Evolution Das Tier in uns

Das Tier in uns Foto: Sebastian Hages via unsplash | CC0 1.0

Die Menschen haben irgendwann im Laufe ihrer Geschichte vergessen, dass sie Tiere sind. Sie verleugneten ihre Herkunft und begannen, sich als „Geschöpfe“ zu sehen. Der Natur überlegen. Erst die Evolutionstheorie brachte uns wieder auf den Boden der Tatsachen und buchstäblich zurück zu unseren Wurzeln. Das ist in keiner Weise abwertend gemeint. Denn unsere Geschichte ist ein ununterbrochener Faden, der in den Teppich des Lebens selbst eingewoben ist.

Seit der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen geworden ist, haben wir uns eingeredet, dass wir keine Tiere seien. Wir haben uns Geschichten über unsere Erschaffung ersonnen, uns von der Natur abgehoben und an unsere eigene Überlegenheit geglaubt. Erst vor sieben Generationen zerstörte Charles Darwin diese Illusion. Dank Darwins Evolutionstheorie hat ein Großteil der Menschen die Vorstellung von ihrer Erschaffung durch die zwar revolutionäre, aber säkulare Idee von einer Entwicklung ersetzt, nach der der Mensch „vom Affen abstammt“. In Wirklichkeit ist alles viel komplizierter. Und gleichzeitig noch spannender.

Das Leben auf diesem Planeten war bereits seit 3,8 Milliarden Jahren in der Entwicklung begriffen, als der Homo sapiens sapiens vor etwa 200.000 Jahren auf der Bildfläche erschien. Also erst vor kurzem. Wenn wir Jahre in Sekunden umrechnen, gibt es erst seit 150 Jahren Leben auf unserem Planeten. Und die Geschichte der menschlichen Spezies wurde in einem Bruchteil dessen, nämlich an nur zwei Tagen und acht Stunden geschrieben.

Während dieser gut zwei Tage langen Existenz der Spezies Homo sapiens sapiens ist bis zu dem Moment, in dem einige Menschen diese Zeilen auf dem Bildschirm eines Mobiltelefons lesen, alles erstaunlich schnell vergangen.

Nehmen wir an, eine Generation dauert ein Vierteljahrhundert. Seit dem ersten vernünftigen Menschen bis zu eurer Geburt gab es also nur 7.500 Generationen. Die Zivilisation entstand mit der Erfindung der Landwirtschaft vor rund 12.000 Jahren. Seitdem haben 500 unserer Großmütter in einer Reihe aufeinanderfolgender Generationen gelebt. Seit der Entstehung der Wissenschaft sind nur 20 Generationen vergangen. Drei lebende Generationen fliegen ins All. Und zusammen mit der letzten Generation wurde auch das globale digitale Netz geboren.

Ardipithecus: Mutiger Hominide, der vom Baum herabstieg

Etwa 220.000 Generationen und 4,4 Millionen Jahre liegen zwischen uns und dem ersten Hominiden, der vom Baum herunterkletterte. Die Vertreter der Art Ardipithecus ramidus waren keine Menschenaffen wie Schimpansen oder Gorillas. Sie waren nicht einmal deren Vorfahren. Die heutigen Dschungelbewohner und unsere engsten Verwandten hatten vor etwa weiteren 1,5 Millionen Jahren einen gemeinsamen Vorfahr.

Die rund 4,4, Millionen Jahre alten Überreste eines Ardipithecus ramidus in der paläonthologischen Sammlung des Äthiopischen Nationalmuseums in Addis Abeba. Die rund 4,4, Millionen Jahre alten Überreste eines Ardipithecus ramidus in der paläonthologischen Sammlung des Äthiopischen Nationalmuseums in Addis Abeba. | Foto: Sailko via wikimedia | CC BY 3.0 Der Evolutionsbaum verzweigt sich immer mehr, und je weiter wir in die Vergangenheit vordringen, umso größer wird unsere Verwandtschaft, die wir durch gemeinsame Vorfahren entdecken.

