Tierische Sexualität Queere Tiere

Zwei männliche Pinguine im Lehigh Valley Zoo, Pennsylvania. Foto: MTSOfan, CC BY-NC-SA 2.0

Jakub Vítek ist 36 Jahre alt und queer. An einem bulgarischen Strand wurde er wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminiert, so dass er beinahe begann, die lesbischen Möwen dort zu beneiden. Die vertrieb niemand. Und sie wurden sogar noch gefüttert – von Leuten, die keine Ahnung hatten, dass sie es mit homosexuellen Kreaturen zu tun haben.

Ich und mein Partner sitzen auf einem Wellenbrecher im bulgarischen Sosopol, nur ein paar Meter entfernt von einer Strandbar, aus der wir kurz zuvor verwiesen wurden – wegen eines Geburtstagskusses. Ich werde heute 36 und statt eines Drinks am Strand habe ich den bitteren Geschmack der Diskriminierung auf der Zunge. Zu hören ist nur der Wellenschlag und die für unser Paar ziemlich untypische und unangenehme Stille, in der sich das Gefühl der Erniedrigung und des Schocks zu monströsen Ausmaßen aufbauscht. Vor einem solch unangenehmen Erlebnis habe ich mich nur zu gerne mein gesamtes Erwachsenenleben lang versteckt im über-liberalen London, wo einem die bigotte Realität Osteuropas vorkommt wie eine andere Welt.
 
„Siehste, und den Lesben schmeißen sie hier Pommes hin“, versuche ich scherzhaft zu intervenieren und nicke in Richtung eines Möwenpärchens, das sich ein paar Meter weiter strategisch auf den Steinen niedergelassen hat. Sie haben sich angewöhnt hier den ganzen Tag zu verbringen und die Gäste der Strandbar zu hypnotisieren, die ihnen in regelmäßigen Abständen ein paar Happen von ihren Tellern zuschmeißen – ein Trick der Evolution: die Anstrengung der Jagd wird ersetzt durch die Geduld des Bettelns. So verbrennen die Möwen weniger Kalorien. In dieser Hinsicht sind ihnen Hunde um ein paar zehntausend Jahre voraus.
Forschungen in Kalifornien ergaben: Bestimmte Möwenarten bevorzugen es, das Nisten, das Brüten und die Aufzucht der Jungen in Paaren von zwei Weibchen zu erledigen. Forschungen in Kalifornien ergaben: Bestimmte Möwenarten bevorzugen es, das Nisten, das Brüten und die Aufzucht der Jungen in Paaren von zwei Weibchen zu erledigen. | Foto: Stephy Miehle via unsplash | CC0 1.0

Kalifornien in den 70er Jahren

Das Forscherehepaar Molly und George Hunt untersuchte mit einem Team von der University of California, Irvine (UCI) in den 70er Jahren eine Möwenpopulation auf Santa Barbara Island, einem unbewohnten Fels in der Nähe von Los Angeles. Die Ergebnisse der Forschungen wirkten auf das gesellschaftliche Klima der damaligen Zeit verstörend: Bestimmte Möwenarten bevorzugen es, das Nisten, das Brüten und die Aufzucht der Jungen in Paaren von zwei Weibchen zu erledigen. Artgenossen des anderen Geschlechts dienen ihnen dabei lediglich zu Zwecken der Fortpflanzung. Darüber hinaus, sind diese lesbischen Beziehungen lebenslang und monogam. Diese „Kontroverse“ – wie üblich mit Schadenfreude von der zeitgenössischen Presse befeuert – erschütterte ein gesellschaftliches Paradigma, selbst im Kalifornien der 70er Jahre, dem Zentrum der Beatniks und Hippies, die die freie Liebe als eine Alternative zur konservativen Lebensart propagierten.
 
Als einen der problematischsten Aspekter dieser gesellschaftlich unbequemen, „überflüssigen“ und „absurden” wissenschaftlichen Studie des Ehepaars Hunt betonten die Medien den Umstand, dass sie aus Geldern der Steuerzahler finanziert wurde. Allerdings lauerte hinter diesem Argument ein anderer tieferer und gefährlicherer Vorwurf (der auch noch 50 Jahre später mit Vergnügen nachgeplappert wird), nämlich die Bedrohung der Werte der traditionellen Familie. Die Forschung der Hunts widerlegte eine damals verbreitete Vorstellungen von Homosexualität als perverse und dekadente Entscheidung des modernen Menschen, die keine Entsprechung in der Natur habe. Das binäre System stützt sich auf eine einfache Gleichung: Männchen + Weibchen = Nachwuchs. Gott, und damit auch die Natur, macht angeblich keine Fehler.
 
