Zehn Jahre nach dem Abschluss  „Wären wir nicht zusammen zur Schule gegangen, hätten wir uns nicht kennengelernt“

„Wir hätten uns überhaupt nicht kennengelernt, wenn wir nicht zusammen zur Schule gegangen wären.“ Foto: © Privatarchiv

Es beginnt als nostalgische Reise in die Schulzeit, und wird zu einer Begegnung mit alten Wunden und verpassten Chancen. Michael hat alle noch lebenden Mitschüler*innen seiner Abschlussklasse kontaktiert. Was bleibt von der gemeinsamen Vergangenheit?

Bis zu meinem 18. Lebensjahr habe ich im Grunde die Hälfte meines Lebens mit meinen Grundschulkamerad*innen verbracht. Neun Jahre lang haben wir uns fast jeden Tag gesehen. [In Tschechien endet die Grundschule nach der neunten Klasse. Anm. d. Red.] Unsere Eltern kannten sich nicht. Wären wir nicht auf dieselbe Schule gegangen, wären wir uns bis heute fremd geblieben.

18 geteilt durch 2 ergibt 9. Jetzt sind wir um die 24 bis 25 Jahre alt, und diese Zeit verkürzt sich allmählich auf ein Drittel (27 geteilt durch 9 ergibt 3). Und mit jedem weiteren Jahr wird diese Zahl kleiner. Mathematik ist gar nicht so schwer. Dabei gilt nach wie vor: Ich mag keine Tomaten, keine Warteschlangen in der Kantine und vor allem das Vergessen nicht.

Auf dem Foto aus der neunten Klasse sind wir zwanzig an der Zahl. Viktor ist nicht darauf zu sehen; wahrscheinlich war er nicht in der Schule. Auch Alena nicht, die zu uns kam nachdem sie durchgefallen war und die schon in der achten Klasse die Schule verließ. Petr wollte sich nicht fotografieren lassen. Anstelle der Klassenlehrerin ist unser beliebter Mathelehrer mit auf dem Foto. Es fehlen die sechs Mitschüler*innen, die nach der fünften Klasse aufs Gymnasium gewechselt sind. Und auch die beiden, die vor ein paar Jahren für immer von uns gegangen sind.

Gegen Ende des Jahres werde ich zurück in die Kleinstadt ziehen, in der ich zur Grundschule gegangen bin – umso mehr interessieren mich die Schicksale meiner Klassenkamerad*innen. In den letzten Jahren war ich der „Angeber aus Prag“, der den Klauen der Vergangenheit entkommen ist, und wie sie heute leben, habe ich sonst hauptsächlich über die sozialen Netzwerke erfahren.

Renata treffe ich dann schon vor der Grundschule persönlich. Im Gegensatz zu mir verspürt sie keinerlei Nostalgie. Sie ist mit einer Freundin hier, um ihre Tochter abzuholen. An der Schule unterrichten angeblich immer noch Lehrerinnen und Lehrer, die auch uns unterrichtet haben.
 

Klassenfoto 1 Foto: © Privatarchiv

 

Immer nur auf jemanden hören / Unbändig

„Als ich das erste Mal den Klassenraum verließ, sagte ich ‚Tschüss‘. Die Lehrerin korrigierte mich sofort und sagte, dass es von nun an ‚Auf Wiedersehen‘ heißen würde“, erinnert sich Radek. Damals, vor zwanzig Jahren, wurden fast 92.000 Kinder in die ersten Klassen aufgenommen. Im Januar 2026 haben sich etwa 140.000 Kinder für die bevorstehende Einschulung angemeldet. Wie viele von ihnen wohl denselben Fehler wie Radek gemacht haben – die Wahrscheinlichkeit ist hoch.

Ich ging damals zur Einschreibung in den Klassenraum, der später auch unserer wurde. Der hintere Teil war durch eine Glasscheibe abgetrennt, hinter der sich die Mädchen für den Sportunterricht umzogen und wo ich später zum Englischunterricht ging. Ich saß neben Petr, um dessen lange Haare ich ihn viele Jahre lang beneidet habe.

