Pflegefamilien Im besten Interesse des Kindes handeln

Im besten Interesse des Kindes handeln Foto: Juliane Liebermann via unsplash | CC0 1.0

Tschechien ist eins letzten Länder in Europa, in dem Säuglinge und Kleinkinder dauerhaft in Heimen untergebracht werden können. Die meisten anderen Länder setzen auf Pflegefamilien. Seit über zwanzig Jahren währt die Debatte über eine Reform. Ab 2025 soll zwar die institutionelle Pflege in großen Einrichtungen, sogenannten Säuglingsanstalten (tschechisch: Kojenecké ústavy) enden. „Aber es herrscht noch wenig Bewusstsein darüber, was emotionale Bindung bedeutet und warum es notwendig ist, dass Kinder in einer Familie aufwachsen“, sagt Alena Svobodová von der internationalen Organisation Lumos.

Welche Motivation haben Menschen, die Pflegeeltern werden wollen?

Jeder hat seine eigene Motivation, aber im Allgemeinen handelt es sich um Menschen, die jemandem helfen wollen, meistens sind das Altruisten. Sie haben das Gefühl, dass bei ihnen noch Platz ist, ob nun physisch gesehen oder im Herzen. Sehr oft haben sie bereits erwachsene Kinder und vor allem die Frauen fühlen sich nicht ausgelastet. In der Kurzzeitpflege suchen Interessenten eine sinnvolle Arbeit. Zuvor haben sie zum Beispiel als Geschäftsleute gearbeitet und möchten jetzt etwas tun, das für sie mehr Sinn ergibt.

Sollten wir in der Öffentlichkeit nicht mehr darüber reden, dass die Pflegeelternschaft ein Beruf wie jeder andere ist, der vom Staat finanziert wird? Dass wir genauso wie Ärzte, Lehrer und Feuerwehrleute eben auch Pflegeeltern haben, die sich für eine kürzere oder längere Zeit um Kinder kümmern, deren biologische Eltern dazu nicht in der Lage sind?

Es ist sicher angebracht von Pflegeeltern als Profis zu sprechen, die eine Tätigkeit ausüben, welche für den Staat wichtig ist. Gleichzeitig übersteigt es sogar die „Professionalität“. Es arbeitet doch niemand sieben Tage in der Woche vierundzwanzig Stunden täglich. Früher war es so, dass die Pflegeelternschaft eine versteckte Adoption war. In einer Novelle aus dem Jahr 2013 zum sozialrechtlichen Schutz von Kindern steht bereits, dass Pflegeeltern die Verbundenheit des Kindes mit den biologischen Eltern festigen sollen. Etwas Derartiges war bis dahin nirgendwo vermerkt und auch nicht umgesetzt worden. Jetzt ist es so, dass, wenn die biologische Familie Interesse am Kontakt mit ihrem Kind hat, die Pflegeeltern ihr das ermöglichen müssen. Und es gibt eine begleitende Organisation, die bei diesem Kontakt hilft. Das Gesetz ist aber schon wieder veraltet und müsste erneuert werden, beziehungsweise bräuchte es wohl eher ein komplett neues, modernes Gesetz zum Schutz von Kindern.

Was ist an dem aktuellen Gesetz veraltet?

Die Prävention sollte darin viel mehr Gewicht bekommen. Die biologische Familie sollte mehr Unterstützung bekommen, gezielt und massiv, damit man ihr die Kinder überhaupt gar nicht erst wegnehmen muss, oder damit die Kinder in die Familien zurückkehren können, wenn die Probleme nicht sehr gravierend sind. Heute gehen nur etwa zehn Prozent des gesamten Budgets, das für den sozialrechtlichen Schutz von Kindern bestimmt ist, an die Prävention. Der Großteil der finanziellen Mittel geht unsinnigerweise an die Säuglingsanstalten und Kinderhäuser, ein weiterer Teil an die Pflegefamilien.
 

Pflegefamilien in Tschechien

Pflegefamilien sind für Kinder bestimmt, deren biologische Eltern sie nicht dauerhaft in Obhut geben möchten (im Unterschied zur Adoption, bei der die Kinder rechtlich gesehen „frei“ sind). Es gibt die sogenannten Übergangspflegeeltern, die ein Kind kurzfristig aufnehmen und sich maximal ein Jahr um es kümmern können. Bis dahin klärt sich entweder die Lage der biologischen Familie und das Kind kann dorthin zurückkehren, oder es kommen die Dauerpflegeeltern ins Spiel, bei denen es bis zu seiner Volljährigkeit bleiben kann.
 
