Menstruation Untenrum frei

Period Art - Foto: Vulvani – www.vulvani.com, CC BY 4.0 Foto: Vulvani – www.vulvani.com, CC BY 4.0

Die Hamburgerin Britta Wiebe (30) setzt auf Free Bleeding und lässt ihrer Menstruation freien Lauf. Das spart Geld, Müll und hilft ihr, den Zyklus besser zu verstehen. Das will sie auch anderen zeigen – und hat deshalb die Aufklärungsplattform „Vulvani“ gegründet.

Der Tag, der Britta Wiebe die Freiheit bringt, beginnt mit dem Gefühl der Schwere. Zusammen mit einer Freundin ist Wiebe in Guadalajara unterwegs, einer Stadt im Westen Mexikos. Sie macht dort ein Auslandssemester, will sich leicht fühlen, frei. Doch die Periode zieht sie runter: Ihr Rucksack ist zur Hälfte mit Tampons gefüllt. Die gibt es in Guadalajara nicht zu kaufen, mit Binden fühlt sich Wiebe nicht wohl. Sie kennt das Problem schon von anderen Reisen, eine Lösung hat sie nicht – bis dahin. „Probier doch mal Free Bleeding aus“, sagt ihre Freundin. Wiebe ist verwirrt. „Was soll das sein?“
 
Das ist jetzt sechs Jahre her. Britta Wiebe (30) sitzt in ihrer Wohnung in Hamburg, als sie das erzählt. Zwischen damals und heute liegen nicht nur Jahre und rund 10.000 Kilometer Luftlinie, sondern gefühlte Welten, sagt sie. „Das Gespräch war wie ein kleiner Blitzeinschlag. Mir wurde plötzlich klar: Ich habe die halbe Welt bereist, bin politisch interessiert, Feministin, aufgeklärt, will umweltbewusst leben – aber über die Periode wusste ich so gut wie nichts.“ Das sollte sich ändern. Wie so vieles in ihrem Leben.

Seitdem Wiebe auf Free Bleeding (auf Deutsch: freies Menstruieren) setzt, läuft es bei ihr: Hat sie ihre Tage, lässt sie dem Blut freien Lauf. „Wenn ich spüre, dass Blut kommt, gehe ich auf die Toilette und lasse es ab“, sagt Wiebe. Die Vorteile liegen auf der Hand: Wiebe spart Geld, produziert keinen Müll, hat auf Reisen weniger zu tragen und ist achtsamer mit ihrem Körper. Sie fühlt sich besser, seitdem sie ohne Barrieren menstruiert, sagt Wiebe, „mehr im Einklang mit mir selbst“.

When bleeding... Foto: Vulvani - www.vulvani.com, CC BY 4.0 Foto: Vulvani - www.vulvani.com, CC BY 4.0

Viele wissen und sprechen wenig über ihre Menstruation

Das war nicht von Anfang an so. „Als ich das in Guadalajara das erste Mal gemacht habe, dachte ich: Vielleicht geht das auch voll in die Hose.“ Rund 60 Milliliter Blut verliert der Körper während der Periode, bei manchen Menschen mehr, bei manchen weniger. Das entspricht drei vollen Schnapsgläsern – verteilt auf mehrere Tage also gar nicht mal so viel. Die Angst, dass davon etwas im Slip oder auf dem Bettlaken landet, kennt wohl jede menstruierende Person. Auch Wiebe ist das schon passiert. Früher hat sie sich dafür geschämt. Aber das gehört der Vergangenheit an.
 

