Spezifische Phobien Mein Feind, der Schmetterling

Mein Feind, der Schmetterling Zeichnung: © Krispin Hamouz

Angst vor Spinnen ist weit verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert. Unsere Autorin Isabelle Daniel hingegen stößt mit ihrer panischen Angst vor Schmetterlingen immer wieder auf Unverständnis. Gemeinsam haben solche Phobien, dass sie nur selten berechtigt sind. Das macht es für Betroffene nicht besser. Doch für die gibt es auch gute Nachrichten.

Stell dir vor, du bist zum Picknick mit Freunden verabredet – auf einer wunderschönen Blumenwiese am Waldrand. Die Sonne scheint. Aus dem Picknickkorb duftet es nach Kaffee und Kuchen, die Wiese verströmt einen herrlichen Geruch nach frischem Gras und Frühling. Ein Freund erzählt einen Witz, du lachst. Das Leben ist schön und friedlich. Wie zum Beweis flattert ein Schmetterling vorbei. Plötzlich springt eine Frau von der Picknickdecke auf, sie schreit hysterisch und fuchtelt wild mit den Armen.
 
Diese Frau bin ich.
 
Ich habe Angst vor Schmetterlingen. Panische Angst. Deshalb picknicke ich in Wirklichkeit auch nicht auf frühsommerlichen Blumenwiesen. Entgegen verbreiteter Annahmen kommen Schmetterlinge aber leider nicht nur dort vor. Schmetterlinge leben auch in der Stadt. Sie flattern durch Betonwüsten und Abgaswolken, lassen sich auf innenstädtischen Balkonen nieder und verirren sich auch mal ins Büro oder Klassenzimmer.
 
Die Angst vor Schmetterlingen — fachsprachlich: Lepidopteraphobie — ist eine seltene Art der spezifischen Phobie. So heißen in der Psychologie Angststörungen, bei denen spezifische Objekten oder Situationen bei Betroffenen große Furcht auslösen. Nach Schätzung der Bundes-Psychotherapeuten-Kammer erkranken etwa zehn Prozent der Menschen im Laufe ihres Lebens an einer spezifischen Phobie. Viele Betroffene haben Angst vor Tieren. Auch die Furcht vor Spritzen, Fahrstühlen oder dem Fliegen rangiert unter den häufigen Phobien.

Wer Angst hatte, war im Vorteil

Vor Schmetterlingen fürchte ich mich, seit ich denken kann. Angeboren ist eine spezifische Phobie aber nicht. „Für spezifische Phobien gilt wie für alle psychischen Störungen: Es gibt nicht eine Ursache“, sagt Ulrike Lüken, Professorin für Psychotherapie an der Berliner Humboldt-Universität. Ob wir an einer Angststörung erkranken, hänge einerseits von unserer Vulnerabilität ab. Lüken spricht vom „Rucksack, den wir alle mit uns tragen“: Darin befinden sich — auch erblich bedingte — Vorbelastungen, frühkindliche Erfahrungen, aber auch das eigene Temperament. Im Laufe des Lebens kommen dann sogenannte Stressoren hinzu, die die Angststörung auslösen können.
 
Dass so viele Menschen Angst vor „eigentlich ungefährlichen Krabbeltieren“ hätten, habe auch evolutionsgeschichtliche Gründe, sagt Lüken. In der Frühzeit seien Menschen, die sich vor giftigen Spinnen oder Schlangen zu schützen wussten, „evolutionär im Vorteil“ gewesen. Unser Gehirn sei deshalb evolutionär darauf ausgerichtet, vor solchen Tieren Angst zu haben — auch wenn wir mit ihnen heute kaum noch in Kontakt kommen.

Spinnenphobikerinnen beneide ich um ihre gesellschaftliche Akzeptanz. Wer sich wegen einer potenziellen Weberknecht-Begegnung nicht in den Keller traut, gilt trotzdem als einigermaßen bei Trost. Die Lepidopteraphobie dagegen ist weniger salonfähig. In Zeiten des Insektensterbens, in denen ein Insektenhotel auf dem Balkon auch in der Großstadt zum guten Ton gehört, werden Picknick-Absagen aus Schmetterlingsangst im besten Fall mit Belustigung, meist aber mit ungläubigem Kopfschütteln oder völligem Unverständnis goutiert. Hinzu kommt, dass der Schmetterling für viele Menschen der Inbegriff natürlicher Ästhetik ist. Was sie sehen, ist ein filigranes Geschöpf, das seine Farbenpracht voll Anmut zur Schau stellt. Was ich sehe, ist eine völlig unkontrolliert umherflatternde und leicht pelzig daherkommende Kreatur, deren bedrohlich knallige Farben mir bedeuten: Achtung, Gefahr!

