Performative Bisexualität Ein gefährliches Marketing-Instrument

Auf der Pride Parade in Paris – eine Anspielung auf den Hit von Katy Perry?
Auf der Pride Parade in Paris – eine Anspielung auf den Hit von Katy Perry? Foto: Norbu Gyachung via unsplash | CC0 1.0

Dass Celebrities (fälschlicherweise) vorgeben, bisexuell zu sein, ist nicht ungewöhnlich. Dieses scheinbar harmlose Spiel kann jedoch weitreichende negative Folgen haben.

Es ist ganz natürlich, dass Menschen, die im künstlerischen Bereich tätig sind, nach verschiedenen Wegen suchen, um ihre Arbeit sichtbar zu machen. Nicht natürlich ist jedoch die Vortäuschung von Tatsachen und Ausbeutung anderer Menschen zum eigenen Vorteil.

Genau das tun jedoch viele bekannte Persönlichkeiten, wenn sie in ihrem künstlerischen Schaffen eine andere sexuelle Orientierung vortäuschen, als sie tatsächlich haben. Halbnackte Tänzerinnen tauschen in ihren Musikvideos zärtliche Berührungen mit anderen Frauen aus, Rapper singen über die Freunde ihrer Freundinnen und Sängerinnen sprechen darüber, dass sie sowohl auf Männer als auch auf Frauen stehen.

Auch wenn sich viele der Ernsthaftigkeit solcher Praktiken nicht bewusst sind, handelt es sich doch um ein echtes Problem, das einen Namen und eine Definition hat. Das Phänomen, dass heterosexuelle Menschen vor einem Publikum homosexuelle Handlungen vollziehen, wird als performative Bisexualität bezeichnet.

Auch die Sängerin Madonna tat dies im Jahr 2003, als sie ihre Kolleginnen Christina Aguilera und Britney Spears auf der Bühne küsste und ein weiteres Beispiel sind die Sängerinnen Shakira und Rihanna, die sich 2014 im Musikvideo zu dem Song Can't Remember To Forget You intim berührten.

Es gibt viele Beispiele, und sie betreffen nicht nur die Musikindustrie. In der vor allem bei Teenagern beliebten Serie Riverdale gab es eine Szene, in der sich die weiblichen Hauptfiguren Veronica Lodge und Betty Cooper küssten, obwohl beide in der Serie heterosexuell sind.

Verstärkung von Vorurteilen und verinnerlichter Homophobie

Wie die obigen Beispiele zeigen, wird performative Bisexualität hauptsächlich von Frauen praktiziert, um ein männliches Publikum anzuziehen. Solche Marketingtaktiken schaden jedoch denjenigen, die wirklich Teil der LGBTI+-Community sind.

Wie schwerwiegend die Auswirkungen von performativer Bisexualität auf die psychische Gesundheit von LGBTI+-Personen sind, betont auch der Psychologe Josef Smrž. „Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Junge oder ein Mädchen und Sie machen sich Gedanken über die eigene Sexualität. Sie sehen Ihren Lieblingsschauspieler im Fernsehen, wie er eine Person des gleichen Geschlechts an einem öffentlichen Ort küsst, und die Medien berichten darüber. Auf den ersten Blick denkt man dann, dass man nicht allein ist und dass man nicht der einzige ist, der sich verwirrt fühlt. Aber was ist, wenn man herausfindet, dass in Wirklichkeit alles nur vorgetäuscht war?“, erklärt der Psychologe, der sich auf die Beratung und Unterstützung von Mitgliedern der LGBTI+-Community konzentriert.

Der Psychologe Josef Smrž berät und unterstützt Mitglieder der LGBTI+-Community. Der Psychologe Josef Smrž berät und unterstützt Mitglieder der LGBTI+-Community. | Foto: © privat Ein derartiger irreführender Marketingtrick kann außerdem auch zur Verbreitung von Vorurteilen und Stereotypen gegenüber homosexuellen Menschen führen. Im Fall der performativen Bisexualität wird damit die Vorstellung verstärkt, dass bisexuelle Frauen eher dazu neigen, ihre Partner zu betrügen.

Dazu tragen auch viele amerikanische Rapper bei, die sich in ihren Texten gerne auf Frauen beziehen, die Beziehungen mit anderen Frauen haben. Der Rapper G-eazy singt in seinem Song Still be friends darüber, dass seine Freundin eine Freundin hat („I got a girl, and my girl got a girl too“) und Rapper Drake thematisiert in seinem Song Girls Want Girls lesbische Frauen, die ihm gefallen.

Doch während Künstler ein Publikum gewinnen wollen, indem sie bisexuelle Beziehungen zur Schau stellen, ziehen sich Mitglieder der LGBTI+-Community dann eher in sich selbst zurück und entwickeln eine so genannte internalisierte Homophobie, eine negative Einstellung zu sich selbst aufgrund ihrer eigenen Sexualität.

Dieser negative Gefühlszustand kann sich als Selbsthass und Unterdrückung der eigenen Identität äußern. Auch Gefühle wie Scham, Ekel, Abscheu, Angst und Depression sind häufig. „Wir wissen aus der Forschung, dass die LGBTI+-Community einem mehrfach erhöhten Risiko von Stress oder Depressionen ausgesetzt ist, so dass dieses vordergründige und vorgetäuschte Verhalten gefährlich sein kann“, warnt der Psychologe Smrž.