Ich bin mir nicht sicher, ob die Bulgaren mit der Tatsache vertraut sind, dass bis zu 1500 Tierarten homosexuelle Handlungen praktizieren, aber es ist offensichtlich, dass der berühmte Ausspruch von Carl Gustav Jung, dass die Natur „nicht irrt“ und dass „falsch“ und „richtig“ nur ein Konstrukt des menschlichen Intellekts seien, hier keine besondere Wirkung entfaltet hat. Zumindest nicht in Bezug auf Menschen. Es ist faszinierend, dass gerade der Intellekt, mit dem wir uns über die Tiere erheben, uns Menschen letztendlich so elementar spaltet. Dabei ist gerade unter Schimpansen, eine der drei dem Menschen genetisch am nächsten verwandten Arten, homosexuelles Verhalten eine gängige Form, Konflikte aufzulösen und hochwertige Beziehungen und die Zusammengehörigkeit innerhalb der Gemeinschaft zu stärken.

Wie man als Tier zur Celebrity wird

Carl war einer der Jungs, die ich während der Urzeit meiner Londoner Ära gedatet habe. Er arbeitet als Pinguinpfleger im Londoner Zoo und lebt in einer Wohngemeinschaft mit einer Arbeitskollegin, der Lesbe Lucy, die sich im Zoo um die Primaten kümmert. Jedes unserer Dates begann mit einer Rekapitulation seiner Bemühungen in dem Schwarm seiner Schützlinge irgendeine Abweichung vom „langweiligen“ sexuellen Mainstream zu finden oder gar zu entfachen. Seine Methode dabei war es, den Pinguinen jeden Tag während der Fütterung eine Auswahl der Lieder von Ikonen der Schwulenszene wie Barbra Streisand, Liza Minnelli, Tori Amos und natürlich Madonna vorzuspielen. Carls Motivation war noch um einiges weniger raffiniert – Neid und Wetteifer. Jahre zuvor hatte er nämlich im Rahmen eines Austauschs den Berliner Zoo besucht, wo das heute schon legendäre homosexuelle Königspinguinpaar Skipper und Ping lebt. Die Mission der umgekehrten Konversionstherapie nahm Carl gleich nach seiner Rückkehr in Angriff.
 
Schwule Celebrities unter Pinguinen sind bei Weitem kein so einzigartiges Konzept, wie es zunächst scheinen mag. Die erste Erwähnung von homosexuellen Paaren unter Pinguinen wurde 2012 wiederentdeckt in den Reiseaufzeichnungen des Polarforschers George Murray Levick aus dem Jahr 1911. Den armen George hat diese Beobachtung derart traumatisiert, dass er die Notizen über die ausschweifenden „Bacchanalien“ in seinem Tagebuch in griechischer Sprache kodierte! Die Pinguine hatten sich eines im wahrsten Sinne des Wortes unaussprechlichen Vergehens schuldig gemacht!

And Tango Makes Three Das schwule Zügelpinguinpaar Roy und Silo aus dem New Yorker Central Park Zoo lieferte die Inspiration für zwei Kinderbilderbücher. Roy und Silo hatten 1999 erfolgreich ein Jungtier namens Tango adoptiert und aufgezogen. | © Simon & Schuster Children's UK

Wie man einen Stein ausbrütet

Das ebenfalls mittlerweile legendäre schwule Zügelpinguinpaar Roy und Silo aus dem New Yorker Central Park Zoo hat 1999 erfolgreich ein Jungtier namens Tango adoptiert und aufgezogen. Auch wenn sich Roy und Silo nach sechs Jahren getrennt haben, liebten die Medien ihre Geschichte, die unter anderem auch die Inspiration für zwei Kinderbilderbücher war: das amerikanische And Tango Makes Three (2005, Mit Tango sind wir drei) und das deutsche Zwei Papas für Tango (2006).
 
