Ausbeutung ukrainischer Frauen Unser Land ist nicht sicher

Unser Land ist nicht sicher Foto: Martin Katler via unsplash | CC0 1.0

Frauen und Kinder machen den Großteil der Geflüchteten aus der Ukraine aus, die in der Slowakei eine sichere Bleibe suchen. Eine Reporterin der Monatszeitschrift „Kapitál“ sprach mit mehreren ukrainischen Frauen und erfuhr, dass sie oft etwas anderes finden: unwürdige Wohn- und Arbeitsbedingungen und Ausbeutung.

Kapitál-Logo Dieser Artikel erschien zuerst in der slowakischen Monatszeitschrift Kapitál. Wir bedanken uns für die Genehmigung, ihn auf JÁDU zu veröffentlichen!

Ende März stand ich allein in Bratislava am Hauptbahnhof als mich plötzlich ein Fremder ansprach: „Sie sind schön, Fräulein, kommen Sie zufällig aus der Ukraine? Suchen Sie Arbeit?“

Bevor ich mich von dem Schreck erholt hatte, erfuhr ich, dass er mich angeblich schon eine Weile beobachtete und dass ich „verloren aussah“.

„In diesen Zeiten kommen hier viele Ukrainerinnen her, sie sind furchtbar schön“, sagte er dann, als ob kein Krieg wäre. Nachdem er aber bemerkt hatte, dass ich Slowakin bin, war er an mir nicht mehr weiter interessiert.

Einige Minuten später sprach mich ein weiterer Mann an. Er sagte mir ebenfalls, dass ich schön sei und bot mir einen Job in Schweden an. Ich konnte es nicht glauben: zwei Männer innerhalb so kurzer Zeit, die sich beide an junge ukrainische Frauen heranmachten.

Dieser Mann war Ausländer. Er konnte nicht unterscheiden, ob ich Slowakin oder Ukrainerin bin. Er fragte mich, ob ich Studentin sei, ob ich Familie in der Slowakei habe, ob ich allein hier sei. Er wollte herausfinden, ob ich verletzlich bin.

Als ich Interesse an dem Jobangebot zeigte, bat er mich in ein Café, dort wolle er mir alles erklären. Ich würde ihm sehr gefallen und wir könnten zusammen nach Skandinavien ziehen. Angeblich würde er mir dort Arbeit in einer Apotheke besorgen und ich würde sehr glücklich sein.

Währenddessen zeigte er mir seine Papiere, seinen Pass, Personalausweis, gab mir seine Visitenkarte und Telefonnummer, um mir zu beweisen, dass er „seriös“ ist. Während des Gesprächs bezeichnete er sich bisweilen auch als Universitätsprofessor.

Die ganze Szene spielte sich in Bratislava vor dem Hauptbahnhof ab und dauerte insgesamt etwa 15 Minuten.

Niemandem fiel das auf.

Als er gegangen war, schickte er mir eine Textnachricht: „Ich meine es sehr ernst mit dir. Ich hoffe, das klappt mit uns.“

Ich schrieb lieber nicht zurück.

Schwarzarbeit ohne Versicherung

Aber von da an begann ich, eingehender mit ukrainischen Frauen zu sprechen, um herauszufinden, was sie in der Slowakei durchmachten, wer ihnen Arbeit anbietet und welche Formen von Missbrauch sie erleben.

Ich bat alle ukrainischen Frauen, die ich traf, ob bei Interviews, Reportagen oder auch nur so, zufällig auf dem Bahnhof oder im Zug, dass sie mich kontaktieren sollten, wenn es ein Problem gäbe, wenn jemand sie zum Beispiel zwingen würde, unter unangenehmen Bedingungen zu arbeiten.

Es dauerte nicht lange, bis sie sich bei mir meldeten. Einige der Frauen wollten nur reden, andere beklagten sich, wieder andere baten mich um Hilfe.

Die große Mehrheit der Frauen, die ich getroffen habe, arbeitet jetzt schwarz. Da viele von ihnen und ihre Kinder noch immer in Gefahr sind – oder ihr Lebensunterhalt von ihrem „Arbeitgeber“ abhängig ist –, beschloss ich, keine genauen Angaben zu den Orten zu machen, an denen sie sich aufhalten, oder zu der Arbeit, die sie verrichten.

Als erstes meldete sich eine 20-jährige Frau bei mir, die ich am Bahnhof getroffen hatte. Als ich bemerkte, wie sie allein auf einem Mäuerchen saß und vor Angst zitterte, fragte ich sie, ob alles in Ordnung sei. Sie war sehr dankbar, dass ich sie angesprochen hatte und erklärte mir, dass sie allein sei, dass ihre Mutter ihren Mann und die Großeltern nicht allein in der Ukraine lassen wolle und ihr Freund in der Armee sei. Nach dem Schulabschluss habe sie angefangen, als Kellnerin zu arbeiten, dann kam der Krieg.