Meine Periode und ich: Wir sind jetzt ein Team.“

Während der Menstruation wird Gebärmutterschleimhaut abgestoßen. Durch den Muttermund, ein winziges Stück geöffnet, und die Vagina und Vulva fließt eine Mischung aus Blut, Zervixschleim, Gewebe und Vaginalsekret heraus. Das passiert durch Muskelkontraktionen, also in Wellen – und nicht permanent. Wer die Wellen bewusst wahrnimmt, kann das beim Free Bleeding nutzen. „Am Anfang war ich noch unsicher und vorsichtshalber alle 15 bis 30 Minuten auf dem Klo“, sagt Wiebe. Ein paar Zyklen später kennt sie ihren Körper gut. An stressigen und langen Tagen nutzt Wiebe zusätzlich Periodenunterwäsche oder waschbare Slipeinlagen – immer so, wie es gerade passt und sie sich wohlfühlt, sagt sie. „Meine Periode und ich: Wir sind jetzt ein Team.“

Bis zum Teamgefühl war es ein langer Weg. Der beginnt nicht in Guadalajara, sondern viel früher. Wiebe ist 13, als sie das erste Mal ihre Periode bekommt. Sie sitzt in einem Berliner Kino als es passiert, ist fernab der Heimat und bei ihrer Tante und Cousine zu Besuch. Eine Woche lang hat sie Bauchschmerzen, schweigt, stopft den Slip mit Klopapier aus. „Mir schien das völlig natürlich, dass man nicht darüber spricht“, sagt sie. Auch später, in der Schule und an der Uni ändert sich das kaum. Wenn sie zurückdenkt, an das Schweigen, kommt ihr das irre vor, sagt Wiebe. Doch damit ist sie nicht allein. In Gesprächen mit Freund*innen merkt sie: Auch andere wissen und sprechen wenig über ihre Menstruation.

Geld verdienen mit der Aufklärung über die Periode

Kurz nachdem sie aus Mexiko zurück in Hamburg ist, schließt sie ihren Master in Lateinamerikastudien ab und beginnt einen Job als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Viel lieber aber beschäftigt sie sich mit der Periode. Sie beobachtet ihren Zyklus, führt Tagebücher, liest sich Wissen an. Das Thema lässt sie nicht mehr los. „Ich hatte immer wieder krasse Aha-Momente, auf wie vielen unterschiedlichen Dimensionen man das Thema Menstruation betrachten kann“, sagt sie. Sie startet einen Blog, schreibt dort über Free Bleeding, über eigene Erfahrungen und alles, was sie lernt. Den Blog nennt sie Vulvani. Er wird ihr Herzensprojekt – und später sogar mehr.

Die Vulvani-Co-Founder Britta Wiebe & Jamin Mahmood Die Vulvani-Co-Founder Britta Wiebe & Jamin Mahmood | Foto: Vulvani - www.vulvani.com, CC BY 4.0 Wiebes Free-Bleeding-Geschichte ist auch eine Liebesgeschichte. 2018 lernt sie Jamin Mahmood kennen, bei beiden funkt es gleich. Die Periode ist von Anfang an Thema. „Ich mochte, wie offen und neugierig er war“, sagt Wiebe. „Er kannte Free Bleeding nicht – und hat einfach nachgefragt, wie ich mich damit fühle, wie das funktioniert.“ Es ist Mahmood, der sie ermutigt, mehr aus Vulvani zu machen. 2019 schmeißt Wiebe den Job an der Uni, der sie nicht erfüllt. Gemeinsam mit Mahmood tüftelt sie an einem Geschäftsmodell. Nun verdienen sie mit der Aufklärung über die Periode ihr Geld, indem sie auf ihrer Bildungsplattform rund um weibliche Zyklusgesundheit, Sexualität und Menstruation Onlinekurse anbieten.
 
Es gibt Momente, sagt Wiebe, in denen sie das noch gar nicht richtig fassen kann. Was 2015 mit Frust, zu viel Gepäck und einem Gespräch unter Freundinnen in Mexiko begann, mündet nun, sechs Jahre später, nicht nur in ein besseres Körpergefühl durch Free Bleeding, sondern auch in die berufliche Freiheit. Seit Juni ist Vulvani ins Handelsregister eingetragen und dadurch offizielles Social Start-up. Mahmood ist als gleichberechtigter Geschäftspartner an Bord. Er ist derjenige, der fotografiert, filmt und mit Zahlen jongliert. Sie ist der kreative Kopf. Gemeinsam wollen sie das erreichen, was Wiebe sich einst für sich selbst gewünscht hätte: dass die Periode nicht tabu ist.

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