Im Jahr 2020 wurde der tschechische Staat vom Ausschuss für Sozialrechte des Europarats dafür kritisiert, wie er mit gefährdeten Kindern umgeht. Dem Ausschuss zufolge gehören Kinder bis zu einem Alter von drei Jahren nicht in Pflegeanstalten. Zudem dürften Kinder nicht aus sozialen Gründen aus deren Familien genommen werden. In Tschechien geschieht dies jedoch regelmäßig (zum Beispiel, weil die Familie keine Wohnung hat). Der Staat solle sich außerdem mehr auf die Prävention und Hilfe für Familien in Not konzentrieren.


Nachtrag: Am 6. August 2021 beschloss das tschechische Abgeordnetenhaus mit großer Mehrheit eine Gesetzesnovelle, laut der Kinder unter drei Jahren ab 2025 nicht mehr dauerhaft in sogenannten Säuglingsanstalten (tschechisch: Kojenecké ústavy) untergebracht werden dürfen. Lediglich die Kommunistische Partei (KSČM) und die rechtsextremistische SPD stimmten gegen die Novelle, über die nun noch im Senat, der oberen Kammer des tschechischen Parlaments abgestimmt werden muss.

Oft wird auch darüber geredet, dass tschechische Pflegefamilien keine adäquate finanzielle Entlohnung erhalten.

Ja, und das betrifft vor allem die Kurzzeit-Pflegeeltern, die 20.000 Kronen (etwa 800 Euro) netto bekommen (ab 2022 sind es 27 360 Kronen, d.h. etwa 1074 Euro)). Dabei sind sie sehr wichtig, sie sind ein Auffangpunkt, wenn ein Kind aus seiner Familie genommen werden muss und sie es sofort aufnehmen können. Und dabei stellt es für vorübergehende Pflegeeltern keine besondere Motivation dar, ein Geschwisterpaar aufzunehmen, denn sie bekommen für ein Kind genauso viel Geld wie für zwei.

Verstehen die Pflegeeltern, was bei dieser Arbeit ihre Aufgabe ist?

Viele ja. Leider ist manchen nicht bewusst, dass sie die Kinder nicht zu sorgfältig aussuchen sollten.

Auf der anderen Seite können Sie aber auch nicht wirklich jeden aufnehmen, oder? Zum Beispiel ein Kind im Rollstuhl, wenn sie keine barrierefreie Wohnung haben.

Selbstverständlich. Ich spreche nicht von der Dauerpflege, da muss alles so abgestimmt sein, dass Familie und Kind zusammen passen. Hier verbringt das Kind üblicherweise viele Jahre und besucht nur sehr selten seine eigentliche Familie. Eltern in der Kurzzeitpflege sollten da aber „mehr aushalten“ können. Natürlich darf es nicht sein, dass unerfahrene Pflegeeltern ein sechzehnjähriges, wildes Mädchen zu sich nehmen – sie müssen erst Erfahrungen sammeln. Aber es geht auch nicht, dass Kurzzeit-Pflegeeltern nur Babys bis zum Alter von einem Jahr aufnehmen wollen, was immer wieder vorkommt. Pflegeeltern müssen sich bewusst machen, dass es ihre Aufgabe ist, dazu bereit zu sein ein Kind aufzunehmen, welches genau jetzt ihre Hilfe benötigt.

Bei Pflegeeltern in Kurzzeit sollte geprüft werden, mit welchen Kindern sie zurechtkommen würden, wo ihre Kompetenzen liegen. Wenn sie ein Baby wollen und ich erfahre, dass die antragstellende Pflegemutter Lehrerin für die Sekundarstufe I ist, dann kann ich sie fragen, ob sie nicht auch mit älteren Kindern klarkommen würde, da sie mit ihnen Erfahrung hat.
 

Kinder, die mal in staatlicher Pflege waren, haben oft eine andere, ungleichmäßigere Entwicklung durchgemacht und können in manchen Bereichen nicht mithalten. Ziemlich oft betrifft das die emotionale Ebene.“

Welche Fragen sollte man Pflegeeltern stellen?

