Neue Maskulinität im Rap
Hört den traurigen Männern zu

Kollage aus Werken von Jan Durina. © Jan Durina

Eines meiner Lieblings-Memes zeigt einen Menschen, der seine Hand ausstreckt, weil er ertrinkt. Die Hand steht für die psychische Gesundheit der Männer. Auf den folgenden Bildern erscheint die Hand der Gesellschaft, die den Mann aber nicht aus dem Wasser zieht, sondern ihn mit einem aufmunternden High five abklatscht und ihm rät, sich wie ein Kerl zu verhalten...

Kapitál-Logo Dieser Artikel erschien zuerst in der slowakischen Monatszeitschrift Kapitál. Wir bedanken uns für die Genehmigung, ihn auf JÁDU zu veröffentlichen!
Wir kennen das aus der Popkultur, aus Statistiken und auch aus dem eigenen Leben – das Innenleben von Männern wird in vielerlei Hinsicht noch immer stark tabuisiert. Der öffentliche Diskurs und das angemessene Ansprechen von Problemen, mit denen die männliche Psyche heute konfrontiert ist, sind – trotz der Fortschritte in den Diskussionen über psychische Gesundheit – im Allgemeinen weiterhin an Geschlechterstereotypen gebunden. Einer der wenigen Bereiche, in denen sich die Diskussion über die innere Welt der Männer und ihre Verwundbarkeit öffnet, ist die Musik.

Dunkel, blau und pink

Natürlich war das Teilen von Weltschmerz seit jeher Teil von musikalischem Schaffen, bemerkenswert sind jedoch gerade die Momente, in denen Musik soziale Konventionen stört. Heute ist das besonders im Hip-Hop sichtbar, dessen stereotype männliche Form einen Wandel durchmacht, ähnlich wie in den neunziger Jahren der heroische Machismus im Rock durch die Grunge-Bands mit ihren verstörenden Aussagen provoziert wurde. Von Kanye West und The Weeknd bis hin zu Soundcloud-Hits werden im Rap zunehmend authentische männliche Erfahrungen und auch psychische Probleme beschrieben.
 
Geschlechterstereotype zwingen Männer dazu, ihre Gefühle zu unterdrücken oder sie nur als Aggressivität herauszulassen. Diese Stereotype tragen auch dazu bei, dass Männer bei psychischen oder emotionalen Schwierigkeiten nur ungern professionelle Hilfe suchen. Während Frauen im Allgemeinen häufiger an psychischen Problemen leiden (auch aufgrund von Diskriminierung, drohender Armut oder geschlechterspezifischer Gewalt), begehen laut Angaben der Europäischen Union Männer mit einer fünfmal höheren Wahrscheinlichkeit Selbstmord als Frauen. Es ist für Männer ebenso wahrscheinlicher, dass sie alkoholabhängig werden, illegale Drogen nehmen oder an einer Überdosis sterben.
 
Ein Banger mit tollen Lyrics wird all das nicht lösen, aber in den letzten Jahren ist er ein Medium geworden, das Probleme anspricht, mit denen Männer konfrontiert sind. Faszinierend ist genau dieser Kontrast, dass Themen wie persönlicher Schmerz, Versagen und Zweifel in einem Genre aufgemacht werden, in dem bisher traditionell das Narrativ von unantastbarer, harter Männlichkeit vorherrscht, und in dem jeder Kampf des Rappers mit souveränem Erfolg endet. Rap-Klischees über Ruhm, Autos und Frauen werden nun jedoch durch Selbstreflexion abgelöst, und der erbitterte Kampf ums Überleben verlagert sich von der Straße in das männliche Innere.

Allein gegen sich selbst

In der Slowakei gibt es seit langem Rap-Strömungen, die lyrischer und selbstreflexiv sind, nun aber tritt sich eine neue Generation von Rappern an, für die seelische Belastungen eines der zentralen Themen sind. Während die kommerzielle Verwendung von Melancholie beispielsweise von Saul von der Gruppe Khans vertreten wird, beginnen auch Neulinge wie der 18-jährige Oskar ihr Debüt mit den Worten: „Ich musste viel Angst durchmachen, um dorthin zu gelangen, wo ich jetzt bin“. Zu den interessantesten (und produktivsten) der „traurigen Jungs“ gehören Edúv syn und Fvck_Kvlt. Mit ihren Debüts im Jahr 2019 zeigten sie die Möglichkeiten des slowakischen Traps auf, die über ein routinemäßiges Kopieren ausländischer Trends hinausgehen. Der Schwerpunkt ihres Schaffens liegt auf der Beschreibung innerer Zustände, die das Leben unter dem Druck des Kapitalismus mit sich bringt, einschließlich Ängste und depressive Störungen.