Vor ein paar Jahren musste ich ein paar Mal an Carl zurückdenken – mit dem Mitleid und der Schadenfreude, die so oft die Nachrichten über Fehltritte unserer Ex-Partner begleiten. Zum ersten Mal war das 2019, als weltweit die Nachricht durch die Medien ging, dass Carls tierische Nemesis Skipper und Ping die Chance erhielten die ersten Pinguineltern im Berliner Zoo seit mehr als 15 Jahren zu werden. Nachdem die Pfleger immer wieder die vergeblichen Versuche des homosexuellen Paars beobachtet hatten, einen Stein (und einmal sogar einen toten Fisch) auszubrüten, vertrauten sie ihnen ein Ei an, dass eines der Weibchen verlassen hatte. 
 
Anlässlich des Internationalen Coming-Out Day am 11. Oktober 2020 teilte dann der Zoo im niederländischer Amersfoort auf seinem Facebookprofil eine kuriose Nachricht: Ein homosexuelles Paar afrikanischer Brillenpinguine hat einem anderen lesbischen Paar ein Ei geklaut! Carl hat das hoffentlich sportlich genommen.
 
Primatenpflegerin Lucy, Carls Mitbewohnerin und Kollegin, sah sich währenddessen einer anderen Herausforderung gegenüber. Zur Paarungszeit müssen Makakenmännchen nicht nur mit ihresgleichen wetteifern, sondern auch mit anderen Weibchen. Wie zwanzigjährige Studien von Paul L. Vasey an der Lethbridge University in Kanada belegen, sind weibliche Makaken beim lesbischen Verkehr und in den Methoden der gegenseitigen Zurechtweisung unglaublich erfinderisch, ihre Stellungen uns beinahe vertraut, einschließlich des eindringlichen Blicks in die Augen der Partnerin während des sexuellen Akts und dem Einschlafen in gegenseitiger Umarmung danach.

Wie jetzt? Giraffen auch?

Vor zehn Jahren, als ich anfing völlig ohne Sinn und Verstand und eher irgendwie aus Trotz mein Leben in London zusammenzuschustern, war die Abgrenzung von den Stereotypen der blutleeren und farblosen englischen Mentalität eine unverzichtbare Voraussetzung, um aufgenommen zu werden in das Kollektiv meiner Altersgenossen. Es reichte eigentlich fast schon nicht mehr, sich nur zu einer Farbe der Regenbogenfahne zu bekennen als Lesbe oder Schwuler. Polyamorie, fluide oder nichtbinäre Genderidentität als anarchisches und aktives Aufbegehren gegen „prähistorische“, patriarchale, kapitalistische und traditionalistische Systeme war sozusagen „en vogue“ (ein Begriff, der historisch eng verknüpft ist mit der LGBTQI-Community). Es handelt sich selbstverständlich um ein Londoner Phänomen – Die Vielfalt des individuellen und sexuellen Ausdrucks hat in einer Metropole, die sich definiert als „Schmelztiegel der Kulturen und Nationalitäten“, wohin Minderheiten aus der ganzen Welt flüchten, um Anonymität und Freiheit zu erleben, eine viel größere Chance zu gedeihen. Es reicht, mal nach Sheffield oder Yorkshire zu fahren, und ich bin mir sicher, wir würden der Bar verwiesen, noch bevor es überhaupt zu irgendeinem Kuss kommen könnte.
 
Ähnlich abhängig nicht nur vom zeitgeschichtlichen, sondern auch vom kulturellen, religiösen und geographischen Kontext, sind auch die Reaktionen auf das Reich der queeren Tiere. Die Geschichte der homosexuellen Pinguine ruft eine Welle der Sympathie hervor, deren Höhe sich proportional dazu verhält, wie weit wir nach Westen kommen. Im Gegensatz dazu rief die Fotografie von zwei sich paarenden männlichen Löwen im kenianischen Naturreservat Masai Mara in afrikanischen Medien widersprüchliche Reaktionen hervor. Die Kommentare reichten von „psychischer Störung“ über „von Dämonen besessen“ bis zur offiziellen Stellungnahme des Leiters der kenianischen Behörde für Filmzensur (Kenya Film Classification Board) Ezekiel Mutua in einem Interview für die Nairobi News im Jahr 2017. Ihm zufolge müssten die beiden Löwen isoliert und therapiert werden, denn ihr „perverses Verhalten“ hätten sie sich nur von homosexuellen Touristen abschauen können. Warum aber Giraffen in Kenia ungleich häufiger in der Konstellation zweier Männchen miteinander kopulieren als in heterosexuellen Paaren, bleibt ein Mysterium. Ein sogenanntes Darwinsches Paradoxon

