Mit Sprache handeln.  Die Freundlichkeit einer Schwalbe wiegt mehr als die Gesetze der Herrscher

Radka Denemarková
Radka Denemarková Foto: © Soňa Pokorná

„Wir brauchen jetzt kühle Köpfe, einen klaren Verstand, kreatives Denken und mutige, unabhängige Verlage.  Wir alle wissen, dass die Politik der gemeinsamen Menschheit vor den schicksalhaftesten aller schicksalhaften Schritten der Menschheit steht.“ Mit freundlicher Genehmigung der Autorin veröffentlichen wir hier ihre Rede zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 2026, bei der Tschechien Ehrengast war.

Alle Kulturminister, die Kultur vernichten, kommen und gehen, aber die Literatur bleibt.
Liebe Freundinnen und Freunde der Literatur, (die von Menschen geschrieben wird),
 
Eine Nation ist ein Konstrukt: auf der Grundlage der Sprache, des Gebiets oder der politischen Propaganda. Ich stamme aus einem Land, wo Franz Kafka im Jahre 1989 rehabilitiert werden musste.

Bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein stellten in der damaligen Tschechoslowakei die tschechisch-jüdisch-deutschen Beziehungen ein zutiefst tabuisiertes Thema dar. Die Deutschen waren vertrieben, die Juden tot oder im Exil. In diesem Kontext hatte Kafka „Glück“. Er wurde nicht in einem Konzentrationslager ermordet. Und er wurde nicht vertrieben.

Für lange Jahrzehnte wurde jeglicher deutsche oder jüdische Beitrag zur tschechischen Kulturgeschichte praktisch verschwiegen. Für mich sind aber die Namen von Prager Autoren wie Franz Kafka, Rainer Maria Rilke, Franz Werfel, Egon Erwin Kisch auch ein Teil der tschechischen Literatur. Dank dieser Namen liegt Böhmen am Meer.
 
Eröffnungsrede der Schriftstellerin Radka Denemarková auf der Frankfurter Buchmesse

Eröffnungsrede der Schriftstellerin Radka Denemarková auf der Frankfurter Buchmesse 2026 | Foto: © Privatarchiv von Radka Denemarková

Es gab angeblich einen Streit, dessen Einzelheiten uns nicht bekannt sind, zwischen Shakespeare und einem seiner klügsten Zeitgenossen, Jonson, der ihm vorgeworfen hatte, er sei ungebildet, ein schlechter Dichter, er wisse nicht einmal, dass Böhmen nicht am Meer liegt.

Jeder weiß, dass Böhmen nicht am Meer liegt. Wohl geht es aber um die Hoffnung der Literatur, Grenzen frei überwinden zu können. Doch, Böhmen liegt am Meer: Wir sind Europäer, wir sind Teil der Menschheit.
 
Ich stehe da, ich kann nicht anders, weil ich existiere, und ich habe es satt, was ich in letzter Zeit so oft gehört habe: man muss Politik und Literatur trennen. Alles ist Politik. Die Frage von heute ist ganz einfach: offene Demokratie oder geschlossene Gesellschaft. Die Literatur kennt die Antwort, deshalb ist sie so gefährlich.

Wie soll ich Politik und Literatur trennen in einer Zeit, wo Europa braun wird, in einer Zeit, wo die ungestillten Gelüste eines einzigen Menschen an der Macht überall ausreichen, um einen ganzen Staat im Chaos versinken zu lassen, in einer Zeit, in der zwei ehemalige Mitarbeiter des kommunistischen Staatssicherheitsdienstes in der tschechischen Regierung sitzen, in einer Zeit, in der China Taiwan ständig bedroht, in einer Zeit, wo wir Demokratie auf Business und ökonomischen Pragmatismus reduziert haben, in einer Zeit, wo die Ukraine ihre Freiheit verteidigt, was so viele Menschenleben kostet, in einer Zeit, wo Faschismus und neue Totalitarismen und Genozide normalisiert werden.