Wie der erwähnte Grunge kann auch Trap als Reaktion auf die verschärfte soziale Situation, als Widerstand gegen den Konsumdruck und das leistungsorientierte System wahrgenommen werden [Einen breiteren gesellschaftlichen Kontext zu den Trends der depressiven Musik bietet der Podcast Černé slunce (Schwarze Sonne) oder die Texte von Karel Veselý, Anm.d.Aut.]. In der Musik von Edúv syn und Fvck_Kvlt, aber auch bei Dude The Wolf aus Košice sind diejenigen Wurzeln des Raps zu spüren, die bis in die Underground Hardcore-Punk-Szene hineinreichen, in der seit langem Gesellschaftskritik und emotionale Schwierigkeiten thematisiert werden. Die Schärfe ihrer Texte richtet sich jedoch nicht ausschließlich gegen das soziale System, sondern auch gegen sich selbst. Selbstmordgedanken, Beschreibungen von Medikamentenmissbrauch und psychischen Erkrankungen finden in den Songs ausreichend Platz.
 
Teilweise sind diese Themen auch künstlerische Mittel, mit denen die Autoren der Lyrics das gewünschte Maß an Kontroverse und eine Abgrenzung der Generationen erreichen, doch gleichzeitig erhalten wir hier einzigartig offene Beschreibungen ihrer eigenen Schwäche. „Ich verstecke mich nur hinterm Mikrofon, ich tu so, als ob alles okay wär, jeder leidet auf seine Weise und niemand gewinnt hier“, stellt Fvck_Kvlt im Song Divočina fest. In Kürze bringt er sein zweites Album heraus, auf dem in hervorragend pointierten Kompositionen gerade Leid und innere Dämonen viel Raum erhalten („Ich kann nicht beschreiben, was los ist, ich bin ein schlechter Dichter, meine Kunst ist es, jeden Morgen aufzustehen und nicht verrückt zu werden“.) In dem Song Neni cool byť cool (Es ist nicht cool, cool zu sein) kritisiert der Musiker Materialismus und die Unterwerfung unter den Massengeschmack, gleichzeitig kommt aber auch die Frage auf, ob heutzutage der depressive Rap (oder auch Xanax-Rap genannt) nicht auch nur eine coole Pose ist.
 
Mit der wachsenden Popularität dieses Genres verschwimmt die Grenze zwischen Erleuchtung und Romantisierung, der Suche nach einer authentischen Aussage der Generation und einem gefährlichen Spiel mit selbstzerstörerischem Verhalten bei der Schaffung des Images vom leidenden Künstler. Die aufstrebende Generation von Rappern thematisiert zwar mit bisher nie dagewesener Offenheit die männliche Psyche, aber sie bestätigt vorerst eben auch die oben erwähnten Statistiken über das männliche, selbstzerstörerische (Nicht)Lösen von Problemen.
 

Zurück zu den Songs

Wie Aussagen über einen mentalen Zustand ohne Hip-Hop-Protz aussehen können, zeigt ein diesjähriges Experiment aus der Werkstatt von Miša Ormoš. Der Künstler, der unter dem Namen Prezident Lourajder bekannt ist, beschreibt ebenfalls verschiedene dunkle Zustände der Seele und veröffentlichte im März als sein Alter Ego Ujko das Songalbum Lo-Fi Noci. Die Zusammenstellung von neun Liedern ist eine eindringliche Betrachtung, die spontan während der anstrengenden Zeit der Quarantäne im Frühling entstanden ist. Während bei Prezident Lourajder durchwachte Nächte und Dunkelheit als gewisser swag angesehen werden können, wird das Leiden in Ujkos Songs in seiner ungeschönten, schmerzhaften Grausamkeit festgehalten. Obwohl einige nur wenig mehr als eine eindringliche Benennung der erlebten Verzweiflung sind („Der März ist eine F*tze, der verf*ckte April beginnt, auch der Mai ist eine F*tze...“), entsteht aus der Aufnahme als Ganzes das plastisches Bild einer Person mit gestörter Realitätswahrnehmung.
 