Die evolutionäre Sichtweise der menschlichen Entwicklung stellt uns jedoch noch vor eine weitaus größere mentale Herausforderung als sich damit abzufinden, dass unsere vor 220.000 Generationen lebende, 120 cm große und behaarte Uroma mit einem Gehirn von der Größe einer Orange zunächst von einem Baum herunterkletterte. Wahrscheinlich wissen mehr Jungtiere als erwachsene Vertreter der Spezies Homo sapiens, dass wir nicht ausschließlich von Hominiden abstammen.

Cynodonten: Uropa Hundezahn

Wenn wir in unserem evolutionären Stammbaum weiter zurückblicken, dann entdecken wir etwa 20 bis 30 Millionen Jahre vor der Ankunft der Dinosaurier eine Gruppe seltsamer Kreaturen. Es handelte sich um Säugetierreptilien, die Cynodonten genannt wurden. Sie sahen aus, wie das gemeinsame Kind einer Ratte, eines Hundes und eines Krokodils aussehen könnte. Versucht euch eine räuberische Ratte mit Schuppen und gefährlich aussehenden Zähnen vorzustellen.

Das waren immer noch Reptilien, zum Beispiel legten sie Eier. Aber sie hatten auch viele Merkmale von Säugetieren, wie etwa eine konstante Körpertemperatur oder ein Gebiss mit spezialisierten Zähnen.

Schon aus reiner Höflichkeit sollten wir uns den Namen dieser Kreaturen merken. Cynodonten sind die Vorfahren aller Säugetiere. Natürlich auch der Menschen! Um ihre genetischen Informationen über Millionen von Generationen an uns weitergeben zu können, mussten sie auch Millionen von Jahren in der Hölle überleben, in die sich ihre Welt mit der Entwicklung der Dinosaurier verwandelte.

Cynognathus, ein Cynodont der Trias Cynognathus, ein Cynodont der Trias | Illustration: Nobu Tamura via wikimedia | CC BY 2.5 Wenn uns bereits dieser Gedanke, dass ein solch bizarres Reptil zu unserem Zweig im evolutionären Stammbaum gehören könnte, beunruhigt, dann wird die Lektüre des folgenden Textes wahrscheinlich eine echte Herausforderung. Denn wir tragen das Erbe einer noch viel größeren Wildheit in uns.

Schauen wir uns den Weg des Lebens auf der Erde von seinen Ursprüngen und in direkter Linie bis hin zu uns an! Wir gehen ganz zurück zu den Anfängen und werden euch einige interessante und wichtige Vorfahren vorstellen. Jeder der folgenden Organismen hat seine genetischen Informationen, die in einer Zeitkapsel namens DNA gespeichert sind, in die Zukunft geschickt. Am Ende dieser Linie seid gerade ihr, die Träger der weitergegebenen und modifizierten DNA.

LUCA: Vater und Mutter aller Lebewesen

Der älteste universelle gemeinsame Vorfahr (LUCA ist ein Akronym für „last universal common ancestor“) ist ein einzelliger Organismus, mit dem der phylogenetische Baum des Lebens vor fast vier Milliarden Jahren begann. Es ist verständlich, dass keine Fossilien gefunden worden sind. Hypothetisch gesehen muss es sie gegeben haben und ihre Existenz wird durch die Genetik bestätigt. Der Urvater aller Bakterien, Pilze, Pflanzen und Tiere ähnelte primitiven Bakterien und vermehrte sich ungeschlechtlich, nämlich durch Teilung.

Leben im Wasser

Es dauerte noch mindestens zwei Milliarden Jahre, bis die einzelnen Zellen begannen, sich zusammenzuschließen und ihre Funktionen aufzuteilen. Durch diese Verschmelzung entstanden verschiedene Gruppen von Organismen. Der phylogenetische Baum begann sich zu verzweigen.

Der erste unserer Vorfahren, der einen Hintern hatte, war vielleicht Yilingia spiciformis. Dieser 27 Zentimeter lange Meereswurm war wahrscheinlich das erste Tier, das Entscheidungen treffen und sich aus eigener Kraft fortbewegen konnte, und zwar vor 551 Millionen Jahren. Es sah bizarr aus, war aber ein komplexer Organismus mit einer erkennbaren Vorder- und Rückseite.