Ema und ich erinnern uns an unsere Geschichtslehrerin, die darauf achtete, dass wir bei Tests die Linie einer Linoleumfliese nicht überschritten. Jede Stunde begann gleich: „Wir nehmen einen blau schreibenden Kugelschreiber zur Hand und schreiben das heutige Datum in die rechte obere Ecke.“ Die meisten von uns können diese Einleitung noch immer auswendig. Wir erinnern uns auch an den Mathelehrer, seine Pantoffeln, seine Shorts und Verschwörungserzählungen wie: „In drei Jahren wird ein Meteorit einschlagen, also macht es nichts, wenn ihr das hier nicht versteht.“ Der Unterricht bei ihm war wahrscheinlich der einzige, der Spaß machte, obwohl wir ziemlich frech waren. Wir haben uns den Spitznamen „Babinec“ (etwa: Hühnerstall) verdient.

Ja, das waren noch Zeiten… / Verspätung

Von den 22 Mitschüler*innen haben sich nur vier geweigert, mit mir Kontakt aufzunehmen. Viele von ihnen beenden gerade ihr Studium, treten eine Vollzeitstelle an oder arbeiten schon lange und beschreiben ihr Leben als „angenehm langweilig“. Bislang ist nur eine Klassenkameradin verheiratet.

„Wir saßen doch nebeneinander, oder?“, vergewissert sich Martina, die ich im Park in der Nähe der Grundschule treffe, „aber dann haben sie uns getrennt, weil ich im Perlenstick-Kurs gesagt habe, dass du mir bei Mathe hilfst und ich dir bei Kunst – und die Kursleiterin hat das unserer Lehrerin gepetzt!“ Das soll in der mythischen ersten Klasse gewesen sein – das letzte Mal, dass sich jemand bei Mathe auf mich verlassen hat.

Etwa in der fünften Klasse wurde uns der Musikraum als Klassenraum zugewiesen. Im vorderen Teil dominierte ein Klavier, und hinten standen Bänke – unsere Tore. Einige Jungs gingen direkt von der Schule zum Floorball-Training, also hatten sie ihre Sachen dabei. „Wenigstens musste ich wegen des gebrochenen Fingers nicht die Halbjahresprüfung in Tschechisch schreiben“, erinnert sich Adam an seine Zeit als Torwart.

Wir spielten „Fünfundzwanzig“ [ein Fußballspiel mit einem Tor; Anm. d. Red.], gingen in die Bibliothek an die Computer, kauften uns Energy-Drinks, hingen vor der Schule oder am Karussell ab, wo morgens geraucht wurde. In dieser magischen Pause vor dem Nachmittagsunterricht schien alles erlaubt zu sein. Einmal ging ich zum Karussell und sah, wie die im Sonderangebot gekauften Eier gegen die Fassade des gegenüberliegenden Hauses prallten. „Oder wie sie dort einmal diese Waschmaschine vom Felsen heruntergeworfen haben! Die Mädchen aus unserer Klasse haben das gemeldet und hatten danach Angst, mit den Jungs zu reden“, erinnert mich Adam an Momente, die so klingen, als hätten sie nie stattgefunden.

Ich habe sie immer noch zu Hause unter dem Boden der untersten Schublade versteckt: den Playboy aus dem Jahr 1996, damals mein wertvollster Schatz. Zweimal im Jahr fand im Hof eine Müllabfuhr statt, und die „starken Jungs“ wurden gebeten, den Abfall in die Container zu werfen. Für manche Müll, für uns feuchte Träume und die ersten Erektionen. „Wir schmuggelten sie in unsere Spinde, getarnt als Autozeitschriften“, fügt Evžen hinzu.

