Was ist uns eine gute Sache wert? Im gemeinnützigen Sektor wird diese Frage oft auf Kosten derjenigen beantwortet, die dort arbeiten. Die slowakische Journalistin Anna Jacková über die schwierige Balance zwischen Solidarität und Selbstschutz.
Jede Arbeit wird bezahlt.Jede Arbeit wird bezahlt.
Jede Arbeit wird bezahlt.
Jede Arbeit wird bezahlt.
Und doch erhalte ich an einem bestimmten Abend gleich zwei Einladungen zu Diskussionen, wobei in der einen meine Belohnung die „natürliche Motivation, meine Erfahrungen an jüngere Journalistinnen und Journalisten weiterzugeben“ sein soll, in der anderen „Essen und ein gutes Gefühl“ als Honorar vorgesehen sind.
Ich freue mich über die Einladungen, aber ein gutes Gefühl habe ich nicht. Denn vor meinen Augen taucht plötzlich eine Mitteilung der Sozialversicherung auf, die mich in Zeiten der Konsolidierung an die Tücken des Daseins als freiberufliche Journalistin, Kulturarbeiterin, Kommunikationsmanagerin, Selbstständige und seit Neuestem auch als Schuldnerin erinnert: „Guten Tag, für die Selbstständige verzeichnen wir eine Schuld in Höhe von 66,09 Euro“.
Wieder stehe ich vor einer imaginären Wand aus unbezahlter Arbeit. Wie viel Zeit werden mich die Vorbereitung und die Veranstaltung selbst kosten? Kann ich die Termine mit meinen anderen Verpflichtungen unter einen Hut bringen? Habe ich körperlich genug Energie, das zu schaffen? Wenn ich ablehne, wirke ich dann arrogant und gierig? Vielleicht. Wenn ich jedoch zustimme, akzeptiere ich den Kreislauf der Prekarisierung, den der gemeinnützige, kulturelle, mediale oder jegliche andere kreative Sektor manchmal unbewusst, oft aber nur allzu bewusst, aufrechterhält.
Begeisterung bis zum Burnout
Es ist nicht meine Absicht, eine bestimmte Organisation zu diffamieren oder jemanden zur Zielscheibe von Hass zu machen. Ich selbst arbeite seit über zehn Jahren ehrenamtlich im gemeinnützigen Sektor. Ich weiß sehr gut um das langfristige strukturelle Problem der Unterfinanzierung, um die verzweifelte Jagd nach Fördermitteln und Spender*innen, die von einer erdrückenden, an Absurdität grenzenden Bürokratie begleitet wird. Die gesamte Zerbrechlichkeit des Systems wurde zudem durch einen organisierten, brutalen, landesweiten Zerfall der Zivilgesellschaft unter der Federführung des Kulturministeriums in die Knie gezwungen, wie wir ihn in der demokratischen Slowakei bisher noch nicht erlebt haben.Wenn wir uns jedoch das Argument zu eigen machen, dass wir aufgrund unserer eigenen finanziellen Schwierigkeiten von den Menschen Solidarität erwarten, die sich darin äußert, dass sie uns ihre Dienste, ihr Wissen und ihre Erfahrungen kostenlos zur Verfügung stellen, dann sind wir keine Opfer des Systems, sondern ein aktiver Teil davon. Wir schaffen ein Umfeld, in dem sich nur diejenigen eine langfristige Tätigkeit im gemeinnützigen Sektor leisten können, die anderweitig über eine finanzielle Absicherung verfügen. Die anderen werden früher oder später gehen – nicht, weil sie es wollen, sondern weil sie es müssen.
Das Ergebnis sind zunächst begeisterte Menschen, die mit guten Absichten mehrere Projekte und ungünstige Arbeitsverhältnisse gleichzeitig jonglieren. Bis zu dem Moment, in dem das Geräusch einer eingehenden Nachricht und eine im Kalender blinkende Besprechung sie in einen absoluten Zusammenbruch und einen Zustand des Burnouts treiben, begleitet von den Worten: „Ich kann nicht mehr.“ Wie viele von uns haben sich darin wiedererkannt?