Das gruseligste Kinderbuch der Welt

Zu den Charakteristika spezifischer Phobien zählt ihre Irrationalität. Natürlich ist es nicht zu hundert Prozent ausgeschlossen, in einem mitteleuropäischen Keller einer entlaufenen Giftspinne zu begegnen, mit einem Flugzeug abzustürzen oder als erster Mensch der Welt von der Aussichtsplattform des Empire State Building zu fallen. Die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten eines dieser Ereignisse ist aber so gering, dass die extreme Angst vor Spinnen, dem Fliegen und Höhen völlig ungerechtfertigt ist. Das wissen Arachno-, Avio- und Akrophobiker natürlich.
 
Auch ich weiß, dass von kleinen bunten Faltern keine reale Gefahr ausgeht. Und doch bringe ich es nicht über mich, eine Zeitung anzufassen, die einen Beitrag zur Biodiversität mit einem Tagpfauenauge bebildert, oder meiner Nichte Die kleine Raupe Nimmersatt vorzulesen, das aus meiner Sicht gruseligste Kinderbuch der Welt. Während meiner Recherchen zu Tierphobien erfuhr ich, dass einige Arachnophobiker schon in Angstschweiß ausbrechen, wenn sie nur das Wort „Spinne“ lesen oder hören. Ich fühlte mich umgehend ein bisschen normaler.
 
Dass wir wider besseres Wissen Angst vor ungefährlichen Tieren, Gegenständen oder Situationen haben können, hat auch mit der sogenannten Furchtkonditionierung zu tun. Ausgelöst durch negative Lernerfahrungen verknüpft unser Gehirn einen eigentlich neutralen Reiz wie den Anblick einer Spinne oder das Fahren im Fahrstuhl mit bedrohlichen Reizen. Belegen konnte dies der US-Psychologe John B. Watson im Jahr 1920 mit dem aus heutiger Sicht brutalen Little-Albert-Experiment: Watson zeigte dem Säugling Albert immer wieder eine weiße Ratte. Gleichzeitig löste er ein furchterregendes Geräusch aus, indem er kräftig mit einem Hammer gegen eine Eisenstange schlug. Nach sieben Wiederholungen reagierte Albert mit massiven Angstsymptomen auf den Anblick der Ratte. Zwei Monate nach Beginn des Experiments krabbelte das Kleinkind beim Anblick der Ratte so schnell weg wie es konnte.

Je spezifischer die Phobie, desto einfacher die Therapie

Der Fluchtreflex im Angesicht der Angst ist auch mir sehr vertraut. Vor ein paar Wochen identifizierte ich auf mehrere Dutzend Meter Entfernung im Park einen sich am Boden sonnenden Falter. Die Fast-Begegnung löste einen mittleren Adrenalinschock bei mir aus, seither meide ich den Park.
 
Die von fast allen Betroffenen praktizierte Vermeidung verschlimmere Phobien, sagen Psychologen. Denn Vermeidung befördert die Angst vor der Angst — die wiederum zu den eigentlichen Beeinträchtigungen im Alltag führt. Eine schlimme Hundephobie könne etwa von einer „negativen Lernerfahrung“ wie einem Hundebiss in der Kindheit ausgelöst worden sein, sagt Ulrike Lüken. Wenn die Betroffene anschließend alle Situationen vermeide, in der sie einem Hund begegnen könne, fehle die neue Lernerfahrung, „dass nicht alle Hunde beißen“.
 
Spezifische Phobien gelten als ausgesprochen gut therapierbar. „Bei wirklich monosymptomatischen Phobien ohne Ko-Morbiditäten genügt in der Regel eine Kurzzeittherapie von insgesamt zwölf, maximal 24 Stunden“, sagt Lüken. Schon eine einmalige „Exposition“, also die Konfrontation mit dem Objekt der Angst, könne zu einer deutlichen Verbesserung führen.
 
Der Grund: Angst ist ein — gesunder und wichtiger — Reflex. Im Augenblick der Angst mobilisiert unser Körper alle Energie, die für Flucht oder Kampf benötigt werden. Wenn wir uns einem irrationalen Angstauslöser über längere Zeit aussetzen, nehmen die Angstsymptome aber ab: Wir lernen, dass wir die Angst aushalten können; dass wir weder sterben noch in Ohnmacht fallen, während uns die Spinne im Keller beobachtet oder ein Schmetterling um uns herumflattert.
 
Soweit die Theorie. Ob die Expositionsmethode sich auch bei mir bewähren würde — ich habe meine Zweifel. Ich nehme mir vor, im nächsten Frühsommer an einem Blumenwiesen-Picknick teilzunehmen. Zum Glück kommt davor der Herbst.

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