Laborfleisch „Wir wollen die Lieferketten aus den Schlachthöfen kappen“

Roman Kříž, Bene Meat Technologies Foto: © Bene Meat Technologies

Der Entwicklung von Rindfleisch im Labor widmet sich nun auch eine Firma in Tschechien. Bene Meat Technologies möchte bereits im kommenden Jahr auf den Markt gehen und hat dafür das Segment Tierfutter im Visier. Doch die Ambitionen beschränken sich nicht nur darauf, erklärt Firmenchef Roman Kříž im Interview.

Sedmá generace logo Dieser Artikel wurde bereits in der Zeitschrift Sedmá generace veröffentlicht, die alle zwei Monate erscheint und sich ökologischen und gesellschaftlichen Themen widmet. Wir danken für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung.

Ihr Ziel ist es, dass der gesamten Menschheit günstiges und hochwertiges Fleisch zur Verfügung steht. Wie wollen Sie das gewährleisten?

Zuerst müssen wir das Fleisch erzeugen können. Sobald uns das gelingt, sprechen wir zunächst die Hersteller von Tierfutter an und anschließend die Fleischverarbeiter, die Hamburger, Würste und Ähnliches produzieren. Wir verkaufen ihnen das Know-how, wie sie eine Fabrik bauen, die täglich bis zu zehn Tonnen kultiviertes Fleisch produziert. Unsere Firma wird weder Fleisch verkaufen, noch die Gerätschaften zur Fleischherstellung. Dazu reichen unsere Kapazitäten nicht aus. Wir werden Lizenzen für Produktionsmodule anbieten, die die Interessenten dann zusammenbauen. So können sie Fleischlieferungen aus Schlachthöfen ersetzen. Idealerweise möchten wir diese gegenwärtigen Lieferketten ganz kappen. Der Markt ist für uns die ganze Welt.

Laut einer Umfrage der Meinungsforschungsagentur STEM/MARK im vergangenen Jahr spielt in Tschechien nur ein Fünftel der Befragten mit dem Gedanken, kultiviertes Fleisch zu probieren. Ist das nicht zu wenig, um auf dem Markt Erfolg zu haben?

Das denke ich nicht, eher im Gegenteil. Die Menschen sind konservativ und wollen Bewährtes nicht ändern. Umso weniger, weil sie nicht wissen – oder nicht wissen wollen – wie die meisten Tiere, die auf ihren Tellern landen, behandelt wurden, womit man sie gefüttert hat und so weiter. Im Segment der pflanzlichen Fleischersatzprodukte, die vor allem auf Vegetarier abzielen, etwa fünf Prozent der Bevölkerung, schaffen es die Produzenten auch nicht, die Nachfrage zu bedienen. Zwanzig Prozent ist also eigentlich überraschend viel.

Welche Anforderungen stellen Sie an Bioreaktoren?

Es besteht ein großer Unterschied zwischen der Kultivierung von Zellen in der statischen Umgebung eines Labors und derjenigen in der dynamischen Umgebung eines Bioreaktors. In einem Bioreaktor werden die Zellen Bedingungen ausgesetzt, die man „im Reagenzglas“ nicht herstellen kann. In einem ersten Schritt stellen wir in Zusammenarbeit mit der Universität für Chemie und Technologie in Prag (VŠCHT) Mikro-Bioreaktoren mit einem Fassungsvermögen von zwei Millilitern her. Wir untersuchen dann, wie die Zellen auf eine bestimmte Umgebung reagieren und passen die Bedingungen so an, dass sie optimal sind. Anschließend prüfen wir, ob sich das Ergebnis auch auf große Bioreaktoren übertragen lässt. Kürzlich haben wir einen Vertrag unterzeichnet mit der Schweizer Firma Bioengineering, die sie herstellen wird. Gemeinsam werden wir Typen entwickeln, die sich für unsere Zwecke eignen.

Warum werden die Zellen in Bewegung gehalten?

Eine statische Umgebung ist für sie unnatürlich. Im Körper ist ständig fast alles in Bewegung – das Blut pulsiert, die Organe arbeiten und so weiter. Aus anderen Forschungen kennen wir Fälle, in denen in das Zellwachstum im Labor oerfekt funktionierte, aber sobald die Zellen woanders hinbrachte, hörten sie auf zu wachsen. Nur deshalb, weil dort irgendein Generator brummte und Mikrovibrationen verursachte. Zellen werten chemische, mechanische und atmosphärische Bedingungen aus. Sie nehmen die Oberfläche war, die sie berühren, die Zellen, die sie umgeben und so weiter. Es gibt viele solcher Einflüsse.

