Pflegenotstand Systemrelevant und system(at)isch vernachlässigt

Systemrelevant und system(at)isch vernachlässigt Foto: amirreza jambi via unsplash | CC0 1.0

Während der ersten Phase der Pandemie wurde vielerorts allabendlich von Balkonen und aus geöffneten Fenstern für die „Systemrelevanten“ geklatscht, vor allem für jene, die an vorderster Front gegen das Virus kämpfen und sich um die Kranken kümmerten. Gesellschaftliche Anerkennung hätten Pflegekräfte auch schon vor der Pandemie verdient. Finanziell aber ist ihre Situation in Deutschland seit Jahrzehnten prekär. Mit Konsequenzen – im Pflegebereich gibt es einen eklatanten Fachkräftemangel.

Der Journalist David Gutensohn (*1993) erläutert in seiner Streitschrift Pflege in der Krise (Atrium, 2021), wie es zu diesem Pflegenotstand kommen konnte. Und er hat Forderungen, was getan werden müsste, um der Entwicklung entgegenzusteuern.

David, in deiner Streitschrift „Pflege in der Krise“ rufst du zu einem umgehenden Kurswechsel in der Gesundheitspolitik auf. Wie dramatisch ist die Situation denn?

Das größte Problem in der Pflege ist der Fachkräftemangel, vor allem in Deutschland, aber in der ganzen EU sieht das ähnlich aus. In Deutschland fehlen jetzt schon 200.000 Fachkräfte und bis 2030 werden es Prognosen zufolge 500.000 sein. Von allen wichtigen Arbeitsbereichen ist keiner stärker betroffen als die Pflege. Es werden ganz massiv Fachkräfte aus anderen Ländern abgeworben – und noch funktioniert das gut. Aber es gibt wirklich einen sehr großen Mangel an Pflegefachkräften. Dazu muss man wissen, dass unter diese Zahlen die komplette Pflege fällt, also nicht nur Krankenhäuser, sondern auch Pflegedienste, Pflegeheime und die häusliche Betreuung. Aber es ist trotzdem enorm.
 

Die Löhne in der Pflege sind schlecht, die Arbeitsbedingungen ebenso, viele Menschen haben den Beruf verlassen und immer weniger können sich vorstellen, ihn zu ergreifen. Das ist ein Teufelskreis.“

Wie konnte es soweit kommen?

Grundsätzlich hat das mit der Profitorientierung im Gesundheitswesen zu tun, die Löhne sind schlecht, die Arbeitsbedingungen ebenso, viele Menschen haben den Beruf verlassen und immer weniger können sich vorstellen, ihn zu ergreifen. Das ist ein Teufelskreis: Wenn die Löhne schlecht sind, gibt es weniger Fachkräfte, dann werden die Arbeitsbedingungen wieder schlechter, weil Leute für die Schichten fehlen. Hinzu kommt, dass dieser Beruf vorwiegend von Frauen ausgeübt wird, es gibt zu wenige Männer in der Branche. Und das Demographieproblem bedeutet, dass wir zu wenige junge und zu viele alte Menschen haben. Nur in Japan ist das noch extremer, aber gleich darauf folgt Deutschland. Die Menschen müssen immer länger gepflegt werden, weil wir immer älter werden. Die Prognose mit 500.000 fehlenden Fachkräften ergibt sich außerdem daraus, dass bald die Babyboomer, die geburtenstärksten Jahrgänge, in Rente gehen.

Pflege in der Krise © Atrium Verlag

 

In deiner Streitschrift schilderst du, dass sich das Gesundheitssystem in Deutschland seit 1985 radikal verändert hat, weil es immer weiter privatisiert wurde. Kannst du erläutern, was daran problematisch ist? Gibt es vielleicht auch Vorteile?

Früher gehörten Krankenhäuser und Pflegeheime allen – wie auch Kindergärten, Schulen, die Polizei und Feuerwehr. Es war unvorstellbar, mit der Gesundheit Gewinn zu machen. Das hat sich ab 1985 schrittweise geändert. Erst durften, dann mussten Krankenhäuser Gewinne erzielen, vor allem seit 2004 eingeführt wurde, dass Behandlungen pauschal und nicht mehr nach Aufwand, Kosten und Arbeitskräften bezahlt werden. Deswegen existiert diese Profitorientierung. Einen Vorteil gibt es aber: 1995 wurde der Pflegesektor für den privaten Markt geöffnet. Es war eine bewusste Entscheidung, die Einrichtung von Pflegeheimen lukrativ zu machen und nur dadurch sind viele Pflegeheime überhaupt erst entstanden. Trotzdem überwiegen jetzt die Nachteile des Profitstrebens und dagegen müssen wir etwas tun.

Der schlechte Ruf der Pflege ist dabei kontraproduktiv. Wie könnte man ihn verbessern?

Wer will, dass sich das Image verändert, muss durch bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen dafür sorgen, dass der Beruf erstrebenswert und dass er zu einem Studiengang wird. Gleichzeig braucht es auch Vorbilder wie die Pflegekräfte Alexander Jorde oder Franziska Böhler, die in den sozialen Medien sehr präsent sind. Durch die Pandemie hat Pflege an Ansehen gewonnen. Es wurde noch nie so viel über das Thema diskutiert, jetzt wissen alle, dass Pflegende systemrelevant sind. Mich freut, dass so viel darüber gesprochen wird. Schädlich kann das trotzdem sein: Werden zu oft die schlechten Arbeitsbedingungen erwähnt, setzt sich das bei jungen Leuten fest.

Wie konnte es überhaupt zu diesem schlechten Image kommen? Pflege betrifft schließlich uns alle.

