Segregation im Schulsystem „Wir zerstören das Potenzial vieler Kinder“

Der Soziologe Daniel Prokop Foto: © Kateřina Lánská

Der Soziologe Daniel Prokop beschäftigt sich mit Projekten aus den Bereichen der Bildung, Sozialpolitik und Ungleichheit. In diesem Interview spricht er über soziale Ungleichheit im Bildungssystem: Nicht alle tschechischen Kinder haben die gleichen Chancen und Zugang zu hochwertiger Bildung, und der Staat unternimmt nichts dagegen.

Dieser Artikel wurde mit freundlicher Erlaubnis aus dem Magazin Eduzín übernommen, das auf Themen aus dem Bereich Bildungswesen spezialisiert ist. Eduzín wird herausgegeben von der gemeinnützigen Gesellschaft EDUin, die innovative Bildungsansätze der Öffentlichkeit vorstellt.

Ihre Agentur PAQ Research hat eine Studie durchgeführt, ihr Titel lautet „Ungleichheiten in der Bildung als Quelle ökonomischer Ineffektivität“. Welche Ungleichheiten meinen Sie?

Manche Menschen glauben, es ginge uns darum, dass alle Kinder dieselbe Leistung erbringen. So ist das aber nicht. Wir zeigen nur auf, dass nicht jedes tschechische Kind die gleichen Chancen und den gleichen Zugang zu hochwertiger Bildung hat. Es kommt stark darauf an, wie die finanzielle Absicherung der Familie ist, in die man geboren wird, wie gut die Schule ist, die man besucht, ob einen die Eltern unterstützen. Kinder aus niedrigeren sozialen Schichten bleiben da deutlich zurück. Zudem erzielen Kinder aus gebildeten und wohlhabenden Familien kaum die Ergebnisse ihrer entsprechenden Altersgenossen in Ländern wie Estland oder Polen, die an der Beseitigung von Ungleichheiten gearbeitet haben und die ihre Bildungsergebnisse verbessern konnten.

Worin genau bestehen die Ungleichheiten, von denen Sie sprechen?

Bei den Grundschulen gibt es zwei Arten von Ungleichheiten. Zum einen gibt es bei uns riesige Unterschiede zwischen den Schulen und den Kindern, die sie besuchen. Wir haben Schulen, in denen sich Kinder niedrigerer sozialer Schichten konzentrieren. Und unsere Studie zeigt, dass ein Kind mit guter Schreib- und Lesefähigkeit, das auf eine solche Schule geht und dort bleibt, wegen des Umfelds deutlich niedrigere Lernambitionen hat als ein vergleichbares Kind an einer Schule mit besserem Status. Es akzeptiert die Tatsache, dass man „von hier aus nicht an eine Hochschule geht“. Untersuchungen von Jana Straková zeigen, dass auch Lehrer in diesen „Resteschulen“ weniger optimistisch sind, die Kinder voranbringen zu können. Mit dieser Herangehensweise zerstören wir aber das Potenzial vieler Kinder, denn mit der Unterstützung ihres Umfelds könnten sie es locker an die Hochschule schaffen.
 
Ich bin kein Gegner von Elite und Selektion in der Bildung. Aber ich finde, sie sollte erst mit fortschreitendem Alter verstärkt werden und an der Universität ihren Höhepunkt finden. Wir aber selektieren die Kinder zu einem Zeitpunkt, zu dem die Erwartungen und die Unterstützung der Eltern eine große Rolle spielen. Dann verbinden wir diese unterschiedlichen Bildungswege wieder vor dem Hochschulstudium, das auch ein großer Teil der Schüler von den Fachschulen beginnt. Am Anfang verlieren wir Talente wegen der Selektion und manchmal der Resignation. Und am Ende haben wir eine relativ hohe Misserfolgsquote an den Hochschulen und eine oft nicht sehr wertvolle Forschung. Das sieht für mich nicht nach einem besonders effektiven System aus.

In der Studie behaupten Sie, dass diese Ungleichheiten auch ökonomische Folgen für den tschechischen Staat haben. Welche sind das genau?

Es gibt Regionen – vor allem um Karlovy Vary (Karlsbad) und Ústí nad Labem – in denen ein Sechstel der Kinder nicht einmal eine Berufsschule abschließt. Und die Zahlen sind wahrscheinlich noch höher, denn sie stammen aus Untersuchungen, die Schüler von benachteiligten Standorten nicht wirklich miteinbeziehen. Diese abgehängten Schüler werden im Leben weniger arbeiten, und wenn, dann für einen geringen Lohn, von dem sie minimale Beträge an Steuern und Versicherung abführen. Voraussichtlich werden sie öfter und länger Sozialleistungen beziehen und mit höherer Wahrscheinlichkeit irgendwann einmal eine Straftat begehen.
 