Hilft eine dynamische Umgebung auch dabei, Fleisch von höherer Qualität zu erzeugen?

Ja, das Ergebnis ist dann „näher an einer Kuh“.

Künstlich erzeugte Muskelzellen in einer Nährlösung Künstlich erzeugte Muskelzellen in einer Nährlösung | Foto: © Bene Meat Technologies

Frühere Schätzungen legten nahe, dass die Produktion von kultiviertem Fleisch wesentlich umweltfreundlicher sein würde als die konventionelle. Allmählich aber ist dieser Optimismus etwas geschmälert. Alles wird von der verwendeten Technologie abhängen. Berücksichtigen Sie bei der Auswahl der Bioreaktoren deren Auswirkungen auf die Umwelt?

Künstlich gezüchtetes Fleisch verursacht sicher weniger Treibhausgase als lebende Tiere, die darüber hinaus auch wesentlich mehr Wasser verbrauchen. Ein lebender Organismus hat außer der Produktion von Muskelgewebe noch weitere Funktionen. Ja, den ökologischen Aspekt versuchen wir maximal zu berücksichtigen, sowohl beim Entwurf der Biorekatoren als auch des Kultivierungsmediums.

Die endgültigen Bioreaktoren sollen mindestens zehn Tonnen Fleisch täglich produzieren. Das klingt nach einer kühnen Schätzung.

Wir haben berechnet, dass ein Produktionsmodul mit einer Kapazität von zehn Tonnen täglich das kleinste praktikable wäre. Eine solche Menge würde für einen Jahresumsatz von etwa 350 Millionen Tschechischen Kronen (knapp 13,8 Millionen Euro) sorgen. Das ist eine Summe, die die Anschaffungskosten für die Technologie und das Verbrauchsmaterial deckt. Zuerst aber müssen wir ein funktionierendes Gerät entwerfen. Danach sollte es kein Problem sein, es auf einen solch großen Produktionsumfang zu skalieren.

Steht künstlich erzeugtes Fleisch nicht dem gegenwärtigen Trend von frischen und natürlichen Lebensmitteln entgegen?

Ich denke nicht, denn kultiviertes Fleisch hat nicht die Ambition, die konventionelle Tierhaltung auf der ganzen Welt zu ersetzen. Es wird noch dauern, bis wir perfekt marmoriertes Rindfleisch kultivieren können. Zumindest zu Beginn wird Fleisch aus dem Labor das Segment der bereits verarbeiteten Fleischprodukte angreifen, wie Hamburger und Würste. In diesem Segment spielt die Frische nicht eine solch große Rolle.

Den Nährmedien werden üblicherweise Antibiotika, Wachstumshormone, Spurenelemente, Mineralien und dergleichen zugesetzt. Wird das Ergebnis nicht voller Hilfsmittel und künstlicher Substanzen sein?

Nein, wir wollen den Zellen im Grunde die gleichen Bedingungen bieten, die sie auch in einem lebendigen Tier hätten. Dabei wollen wir ohne Antibiotika auskommen. Die werden nur zur Gewährleistung der Sterilität und zur Verhinderung von Kontaminationen eingesetzt. In der von uns geplanten sterilen Produktion werden sie also nicht notwendig sein. Wir gehen davon aus, dass in unserem Produkt eher weniger Wachstumshormone als in gewöhnlichem Fleisch sein werden. Sie werden für das Heranzüchten von kultiviertem Fleisch nicht benötigt. In einem lebenden Tier aber sind sie notwendig, da sich dessen Gewebe fortwährend erneuert.

In der konventionellen Haltung ist das Tier nämlich nur ein Produktionsmittel. Es wird mit dem Billigsten gefüttert. Das ist eine Art Wettlauf zwischen den legislativen Beschränkungen und dem Einfallsreichtum derjenigen, denen es um den größtmöglichen Ertrag geht. Es werden eine Menge Additiva eingesetzt, von denen die Verbraucher überhaupt keine Ahnung haben. Zum Beispiel Stoffe, die sich erst im Darm auflösen und deren Aufgabe es ist, das Wachstum der Muskelmasse zu beschleunigen. Das ist hohe Wissenschaft. Die Menschen sollten wissen, das kultivierte Zellen empfindlicher sind als solche in einem lebenden Tier. Wenn wir ihnen etwas Schlechtes geben, überleben sie nicht. Ich bin davon überzeugt, dass unser kultiviertes Fleisch gesünder sein wird als das aus der konventionellen Tierhaltung.

