Die Bibliothek von Mossul Wissen und Wahrheit: die ersten Opfer des Krieges

Univerzitná knižnica v Mosule počas rekonštrukcie
Univerzitná knižnica v Mosule počas rekonštrukcie Foto: © Alaa Hamdon

Bei Winston Smith, dem Protagonisten von Orwells Roman „1984“, stand es in der Stellenbeschreibung: Verfälschung der Geschichte im Auftrag des Ministeriums für Wahrheit. Wahrheit und Wissen sind die ersten Opfer in Diktaturen, Kriegen und bei Terroranschlägen.

Ein Volk kann physisch ausgerottet oder durch kulturellen Völkermord ausgelöscht werden. Wenn es nirgends erwähnt wird, hat es nicht existiert. Wie die Prophezeiung von Big Brother, die Winston Smith im Roman 1984 aus der Ausgabe der Times strich und durch einen neuen Artikel ersetzte. Geschichte kann umgeschrieben oder zerstört werden. Das ist genau das, was Diktatoren, Terroristen und Aggressoren in allen Konflikten und Kriegen tun. Wahrheit und Wissen gehen als erstes unter ihren Waffen zu Boden.

In den 1930er Jahren verbrannten die Nazis in Deutschland und Österreich Bücher, die ihrer Meinung nach gegen ihre Ideologie gerichtet waren. Diese Bücher hatten Juden, Sozialisten, Anarchisten, Liberale oder Pazifisten geschrieben. Sogar Albert Einstein.

Aber schon vorher, gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs, zerstörten die Deutschen die Universitätsbibliothek im belgischen Leuven. 230.000 Bände, darunter Handschriften aus dem Mittelalter und der Renaissance sowie mehr als tausend Inkunabeln gingen für immer verloren. Nach dem Krieg wurde die Bibliothek wieder aufgebaut, aber während des Zweiten Weltkriegs von den Aggressoren erneut in Brand gesetzt. Fast eine Million Bücher verbrannten mit ihr.

Im Krieg in der Ukraine wird die Wahrheit nun durch die Propaganda des Kremls erschlagen, die sowohl das Wissen als auch den gesunden Menschenverstand angreift. Eine Geschichte aus dem Irak macht jedoch Hoffnung. „Bildung wird immer über Terrorismus und Extremismus siegen“, sagt Alaa Hamdon von der Universität Mossul. Er hatte miterlebt, wie die einst größte Bibliothek des Nahen Ostens nach einem Angriff des selbsternannten Islamischen Staates in Schutt und Asche lag, und dann aktiv zu ihrem Wiederaufbau beigetragen.

Alaa Hamdon sa vyfotografoval pred budovou knižnice pred začatím rekonštrukcie a počas nej. Alaa Hamdon sa vyfotografoval pred budovou knižnice pred začatím rekonštrukcie a počas nej. | Foto: © Alaa Hamdon

Er trauerte an ihrem Grab

„Eine Universität ist nur eine gewisse Anzahl von Gebäuden, die sich um eine Bibliothek herumgruppieren", heißt es auf der Webseite der von Alaa Hamdon gegründeten Initiative Mosul Book Bridge. So begann er, Bücher für die zerstörte Zentralbibliothek der Universität Mossul zu sammeln, die nach dem Terroranschlag plötzlich nichts mehr hatte, um das sie sich hätte herumgruppieren können.

Anfang Juni 2014 erreichten Kämpfer des selbsternannten Islamischen Staates die Stadt Mossul. Sie fiel nach Kämpfen, die nicht ganz eine Woche dauerten. Kaum ein Jahr später setzten sie die Bibliothek der Universität Mossul in Brand.

„Das war ein sehr trauriger Augenblick, als ich die Bibliothek zum ersten Mal nach dem Brand sah, dunkel, zerstört, ich konnte den Schwelgeruch riechen und sah die Asche, die von den Büchern übrig geblieben war. Es war wirklich ein tragisches Gefühl, die schönste Bibliothek der Stadt in Trümmern liegen zu sehen. Sie war weg. Ich weiß nicht, wie ich diesen Moment beschreiben soll, es war jedenfalls ein sehr trauriger Moment“, fügt er hinzu.

Heute ist Hamdon Dozent an der Universität, an die Bibliothek erinnert er sich aber noch aus seiner eigenen Studienzeit. Er hat viel Zeit dort verbracht. „Ich habe gute Erinnerungen daran. Ich saß dort mit meinen Kommilitonen und lernte. Es war ein so schöner und friedlicher Ort“, sagt er. Als er das erste Mal nach der Zerstörung dort war, sagte ihm eine Stimme in seinem Kopf, dass dies das Ende sei und die Bibliothek nie wieder öffnen würde. „Ich habe an ihrem Grab getrauert“, so seine Worte und dann sagt er noch, dass er aber auch eine winzige Hoffnung hatte, dass sie wieder aufgebaut werden könnte.

Interiér budovy knižnice pred rekonštrukciou a po nej Interiér budovy knižnice pred rekonštrukciou a po nej | Foto: © Alaa Hamdon

Fast alles war weg

Die Zentralbibliothek der Universität von Mossul wurde in den 1960er Jahren gegründet. Zu dieser Zeit, so Hamdon, war dies die größte Bibliothek im Irak und im Nahen Osten. Sie besaß etwa eine Million Bücher und Publikationen, davon 600.000 in arabischer und 400.000 in englischer Sprache. Zu ihrer Sammlung gehörte unter anderem ein Koran aus dem neunten Jahrhundert.