Verschwommene, rauschende Kompositionen, die hauptsächlich auf Gitarre und lethargischer Stimme basieren, werden zum Ausdruck einer depressive Erfahrung, bei der das Leben irgendwo hinter Glas stattzufinden scheint. Mutige, offene Beschreibungen nähern sich endlosen Alpträumen, düsteren Aussichten und dem vergeblichen Versuch, die Schmerzen zu lindern. Die Atmosphäre erinnert bisweilen an Gefühlslagen des Liedermachers Andrej Šeban, doch statt wie bei diesem aus einer emotionalen Distanz, entsteht bei Ujko die Atmosphäre mitten aus der Depression heraus – auf Ujkos Album Bezvetrie (Windstille) schmerzt jeder Atemzug.

Weniger depressives Songwriting präsentiert Peter Kolárčik, der sich (ähnlich wie Ujko/Prezident Lourajder und Edúv syn) auch der visuellen Kunst widmet. Seine Debüt-EP Ťažký život (Hartes Leben) ist trotz des Titels nicht annähernd so dunkel wie die Arbeiten der bisher erwähnten Musiker. Kolárčik nutzt in seinen Lo-Fi-Songs eine ironische Distanz, beschreibt aber auch treffend Angstgefühle und melancholische Erfahrungen. Nicht nur sein Herkunftsort und der Akzent erinnern an Erik Sikora alias Džumelec, obwohl Kolárčik sich mit einem emotionalen Spektrum befasst, das im Vergleich zu Sikoras tešenie (Freude) am entgegengesetzten Ende der Skala zu finden ist.
 
Der gefühlte Nihilismus einer ganzen Generation wird in Songs ausgedrückt, die Fragen wie Ambitionen und Produktivität reflektieren, in denen sich der Musiker erfrischend selbstkritisch gibt und seine eigenen Privilegien benennt. Mit Humor und lebhaften Melodien beschreibt er die Unsicherheit bezüglich seiner eigenen Zukunft, die Unfähigkeit, mit dem Strom zu schwimmen, und das allgemeine Gefühl der Verlorenheit. Hilflosigkeit ist bei Kolárčik keine existenzielle Verzweiflung, sondern eher deren Anfangsstadium – eine beunruhigende Unsicherheit darüber, was wir mit einem Leben anfangen sollen, in dem wir heute unendlich viele Möglichkeiten haben. Er entspricht nicht der Vorstellung vom tatkräftigen Mann, im Gegenteil: Egal, ob es um sein Schaffen geht, das Überwinden der Faulheit oder darum, ein Mädchen anzusprechen, er wälzt sich in seiner eigenen Unfähigkeit.

Eine helfende Hand reichen

Natürlich wird die unsichtbare Seite emotionaler Erfahrung quer durch die Bank in verschiedenen Genres thematisiert, und dieser Text hat nicht den Ehrgeiz, all das erschöpfend darzustellen. Die genannten Beispiele verdeutlichen jedoch eine neue Art der Verarbeitung: offene und mutige Darstellungen ohne zu beschönigen. Trotz der emotionalen Offenheit ist das von heutigen Musikern gezeichnete Bild des zeitgenössischen Mannes in vielerlei Hinsicht immer noch stereotyp. Denn es wiederholen sich darin die rhetorischen Tropen über die unausweichliche Kombination von Kreativität und Leiden oder jene über den Mann, der seine Gefühle mittels Aggressivität ablässt, auch wenn diese gegen ihn selbst gerichtet ist.
 
Depressionen dürfen keinesfalls ein weiterer Aspekt sein, um die Vorstellung von harter Männlichkeit zu bekräftigen, die Vorstellung, dass ein echter Mann alles ertragen kann. Dies ist jedoch eher Aufgabe der Gesellschaft – Männer teilen ihre authentischen Erfahrungen durch Musik und es ist an uns, ihnen zuzuhören und angemessene Hilfe zu leisten.

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