Mit was für einem Kind würden Sie zurechtkommen? Könnte es einer anderen Ethnie angehören? Körperlich beeinträchtigt sein? Und mit welchem Grad der körperlichen Beeinträchtigung würden Sie klarkommen? Wäre eine Hörstörung ein Problem? Nach Details fragen. Warum wollen sie kein Roma-Kind? Sind das Vorurteile? Rassismus? Oder irgendwelche schlechten Erfahrungen?

Wenn sich eine bestimmte Intoleranz gegenüber anderen Ethnien zeigt, beziehungsweise die Unfähigkeit dazu, sich mit Vorurteilen auseinanderzusetzen, dann ist das schlecht. Denn eine Ersatzfamilie wird sich immer von den anderen Familien mit biologischen Kindern unterscheiden, und das gilt auch im Fall eines kleinen weißen Pflegekindes.

Wie äußert sich dieser Unterschied?

Kinder, die mal in staatlicher Pflege waren, haben oft eine andere, ungleichmäßigere Entwicklung durchgemacht und können in manchen Bereichen nicht mithalten. Ziemlich oft betrifft das die emotionale Ebene, weil es ein frühes Trauma in der Entwicklung gab, das durch die Abwesenheit von Bezugspersonen verursacht wurde. Nehmen wir zum Beispiel ein siebzehnjähriges Kind, das morgens verschläft. Da kann es zu einem Anfall wie bei einem Dreijährigen kommen. Manchmal bleiben diese Kinder auch bezüglich ihrer Sprachfähigkeiten zurück, sie haben oft Probleme in der Schule und in anderen Bereichen der Entwicklung. Wie mein Kollege sagt: auch wenn Sie ein blauäugiges, weißes Mädchen aufnehmen, werden Sie mit den gleichen Problemen konfrontiert wie mit einem Roma-Jungen.

Alena Svobodová Alena Svobodová | Foto: © privat

Alena Svobodová ist Sozialarbeiterin und Absolventin der Philosophischen Fakultät der Prager Karlsuniversität. Sie hat als Leiterin der staatlichen Sozialdienste gearbeitet, die biologische Familien vor Ort unterstützt. Seit über zehn Jahren ist sie für die internationale Organisation Lumos tätig. Die von J. K. Rowling gegründete NGO setzt sich auf der ganzen Welt für die Beendigung der Unterbringung von Kindern in Anstalten ein. Alena Svobodová bildet vor allem Sozialarbeiter*innen in den Methoden der Sozialarbeit oder der direkten Arbeit mit Kindern und Erwachsenen aus. Sie leitet auch die Kurse zur Vorbereitung zukünftiger Ersatzeltern. Darüber hinaus ist sie Co-Autorin vieler Fachpublikationen über die Methoden der Sozialarbeit.

In diesem Zusammenhang würde mich Ihre Meinung zu den Rechten der leiblichen Eltern interessieren. Wäre es nicht besser für die Kinder, wenn die Eltern kein großes Interesse an ihnen hätten, wenn man ihre elterlichen Rechte schneller beschneiden könnte, als das heute möglich ist?

Das ist ein stark diskutiertes Thema. Ich bin eindeutig dafür, dass Eltern eine zweite Chance bekommen, aber die Kinder verlieren dabei Zeit, die ihnen keiner ersetzen kann. Ich bin also für eine zeitlich begrenzte Phase der intensiven Unterstützung der Familie, und das vor allem bei kleinen Kindern. Wenn die Eltern nach dieser Unterstützung nicht dazu fähig sind, sich um ihr Kind zu kümmern, sollte das Kind ein Recht auf eine Familie, also auch auf eine Ersatzfamilie haben, rechtlich frei sein und adoptiert werden können.

Zurzeit existiert nämlich kein zeitlicher Rahmen, ab wann man die Eltern aus ihrer Verantwortung entlassen kann.

Im Gesetz ist das nur vage festgehalten. Im Grunde steht da, dass ein Elternteil aufrichtiges Interesse an dem Kind zeigen sollte. Das kann aber leider auch so aussehen, dass er oder sie das Kind alle drei Monate in der Säuglingsanstalt besucht. Es gibt Eltern, die ein ehrliches Interesse haben und ihr Kind jeden Tag besuchen kommen. Aber auch das muss ja nicht bedeuten, dass ich deshalb das Kind in der Säuglingsanstalt leben lasse.