Die nächsten 150 Millionen Jahre haben unsere Vorfahren sich bis zur Unkenntlichkeit verändert. Die Existenz unserer urfischigen Vorfahren erscheint seit Darwin logisch. Eine Überraschung war jedoch die viel spätere Entdeckung, dass die früheste evolutionäre Entwicklung vor etwa 400 Millionen Jahren stattfand, als sich Lungen entwickelten, die anatomisch den unseren ähnelten. Erst aus diesen entwickelten sich bei den Nachfahren der Fische die Blase und die Kiemen. Wir teilen auch ein Herz mit unseren Vorfahren, den Fischen. Und Kiefer!

Ichthyostega: Wie ein Fisch auf dem Trockenen

Dieses etwa ein Meter lange, fischähnliche Ur-Amphibium hatte eine auffallende Ähnlichkeit mit seinen lappenflossigen Vorfahren. Im Gegensatz zu ihnen hatte Ichthyostega jedoch gut entwickelte, kurze und kräftige Gliedmaßen. Dank dieser konnte er sich sowohl im flachen Wasser von Süßwassersümpfen als auch an deren sonnigen Ufern bewegen. In seiner neuen Umgebung fand er eine neue Art von Nahrung: wirbellose Tiere.
 

Casineria: Endlich Sex, wie wir ihn kennen

Unser erster Vorfahr, der ausschließlich an Land lebte und sich auch dort fortpflanzte, war nur 15 Zentimeter lang. Mit fünf Fingern an jeder Gliedmaße war es vor 240 Millionen Jahren das erste Tier mit Krallen. Und nicht nur das. Da das Weibchen seine Eier mit einer schützenden Schale an Land ablegte, konnte eine externe Befruchtung durch das Männchen nicht stattfinden. Diese Eidechsen begründeten die Tradition der Befruchtung im Körperinneren, der alle Reptilien, Vögel und Säugetiere gefolgt sind. Casineria ist ihr gemeinsamer Vorfahr.

Im Schatten der Dinosaurier und was danach kam

Während des Mesozoikums sahen unsere Vorfahren namens Morganucodon und Liaoconodon aus wie Mäuse. Diese Ursäugetiere widmeten ihr ganzes Leben in einer extrem gefährlichen Umgebung einer einzigen, allerwichtigsten Aufgabe: Nicht erwischt werden. Sie haben gelernt, nachts zu leben. Zu diesem Zweck konnten sie nun erstmals ihr Fell aufplustern, um eine Wärmeisolierung zu erreichen. Die Gänsehaut, die wir haben, ist ein Überbleibsel dieses Vorgangs.

Durch das Leben in Dunkelheit schärften sich ihre Sinne. Das verbesserte Sehen, Riechen und Hören führten wiederum zur Entwicklung des Neokortex. Diese äußere graue Schicht der Großhirnrinde ermöglichte all ihren Nachkommen, die Situation zunächst zu analysieren und dann zu reagieren. Später begannen die Säugetiere, lebende Junge zur Welt zu bringen und sie mit der Milch ihrer Mutter zu ernähren. Die Betreuung der Nachkommen löste dann eine weitere Revolution aus.

Kurz nach dem Aussterben der Dinosaurier und mindestens 75 Prozent aller Arten nach dem Einschlag eines zehn Kilometer großen Meteoriten erschien der früheste Primat auf der Bildfläche. Purgatorius ist das erste bekannte Tier, das wahrscheinlich sein ganzes Leben in den Baumkronen verbrachte. Es ernährte sich von Früchten und ähnelte einem Eichhörnchen.
 

Runter vom Baum! Und dann nur höher, schneller, weiter!

Seitdem brauchten unsere Vorfahren weitere 60 Millionen Jahre, bis sie beschlossen, von den Bäumen auf den Boden hinunterzuklettern. Was dann folgte, ist in gewisser Weise ein Wunder.

Danach hat es nur noch eine halbe Million Jahre gedauert, bis wir mit dem ersten Flugzeug vom Boden abhoben.

Viele Zeitgenossen dieses revolutionären Schrittes konnten schon 66 Jahre später an den Fernsehbildschirmen mit ansehen, wie ein Tier namens Mensch den Mond betrat.

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