Die Kosten für eine nicht abgeschlossene mittlere Reife sind also riesig und die gesamte Gesellschaft muss dafür aufkommen. Wir schätzen in unserer Studie, dass den Staat das Nicht-Erreichen der mittleren Reife pro Person auf das ganze Leben hochgerechnet 2,3 bis 2,8 Millionen Kronen (ca. 90.000 bis 110.000 Euro) kostet. Das ist ein bisschen weniger als frühere Schätzungen von zum Beispiel der Agentur für soziale Eingliederung (Agentura pro sociální začleňování), weil wir realistischerweise nicht annehmen, dass aus einem dieser Menschen ein durchschnittlicher Mittelschüler würde. Aber das ist immer noch viel. Außerdem sind da viele andere Kosten noch nicht mitgerechnet – zum Beispiel, dass Firmen die Fachkräfte fehlen. Daraus leiten auch die Autoren dieser Analyse Václav Korbel und Jakub Grossman ab, dass bereits eine Intervention, die nur fünfzehn Prozent der Schüler zum Abschluss der Mittelschule verhilft, pro Schüler einen Betrag von 345.000 bis 420.000 Kronen (ca. 13.500 bis 16.500 Euro) einsparen kann. Und idealerweise sollte mit der Unterstützung schon im Kindergarten begonnen werden.

Was sind die Vorteile für den Staat, wenn er mehr Geld für die vorschulische Bildung ausgibt?

In dieser Studie haben wir mit ausländischen Quellen gearbeitet, die den Effekt von vorschulischer Bildung auf die Teilnahme von Kindern an Grund- und Mittelschulen untersuchten. Amerikanische Studien und Experimente zeigen, dass eine gute vorschulische Ausbildung das investierte Geld um ein Vielfaches wieder einbringt. Entscheidend ist aber die Qualität. Wenn die Ausbildung weniger als zwei Jahre dauert und es in den Klassen zu viele Kinder gibt, dann ist die Auswirkung auf weitere schulische Erfolge der Kinder weit weniger deutlich oder überhaupt nicht vorhanden.
 
Ausgegangen sind wir von ausländischen Programmen, die wir als Vorbilder für Tschechien sehen und deren Effekt dem entspricht, was wir von Untersuchungen wie der Roma Survey kennen. Demnach erhöhten Kinder, die zwei Jahre in die Vorschule gegangen waren, ihre Chancen auf einen Anschluss an das reguläre Bildungssystem um das Dreifache. Und das auch, wenn sie aus einer ähnlich gebildeten Familie und derselben Region stammten. Und es ist zu erwarten, dass ein solches Kind die Grundschule besser meistert, die mittlere Reife erreicht, eine Arbeit findet und den Staat durch mehr Steuern und Versicherungsbeiträge unterstützt.

Wie bewerten Sie in diesem Kontext das neue staatliche Programm für kostenloses Mittagessen in Kindergärten für benachteiligte Kinder aus den Regionen Karlsbad und Ústí nad Labem?

Der Plan ist sicher gut, aber nur unter der Voraussetzung, dass die Kinder spätestens mit vier Jahren in den Kindergarten kommen und dort eine gute Bildung erhalten, also ihre sprachlichen und rechnerischen Fähigkeiten verbessern. Ich muss aber noch hinzufügen, dass Programme einen größeren Effekt haben, wenn sie auch die Eltern der benachteiligten Kinder mit einbeziehen und sie dazu bringen sich mit der Schule auseinander zu setzen und ihre Kinder beim Lernen und Schulbesuch unterstützen. Ich denke, dass das Programm für kostenloses Mittagessen auf 20 bis 25 Prozent der ärmsten Familien abzielen sollte, nicht nur auf die extrem unterprivilegierten. Ausländischen Studien nach verspricht nämlich eine gute Vorschule auch bei ihnen Erfolg.

In der Studie erwähnen Sie auch ethnisch segregierte Schulen. Wie viele gibt es davon in der Tschechischen Republik und wie entstehen sie?