„Ja, es war eine besondere Sammlung. Wir hatten einige wirklich außergewöhnliche und erstaunliche Spezialsammlungen, entweder sehr alte Korane oder verschiedene andere Manuskripte. Wir hatten auch viele wertvolle Bücher, einzigartige Bücher, die über 100 oder 200 Jahre alt waren“, sagt Hamdon und fügt hinzu, dass es sich dabei um Veröffentlichungen handelte, von denen man nirgendwo auf der Welt Kopien bekommen konnte.

„Leider sind sie unwiederbringlich verloren“, sagte er. Die Bibliothek hat 80 bis 90 Prozent aller Bücher und Publikationen eingebüßt. Hamdon zufolge sollen einige verbrannt, andere gestohlen worden sein.

Erloschener Leuchtturm

Im Jahr 2017 rief Hamdon die Kampagne Mosul Book Bridge ins Leben und sandte Hilferufe in die ganze Welt. Er erhielt Antworten von der Jungen Akademie Schottland und Book Aid in London, und auch einige Kollegen von britischen Universitäten haben geantwortet. London Book Aid schickte ihm 2018 drei- oder viertausend Bücher und später noch mehr, insgesamt bisher etwa zehntausend Bücher.

Im Jahr 2019 hielt Hamdon einen Vortrag auf der Londoner Buchmesse. „Ein Journalist fragte mich, ob ich mit einem Wort beschreiben könnte, was eine Bibliothek sei. Ich war verwirrt, ich wusste nicht, was ich sagen sollte, aber dann fiel mir ein Wort ein, das ich heute noch verwende“, erinnert er sich an die Rede. „Leuchtturm. Für Akademiker, Forscher und Studenten ist eine Bibliothek ein Leuchtturm in dunkler See, der ihnen stets ihr Ziel zeigt und sie leitet. Unser Leuchtturm ist erloschen, aber nur zeitweilig. Er wird wieder leuchten und uns wieder navigieren.“

Gegen das Vergessen

Kossay Al-Ahmady, der Präsident der Universität Mossul, begann im Jahr 2020, sich dem Wiederaufbau des Bibliotheksgebäudes zu widmen. Zunächst hat man lange überlegt, ob es komplett abgerissen und neu aufgebaut oder renoviert werden sollte. Hamdon zufolge hatten viele Angst, die Bibliothek vollständig abzureißen und in einem anderen Stil neu zu bauen, weil sie so ihre Atmosphäre und ihren Geist verlieren könnte. Schließlich wurde beschlossen, sie zu renovieren.

„Der Präsident entschied, eine alte Wand in der Bibliothek zu belassen. Wenn Sie also die Bibliothek betreten, sehen Sie zu Ihrer Linken eine Wand, die aus den Resten der zerstörten Bibliothek errichtet wurde. Es ist ein Mahnmal für künftige Generationen und eine Botschaft, dass das Wissen immer siegen wird“, so Hamdon. Er selbst hatte dann die Idee, verbrannte Papiere in die Wand einzuarbeiten. „Damit künftige Generationen die Geschichte kennen. Damit sie nie in Vergessenheit gerät“, fügte er hinzu.

Die feierliche Einweihung der Bibliothek fand im Februar 2022 statt. Hamdon zufolge ist das Gebäude jetzt schön, aber leider fast leer. Das Sammeln von Büchern wird jedoch weiter fortgesetzt, und das Ziel ist, bis 2025 wieder 200.000 Bücher zu haben. „Aber es ist das erste Zeichen der Hoffnung, dass die Bibliothek wieder aufgebaut und wiedereröffnet wurde, und es besteht immer noch Hoffnung, dass sie sich wieder mit Büchern füllen wird. Hoffentlich wird es bald wieder so sein wie früher oder vielleicht sogar besser“, sagte er.

Pohľad z ulice na Univerzitnú knižnicu v Mosule Pohľad z ulice na Univerzitnú knižnicu v Mosule | Foto: © Alaa Hamdon

Wissen kann gerettet werden

Die Geschichte der Zentralbibliothek der Universität Mossul ist der Beweis dafür, dass selbst dann, wenn Aggressoren versuchen, die Geschichte auszulöschen oder umzuschreiben, das Wissen die Oberhand behalten kann. Ob es sich um physische Zerstörung durch Bücherverbrennung oder die Verbreitung von Propaganda, Fake-News und Fehlinformationen handelt, die Wahrheit setzt sich immer durch. Wenn es genug Leute gibt, die sie hören wollen und nach ihr suchen.

„Als wir die Bibliothek im Februar eröffnet haben, stellte ich mir die Frage, ob die Menschen überhaupt noch lesen werden“, sagt Hamdon, „denn heute ist jeder auf Facebook, anstatt die Nase in ein Buch zu stecken. Als sich die Türen der Bibliothek öffneten, war ich überwältigt. Es war ein Schock. Es waren so viele Leute gekommen, die in den Regalen nach Büchern suchten, die sie lesen wollten. Es ist schön, die Leute lesen zu sehen.“

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