Hattet ihr dort was zu Saufen dabei? „Du warst doch mit uns im Zimmer!“, schaut mich Adam ungläubig an, als wir in Erinnerungen an die warmen italienischen Strände schwelgen, wohin wir auf unserer letzten Klassenfahrt in der neunten Klasse gefahren sind. Weil ich ohne Freundin dort war, habe ich eine Schachtel Zigaretten geraucht. Schließlich haben wir auch ein paar Rum-Cola-Drinks ergattert. Adam hat sich wegen seiner ersten Liebe gestritten: „Viktor hat dann den ganzen Schnaps ausgetrunken und lag da betrunken herum.“
 

Klassenfoto 2 Foto: © Privatarchiv

 

Der salzige Nachgeschmack erinnert an Ungerechtigkeiten / Verärgerung

Die Erinnerungen kommen sonnig und entspannt daher. Das Schlechte und Bittere habe ich weggelassen. So etwas kam wohl gar nicht vor, schließlich waren wir eine super Truppe. Oder…?

„Ich habe viele Erinnerungen daran, wie ich mich wie ein Idiot benommen habe“, reflektiert Tomáš über längst vergangene Zeiten, „ich wusste nicht, wie man mit Leuten umgeht, also habe ich Dinge getan, die eine Reaktion provozierten, dazu gehörte auch schlechtes Verhalten gegenüber anderen. Einfach der Versuch, Eindruck zu machen, damit diese Leute mich nicht in die Tonne treten.“
So sah also unsere Gruppe aus? Oder erinnern wir uns zumindest so daran? In den Geschichten tauchen häusliche Gewalt, die Pflege kranker Eltern, Selbsttötung (oder Versuche dazu), Scheidungen, Abwesenheit, Charaktereigenschaften auf … Danke euch allen für eine großartige Kindheit.

Lenka sieht ihr damaliges Ich etwas milder: „Ich glaube, ich bin einfach mit der Masse mitgelaufen und habe versucht, mich einzufügen. Ich war immer zwischen den Stühlen, sowohl in der Grundschule als auch in der Oberschule. Ich hatte keine beste Freundin, manchmal war ich vielleicht nur eine von vielen.“

Renata wurde in der Grundschule von ein paar Mädchen verbal gemobbt. „Nicht, dass mich das mein ganzes Leben lang geprägt hätte, aber damals tat es weh. Kinder können einfach gemein zueinander sein, Rücksichtnahme kommt erst mit der Zeit.“ Gleichzeitig ist ihr bewusst, dass nicht alle Mädchen zu Hause ideale Verhältnisse hatten. Später, trotz der Ungerechtigkeiten der Vergangenheit, wollte Renata zur Clique gehören: „Ich bin wohl ziemlich nachgiebig. Ich wusste, dass Diana ein Schwein sein kann. Gleichzeitig hat sie mir gezeigt, wie man selbstbewusst auftritt.“

„Ich war eine Hysterikerin“, erinnert sich Martina, „zum Beispiel, als ich die Schulbank kaputtgemacht habe und Angst hatte, dass ich Tausende bezahlen müsste – es kostete 500 Kronen. Und ich habe noch mehr geweint, als Evžen mit diesem Stück Schulbank als Andenken auf mich wartete. Ich war nervig, machen wir uns nichts vor. Die Letzte im Team, beim Tanzen, in der Projektgruppe“, zählt sie auf und wird sich bewusst, dass sie in der Schule keinen Rückhalt hatte. Letztendlich kann sie aber auch darin etwas Positives sehen: „Das Mobbing war nicht nur schlecht. Ich habe gelernt, mir selbst zu verzeihen, dass ich nicht beliebt war. Und ich weiß jetzt, woran es lag, und habe mich verändert.“

Die Gespräche mit den Mitschüler*innen werden zu einer Art Therapie. „Auch Erika haben wir im Sportunterricht in der Umkleidekabine ganz schön auf die Schippe genommen“, sagt Ivana, „und ich war sicher eine der Hauptakteurinnen, aber später in der Oberschule haben wir uns dann gut verstanden.“ Erika kam erst in der dritten Klasse zu uns. Sie ließ sich nichts gefallen: „Ich habe einer Klassenkameradin die Haare ausgerissen und einem der Jungs ein blaues Auge verpasst.“ Alles war ihr egal. „Es tut mir nur leid, dass ich Alena zu meiner Handlangerin gemacht habe“, gibt sie mit Reue zu.