Die Macht verrät hier unabsichtlich ihr Ziel: das Leben total gleichförmig zu machen, alles nur ein wenig Unabhängige oder nicht Einzuordnende aus ihm herauszuoperieren. Diese Krise ist umso schlimmer, als sie nicht reflektiert wird. Wir müssen den Menschen an der Macht das Leben komplizieren.
Die Kraft der Literatur liegt auch darin, dass sie sich nicht fürchtet, das zu benennen, was die anderen nicht sehen wollen.
Die Gesellschaft, die sich nur über das Geld definiert, steht am Rande des Abgrunds und wo das Geld spricht, schweigt die Wahrheit. Die Literatur ist auch offensive Anklage eines skrupellosen Denkens, das Kapitalismus und Totalitarismus zusammenführt. Unser heutiges Problem ist die endlose Party von einigen wenigen reichen Jungs. Nicht Frauen sollen sich (also) emanzipieren, sondern Männer.

Es herrschen die Wirtschaft und der Markt, ihnen werden Opfer gebracht. China zeigt, dass Kapitalismus und Totalitarismus einander nicht ausschließen, sondern eine eigentümlich perfekte Symbiose eingehen können. Hier grenzenloses Wachstum, dort grenzenlose Überwachung – und die Freiheit gerät unter die Räder.
 
Ich kann Politik und Literatur nicht trennen. Ein moralischer Mensch kann sich heute nicht auf die Rolle des Zuschauers zurückziehen. Die Kraft der Literatur liegt auch darin, dass sie sich nicht fürchtet, das zu benennen, was die anderen nicht sehen wollen. Wer liest, ist nicht so leicht manipulierbar. Und ein Mensch ohne Bücher ist sowieso blind.
 
Im globalen Informations- und Kommunikationssystem ist heute der Kampf um die Wortmacht auch ein Kampf um die Weltmacht. Die Meinungsfreiheit ist heute ein Schlachtfeld. Lügen sind Gewalt. Worte sind Waffen. Meinungsfreiheit bedeutet die Verteidigung wahrer Worte und belegter Fakten, nicht das Kultivieren von Lügen.

Einige Tech-Giganten arbeiten an der Gestaltung einer Welt, in der der Mensch überflüssig sein wird. Viele Populisten arbeiten an der Gestaltung einer Welt, in der die Demokratie verschwindet und ein neuer Faschismus und Totalitarismus etabliert werden.

Die Sprache hat den Menschen in Griff.

Wir werden ertrinken in einem Ozean von Wörtern, die sich selbst betrügen. Niemand trägt in der Zeit von Lügen, Halblügen, Desinformationen, Propaganda, Gehirnwäsche, konspirativen Theorien Verantwortung dafür, was er sagt oder schreibt. Ich kann eine Liste aufstellen von sich selbst betrügenden Wörtern und Begriffen, die heute Asyl suchen oder im Exil leben: Demokratie, Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, gleiche Rechte für alle, Solidarität, Menschenrechte, Humanismus und Moral.

Ja, Literatur ist unsere Insel in diesem Ozean.  Eine Insel des Humanismus, die an Bedeutung gewinnt in einer Zeit, in der Konsumentenrationalität und der Luxus von gesteigerter Gleichgültigkeit herrschen. 
Keine Solidarität, keine Empathie, nur Gleichgültigkeit. Damit wurde der Weg in die Konzentrationslager gepflastert.
Sprache ist auch nur ein Konstrukt, sie passt sich der Gesellschaft an. Die Sprache betrügt weiter sich selbst. Russlands aggressiver Angriff auf die Ukraine wird im 21. Jahrhundert nicht als Krieg, sondern als „militärische Spezialoperation“ bezeichnet. Die Falschdarstellungen der Populisten sind im 21. Jahrhundert keine Lügen, sondern „alternative Fakten“. Der US-Angriff auf den Iran ist im 21. Jahrhundert kein Angriff, sondern ein „Präventivschlag“.

