Diskriminierung Vom Ende der Unterdrückung

Emilia Roig Foto: © Mohamed Badarne

Wie sehr ist unsere Gesellschaft von Diskriminierung geprägt? Wie macht man die Verschränkung verschiedener Diskriminierungsformen sichtbar? Und wie könnte ein „Ende der Unterdrückung“ aussehen? Diesem Thema – und den vielen Dingen, die unserer Gesellschaft auf dem Weg dorthin noch fehlen – widmet sich die Autorin Emilia Roig in ihrem Bestseller „Why we matter“.

Für sie ist vor allem Zeit in diesen Tagen Mangelware. Emilia Roig ist promovierte Politologin, Aktivistin, Direktorin des Center for Intersectional Justice (CIJ) und getrennt erziehende Mutter eines Sohnes. Für ihr Buch Why we matter – Das Ende der Unterdrückung, das es in Deutschland im Februar 2021 auf Anhieb in die Sachbuch-Bestsellerliste des Magazins Spiegel schaffte, erhält sie pausenlos Interviewanfragen – es wurde in allen großen Medien besprochen, Roig taucht derzeit wöchentlich in Fernsehberichten, Modemagazinen und Podcasts auf.
 
Knapp war ihre Zeit auch schon vor Erscheinen des Bestsellers, also hat sie ihn zu großen Teilen auf einem Neuköllner Spielplatz unweit ihrer Wohnung geschrieben, während ihr Sohn Tidiane auf den Spielgeräten turnte. Die große Resonanz von Why we matter mag auch daran liegen, dass Roig darin die Utopie einer Gesellschaft entwirft, nach der sich viele gerade in Zeiten der Pandemie sehen: Weniger Kapitalismus, mehr Liebe. Streckenweise lesen sich die 400 Seiten wie ein Manifest.

Mangel an Empathie ist eine Grundlage von Diskriminierung

In elf Kapiteln widmet sich Roig Themen wie Rassismus in der Familie, Gleichberechtigung in der Ehe, Schönheit als Politikum, weißen Privilegien oder auch der Diskriminierung von Schwarzen Menschen im medizinischen Bereich. Sie erläutert dabei auch weniger bekannte Begriffe wie die Empathielücke:
 

„Mädchen lernen früh, die Welt aus der Perspektive der Jungen zu betrachten, weil Kinderbücher, Trickfilme, Fernsehen und Werbung überwiegend aus ihrer Perspektive erzählt sind. Nicht nur Mädchen lernen, die Welt aus der Perspektive der Jungen zu betrachten. Nicht-weiße Menschen lernen, sich in weiße Menschen hineinzuversetzen, genauso wie Trans-Menschen in Cis-Menschen, queere in heterosexuelle Menschen, und behinderte Menschen in nicht-behinderte Menschen. Das Einfühlungsvermögen von marginalisierten und minorisierten Gruppen wird durch die positive Überrepräsentation der unsichtbaren Norm – weiß, männlich, hetero, cis- und nicht behindert – sehr früh gefördert. Umgekehrt ist es nicht der Fall. Uns fehlt das Einfühlungsvermögen für diejenigen, die als minderwertig konstruiert wurden.“

Dieser Mangel an Empathie für marginalisierte Gruppen ist in Roigs Augen eine Grundlage von Diskriminierung und Ungleichheit. Deswegen seien vielfältige Darstellungen in den Medien so wichtig, so Roig weiter. Sie widmet sich in ihrem Buch eingehend der Konstruktion sozialer Hierarchien und zeigt immer wieder auf, wie Diskriminierung funktioniert – und vor allem, wie weitreichend sie ist, wie viele Lebensbereiche sie durchdringt.

Rassismus in der eigenen Familie

Roigs Ansatz ist dabei intersektional [siehe Infokasten]. „Intersektionalität ist eine Perspektive, die uns hilft, die Verschränkung von verschiedenen Unterdrückungsformen und Privilegierungsformen zu verstehen“, erklärt sie. So sei die Situation eines weißen Mannes mit Behinderung anders als die eines Schwarzen Mannes, der im Rollstuhl sitzt. Intersektionale Diskriminierung ist auch das Thema, zu dem Roig an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert wurde.
 