Viktor spielte neben Fußball auch Eishockey, ging schwimmen und war oft nicht in der Schule. „Ab der sechsten Klasse ging ich heimlich zur Arbeit. Viermal im Jahr hatte ich Mandelentzündung, weil Beton gegossen wurde. Ich musste einfach. Die Schule war eine Flucht. Und beim Eishockey habe ich meine Wut abgelassen – gegen die Bande zu rasen und jemanden in die Bande zu rammen, war eine Erlösung“, vertraut er nach all den Jahren an. „Ich war ein nerviger Mistkerl, in der zweiten Klasse vom Unterricht ausgeschlossen – aber das mache ich niemandem zum Vorwurf“, sagt er heute in seiner eigenen Autowerkstatt. Um die siebte Klasse herum kam jedoch der Wendepunkt. Er wurde ruhiger. „Es war bestimmt Evžen, der mich in den Rest der Klasse integriert hat. Ich weiß nicht, warum.“

Erst jetzt, wenn ich nach so langer Zeit und mit so viel Abstand mit meinen Klassenkamerad*innen spreche, erfahre ich, was sie alles zu Hause erlebt haben und wie sie sich gefühlt haben. So sah also unsere Gruppe aus? Oder erinnern wir uns zumindest so daran? In den Geschichten tauchen häusliche Gewalt, die Pflege kranker Eltern, Selbsttötung (oder Versuche dazu), Scheidungen, Abwesenheit, Charaktereigenschaften auf … Danke euch allen für eine großartige Kindheit.
 

Klassenfoto š Foto: © Privatarchiv

 

Das letzte gemeinsame Foto / Das Abkoppeln

Petr hatte Freunde in der Nachbarklasse gefunden und um einen Klassenwechsel gebeten, weil wir ihn angeblich nicht mochten. „Das hat mich ziemlich traurig gemacht“, sagt Lenka zu mir, „wir sind wie Bruder und Schwester aufgewachsen, sind sogar zusammen in den Urlaub gefahren.“ Erst Jahre später wird mir klar, dass etwa zu dieser Zeit Peters Mutter gestorben ist. Ich erinnere mich, dass er sich nicht einmal mit uns für das letzte gemeinsame Foto ablichten lassen wollte. Sogar die Klassenlehrerin versuchte, ihn zu überreden. Leider reagierte er auch nicht auf meine Bitte um ein Interview.

Und so
als die Grundschule zu Ende ging …
gingen wir weiter.

Etwa ein Drittel ging auf das örtliche Gymnasium, ein weiteres Drittel auf die Handelsakademie und das dritte Drittel verließ die Stadt. Ich zum Beispiel ging auf das Gymnasium in Kladno, weil ich etwas Neues ausprobieren wollte. Wäre ich geblieben, hätte es gereicht, um 7:30 Uhr aufzustehen, denn das Gymnasium oder die Handelsakademie lagen fast direkt hinter dem Haus. Offensichtlich reizte es mich aber, um 6:20 Uhr aufzustehen und zu pendeln (eigentlich fuhr mich die ganze Zeit meine Mutter).

„Es hat mir leidgetan, dass du nicht mit uns aufs Gymnasium gegangen bist“, sagt Evžen, mein damaliger bester Freund, mit Wehmut. „Die neue Clique war für mich ein ziemlicher Schock, denn vorher verbringst du neun Jahre mit Leuten, mit denen du gelernt hast, zurechtzukommen. Sie wissen, wie du dich verhältst, und du kannst alles sagen, denn ihr seid ja zusammen groß geworden“, erzählt mir meine zweite Liebe. Ja, auch ich hatte das Gefühl, dass ich mein ganzes Leben mit diesen Leuten verbringen würde. Wir waren eine Familie. Sie zu verlassen, war fast undenkbar.

Die Stadt zu verlassen, schien nicht nur mir eine gute Idee gewesen zu sein. „Mir gefiel es, dass mich dort niemand kannte und ich von vorne anfangen konnte. Das hat mein Selbstbewusstsein gestärkt. Es ist etwas anderes, wenn man an einem Ort ist, an dem man seit seinem fünften Lebensjahr bekannt ist, und dann als Erwachsener an einen neuen Ort kommt“, fasst Adam seine Gefühle beim Übergang zur weiterführenden Schule zusammen.