Ihre Eltern ermutigten sie, zu fliehen und ihr Leben zu retten, solange sie noch konnte. Doch kaum war sie in der Slowakei angekommen, teilte ihr die ukrainische Freundin, bei der sie wohnen sollte, mit, dass sie aus der Unterkunft ausziehen müsse.

Als sie mich anrief, weinte sie, sie wisse nicht, wohin sie gehen solle. Mein Hilfsangebot lehnte sie ab. Am selben Tag bot ihr der Bekannte eines Bekannten eine andere Stelle an. Einige Tage später meldete sie sich bei mir und erzählte, dass sie in einer Fabrik im Süden der Slowakei arbeite, und obwohl sie eine Unterkunft habe, zwinge man sie, schwarz zu arbeiten. Später erfuhr sie, dass sie auch Miete für ein Mehrbettzimmer in einem als Arbeiterunterkunft genutzten Haus in einer Kleinstadt zahlen müsse. Nach einem Monat sagte man ihr, dass sie auch samstags zur Arbeit gehen solle – zumindest gelegentlich. Und die Bezahlung? Bisher habe sie nur einen Vorschuss erhalten, ein paar Dutzend Euro. Außerdem habe sie wegen der Arbeit in der Fabrik Schmerzen am ganzen Körper. Aber eine Krankenversicherung hat sie nicht, da sie schwarz arbeitet.

Dennoch sei sie jetzt, wie viele andere Geflüchtete, froh, Arbeit und eine Unterkunft gefunden zu haben. Sie sei froh, ein Dach über dem Kopf zu haben, und wolle nicht weg, obwohl ich ihr immer wieder meine Hilfe angeboten habe. Ein Dach über dem Kopf sei für sie das Wichtigste, sagt sie.

Als ich sie in der Südslowakei besuchte, wollte sie nicht einmal auf einen Kaffee eingeladen werden, sondern war stolz darauf, dass sie in so kurzer Zeit allein einen Job gefunden hatte. Ich hörte ihr zu, und in meinem Kopf schwirrte unerbittlich die Frage herum: Wird sie am Ende des Monats überhaupt für den Job bezahlt werden?

Unter Arbeitern in der Fabrik

Dann meldete sich eine andere junge Frau bei mir. Sie ist Anfang 20 und kam ganz allein aus Charkiw in die Slowakei. Als ich ihr zufällig am Bahnhof begegnete und erzählte, dass ich Journalistin sei, bat sie mich um Informationen, zum Beispiel wie hoch der Mindestlohn in der Slowakei ist und auf welchen Webseiten man nach Arbeit suchen kann. In Charkiw war sie wohl selbständig und stellte Schmuck und Modeaccessoires her, die sie dann im Internet verkaufte. Doch heute ist ihr klar, dass sie in der Slowakei ohne Sprachkenntnisse nur in Fabriken Arbeit finden wird.

Nach mehreren erfolglosen Versuchen, eine normale Arbeit zu finden, landete auch sie in einer Fabrik in der Westslowakei. Sie arbeitet in Schichten von 12 bis 13 Stunden. Ihre Nachmittagsschichten enden spät in der Nacht, die Frühschichten beginnen in den frühen Morgenstunden.

Als ich sie frage, ob sie keine Angst hat, ausgenutzt zu werden, sagt sie mir, dass der Chef ein ganz normaler Mensch sei und sie nicht zum Arbeiten zwinge, wenn sie nicht mehr könne, dass die anderen jungen Frauen angeblich ordentlich bezahlt werden (wenn auch illegal).

Weggehen wolle sie nicht. Sie habe eine Unterkunft und sei damit zufrieden. Sie brauche Geld. Das sei jetzt das Wichtigste, so sagte sie jedenfalls. Ihre einzige und allergrößte Sorge sei jetzt, wie sie ihre Mutter aus dem zerbombten Charkiw herausbekommen und sicher in der Slowakei empfangen könne.

