KI oder Mensch?
Der umgekehrte Turing-Test

Friedrich Hegel (1770-1831) mit Studenten. Lithographie aus: Franz Kugler – „Das Wissen des 20.Jahrhunderts, Bildungslexikon“, Rheda, 1931 Public domain

Was ist Intelligenz? Reicht es, Intelligenz zu imitieren? Ist zu einer solchen Imitation Intelligenz nötig? Was ist Imitation? Wenn ein Leser dem Unsinn Sinn verleiht, ist er dann intelligent?

Der britische Mathematiker Alan Turing war ein Wegbereiter der Computertechnologie und Erfinder des gleichnamigen Tests. Der Turing-Test geht in etwa so: Ein Computer gilt dann als „intelligent“, wenn es ihm gelingt (im Durchschnitt), Probanden so zu täuschen, dass sie ihn für einen Menschen halten – genauer gesagt, wenn sie nicht zuverlässig unterscheiden können, wer wer ist. In diesem Fall sagt man, ein solcher Algorithmus habe den Turing-Test bestanden. Aber auch das Gegenteil müsste dann gelten: Einen Verfasser, dessen Ausdrucksweise man per Computer imitieren und eine weitere Person glauben machen kann, dass es sich um ein menschliches Erzeugnis handelt, kann nicht als wirklich intelligent bezeichnet werden.

Der Turing-Test hat die Bemühungen um die Definition von Intelligenz verkompliziert, und er zeigt uns unter anderem, dass das, was wir als Intelligenz bezeichnen, in Wirklichkeit gar nicht „intelligent“ sein muss, sondern dass es völlig ausreicht, wenn es lediglich so aussieht und tut als ob. Ist also das intelligent, was Intelligenz nachahmen kann? Braucht es zu dieser Nachahmung Intelligenz? Und was ist Nachahmung? Was, wenn der Empfänger der Botschaft sich den intelligenten Eindruck „hinzudenkt“? Wenn der Leser eines von einem Zufallswort-Generator geschriebenen Textes das Gefühl hat, der Text sei intelligent, ist jener Leser dann intelligent? Ist Intelligenz von lebendiger Form abhängig? Ist es möglich, einen völlig zufälligen Text zu kreieren, der etwa dem Werk eines berühmten Philosophen zum Verwechseln ähnlich ist? Scheinbar schon.

Alan Turing, ca. 1930 Alan Turing, ca. 1930 | Public domain

Die Sokal-Affäre

1996 beschloss der Physiker und Mathematiker Alan Sokal, seine Überlegungen zur Intelligenz und zum Turing-Test zu überprüfen und veröffentlichte in der kulturwissenschaftlichen Zeitschrift Social Text einen Artikel mit dem Titel Die Grenzen überschreiten: Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation (Transgressing the Boundaries: Towards a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity). Damit brachte Sokal die Intellektuellen zum Grübeln. Sein Text ist voll von sophistischen Sätzen und „Gedanken“, verweist auf viele berühmte Namen und beruft sich auf diverse Studien, ist aber insgesamt völliger Unsinn à la Dada. Der Text erinnert schlicht an das typische Output eines Zufallswort-Generators.
 
Aufgeklärt wurden die Leser allerdings erst dadurch, dass Sokal selbst diesen Scherz in einer anderen Zeitschrift enthüllte. Er musste nämlich ein wenig abwarten, bis der Artikel Berühmtheit erlangte. Und das tat er. Schon nach einer Woche. Der Fall wurde ganze zwei Jahre in den Medien diskutiert und ist unter dem Begriff „Sokal-Affäre“ bekannt als Umbruch in der Auffassung des menschlichen Denkens. Bis zur Enthüllung durch den Autor selbst war überraschenderweise niemand auf die Idee gekommen, dass der Text absolut keinen Sinn ergab. Das Experiment war geglückt (und viele Leute beleidigt). Die weniger Empfindlichen erhielten einen neuen Impuls zum Nachdenken über viele neue Zusammenhänge. In den folgenden Jahren wurden mehrere solcher „Texte“ veröffentlicht, und immer mussten die Verfasser selbst die Sache auflösen.
 
Neben der Sokal-Affäre, in der von einem Autor absichtlich ein Nonsens-Text verfasst wurde, gibt es auch Computersimulatoren, die nur zum Schreiben von Texten und ganzen Artikeln entwickelt worden sind. Füttert man sie etwa mit postmodernen Texten, sind sie in der Lage, mit Hilfe der so genannten rekursiven Grammatik einzelne Sätze zu randomisieren und grammatisch korrekte, aber völlig unsinnige Gebilde zu schaffen, die nicht zu unterscheiden sind von philosophischen Texten beispielsweise von Derrida oder Hegel. Und da sind wir schon wieder bei den gleichen Fragen. Was ist Intelligenz? Reicht es, Intelligenz zu imitieren? Ist zu einer solchen Imitation Intelligenz nötig? Was ist Imitation? Wenn ein Leser dem Unsinn Sinn verleiht, ist er dann intelligent?