Auf der anderen Seite enthält Laborfleisch weder den Vitamin B12 noch biologisch verfügbares Eisen. Werden sie das nachträglich beigeben?

Ja, das sind Bestandteile eines standardmäßig definierten Nährmediums. Es ist logisch, dass wir der Zelle im Grunde dasselbe geben müssen, was sie über die Nährstoffe im Blutplasma erhält. Alles, was das Tier in sich hat, geben wir den Zellen ebenfalls.

Eine Probe in einem Nährmedium unter dem Mikroskop Eine Probe in einem Nährmedium unter dem Mikroskop | Foto: © Bene Meat Technologies

Der Leiter der Entwicklung in Ihrer Firma ist ein Student im ersten Jahrgang des Bachelorprogramms an der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Prager Karlsuniversität. Wie hat er ihr Vertrauen gewonnen?

Mit seinen Kenntnissen, weil er sich für Biologie begeistert und einen unglaublichen Überblick und Intuition hat. Er weiß, wovon er spricht, und er ist fähig, Zusammenhänge zu erkennen, die selbst erfahrene Wissenschaftler nicht immer bemerken. Zum Glück ist er damit in unserem Team nicht mehr der Einzige.

Sind Sie bei der Forschung und Entwicklung auf irgendein unerwartetes Problem gestoßen?

Die Forschung ist voller Sackgassen, sehr oft hat sich irgendeine Vorannahme nicht bestätigt. Dann finden wir heraus, weshalb. Aus wissenschaftlicher Perspektive stoßen wir auf viele Probleme, aber genau das macht die Forschung aus. Ansonsten kämpfen wir ein bißchen damit, dass es die Lieferanten unserer Materialien nicht so eilig haben wie wir. Etwa Firmen, die Gerätschaften verkaufen, die wir für die Forschung verwenden. Sie brennen bei Weitem nicht so sehr für die Forschung wie wir, und das limitiert uns.

Auf welche Arten von Fleisch und Fleischprodukten konzentrieren Sie sich?

Das am wenigsten anspruchsvolle Segment, das wir in einem ersten Schwung bedienen wollen, wird Fleisch für Hunde und Katzen sein. Dabei sind vor allem die Nährwerte wichtig, die Tiere werden vermutlich nicht auf der richtigen Struktur des Fleisches bestehen. Nachdem wir auf diese Weise günstige Nährmedien und effiziente Bioreaktoren herstellen konnten, könnten wir die Hersteller von pflanzlichen Fleischersatzprodukten mit Zellen beliefern. Zu den zermahlenen Erbsen, Bohnen oder Linsen könnten sie dann echte tierische Zellen hinzugeben. So würde ein Hybrid zwischen einem pflanzlichen Ersatzprodukt und kultiviertem Fleisch entstehen. In einem weiteren Schwung wollen wir dann ein Produkt auf den Markt bringen, dass Hackfleisch ersetzen kann. Auf ein ordentliches Steak werden wir sicher noch einige Zeit warten müssen.

Wer ist Ihre die Hauptzielgruppe?

Für uns sind das wie bereits erwähnt die Fleischverarbeiter. Und die werden sich dann auch um das Marketing in Richtung der Endverbraucher kümmern.

Glauben Sie, dass kultiviertes Fleisch auch Vegetarier und Veganer ansprechen wird?

Ich habe den Eindruck, dass die meisten Menschen, die kein Fleisch essen, dies aus ethischen Gründen tun. Wenn es keine gesundheitlichen Gründe sind, die hinter dem Verzicht auf tierische Proteine stehen, bin ich überzeugt, dass es fast keinen Grund mehr gibt, warum man kein kultiviertes Fleisch konsumieren sollte.

Sind Sie darauf vorbereitet, dass die Lobby der traditionellen Fleischindustrie Ihnen Stöcke zwischen die Beine werfen könnte?

Einen ersten, nicht gerade sauber ausgearbeiteten Artikel gegen Laborfleisch haben wir bereits lesen müssen, geschrieben vom Agraranalytiker Petr Havel. Wir haben vor eine Erklärung dazu abzugeben, denn vieles darin beruht auf Irrtümern oder Unwissen. Glauben wir daran, dass die Menschen selbst entscheiden, was sie essen wollen.

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