Zurzeit gibt es etwa 80 Grundschulen, an denen Roma-Kinder in der Mehrheit sind, und 55 weitere, wo sie mindestens ein Drittel ausmachen. Sie entstehen und halten sich auf unterschiedliche Weise. Manche Gemeinden und Stadtteile verlegen zum Beispiel Einzugsgebiete, um diese Kinder in einer bestimmten Schule zu konzentrieren. Das macht etwa ein Drittel dieser Schulen aus. Grob die Hälfte entsteht dann automatisch durch einen gewissen Konsens der Träger und der Eltern, wenn Schulen im Umkreis die Roma-Kinder nicht wollen und diese selbst daran gewöhnt sind, dass sie wie alle Generationen vor ihnen dieselbe Schule besuchen. Damit sind dann zwar alle zufrieden, aber die Kinder müssen die Zeche zahlen. Es gibt aber auch positive Beispiele wie Krnov oder Ostrava-Poruba, wo beharrlich an der Desegregation gearbeitet wird. Und Krnov hat auch ein deutlich geringeres Bildungsproblem als man anhand der sozialen Probleme der dortigen Bevölkerung vermuten könnte.
 
Im Allgemeinen bleiben Kinder aus niedrigeren sozialen Schichten in Tschechien aber zurück. In manchen Regionen stehen bis zu ein Drittel der Eltern von Schulkindern vor der Privatinsolvenz, und viele Kinder leben in ärmlichen Verhältnissen und wechseln häufig den Wohnort. Diese Probleme wachsen dann später zusammen. Auf jeden Fall haben es Schulen in dieses Regionen objektiv gesehen schwerer, aber der Staat unterstützt sie nicht gezielt. Und das Wenige, was sie mehr bekommen, verlieren sie wegen der geringeren Unterstützung durch ihre ärmeren Gemeinden. Wenn wir uns darauf einigen könnten, dass eine Schule an einem anspruchsvollen Standort mehr Geld benötigt um gute Lehrer zu finden und zu behalten, um einen Schulpsychologen und einen Sozialpädagogen zu bezahlen, würden das tausenden gefährdeten Kindern zu Gute kommen.

Das Problem der segregierten Schulen an abgehängten Standorten ist der Mehrheit bewusst. Warum lohnt es sich für uns aber nicht, so viele Kinder an mehrjährigen Gymnasien zu haben?

Mehrjährige Gymnasien und verschiedene Auswahlklassen an sich müssen kein derartiges Problem sein. In manchen Regionen gehen allerdings bis zu einem Viertel der Kinder dorthin. An den restlichen Schulen häufen sich dann die Schüler mit niedrigerem sozialen Status und einem niedrigeren Streben nach Bildung. Die Daten lassen vermuten, dass es eine Induktion der Nachfrage verursacht, wenn man eine große Anzahl an Kindern von den Schulen abgehen lässt – die Eltern schicken ihre Kinder auch deshalb auf mehrjährige Gymnasien, weil sie eine Verschlechterung der Grundschulen voraussetzen.
 
Wir können aber nicht allein die Eltern beschuldigen für diese Ungleichheit verantwortlich zu sein. Genauso wenig, wie wir uns um die schwächeren Kinder kümmern können, sind wir in der Lage die begabten ausreichend fördern. Meine Frau zum Beispiel kommt aus den USA, und dort ist es üblich, dass Kinder aus verschiedenen Klassen schon ab der zweiten Stufe in unterschiedlichen Fächern aufeinander treffen. Das kann zum Beispiel ein interessanter zusätzlicher Mathematik-Unterricht sein. Sie entwickeln sich in dem weiter, was ihnen liegt, es bleibt aber gleichzeitig der zukünftige Herzchirurg oder Rechtsanwalt mit dem zukünftigen Automechaniker bis zum Beginn der Mittelschule zusammen. Bei uns ist das Problem, dass wir mit der Trennung der Kinder ihr soziales Kapital einschränken. Fachoberschulen bieten dann eine relativ schwache Ausbildung im Bereich der Informationstechnologien und der Sprachen. Ihre Absolventen haben jetzt oder in Zukunft Probleme mit der Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt, und falls sie auf die Hochschule gehen, erleben sie dort öfter Misserfolge. Wir teilen die Kinder sehr früh auf in die, die ein hohes ökonomisches, soziales und menschliches Kapital erlangen werden, und in solche, die davon im Erwachsenenalter nur sehr wenig haben werden.

Haben Sie das Gefühl, dass die derzeitige Pandemie die Ungleichheiten noch verstärkt?