Berufe, in denen hauptsächlich Frauen arbeiten, haben laut Studien ein schlechteres Ansehen. Die Pflege ist schlecht bezahlt und gilt als Beruf, in dem man sich kaputtarbeitet. Pflegekräfte bekommen zu hören: „Ich könnte nie so arbeiten.“ Deutschland gehört zu den wenigen Ländern weltweit, in denen Pflege – außer in wenigen Pilotprojekten – nicht studiert wird. In den USA beispielsweise ist das ein akademischer Beruf, und dadurch steigt das Ansehen. Hierzulande ist Pflege nur Ausbildungsberuf, man kann auch mit einem Hauptschulabschluss Pflegekraft werden. [Der frühere Bundesarbeits- und Sozialminister] Norbert Blüm hat mal gesagt, man bräuchte dafür nur „ein gutes Herz und eine ruhige Hand“. Das ist vollkommen untertrieben, weil es viele Qualifikationen und Fähigkeiten benötigt.

Deutschland gehört zu den wenigen Ländern weltweit, in denen Pflege – außer in wenigen Pilotprojekten – nicht studiert wird. In den USA beispielsweise ist das ein akademischer Beruf, und dadurch steigt das Ansehen.“

Wieso arbeiten in der Pflegeprimär Frauen?

Das hat sicher mit gesellschaftlichen Stereotypen zu tun. Und weil die Pflege so schlecht bezahlt ist. Das gilt statistisch für viele Branchen; Männer sind aus diesem Grund nachweisbar auch seltener Erzieher oder Kassierer. Man sieht es in Krankenhäusern, wo die Bezahlung etwas besser ist als in Pflegeheimen: Da arbeiten etwas mehr Männer in der Pflege als zum Beispiel in Seniorenheimen.

Inwiefern hat die Coronakrise den Komplex Pflege verändert?

Durch Corona ist das Thema in der Bevölkerung groß, und es wird auch wichtig im kommenden Wahlkampf. Ich habe schon vor Corona über Pflege geschrieben, aber das hatte viele per se nicht interessiert, jetzt fragen mich viele, was sich ändern muss. Und auch die Pflegekräfte sagen immer öfter, dass alle mehr über ihren Beruf wissen wollen. Finanziell hat es allerdings nichts gebracht. Den Corona-Bonus gab es nur für wenige und nur einmalig, und strukturell hat sich auch nichts getan. Es gab die Überlegung, einen flächendeckenden Tarifvertrag in Deutschland einzuführen. Die Politik war auf einem guten Weg – und dann hat mit der Caritas ausgerechnet ein sozialer Träger dagegen gestimmt.

Warum das denn?

Im Vergleich zu anderen Trägern gibt es bei der Caritas gute Arbeitsbedingungen. Ein Grund wird sein, dass es nicht so leicht ist, Arbeitskräfte abzuwerben, wenn die Arbeitsbedingungen überall sonst besser werden. Die Caritas ist außerdem ein kirchlicher Träger und kann ihr eigenes Arbeitsrecht festlegen, zum Beispiel dass man Mitglied in der Kirche sein muss und dass Geschiedene entlassen werden können. Da ist die Sorge, dass ein allgemeiner Tarifvertrag langfristig die Kirchprivilegien außer Kraft setzen könnte. Ich habe den Präsidenten der Caritas interviewt, und er war für den Tarifvertrag, hatte aber keine Mehrheit im Verband. Die Entscheidung der Caritas war ein riesiger Schock, niemand hat damit gerechnet, viele Pflegekräfte waren entsetzt, denn das neue Gesetz hätte deutlich bessere Löhne für sie bedeutet, und das ist jetzt in eine weite Ferne gerückt.

Dafür aber wurde ein Gesetz verabschiedet, laut dem Pflegeheime und Pflegedienste nur noch eine Zulassung erhalten, wenn sie Tariflöhne zahlen. In einem Kommentar auf „Zeit Online“ kritisierst du dieses Gesetz mit den Worten, das sei „so effektiv wie einen Eimer Wasser in einen Hausbrand zu kippen und nach Stunden zu schauen, ob das ausgereicht hat“. Warum?

Ich kritisiere zum einen, dass es erst im September 2022 in Kraft tritt, und nicht sofort. Und ich frage mich, was sich dadurch effektiv für die Pflegekräfte ändert. Klar ist es ein guter Schritt, dass es diesen Ansatz überhaupt gibt. Aber es gibt auch schlechte Tarifverträge. Für manche wird sich trotzdem etwas ändern: Im Schnitt kommt es aber nur zu einer Lohnsteigerung von 200 oder 300 Euro, brutto wohlgemerkt, da bleibt netto nicht viel übrig. Das verhindert den Mangel nicht.

David Gutensohn David Gutensohn | Foto: © David Gutensohn

Warum liegt dir persönlich das Thema Pflege so am Herzen?

Ich bin mit der Pflege aufgewachsen. Meine Eltern sind, beziehungsweise waren, beide Pflegekräfte und haben in dem kleinen Ort, in dem ich aufgewachsen bin, in einem Pflegeheim gearbeitet. Nach dem Kindergarten bin ich nachmittags in das Pflegeheim und habe viel Zeit mit den Seniorinnen und Senioren verbracht. Viele Jahre später habe ich Sozialwissenschaften studiert und mich auf das Sozialsystem konzentriert, und auch journalistisch befasse ich mich mit sozialen Themen und der Arbeitswelt. Ich schreibe auch über andere Bereiche, aber dieses Thema bedeutet mir viel, schon vor der Pandemie und jetzt natürlich umso mehr. Lange bevor der Beruf so bezeichnet wurde, war mir klar, dass er systemrelevant ist.
 

David Gutensohn
Pflege in der Krise. Applaus ist nicht genug
Atrium Verlag (2021), 128 Seiten

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