Auch die Auslöschung der europäischen Juden wurde offiziell anders genannt.  Von der Auslöschung sprachen die Nazis als „Selbstreinigung“, „Gesundung“ und „Judensäuberung“. Es ist unglaublich, wie viel juristische Akribie auf die Formulierung der Definition der „Juden“ verwandt wurde, um dem Rest der Bevölkerung das Gefühl zu geben, sie sei nicht von den Maßnahmen betroffen. „Reine“ Bürger fühlten sich sicher und die Schicksale der anderen interessierten sie nicht. Keine Solidarität, keine Empathie, nur Gleichgültigkeit. Damit wurde der Weg in die Konzentrationslager gepflastert.
 
Mit jedem winzigen Missbrauch von Fakten und Sprache beginnt unsere Misere. Wenn die Sprache anfängt, sich selbst zu betrügen, müssen wir vorsichtig sein! Das ist der teuflische Prolog zu einem autoritären Staat oder zu Völkermorden. Vorangegangene Jahrhunderte schleichen sich in die Gegenwart ein und erinnern an die Menschen zweiter Klasse. Sie können sich neue fiktive gelbe Sterne, blaue Kreise, rosa Dreiecke anheften. Für die meisten Menschen ist das nur ein Spiel in den sozialen Netzwerken, die Augen fest aufs Smartphone gerichtet treten sie aus der Realität heraus.
 
Der Lackmustest für Demokratie und moralische Qualitäten eines Menschen muss nicht kompliziert sein. Lektüre. Alle wirkliche Erziehung stammt aus der Lektüre. Wer Literatur liest und einen Sinn für Humor besitzt, der verliert den Urton der Menschlichkeit nicht.
 
Aber heute werden sogar in einzelnen amerikanischen Bundesstaaten und Bezirken Bücher zensiert und aus Schul- und öffentlichen Bibliotheken entfernt. Konservative und autoritäre Populisten, die an die Macht kommen, wollen die unabhängige Literatur unterdrücken. Deshalb brauchen wir im 21. Jahrhundert die Solidarität der Verbotenen.

Ich kenne Bücherverzeichnisse seit meiner Kindheit; viele Autoren und ihre Werke durften während des totalitären Regimes nicht einmal erwähnt, geschweige denn gelesen werden.

Auch Selbstzensur ist heute eine erprobte Stütze der Angst. Kostenlose Agentin der Geheimdienste aller Länder und aller Zeiten. Zensur und Selbstzensur sind allgegenwärtig.
Die Grundlage aller menschlichen Werte ist Moral. Schauen Sie sich heute um! Die Technologie hat alle Distanzen überwunden, aber keine Nähe geschaffen.
Es ist nichts Neues. Unabhängige Sätze haben sich oft im Feuer des Schmerzes gekrümmt. Das Zentrum der Bildung der antiken Welt, die große Bibliothek von Alexandria, brannte in einer einzigen Nacht nieder. Es geht nicht um den Papyrus; die Gedanken gehen verloren. 

Der römische Kaiser Diokletian lässt in Konstantinopel die Schriften der Christen verbrennen. Nach der Französischen Revolution „sorgt“ die Kommission zur Aufsicht über den radikalen Wechsel für die Bibliotheque Nationale. Die britische Armee rächt die amerikanische Unabhängigkeitserklärung an der Library of Congress. Deutsche Nationalsozialisten ersticken jedes Anzeichen von Humanismus in den Flammen. Serbische Faschisten setzen am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts die Bibliotheken von Bosnien und Herzegowina in Brand. Russische Faschisten bombardieren im 21. Jahrhundert ukrainische Bibliotheken und Bücherlager.

Millionen von Gedanken, und alle werden zu Asche. Das apokalyptische Feuer zerstört das kulturelle Gedächtnis. Bibliotheken niederzubrennen ist der Königsweg der Dummheit. Weg mit den Buchseiten, weg mit den Sätzen, weg mit den Buchstaben, weg mit den Gedanken, weg mit dem Denken.
 
Heute ist es nicht mehr nötig, Bibliotheken niederzubrennen. Heute genügt es, sie unter der Herrschaft des modernen Totalitarismus, im Ozean der sozialen Netzwerke und der künstlichen Intelligenz weniger Tech-Giganten  zum Schweigen zu bringen. Die Grundlage aller menschlichen Werte ist Moral. Schauen Sie sich heute um! Die Technologie hat alle Distanzen überwunden, aber keine Nähe geschaffen.
 