Die Einladung zur ersten Diskussion lehne ich ab, die zweite nehme ich an. Die erste Diskussion ist Teil einer größeren Veranstaltung, für die die Organisator*innen Projektgelder erhalten haben. Die zweite wird von einem Aktivist*innenkollektiv ehrenamtlich und ohne Budget vorbereitet.
Gemeinnützige Freundeskreise und peinliches Schweigen
Der zivilgesellschaftliche Sektor in der Slowakei besteht im Vergleich zur staatlichen Verwaltung und zum privaten Sektor aus einem relativ kleinen Kreis von Menschen. Viele Organisationen arbeiten miteinander zusammen, wodurch wertvolle künstlerische Beiträge, Partnerschaften und Projekte entstehen.Ich habe Erfahrungen in allen drei Bereichen gesammelt und bin der Ansicht, dass die Freundschaften und tieferen Verbindungen, die gerade im gemeinnützigen Sektor entstehen, außergewöhnlich sind. Sie entwickeln sich auf natürliche Weise und ihre Grundlage sind gemeinsame Wertvorstellungen, die unsere Wahrnehmung der Welt prägen. Diese Verbundenheit halte ich in einem stark polarisierten Land für unverzichtbar für das menschliche Miteinander. Ich bin unendlich dankbar für all die Menschen, die mir am Herzen liegen und die ich dank meiner Arbeit kennenlernen durfte.
Freundschaftliche und ungezwungene Beziehungen haben jedoch auch ihre Kehrseite. Vor allem in der Frage der finanziellen Vergütung. Sich ein angemessenes Gehalt zu erkämpfen, ist für diejenigen, die darum bitten, immer eine Herausforderung. Umso mehr, wenn diese Beziehung von Vertrautheit geprägt ist.
Wie viele von uns überschreiten immer wieder ihre eigenen Grenzen und rechtfertigen dies im Stillen damit, dass wir es für eine sinnvolle Sache tun?
Ich kenne Fälle, in denen Leute sogar mehrere Monate auf die Begleichung von Rechnungen gewartet haben, weil es ihnen peinlich war, wiederholt nachzufragen. Sie leisteten Stunden oder sogar Tage Mehrarbeit ohne finanzielle Entschädigung, denn „in einer gemeinnützigen Organisation machen wir alle alles“. Es kam sogar vor, dass ein externes Mitglied für dieselbe Arbeit besser vergütet wurde als jemand aus dem eigenen Team. Irgendwie wird automatisch davon ausgegangen, dass man, wenn man über Fachwissen oder Erfahrung verfügt, diese der eigenen Organisation kostenlos zur Verfügung stellt, auch wenn dies über den Rahmen der eigenen beruflichen Position hinausgeht.
Wie viele von uns überschreiten immer wieder ihre eigenen Grenzen und rechtfertigen dies im Stillen damit, dass wir es für eine sinnvolle Sache tun? Wir finden uns mit prekären Arbeitsverhältnissen ab, weil Bekannten zu widersprechen große mentale Anstrengung erfordert – und darauf oft eine peinliche Stille folgt. Im schlimmsten Fall führt es zum Zerbrechen von Beziehungen. Und unser Projekt, das uns so sehr am Herzen lag, dass wir uns kopfüber in die Vorbereitungen gestürzt haben und bereit waren, dafür sowohl unsere körperliche als auch unsere psychische Gesundheit zu opfern, scheint plötzlich keinen Wert mehr zu haben.
Auswahlverfahren als unbezahlte Arbeit
Dieses Problem zeigt sich nicht nur in der Zusammenarbeit, sondern auch beim Einstieg in die Organisationen selbst. Seit einigen Jahren beobachte ich, wie der gemeinnützige Sektor bei Auswahlverfahren die Taktiken der Unternehmenswelt übernommen hat. Natürlich abgesehen von den Gehaltsbedingungen.Bei kreativen Stellen werden mehrere Interviewrunden mit praktischen Aufgaben eingeführt. In einer Organisation wollte man von mir, dass ich von Grund auf ein Förderprojekt konzipiere und verfasse, in einer anderen, dass ich einen Kommunikationsplan erstelle, in einer dritten, dass ich eine Markenstrategie ausarbeite. Das sind keine Aufgaben, die dazu dienen, Fähigkeiten zu prüfen. Es handelt sich um komplexe Aufgaben, die Stunden bis Tage Arbeit erfordern, ohne Anspruch auf eine Vergütung.
