Dunkelheit, Frost und Raketen  Wie Kyjiw den härtesten Winter des Krieges erlebt

Kyjiw, 9. Januar 2026
Kyjiw, 9. Januar 2026 Foto: © Oleksii Filippov

Nach mehreren massiven Angriffen kam es in der ukrainischen Hauptstadt zu einem großflächigen Stromausfall. Die Millionenstadt blieb teilweise ohne Strom, Heizung und teilweise auch ohne Wasser und Telekommunikation. Die Situation wird noch verschärft durch die extrem niedrigen Temperaturen von bis zu minus 20 Grad, die in der Ukraine den ganzen Januar über herrschen.

In Kyjiw dauert der Stromausfall seit dem 9. Januar an. Mehr als die Hälfte der Stadt ist ohne Strom. Nach Angaben der Stadtverwaltung haben mehr als 600.000 Menschen die Stadt verlassen. Die meisten bleiben jedoch trotz der extremen Kälte zu Hause.
  Die Zelte der Staatlichen Katastrophenschutzbehörde dienen als Wärmestationen. In Kyjiw wurden bereits mehr als 100 davon aufgestellt. Sie sind an Generatoren angeschlossen, die für Wärme und Licht sorgen. Im Inneren kann man sich aufwärmen, seine Geräte aufladen und mit Psycholog*innen der Staatlichen Katastrophenschutzbehörde reden. Außerdem gibt es hier Spielzeug für Kinder.
  Die 30-jährige Dascha Hrechanowa isst zusammen mit ihrem vierjährigen Sohn und ihrer Großmutter in einer Wärmestube zu Mittag. Sie ist im achten Monat schwanger und kann die zehn Stockwerke ihres Hauses, in dem der Aufzug nicht funktioniert, nicht mehr zu Fuß hinaufsteigen. Seit dem russischen Angriff gibt es in ihrer Wohnung keinen Strom mehr und die Temperatur beträgt dort minus 3 Grad Celsius.
 

Die 30-jährige Dascha Hrechanowa isst zusammen mit ihrem vierjährigen Sohn und ihrer Großmutter in einer Wärmestube zu Mittag. Foto: © Yulia Surkova


Freiwillige der Organisation World Central Kitchen verteilen Banosh mit Fleisch und heißen Borschtsch. Ein Mann, der eine Portion für seinen bettlägerigen Großvater holt, versucht, dafür zu bezahlen. Nachdem ihm erklärt wurde, dass dies kostenlos ist, fragt er nach einer Rechnung, um den Freiwilligen eine Spende zukommen zu lassen.

„Die Kyjiwer sind es nicht gewohnt, kostenlose Lebensmittel oder humanitäre Hilfe anzunehmen. Wir bringen Lebensmittel oft in neue Wohnkomplexe, in denen sowohl wohlhabende Bewohner als auch Rentner und alleinstehende Menschen leben. Alle frieren gleichermaßen und alle brauchen Essen. Denn Essen ist Hoffnung. Und die kann den Kyjiwern derzeit nicht schaden“, sagt die 33-jährige Teamleiterin von World Central Kitchen, Daria Wolkowa.
  Ein Mann wärmt sich in einem Waggon der Ukrzaliznytsia, der Ukrainischen Eisenbahn, auf – einem Coupé-Wagen mit weichen Sofas, Steckdosen und der Möglichkeit, heißen Tee zu bestellen. Diese Waggons wurden aufgrund von Stromausfällen an mehreren Bahnhöfen in der Oblast Kyjiw eingerichtet. Hier gibt es mehrere Kinderabteile, daher kommen oft Familien mit Kindern hierher.
  Nach zwei Wochen Notfallarbeiten zur Wiederherstellung der Stromversorgung erhalten die Einwohner*innen der Hauptstadt maximal drei bis vier Stunden pro Tag Strom. Die Kyjiwer*innen versuchen, sich mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu wärmen: Sie verwenden Campinggasflaschen, legen Ziegelsteine auf Gasöfen, damit diese anschließend länger Wärme abgeben, und nutzen Kerosinheizungen. Dies führt häufig zu Bränden und Unfällen.
  Eines der ukrainischen Wärmekraftwerke wurde durch russischen Beschuss zerstört. Während des umfassenden Krieges in der Ukraine kamen 107 Rettungskräfte der Staatlichen Katastrophenschutzbehörde bei der Ausübung ihrer Dienstpflichten ums Leben, über 500 weitere wurden verletzt. Auch Mitarbeiter*innen von Versorgungs- und Energieunternehmen, die die Infrastruktur reparieren, werden zu Opfern, ihre Gesamtzahl wird jedoch nicht separat angegeben.
 

Eines der ukrainischen Wärmekraftwerke wurde durch russischen Beschuss zerstört. Foto: © Oleksii Filippov

 

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