Schließlich rief mich eines Nachts eine dritte Frau an, Mutter von zwei Kindern. Auch sie war mir am Bahnhof aufgefallen, sie hatte in Bratislava etwas erledigen müssen und war auf dem Rückweg in die Ostslowakei, um dort zu arbeiten. Es war spät abends und ich hatte sie angesprochen, da ich bemerkte, dass ihre Kinder unglaublich müde aussahen. Die Frau trug eine Trainingsjacke, ihre Haare waren ungekämmt und sie schwankte vor Müdigkeit. Sie fragte mich, wann der nächste Zug käme (wie viele andere Geflüchtete fühlte sie sich völlig verloren), und auch, wie hoch der Mindeststundenlohn in der Slowakei für Fabrikarbeit sei. Sie erklärte mir, dass ihr eine Stelle in einer Lebensmittelfabrik angeboten worden sei. Dann erzählte sie, wie ihr Heimatdorf nahe Sumy im Norden der Ukraine bombardiert worden war und brach in Tränen aus. Eines ihrer Kinder war so erschöpft, dass es nur schlief und nicht einmal durch das Weinen seiner Mutter geweckt wurde. Das andere zitterte vor Kälte und Angst.

Ich gab ihr meine Telefonnummer, für den Fall, dass sie irgendwelche Hilfe benötigte. Etwa zwei Wochen später meldete sie sich und ich erfuhr, dass sie die ihr angebotene Stelle in besagtem Betrieb in der Ostslowakei angenommen habe, stattdessen aber irgendwo in einer Fabrikanlage gelandet sei, zusammen mit den Kindern. „Dieser Ort ist wahrscheinlich kein geeigneter Ort für Kinder“, schrieb sie.

„Den Kindern geht es hier schlecht, wir sind in einer Unterkunft außerhalb der Stadt“, sagte sie und zeigte mir per Videoanruf das winzige Zimmer, eines der Kinder hatte kein eigenes Bett, es gab keine Steckdosen und im Hintergrund weinten ihre beiden Kinder vor Kummer. Aus dem Fenster blickte man auf die Fabrik, weit und breit waren keine Wohnhäuser zu sehen.

Wie auch bei vielen anderen stellte sich heraus, dass sie tatsächlich viel mehr arbeiten musste, als eigentlich in ihrem Vertrag stand. Sie arbeitete 12 Stunden am Tag, obwohl sie nur einen Vertrag für ein paar Wochenstunden hatte und ihre Kinder waren währenddessen allein in der Unterkunft.

Sie war extrem besorgt darüber, dass es in der Unterkunft keine getrennten Sanitäreinrichtungen gab und kleine Kinder, auch die Mädchen, Bad und Toiletten mit den erwachsenen Fabrikarbeitern teilen mussten. In der Unterkunft sei es laut, die Männer tranken, die Kinder weinten die ganze Nacht, sagte sie.

Ein paar Tage später schaffte ich es, die Familie dort herauszuholen und half der Frau, eine andere Arbeit zu finden.

Als ich zu ihnen kam, warfen sich die Kinder und die Mutter in meine Arme. Erst da verstand ich, wie traumatisch das Erlebte für sie gewesen sein muss. Einen ganzen Abend lang saßen wir in ihrer neuen, sicheren Unterkunft und sprachen über das Schreckliche, das sie durchgemacht hatten. Die Kinder schnippelten Obst und malten.

Eine Bezahlung für die geleistete Arbeit hat die Frau nie bekommen, sie war froh, von dort weggekommen zu sein. Sie hatte befürchtet, nie wieder aus diesem Wohnheim herauszukommen.

Als sie sich ein wenig von dem Schock erholt hatte, erzählte sie mir, wie viel Angst sie um ihren Mann habe und dass sie sich sorge, ob er noch am Leben sei, ob er sie irgendwann mal wieder anriefe.

Nach ihren Erfahrungen mit dem Job in der Slowakei ist sie fest entschlossen, in ein anderes Land in Westeuropa zu gehen, wo sie unter menschenwürdigen Bedingungen leben und arbeiten kann.

Auch meine Meinung ist nach diesen Begegnungen eindeutig: Dieses Land ist nicht sicher für traumatisierte verletzliche Menschen auf der Flucht, oft haben sie keine Wahl und nehmen auch die niedrigsten Arbeiten an, nur um für sich und ihre Kinder ein Dach über dem Kopf zu haben.

Wenn mein Text eine Botschaft hat, dann lautet sie folgendermaßen: Wir sollten aufmerksam dafür sein, was mit ukrainischen Familien vor sich geht. Wenn wir jemanden auf der Straße sehen, der sich verlaufen hat, nicht weiß, wohin, sich in einer prekären Lage befindet, dann sollten wir fragen, ob alles in Ordnung ist. Und wenn uns irgendetwas merkwürdig vorkommt, sollten wir herausfinden, ob wir den Bedürftigen helfen können.
 

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Der Text entstand mit Unterstützung der Rosa Luxemburg Stiftung.

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