Hier stoßen wir aber auf das Problem, dass niemand mit den Familien arbeitet. Außerdem haben wir unter anderem immer noch kein Gesetz für das soziale Wohnen. Dabei sind genau die Wohnverhältnisse oft das Problem, im Allgemeinen: die Armut.

Sicher würde das eine unglaubliche Menge an Problemen lösen. Die Wohnungsfrage ist ein großes Thema. Gerade wurde eine Analyse für die Säuglingsanstalt in Liberec (Reichenberg) erstellt. Aus dieser geht hervor, dass 85 Prozent der Familien, deren Kinder sich in der Säuglingsanstalt in Liberec befinden, Probleme finanzieller Art sowie ihrer Wohnungssituation haben. Man muss sagen, dass der tschechische Staat mittlerweile ganz gut ist in der Ersatzpflege, aber Prävention können wir immer noch nicht. Dabei würden weniger Kinder in Pflegeeinrichtungen gelangen, wenn wir die Prävention lernen würden. Und wir bräuchten nicht so viele Pflegefamilien. Das ist eine einfache Gleichung.

Glauben Sie, dass es mehr Interesse an den Kindern gäbe, wenn mehr von ihnen zur Adoption freigegeben würden?

Leider nicht zwangsläufig. Ich kenne Fälle von misshandelten Kindern, an denen ihre Eltern kein Interesse zeigen. Sie liegen in der Säuglingsanstalt und noch niemand hat die Beendigung der elterlichen Verantwortung beantragt. Dabei hätten diese Kinder schon längst adoptiert werden können. Und dann kenne ich Kinder, deren Eltern gar nicht großartig abwesend waren, aber die elterliche Verantwortung bereits los sind. Vollkommen unsinnigerweise. Und auch diese Kinder sind in der Säuglingsanstalt.

Was kann man tun?

Einen Teil kann man per Gesetz regeln. Die wichtigste Veränderung muss aber im Denken stattfinden. Wir müssen begreifen, dass wir im besten Interesse des Kindes handeln müssen, und verstehen, was genau das ist.
 

Es fehlt das Bewusstsein dafür, dass ein Kind in einer Familie aufwachsen sollte und alle sich bemühen müssen, das möglich zu machen.“

Also vor allem verstehen, wie die Bindung in Beziehungen entsteht?

Ganz genau, das findet hier immer noch wenig Beachtung. Vor kurzem war ich in der Slowakei bei einer Fortbildung bezüglich emotionaler Bindungen, und da waren auch Mitarbeiter slowakischer Kinderheime. Dort haben sie schon verstanden, worum es dabei geht, sie arbeiten mit den Kindern so gut sie können, aber sind sich gleichzeitig bewusst, dass es den Kindern in einer Familie besser ginge [in der Slowakei wurden die Säuglingsanstalten vor vierzehn Jahren abgeschafft, Kinder unter sechs Jahren befinden sich in Pflegefamilien; Anm.d.Red.].
 
Bei uns in Tschechien herrscht das Gefühl vor, dass den Kindern geholfen ist, wenn wir ihnen materielle Hilfe zukommen lassen, also ein sauberes Bett, Essen und eine Heizung. Ich sage nicht, dass sie in den tschechischen Einrichtungen nicht ihr Bestmögliches für die Kinder tun. Aber es fehlt das Bewusstsein dafür, dass ein Kind vor allem in einer Familie aufwachsen sollte und alle sich bemühen müssen, das möglich zu machen.

Ein grundlegender Faktor ist das Finden von Pflegeeltern, beziehungsweise sie gezielt anzuwerben, was im Ausland Standard ist. Wie sieht ein solcher Anwerbeprozess aus?

Sie können in Bussen Reklame machen, im Radio, mit Flyern. Am besten funktioniert aber ein Treffen von Pflegefamilien mit Menschen, die über eine Pflegeelternschaft nachdenken. Im Mährisch-Schlesische Kreis veranstaltet der Landkreis selbst eine „Woche der Pflegeelternschaft“, die dann in Ostrava (Ostrau) mit einer Veranstaltung auf dem Gelände der ehemaligen Eisenhütte gipfelt. Es kommen tausende Besucher, es gibt Aktivitäten für Kinder, man kann mit Pflegeeltern sprechen, alles Wesentliche erfahren. Im Landkreis Pardubice gibt es eine ähnliche Veranstaltung, die wandert und in Schlössern und Parks halt macht. Und es haben sich noch weitere Landkreise angeschlossen. Das sind nur Beispiele. Jetzt versuchen eine Publikation zu diesem Thema zusammenzustellen.
 