Der Nationalismus in Europa nimmt heute noch monströsere Formen an, weil er wieder nur eine Frage ausspuckt: „Und woher kommen Sie?“

Nationale Mentalität gründet nicht auf positiven Gedanken, sondern auf der Negation. Auf Negation der a priori feindlich eingestellten Außenwelt.

Stellen wir uns eine andere, wichtigere Frage: „Wer sind wir?“ Es geht nur darum, durchzuhalten.

Ja, unsere Hoffnung: wenn die ganze Welt schweigt oder heute schreit, kann auch eine einzelne Stimme der wahren Literatur Macht haben. Die Literatur kann uns über Wasser halten. Deshalb ist Literatur so wichtig. In ihr existiert die unabhängige Sprache und in ihr existieren unabhängige Wörter, die man sonst heute in den Mülleimer wirft.
Ein Ideal ist oft unerreichbar, doch es spielt eine rettende Rolle: wie die Sterne am Himmel, die viele Seeleute vor dem Schiffbruch bewahrten.
Literatur ist Kampf um die Sprache. Literatur ist eine Insel der Moral, die sich aus der Tatsache ergibt, dass wir am Leben sind und diesen Planeten mit anderen teilen. Es ist der Humanismus der gelebten Hoffnung.

Wir sehen eine national und religiös frustrierte Menschheit. Misstrauen herrscht, Regeln sind flüchtig. Die grundlegende Situation des Menschen ist alles andere als einfach. In der Literatur greifen wir nicht zu Schemata und Ideologien. Literatur dient nicht dazu, vor etwas davonzulaufen, geschweige denn vor uns selbst, sondern dazu, sich diesen Dingen direkt zu stellen.

Der Ruf nach einer modernen Freiheit, die auch Visionen und Ideale braucht. Ein Ideal ist oft unerreichbar, doch es spielt eine rettende Rolle: wie die Sterne am Himmel, die viele Seeleute vor dem Schiffbruch bewahrten. Denn die Sterne (wie der moralische Kompass) weisen uns den Weg.
 
Die Wahrheit der Literatur, die von Menschen geschrieben wird, ist die einzige Münze, die weltweit gültig ist, und die einzige Quelle, aus der man Mut schöpfen kann. Die Wahrheit ist in dieser Zeit so sehr verdunkelt und die Lüge so weit verbreitet, dass man die Wahrheit nicht erkennen kann, wenn man sie nicht liebt. Für mein Leben ist die Literatur die Gesamtheit aller Formen der Tapferkeit, die dem Menschen erlauben, weniger Sklave zu sein. 

Deshalb möchte ich mich bei Juergen Boos und seinem Team bedanken. Die Frankfurter Buchmesse engagiert sich eindrücklich für die Vermittlung der Menschenrechte als Basis unserer kulturellen Werte und weiß, dass das vereinte Europa die gelungene Antwort auf unsere Geschichte und unsere Geografie ist, und wenn wir heute Europa nicht zum vollwertigen Mitspieler auf der Weltbühne machen, dann werden wir alle als Einzelne zu Spielbällen anderer Mächte.

Wir brauchen jetzt kühle Köpfe, einen klaren Verstand, kreatives Denken und mutige, unabhängige Verlage. Wir alle wissen, dass die Politik der gemeinsamen Menschheit vor den schicksalhaftesten aller schicksalhaften Schritten der Menschheit steht.

Ja, schließlich gibt es wirklich nur eine einzige Grenze: die Grenze zwischen einem Menschen und dem anderen.

Ich drücke uns allen und dem vereinten Europa die Daumen. Böhmen liegt am Meer, und wir machen unbedingt weiter.
 
Danke.
 
P.S.: Und ich soll dem Publikum einen Satz von meinem Sohn über mich sagen: „Sie ist kompliziert, aber es lohnt sich.“

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