Dada-Simulator

Einen solchen Simulator schuf 1996 Andrew C. Bulhak an der Monash-University im australischen Melbourne. Er nannte ihn Dada-Engine (Dada-Simulator). Dieser Simulator analysiert das statistische Auftretens von Wortverbindungen in den Medien und generiert solche Verbindungen dann nach dem Zufallsprinzip. Das ist nichts Ungewöhnliches, die Algorithmen gelangen immer zu den gleichen oder sehr ähnlichen Ergebnissen. Man denke nur an die Klischees, mit denen einen die Werbesprache oder bestimmten Firmenjargon überrollen. Der Dada-Simulator kann es aber auch raffiniert:
 

Das Hauptthema von Rushdies Werken ist jedoch nicht Theorie, wie das dialektische Realitätsparadigma behauptet, sondern Prätheorie. Die Prämisse des neosemantischen Diskursparadigmas impliziert, dass die sexuelle Identität ironischerweise Signifikanz besitzt. Viele Narrative zur Rolle des Autors als Beobachter können aufgezeigt werden. Man könnte sagen, dass wir, falls die kulturellen Narrativen sich als gültig erweisen, zwischen dem dialektischen Paradigma des Narrativen und neokonzeptuellem Marxismus wählen müssen. Sartres Analyse der kulturellen Narrative besagt, dass die Gesellschaft paradoxerweise einen objektiven Wert besitzt. Die Prämisse des neodialektischen Expressionsparadigmas deutet somit darauf hin, dass das Bewusstsein zur Stärkung der Hierarchie verwendet werden kann, aber nur, wenn sich die Realität vom Bewusstsein unterscheidet. Ist dies nicht der Fall, können wir annehmen, dass Sprache eine intrinsische Bedeutung hat.
 
(zitiert nach dem Buch Narren des Zufalls des libanesisch-amerikanischen Essayisten Nassim Nicholas Taleb)

Erinnert Sie das an etwas? Mich schon, zum Beispiel an Derrida...
 
In meiner Jugend mochte ich einige Werke von Nietzsche. Darin übt er sehr häufig Kritik an Hegel, mehr noch – er verhält sich ihm gegenüber ironisch, beißend, höhnisch und oft geradezu aggressiv. Ein kleines Gedankenspiel für die Leser: Wer ist der Autor folgender Sätze?
 

Das Hervorgehen der unterschiedenen Stufen im Fortschreiten des Gedankens kann nämlich mit dem Bewußtsein der Notwendigkeit, nach der sich jede folgende ableitet, und nach der nur diese Bestimmung und Gestalt hervortreten kann, oder es kann ohne dies Bewußtsein, nach Weise eines natürlichen, zufällig scheinenden Hervorgehens geschehen, so daß innerlich der Begriff zwar nach seiner Konsequenz wirkt, aber diese Konsequenz nicht ausgedrückt ist, wie in der Natur in der Stufe der Entwicklung (des Stammes) der Zweige, der Blätter, Blüte, Frucht jedes für sich hervorgeht, aber die innere Idee das Leitende und Bestimmende dieser Aufeinanderfolge ist, oder wie im Kinde nacheinander die Körperlichen Vermögen und vornehmlich die geistigen Tätigkeiten zur Erscheinung kommen – einfach und unbefangen, so daß die Eltern, die das erstemal eine solche Erfahrung, wie ein Wunder sich sehen, wo das alles herkommt, von innen für sich da und jetzt zeigt, und die ganze Folge dieser Erscheinungen nur die Gestalt der Aufeinanderfolge in der Zeit.

Wer meint, dass dieser Textes von einem Computer stammt, liegt falsch. Der Autor ist kein Geringerer als Georg Friedrich Wilhelm Hegel. Und ich danke hiermit Nietzsche für den Hinweis und die Überlegungen darüber, wie verquast philosophische Texte mitunter sein können. Dieser Text hier ist ein Auszug aus Hegels Einleitung in die Geschichte der Philosophie.
 
Die Frage, wer im Falle dieses Textes eigentlich intelligent ist, ist nicht nur eine philosophische, sondern auch eine recht unbequeme. Die Kraft und den Mut, darauf hinzuweisen, hatte Nietzsche. Als Erster! Spätere Kritiker mussten schon nicht mehr so mutig sein – der Weg zur nüchternen Analyse bar jeder Hegel-Vergötterung war schon frei. Ich denke, auf Sokal wäre Nietzsche nicht hereingefallen.

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