ich mit.

Am dritten Tag fassen sie plötzlich den Entschluss, noch am selben Abend mit dem Bus nach Deutschland zu fahren, da es ihnen offenbar gelungen ist, Kontakt zu Verwandten aufzunehmen, die dort leben. Sie packen schnell ihre nassen Sachen ein, die auf dem Wäscheständer hängen, essen vor der Abreise noch etwas und kurz darauf sind sie weg. Am nächsten Tag schreiben sie mir, dass sie in Deutschland angekommen sind und in die Niederlande weiterreisen werden. „Wir sind nach Europa gekommen, um uns Träume zu erfüllen, die wir zu Hause nicht verwirklichen konnten“, sagte Johnson zu mir und aus seinem lächelnden Mund klang das nicht so pathetisch wie jetzt, wenn ich es aufschreibe. Ich hoffe, dass ihnen am Ende ihrer Reise wenigstens einiges davon gelingt. Leicht wird es bestimmt nicht.

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