Der Experte fügte jedoch hinzu, dass nicht jeder von einer solchen Darstellung negativ betroffen sein muss. Dies ist von verschiedenen Einflüssen abhängig und auch davon, ob die Person ihre sexuelle Orientierung bereits öffentlich gemacht.

Queerbaiting ist ein gefährliches Phänomen, weil es LGBTI+-Themen für Marketingzwecke nutzt, aber nichts über das reale Leben und die Probleme von LGBTI+-Personen aussagt.“

Die verfälschte mediale Darstellung der LGBTI+-Community tangiert auch Kristina nicht, die sich als Teil dieser Gemeinschaft sieht. „Zum Glück bin ich davon nicht betroffen. Ich bin ‚nur‘ bisexuell, also könnte ich mit der Darstellung meiner Sexualität in den Medien viel schlimmer dran sein. Außerdem liebe ich schwarzen Humor, so dass mich selbst Memes, die sich gegen Bisexuelle richten, nicht beleidigen, es sei denn, es handelt sich um Morddrohungen und ähnliche, bereits kriminelle Dinge“, sagt Kristina.

Die Studentin Andrea sieht das genauso. „Zum Glück habe ich persönlich wegen meiner sexuellen Orientierung nie schlecht über mich selbst gedacht. Ich bin mir sicher, dass ich dies größtenteils meiner Familie zu verdanken habe, die der LGBTI+-Community sehr offen gegenübersteht“, so Andrea.

Performative Bisexualität als eine Form von Queerbaiting

Performative Bisexualität ist eine Form des Queerbaiting, also einer Marketingpraxis, bei der Medienschaffende oder Schöpfer von Populärkultur auf LGBTI+-Inhalte anspielen, ohne anschließend explizit LGBTI+-Beziehungen darzustellen. In der Praxis bedeutet dies, dass die Medienschaffenden Mitglieder der queeren Community auf ihre Seite ziehen, aber gleichzeitig Menschen aus homophoben Kreisen nicht abschrecken.

Im Filmbusiness wäre hier zum Beispiel die Schriftstellerin J. K. Rowling zu nennen, die vor der Veröffentlichung des Films Phantastische Tierwesen den Harry-Potter-Fans erzählte, dass die Figur des Zauberers Dumbledore eine Liebesaffäre mit seinem größten Rivalen Gellert Grindelwald hatte. Diese Beziehung wurde jedoch in keinem der oben genannten Teile der Filmreihe bestätigt.

„Queerbaiting ist ein gefährliches Phänomen, das abgelehnt werden muss, weil es LGBTI+-Themen für Marketingzwecke nutzt, aber nichts über das reale Leben und die Probleme von LGBTI+-Personen aussagt“, so Psychologe Smrž. Seiner Meinung nach sollte es das Ziel der Medien sein, sich so verhalten, dass „wir eine bestimmte Gruppe von Menschen, die ohnehin schon mit schwierigen Dingen zu kämpfen haben, nicht verletzen, denn der Grat zwischen einem Scherz und einer Beleidigung ist nur sehr schmal“.

Andrea zufolge sollten die Medien Mitglieder der LGBTI+-Community als natürlichen Teil der Gesellschaft darstellen und auch queere Charaktere zeigen, die zum Beispiel körperliche Behinderungen, verschiedene Glaubensrichtungen oder kulturelle Hintergründe haben. „Insgesamt vermisse ich vor allem in der Slowakei die Vielfalt – in Bezug auf Geschlecht, sexuelle Orientierung, Ethnie, Kultur, Religion und so weiter", sagt die Studentin.

Andrea ist auch der Meinung, dass sie selbst möglicherweise viel früher in der Lage gewesen wäre, ihre sexuelle Orientierung zu benennen und zu identifizieren, wenn sie in ihrer Kindheit oder Jugend mehr LGBTI+-Menschen und eine normale Darstellung dieser Menschen in den Medien gesehen hätte.

Kristina ist der Meinung, dass die Medien die LGBTI+-Comnunity nicht aufbauschen und sie genauso wie heterosexuelle Menschen behandeln sollten. „Mir wäre es lieber, wenn nicht so eine große Sache daraus gemacht werden würde. Nicht jede Serie braucht die obligatorische schwule Figur, und selbst wenn es eine gibt, sollte sie die gleiche Aufmerksamkeit bekommen wie alle anderen. Schließlich sind die Mitglieder der LGBTI+-Community auch Menschen aus Fleisch und Blut, genau wie alle anderen, deshalb sollten die Medien sie auch als solche behandeln“, so die Studentin.

Auch der Psychologe Smrž teilt Kristinas Meinung. „Themen im Zusammenhang mit der LGBTI+-Community sollten so behandelt werden, dass die Gemeinschaft gleichberechtigt dargestellt wird. Zum Beispiel sollten die Rollen von Figuren mit homosexuellen Beziehungen auch von homosexuellen Schauspielern gespielt werden und gleichzeitig sollten diese Beziehungen auf die gleiche Weise dargestellt werden wie heterosexuelle Beziehungen, das heißt als etwas, das normal und natürlich ist“, erklärt der Psychologe.

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