Intersektionalität

Intersektionalität beschreibt die Schnittmenge und Gleichzeitigkeit von verschiedenen Diskriminierungsformen gegenüber einer Person. Der Begriff hat seine Wurzel in den USA, wo sich in den späten 1960er Jahren Schwarze Frauen innerhalb der weißen Frauenbewegung diskriminiert und kaum repräsentiert sahen. Ende der 80er Jahre benutzte die Juristin Kimberlé Crenshaw das erste Mal den Begriff „Intersectionality“ im Zusammenhang mit Diskriminierung im Berufsleben. Kritiker des Konzepts, wie die Publizistin Bari Weiss, vertreten die Ansicht, dass die Anwendung des Begriffs häufig auf eine Art Kastensystem hinauslaufe, in dem Menschen danach beurteilt werden, wie viel Leid ihnen im Laufe der Geschichte widerfahren sei. Auch in Deutschland wird der Begriff zum Teil kontrovers diskutiert.

Auch ihre eigene Identität unterzieht sie einer solchen Analyse: Als Schwarze Frau werde sie diskriminiert, genieße aber auch Privilegien, aufgrund ihrer Bildung, ihres sozialen Status, ihres normschönen Aussehens. Roig nennt sich „ein Produkt des französischen Kolonialismus“ – ihr Vater, ein Arzt, ist jüdischer Algerier, ihre Mutter, eine Krankenschwester, stammt aus dem französischen Überseedepartement Martinique.
 
Schon früh spürt Roig, die in einem Vorort von Paris aufwächst, dass Menschen dem Vater aufgrund seines Berufs und seiner Hautfarbe respektvoller begegnen als der Mutter, die noch den Nachnamen des Sklavenhalters ihrer Vorfahren trägt. Rassismus erfährt sie auch innerhalb ihrer Familie: Ihr Großvater väterlicherseits ist glühender Anhänger der rechtsextremen Front National. In einem Interview, das sie mit ihm für die Arte-Reihe Das Licht der Aufklärung führt, sagt er, die Vermischung von Rassen sei eines der größten Probleme der Gegenwart. „Für mich war es wichtig, das auf Band zu haben, als Beweis, dass ich das nicht geträumt habe. In meiner Familie war es verpönt, seine Haltung als rassistisch zu benennen. Meine Erfahrungen wurden jahrelang negiert, weil er zu uns als Opa sehr liebevoll war.“ Seit sie Rassismus anprangert, gilt sie in ihrer Familie als die problematische Rebellin.

Why we matter © Aufbau Verlage GmbH & Co. KG

Auch die Unterdrücker nehmen seelischen Schaden

Im finalen elften Kapitel ihres Sachbuchs widmet sich Roig dann auch der Frage, wie soziale Hierarchien aufgebrochen werden könnten – was sie „die Metamorphose“ nennt. „Niemand weiß, ob am Ende der Metamorphose eine bessere, gerechtere Welt entstehen wird”, schreibt Roig. Diese Metamorphose sei auch kein Selbstzweck und kein Endziel, sondern ein Prozess. „Die Veränderung geht mit einem kollektiven Erwachungsprozess einher, der sich sowohl auf der politischen als auch auf der spirituellen Ebene ergibt. Der gegenwärtige Veränderungsprozess verlangt deshalb die Erkenntnis, dass unser Gedanken- und Wertesystem, in dem das Individuum im Mittelpunkt steht, überwunden werden muss”, so Roig weiter.
 
Als Beispiele für dieses globale soziale Erwachen nennt sie Bewegungen wie #metoo, Fridays for Future und Black Lives Matter, und attestiert diesen, dass sie die Logik der Unterdrückung enthüllen. Doch sie schreibt auch: „Niemand kann sagen, ob diese Bewegungen zu einer Neudefinition von Macht und einer Beseitigung von sozialen Hierarchien und Unterdrückung führen werden.”
 
Was sie aber mit Sicherheit sagen kann, ist: Vom Ende der Unterdrückung würden nicht nur die Unterdrückten profitieren. „Es wäre auch für die Unterdrücker eine Befreiung, denn sie nehmen in diesem System auch seelischen Schaden, weil es ihre Fähigkeit, sich mit sich selbst und anderen zu verbinden, beschädigt. Diese Hierarchien des Lebens aufzubrechen ist der Schlüssel für eine neue, empathische Form menschlichen Seins“, so Roig. Und auch wenn ihr Buch sich streckenweise wie eine Utopie liest, so zeigt es doch auch immer wieder auf, wie real Unterdrückung ist, und öffnet dem Leser die Augen für subtile Formen der Diskriminierung. Insofern liegt in Roigs Vision auch ein sehr praktikabler Ansatz.
 

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