Während eines Vorstellungsgesprächs begann ein potenzieller zukünftiger Kollege, mein Aussehen zu bewerten. Mein Lebenslauf sei zwar sehr professionell, passe aber irgendwie nicht zu mir, da ich in natura „so einen mädchenhaften Charme“ habe. Ich wurde auch gefragt, was mich motiviere, morgens um fünf aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Ich konnte kaum ehrlich antworten, dass es das Gehalt sei. Dieses war nämlich so niedrig, dass es nicht einmal den Branchendurchschnitt erreichte.
Wie hoch schätzt du deinen Wert ein?
Jedes Kooperationsangebot schätze ich sehr und wäge es sorgfältig ab. Wenn ich jedoch schon in der ersten E-Mail keinen Hinweis auf das Honorar sehe, weiß ich, dass ein Verhandlungstanz folgen wird. Meistens gibt es zwei Möglichkeiten – entweder wissen sie selbst nicht, wie viel die Zusammenarbeit kosten soll (und das ist ein Problem, denn als Auftraggeber haben sie nicht einmal eine grundlegende Preisrecherche für ihr Projekt/ihre Veranstaltung/ihren Workshop durchgeführt und übertragen diese Aufgabe auf dich), oder die zweite und traurigere Möglichkeit ist, dass sie versuchen herauszufinden, ob man sich nicht selbst für eine Summe anbietet, die unter ihrem eingeplanten Budget liegt.Wir arbeiten als Selbstständige ohne Sozialleistungen und ohne Sicherheiten. Und wenn eine Krise kommt, wird von uns erwartet, dass wir uns noch mehr ins Zeug legen, neue Projekte, neue Strategien und neue Wege entwickeln, um die Organisation am Leben zu erhalten.
Einmal wandte sich eine große gemeinnützige Organisation an mich mit dem Angebot, für ihr Programm zur Förderung zivilgesellschaftlicher Organisationen einen journalistischen Workshop zu konzipieren. Schließlich sei ich als Preisträgerin eines Journalistenpreises eine Expertin auf diesem Gebiet. Ich erhielt umfangreiches Material zum Durcharbeiten, und zusammen mit der Vorbereitung und dem Workshop selbst hätte mich das mehrere Arbeitstage gekostet. Als ich nach dem Honorar fragte, wurde mir herablassend erklärt, dass Expert*innen nicht bezahlt würden, man sich aber eine bezahlte Zusammenarbeit in der Zukunft vorstellen könne, falls ich mich bewähren würde. Als ich Einwände erhob, erhielt ich die Antwort: „Wenn Sie wirklich darauf bestehen, kann ich vielleicht etwa 50 Euro organisieren.“ Ich habe das Angebot abgelehnt.
Versteht mich nicht falsch: Wenn ich davon überzeugt bin, dass eine Zusammenarbeit Sinn macht, bin ich immer bereit, Kompromisse einzugehen. Ich verstehe, dass in manchen Fällen einfach kein Geld da ist. Doch das ständige Nachfragen, ob ich für meine Arbeit bezahlt werde, und das anhaltende Gefühl, dass ich meinen Preis so festlegen muss, dass ich in die Kategorie eines bestimmten Förderprogramms passe – oder besser noch günstiger bin –, ist unwürdig und zermürbend.
Neben all dem wächst der Leistungsdruck. Von uns wird erwartet, dass wir mehr leisten, flexibler sind und uns stärker engagieren. Doch Flexibilität bedeutet in der Praxis oft etwas anderes: mehrere ungünstige Beschäftigungsverhältnisse, längere Arbeitstage und ständige Erreichbarkeit. Wir arbeiten als Selbstständige ohne Sozialleistungen und ohne Sicherheiten. Und wenn eine Krise kommt, wird von uns erwartet, dass wir uns noch mehr ins Zeug legen, neue Projekte, neue Strategien und neue Wege entwickeln, um die Organisation am Leben zu erhalten.
Was lässt sich tun?