Bei den darauf angesprochenen Eltern wurden einige Phänomene augenfällig. Vielleicht überrascht es, dass es immer noch viele Kinder gibt, die Probleme mit der Kommunikation, mit der Technik oder dem Ort zum Lernen haben. Nicht, dass sie überhaupt keinen Kontakt mit der Schule hätten, aber es gibt vielleicht in der Familie nur ein Gerät, das alle benutzen, oder die Internetverbindung ist nicht stabil. Diese Schüler machen etwa zehn Prozent aus und es ist zu erwarten, dass sie es in Zukunft mit größeren Problemen zu tun haben werden. Interessant war auch die Erkenntnis, dass eher diejenigen Eltern mit dem Distanzunterricht zufrieden sind, an deren Schulen dies auch schon im Jahr 2020 gut funktioniert hatte. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass sich die progressiven Schulen verbessern und die problematischen stagnieren. Die Pandemie macht die Unterschiede zwischen ihnen also noch deutlicher. Und verständlicherweise wird wieder gelten, dass diejenigen Schüler im Vorteil sein werden, deren Eltern ihnen zum Beispiel auch Stoff der zweiten Stufe erklären können. All das zusammen bewirkt die Benachteiligung einer Gruppe von Schülern.

Was muss jetzt getan werden, um das Schulwesen zu verbessern?

Gut wären massive Investitionen. In den USA zum Beispiel hat die Regierung unter Biden fast zwei Milliarden Dollar für das Schulwesen bewilligt. Auch nach Umrechnung pro Schüler und Ausgleich der Parität der Kaufkraft ist das eine sehr schöne Summe, an die die Pläne Tschechiens bei Weitem nicht heranreichen. Der nationale Erneuerungsplan (Národní plán obnovy) Tschechiens behandelt das Kapitel Bildung nur sehr eingeschränkt. Es ist geplant, die Digitalisierung der Schulen stärker zu unterstützen, aber das ist dann eigentlich schon alles. Wir haben Vorschläge entworfen für die Stärkung der Kindergärten, Nachhilfe-Camps im Sommer und Index-Finanzierung, die gerade Schulen in benachteiligten Regionen helfen würde. Aber leider sieht es so aus, dass der Staat lieber tschechische Firmen beim Kauf von Emissionszertifikaten unterstützt. Ein großer Teil des Geldes wird für das Stopfen irgendwelcher Löcher im Staatshaushalt draufgehen. Aber ich lasse mich gerne überraschen.

Was interessiert Sie eigentlich noch an der Erforschung von Ungleichheit?

Wir entdecken dauernd interessante und versteckte Zusammenhänge. Zum Beispiel bis zu welchem Grad die soziale Herkunft das Schicksal eines Menschen beeinflusst. Kinder, die in einer instabilen Wohnsituation aufwachsen, erzielen deutlich schlechtere Ergebnisse als ansonsten vergleichbare Kinder in stabilen Wohnverhältnissen. Woran kann das liegen? Ihr allgemeiner Gesundheitszustand ist schlechter und sie haben mehr Stress, fehlen öfter und wachsen insgesamt in einer ungeeigneten Umgebung auf, in der positive Vorbilder fehlen. Durch das Umziehen verlieren sie Kontakte und soziales Kapital.
 
Es macht mir auch Spaß, konkrete Dinge mit den Menschen vor Ort zu besprechen. In Cheb (Eger) zum Beispiel, wo wir Seminare veranstalten, sind die Menschen gegenüber sozial schwachen Familien kritischer eingestellt als wir, aber am Ende stimmen wir eigentlich in allen entscheidenden Punkten überein. Sie sehen, dass es für Familien mit vielen schulischen Fehltagen gut ist, wenn jemand mit dieser Familie spricht. Und deshalb brauchen wir einen Sozialpädagogen. Wir sind uns bei der Stärkung der Vorschulerziehung und der Vereinfachung der Schulfinanzierung und der Unterstützung derer einig, die sich mit sozialen Problemen auseinandersetzen. Ich sehe, dass der berüchtigte Zwiespalt zwischen angeblichen „Gutmenschen“ und „Realisten“ vor Ort eher eine Chimäre ist als die Realität, und das erfüllt mich mit Hoffnung. Die Dinge kommen in Bewegung, auch wenn es gerade vielleicht noch nicht so aussieht.
 

Daniel Prokop (*1984) hat Journalismus und Soziologie studiert. Er leitet das Forschungsinstitut PAQ Research, das sich Projekten aus den Bereichen Bildung, Sozialpolitik und Ungleichheit widmet. Als Soziologe ist er auf sozialpolitische Forschung spezialisiert. Er ist Experte für quantitative Methoden und hat eine Reihe von Innovationen bei der Demoskopie im Zusammenhang mit Wahlen in Tschechien eingeführt.

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