„Ich hatte erwartet, dass Prag mich total umhauen würde“, erzählt Ivana lachend. Sie hat es dort knapp ein halbes Schulhalbjahr ausgehalten. „Das war das erste Mal, dass ich mich nicht in die Gruppe einfügen konnte. Ich dachte, es wäre nicht genug, in derselben Stadt zur weiterführenden Schule zu gehen wie zur Grundschule.“ Aber dann kehrte sie in unsere Stadt zurück, um die Handelsschule zu besuchen, an der einst auch ihre Mutter und ihre Großmutter gelernt hatten.

Vielleicht sehen wir uns nie wieder / Zerstreut

„Die Beziehungen aus der Grundschule begannen meiner Meinung nach schon in der Oberschule zu zerbrechen – als wir uns in alle Winde zerstreuten“, meint Erika, „bei Jana weiß ich zum Beispiel gar nicht, warum wir aufgehört haben, miteinander zu reden …“

Šárka wiederum hatte bei einigen Klassenkameradinnen nicht „das Gefühl, dass sie sich auch freuen, mich zu sehen“. Im Gegensatz dazu bestehen ihre Kontakte aus der Oberschule weiterhin. Sie kennt auch Leute, die von der Grundschule schwärmen, unsere Gruppe hingegen als durchschnittlich bewerten. „Das sieht man daran, dass wir es nicht schaffen, uns zu treffen. Und wenn du dich jetzt nicht darum bemüht hättest, würden wir uns vielleicht nie wieder sehen.“ Ich habe nämlich versprochen, ein Klassentreffen zu organisieren.
 

Klassentreffen Foto: © Privatarchiv



„An Erika kann ich mich fast gar nicht mehr erinnern“, überlegt Jitka laut, von der ich wiederum nicht viel wusste, da sie fast nichts auf sozialen Netzwerken postet. Schon seit der Grundschule hat sie ein Problem damit, von anderen beurteilt zu werden – auch weil Klassenkameradinnen ihr über das gefälschte Profil eines Jungen geschrieben haben und sie dazu überreden wollten, mit ihm auszugehen.

„Vielleicht hätten unsere Beziehungen gehalten, wenn ich mich anders verhalten hätte und nicht ständig ‚ich, ich, ich‘ gesagt hätte“, meint Marie. Die Jungs hingegen haben nach wie vor Spaß miteinander. Einige arbeiten sogar zusammen und treffen sich jede Woche. Wir waren zu siebt gegenüber fünfzehn Mädchen, deshalb hielten wir enger zusammen. Viele Leute bewundern anscheinend, dass unsere Beziehungen so lange gehalten haben.

„Schade, dass wir keine Tagebücher geführt haben oder unsere alten Aufsätze nicht mehr lesen können“, bedauert Erika mit Blick auf den Sportplatz, auf dem der Sportunterricht stattfand. Schon damals, als sie mit einer Klassenkameradin „pikante“ Geschichten schrieb, entstand ihr Traum – ein Buch zu schreiben.

Jeder von uns hat einen großen Plan / Die Ausbreitung

Im Juni dieses Jahres ist es schon zehn Jahre her, dass wir die Grundschule verlassen haben. Im September nächsten Jahres sind es zwanzig Jahre seit unserem Eintritt in die erste Klasse. „Man stopft zwanzig Leute in eine Klasse – und jetzt habt neun Jahre lang Spaß… Manche nennen das Gefängnis, andere Schule. Später findet man andere Leute, eine andere Clique, und dann hält einen nur noch zusammen, dass man neun Jahre lang gemeinsam in einer Klasse verbracht hat. Das verbindet nur wenige Menschen. Es wäre egoistisch, wenn mir das leid täte“, bietet unser Klassenclown eine etwas andere Perspektive an.