Das Prinzip „Wie im Flugzeug”. Zuerst die Sauerstoffmasken für sich selbst, dann für andere. Mit anderen Worten: Eine Organisation sollte zuerst ein stabiles Team haben, erst dann den Ehrgeiz, mehr Projekte zu realisieren und sich an neuen Aktivitäten zu beteiligen.Respektiert die Grenzen der Menschen, mit denen ihr zusammenarbeitet. Punkt. Überschreitet sie nicht. Wenn ihr euch auf eine bestimmte Arbeitsweise einigt, haltet euch an eure eigenen Regeln. Nein, im Urlaub schreibt man keine E-Mails und ruft nicht an, um zu prüfen, ob derjenige, der frei hat, zufällig am Telefon ist. Dringende Angelegenheiten, die ihr sofort klären müsst, könnt ihr in der Regel trotzdem noch später oder auf andere Weise problemlos lösen. Wenn euch jemand aus dem Team sagt, dass er oder sie weitere Aufgaben nicht bewältigen kann, hört zu und versucht danach nicht, die Person umzustimmen oder zu überreden.
Als Organisation müsst ihr euch darüber im Klaren sein: Wozu sind wir in der Lage und wozu nicht. Selbst ein symbolisches Honorar in Höhe von einigen Dutzend Euro ist ein Zeichen dafür, dass ihr die Zeit, die Energie und die Arbeit der Person, die ihr zur Zusammenarbeit einladet, wertschätzt. Jemand hat beschlossen, auf ein Honorar zu verzichten? Perfekt. Seine oder ihre finanziellen Möglichkeiten lassen das offenbar zu. Macht weitere Kooperationen davon jedoch nicht abhängig. Die finanziellen Möglichkeiten der Menschen unterscheiden sich erheblich – zum Beispiel zwischen Journalist*innen in etablierten Medien und denen, die freiberuflich tätig sind.
Wenn ihr eine Organisation, ein Projekt oder ein Team leitet, kommuniziert bereits bei der ersten Kontaktaufnahme transparent über die Vergütungsmöglichkeiten. So legt ihr klare Erwartungen und Rahmenbedingungen für die externe Zusammenarbeit fest. Ihr könnt euch kein Honorar leisten, möchtet aber mit jemandem zusammenarbeiten? Sagt es ganz offen. Menschen schätzen Ehrlichkeit mehr als Ausflüchte und Verschleierungstaktiken.
Wasser oder Öl?
Der gemeinnützige Sektor lebt von Menschen, die freiwillig Arbeitslast in einem strukturell unterfinanzierten Bereich auf sich nehmen. Sich organisationsübergreifend zu vernetzen und gegenseitige Solidarität zu bekunden, ist in der aktuellen Krise von entscheidender Bedeutung. Wenn wir dabei jedoch die Kapazitäten unseres eigenen Teams im Interesse eines übergeordneten Ziels übersehen, sind wir dann wirklich solidarisch?Ich stimme dem Autor des Artikels Willkommen in Donioland zu, dass es nicht auf Dauer möglich ist, das Gesundheitswesen, das Bildungswesen und die Kultur durch öffentliche Spenden zu retten, und dass kontinuierlicher Druck auf den Staat ausgeübt werden muss, damit er das tut, was seine Aufgabe ist. Auch in dem Punkt, in dem er schreibt: „Es macht sicherlich keinen Sinn, einem Menschen, der ganz vom Rauch verqualmt nur mit dem Nötigsten aus einem brennenden Haus rennt, zu sagen, er solle über eine strukturelle Lösung seines Problems nachdenken. Jetzt muss man ihm helfen, aus dem brennenden Haus zu schaffen, was nur sich nur tragen lässt.“
Lange unbeantwortet ist jedoch die Frage, ob in diesem brennenden Haus nicht Menschen zurückgeblieben sind, die alles für seine Rettung aufs Spiel gesetzt haben, aber wir ihnen Öl statt Wasser gebracht haben. Und wenn sich dann die Asche gelegt hat, bieten wir ihnen – ohne sie zu versorgen – nur eine weitere Gelegenheit unter Wert an, ein neues zerbrechliches Haus zu bauen.
Dieser Text entstand mit Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung, durch deren Vertretung in der Tschechischen Republik. Für den Inhalt ist ausschließlich der Herausgeber verantwortlich; die im Text dargelegten Standpunkte geben nicht unbedingt die Meinung der Stiftung wieder.
Dieser Artikel erschien zuerst im slowakischen Magazin Kapitál, einer unserer Medienpartner für PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES
April 2026