Auch wir sind Natur

Gegen Ende des 19. Jahrhundert wandte die Wissenschaft erfolgreich den Blick ab von den moralisch verwerflichen und gesellschaftlich unbequemen Praktiken der sexuell verwirrten Antike. Das reichhaltige Register an homo-, pan-, poly- und transsexuellen  Motiven in den Mythen der altertümlichen Welt wurde oft streng zensiert und die älteste überlieferte Darstellung eines Kusses zwischen zwei Männern – den beiden hohen Beamten Nianchchnum und Chnumhotep in Ägypten rund 2500 Jahre vor Christus – sollte erst im Jahr 1964 bei Ausgrabungen entdeckt werden. Wo? An der Wand ihrer gemeinsamen Grabstätte. Offizielle Forschungen zur Homosexualität von Tieren können mindestens bis ins Jahr 1896 zurückdatiert werden, als der französische Entomologe Henri Gadeau de Kerville die historisch erste wissenschaftliche Illustration zweier kopulierender Käfermännchen veröffentlichte, es waren zwei Heilige Pillendreher auch bekannt als Skarabäuskäfer.
 
Behavioristische Studien an Lebewesen haben oft die Ambition einen „Zweck“ homosexueller Praktiken zu definieren. Primaten beugen damit Konflikten vor. Männliche Walrosse paaren sich in ihren ersten vier Lebensjahren mit Artgenossen des gleichen Geschlechts um für den Geschlechtsverkehr mit Weibchen zu „trainieren“. Delfine sind übermäßig sozial veranlagt und stürzen sich ungestüm auf alles, was die Genusszentren in ihrem Gehirn stimuliert. Amerikanische Bisons produzieren während der Paarungszeit einen Hormonüberschuss, und so kommt es häufig zu analer Penetration zwischen zwei Bullen (das Indianervolk der Mandan imitierte den homosexuellen Verkehr der Bisons in rituellen Zeremonien, um sich der Rückkehr der Herden in die Great Plains im Folgejahr zu versichern). Koalas sind ununterbrochen im Rausch wegen des Verzehrs von Eukalyptusblättern und geben sich vielleicht deshalb wilden lesbischen Orgien hin. Und Möwen ziehen ihre Jungen aus rein praktischen Gründen in lesbischen Paaren auf.
 
Selbst zu nicht so lange zurückliegenden Zeiten, als Homosexualität kriminalisiert war und Konversionstherapien durchgeführt wurden, wäre es vermutlich kaum jemandem eingefallen einen „Zweck“ von gleichgeschlechtlichem Verkehr und Beziehungen bei Menschen zu definieren. Was, wenn dieser „Zweck“ einfach das Bemühen der Natur ist, eine größtmögliche Skala an Möglichkeiten zu bieten, wie sich der unendliche Abwechslungsreichtum des Lebens und die Komplexität der Beziehungen auf unserem Planeten ausdrücken lassen?

Unter uns Tieren

Vielleicht wären uns Jahrhunderte der Verfolgung, Diskriminierung und zerstörerischen Traumata erspart geblieben, wenn wir das Verhalten des Menschen als direktes Abbild der Natur studiert hätten, und nicht getrennt von ihr. Eine Inspiration kann das interdisziplinäre Fach Animal studies sein. Es kombiniert die Erkenntnisse über Tiere aus scheinbar unvereinbaren Fächern: von Biologie über Philosophie, Anthropologie, Soziologie bis hin zu Sprachwissenschaften und Psychologie. Bei allem Respekt für C.G. Jungs Überzeugung und unter Berücksichtigung von Darwins Evolutionstheorie könnte man auch umgekehrt argumentieren: Die Natur sucht ihren Weg, das Leben zu begreifen ununterbrochen mit der Methode Versuch und Irrtum. Entwicklungstechnisch fragwürdige Experimente werden eines Tages unweigerlich von der hungrigen Grube der Evolution verschluckt.
 
Und ich bin immer noch hier, und heute werde ich 36 Jahre alt.

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