Das Wasser im örtlichen Teich war damals noch klar, mit Enten und von der Sonne beschienen. Wir gingen während des Unterrichts dorthin, weil uns eine Überraschung versprochen worden war. „Habe ich mir vor euch schon die Haare ausgerissen?“ Radek hatten wir wohl ein halbes Jahr lang nicht gesehen. Ein Stück Wärme blieb an diesem Tag in mir zurück, mit einem kühlen Hauch hinterher. Für mich war es die erste Begegnung mit der Sterblichkeit, vielleicht habe ich mich deshalb damals nicht besonders mit ihm unterhalten. Es fiel mir schwer, mir einzugestehen, dass wir uns vielleicht zum letzten Mal sahen. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass niemand mit uns wirklich über den Tod gesprochen hat, im Gegensatz zu Mathematik.

Damals begann ich Jana sehr zu vermissen: „Ich blieb dort bei ihm.“ Die anderen dachten, sie würde nur herumlungern. „Zu dieser Zeit hat mich Kuba auf Facebook auf dem Klassenfoto in den Baumkronen markiert“, sagt Radek. Einen Teil der sechsten Klasse und die gesamte siebte Klasse haben wir Radek nicht gesehen. Vierzehn Monate – siebzehn Chemotherapiezyklen. Ein Knoten von elf mal zehn Zentimetern. „Da ich so dick war, war es nicht zu sehen, und es tat auch nicht weh. Dann haben sie es herausgeschnitten und mir gesagt, dass es Krebs ist“, erzählt er.

„Unsere Mütter haben sich angerufen, und ich habe schon mit Ärger gerechnet. Wir haben zusammen am Computer gespielt; ich habe mich ständig über ihn lustig gemacht, dass er das nicht kann“, vertraut sich Tomáš an. Radeks Mutter hat sich jedoch bei ihm bedankt, denn dass Tomáš während Radeks Krankheit mit ihm in Kontakt geblieben ist, hätte Radek über Wasser gehalten. „Da wäre es mir fast lieber gewesen, wenn sie mich angebrüllt hätte, dass ich gemein zu ihm bin. Ich habe dann wochenlang darüber nachgedacht und mir wurde klar, wie schlecht ich mich verhalten habe – und das hat mich ziemlich verändert“, erzählt er. Ich glaube, wenn uns etwas unbewusst zusammengeschweißt hat, dann war es genau Radeks Krankheit. „Zuerst hatten wir Mitleid mit ihm, aber dann wollten wir ihm das zurückgeben, was er im Krankenhaus verloren hatte“, bestätigt Viktor.

In der neunten Klasse waren wir 22, in der ersten glaube ich 28. Einige sind aufs Gymnasium gegangen. Ich mag es nicht, wenn man vergisst. Ich habe Angst vor dem Tod.

„Die Sterblichkeit wurde mir erst bewusst, als Jáchym starb“, sagt Tomáš und bezieht sich dabei auf einen Mitschüler, der bis etwa zur dritten Klasse mit uns zur Schule gegangen war. „Ich hatte mir vorgenommen, ihm aufs Maul zu hauen, weil er mir aufs Maul gehauen hatte; ich wollte es ihm heimzahlen. Auf einem alten Foto habe ich ihn durchgestrichen.“ Heute geht er zu seinem Grab, um Kerzen anzuzünden. Danach starb Helena, die bereits nach der fünften Klasse aufs Gymnasium ging. „Manchmal gehe ich zum Friedhof, um ihr zu erzählen, wie das Wetter ist“, verrät mir Martina.

Ema ist gerade im Rahmen ihrer Promotion in Zürich: „Ich sehe meine Eltern physisch einmal alle drei Monate. Sie befinden sich in einer Lebensphase, in der sie mehr hinter sich als vor sich haben, im Gegensatz zu mir. Auch so nehme ich die Sterblichkeit wahr, in dieser Konfrontation, darin, dass die Welt nicht so ist, wie ich sie mir gewünscht habe. Aber bisher ist hoffentlich noch genug Zeit für alles“, ertönt die abgehackte Stimme im Videocall.

Wenn ich optimistisch bin, haben wir ein Viertel unseres Lebens hinter uns. Nur nicht mehr gemeinsam, jede*r für sich. Verteilt.

 

Perspectives_Logo Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Revue Prostor, einer unserer Medienpartner für PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES

 

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