Am grundlegendsten ist es aber, in die Kampagne die Pflegefamilien und diejenigen miteinzubeziehen, die die Ersatzpflege selbst durchlaufen haben. Sie sind die Zugtiere, sie und ihre Geschichten und Erfahrungen. Und dafür sollten sie natürlich bezahlt werden, weil das zusätzliche Arbeit bedeutet. Wenn ich künftige Pflegeeltern auf ihre Rolle vorbereite und einen Menschen mitbringe, der in Pflege bei einer Ersatzfamilie war und erzählt, wie wichtig das für ihn war, dann sehen alle, dass das gut ausgehen kann, dass es einen Sinn hat. Wir hatten da zum Beispiel mal einen Jungen, der erst mit sechzehneinhalb Jahren in eine Pflegefamilie kam.

Wie ist der dahin gekommen?

Er war im Kinderheim, ging aufs Gymnasium und hatte einen Mitschüler in der Klasse, der in einer Pflegefamilie lebte. Und die nahm ihn auf. Jetzt ist er schon erwachsen und hat Kinder. Er behauptet, das habe ihn ganz bestimmt beeinflusst, und dass seine Pflegefamilie zu seiner richtigen Familie wurde.

Wie sollte man Pflegeeltern am besten auf ihren Beruf vorbereiten?

Die Vorbereitung sollte vor allem durch Erlebnisse und Selbstversuche geschehen. Heute sieht die Vorbereitung zur Pflegeelternschaft oft so aus, dass es einen Erste-Hilfe-Kurs gibt, man etwas über die rechtlichen Aspekte erfährt, wie Pflegeelternschaft definiert wird und weitere theoretische Dinge. Wichtig ist es aber mit den Menschen darüber zu sprechen, was den Kindern widerfahren ist, die keine einzige Bezugsperson hatten. Die Kinder zu verstehen ist einfach die Basis, und das erreicht man am besten mit der Erlebnispädagogik, denn diese hilft dabei, sich in die Kinder hineinzuversetzen. Oder eben indem man einen Gast mitbringt. Zum Beispiel einen Jungen, der sich dazu entschlossen hat seine biologische Familie zu suchen. Wenn ich selbst davon erzähle, wie wichtig das alles ist, dann ist das etwas völlig anderes, als wenn Sie das von jemandem hören, der weiß, wie es sich anfühlt seine Eltern nicht zu kennen.

Fasziniert hat mich, dass Sie bei jeder Vorbereitung mindestens ein gleichgeschlechtliches Paar dabei haben.

Ja, in Prag ist das völlig normal. Da gibt es Interessenten für die Pflegeelternschaft und die Adoption. Rechtlich gesehen können nicht alle beide das Kind aufnehmen, es wird also nur für eine Person eingetragen. Aber zur Vorbereitung kommen beide. Ich sehe es als einen großen Vorteil an, dass sie sehr gut wissen wie es ist, einer Minderheit anzugehören, und genau deswegen sind sie meistens toleranter. Sie brauchen zu diesem Thema keine Erlebnispädagogik. Sie sind meistens in der Lage und bereit, ein Kind einer anderen ethnischen Zugehörigkeit oder eines mit Handicap aufzunehmen.

Vielen haben aber immer noch große Probleme damit, wenn Kinder mit zwei Müttern oder zwei Vätern aufwachsen sollen.

Das ist leider so. Es existieren in Tschechien zu diesem Thema leider keine Untersuchungen, aber im Ausland gibt es davon viele. Ein häufiges Argument ist, dass die Entwicklung des Kindes leiden würde. Aus den Untersuchungen geht aber hervor, dass sich die Kinder vollkommen normal entwickeln. Es kommt nicht darauf an, ob ein Mann oder eine Frau leistet, was für eine gute Entwicklung nötig ist – das Wichtigste ist die Qualität der Beziehung zwischen dem Erwachsenen und dem Kind.

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