Abtreibung in Deutschland Stigmatisiert und allein gelassen in der rechtlichen Grauzone

150 Jahre Widerstand gegen § 218 - Aktion in Berlin am 15. Mai 2021 Foto: Sabrina Gröschke | Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung | CC BY-NC-SA 2.0

Allein über das Thema Abtreibung zu informieren kann laut deutscher Gesetzgebung schon als Werbung ausgelegt werden, und die ist illegal – entsprechend gibt es kaum Optionen für Schwangere, sich über ihre Möglichkeiten aufzuklären. Die Website abtreibung-deutschland.de will diese Lücke schließen – die Betreiberinnen bewegen sich damit in einer rechtlichen Grauzone.

In Deutschland öffentlich über das Thema Abtreibung zu sprechen kann so heikel sein, dass Sandra und Antje nicht einmal vor der Autorin dieses Artikels mit echtem Namen und Gesicht auftreten wollen, sondern die Sicherheit der vollständigen Anonymität bevorzugen. Die beiden Frauen, die, soviel verraten sie, schon lange befreundet sind, haben die Website abtreibung-deutschland.de ins Leben gerufen, um schwangere Personen mit neutralen Informationen über ihre Optionen zu versorgen.

Information = Werbung?

In Deutschland ist eine Abtreibung in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft möglich – sie ist laut § 218 Schwangerschaftsabbruch zwar rechtswidrig und wird mit einer Geld- oder Freiheitsstrafe geahndet, der aus den siebziger Jahren stammende Zusatzartikel § 218a Straflosigkeit des Schwangerschaftsabbruchs hebt dies unter bestimmten Umständen aber auf: Die betroffene Person muss sich vor Ende der zwölften Schwangerschaftswoche in einem Beratungsgespräch informieren, danach drei Tage warten, und kann im Anschluss durch einen Arzt oder eine Ärztin den Abbruch vornehmen lassen.
 
Welche Ärzt*innen Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, ist allerdings nicht so leicht herauszufinden. Viele Ärzt*innen, die auf ihren Websites angaben, dass sie Abtreibungen vornehmen, wurden angezeigt und mussten diese Auskunft löschen. Der Vorwurf lautete, sie hätten „Werbung“ für Abtreibungen gemacht, und das ist in Deutschland strafbar. § 219 Beratung der Schwangeren in einer Not- und Konfliktlage und § 219a Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft nennen sich diese bundesweit stark umstrittenen Paragraphen im deutschen Strafgesetzbuch.

Vor allem jüngere Frauen haben oft keinen blassen Schimmer, dass Abtreibungen eigentlich illegal sind.“

Großes öffentliches Aufsehen erregt hat der Fall um Kristina Hänel. Die Fachärztin für Allgemeinmedizin betreibt eine auf Sexualität und Frauengesundheit spezialisierte Praxis in Gießen. Hänel wurde nach mehrjährigen Verfahren wegen „Abtreibungswerbung“ im November 2017 schuldig gesprochen. Sie ging in Revision; nachdem der Fall schließlich vor dem Oberlandesgericht landete, wurde Hänels Revision verworfen, woraufhin sie im Februar 2021 Verfassungsbeschwerde einlegte. Hänel ist das prominenteste, aber bei weitem nicht das einzige Beispiel von Ärzt*innen, die von selbsternannten „Lebensschützern“ angezeigt wurden.

abtreibung-deutschland.de

Neutrale Informationen über Abtreibungen gab es in Deutschland entsprechend bisher kaum. Sandra und Antje haben das mit ihrer Website abtreibung-deutschland.de geändert. „Der Auslöser war, dass wir beide uns tierisch über das Thema aufgeregt haben“, bringt es Sandra auf den Punkt. „Viele wissen nicht um die legale Situation“, so Antje, „sie halten Deutschland für ein modernes Land, bis sie selbst in die Lage kommen. Vor allem jüngere Frauen haben oft keinen blassen Schimmer, dass Abtreibungen eigentlich illegal sind.“ Die beiden begannen zu googlen, wollten schauen, welche Informationen sie zum Thema Schwangerschaftsabbruch finden konnten. „Selbst die Websites, die neutral aussahen und einen Direktkontakt per WhatsApp anboten, haben im Endeffekt doch propagiert, dass das ungeborene Leben wichtiger sei als das der schwangeren Person“, erläutert Sandra ihre Recherchen. Antje ergänzt: „Viele dieser Seiten sind oft von kirchlichen Trägern, die Frauen stigmatisieren oder alleine lassen.“
 
Um auf abtreibung-deutschland.de möglichst umfassende Informationen anzubieten, sprachen Antje und Sandra mit mehreren Expert*innen, mit Ärzt*innen, Psycholog*innen, Schwangerschaftskonfliktberater*innen und Jugendtherapeut*innen, und auch mit Frauen, die selbst Abtreibungen hatten, zudem lasen sie verschiedene Studien. Wichtig war ihnen auch, die Website so niedrigschwellig wie möglich zu halten, damit sie auf alten Smartphones gut lesbar ist. Die ganze Arbeit – die Infos zusammenzutragen, die Website auf die Beine zu stellen und das Hosting zu bezahlen – machen sie übrigens auf eigene Kosten. „Wir haben das privat bezahlt“, sagt Sandra, „ein lustiges Hobby“, ergänzt Antje mit einem Lachen, um gleich wieder ernster zu werden: „Anders ginge das auch nicht. Würden wir von irgendwem Geld bekommen, wäre das finanziert, sprich Werbung und somit illegal.“

Ein tabuisiertes Thema

Bleibt noch eine Frage: Warum ist das Thema Schwangerschaftsabbruch in Deutschland so tabuisiert? „Historisch gesehen sind wir kein laizistischer Staat, selbst heute noch hat die Kirche viel Macht“, sagt Antje. „Auch die Gesetzesreform aus den siebziger Jahren ist doppeldeutig: Einerseits ist Abtreibung illegal, andererseits unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Das war ein Kompromiss zwischen Staat und Kirche, und mit diesem Relikt leben wir noch heute.“ Es fehle außerdem am sozialen Verständnis dieses Themas. „Wir leben in einem stark patriarchalen System“, sagt Sandra. „Über den Körper von Frauen und Menschen mit Uterus wird oft bestimmt. Es kann unglaublich schwer sein, sich zu emanzipieren.“
 
Dazu komme die Stigmatisierung, es werde zu wenig darüber gesprochen, auch in Freundeskreisen sich aus Scham oft nicht ausgetauscht. „Frauen wird Angst gemacht, dass sie von einer Abtreibung für immer ein Trauma behalten würden. Im Umkehrschluss vermute ich, dass viele Menschen nicht wegen der Abtreibung selbst, sondern wegen des Feuers, durch das sie gehen müssen, ein Trauma davontragen können“, sagt Sandra mit Anspielung auf das obligatorische Beratungsgespräch und den öffentlichen Diskurs. Antje zitiert die Studie eines Hamburger Familienplanungszentrums, für die die psychische Verfassung von Frauen nach einer Abtreibung untersucht wurde. „Die Frauen waren traurig, aber auch erleichtert, weil 20 Jahre Kindeserziehung einem einzigen Eingriff gegenüberstanden.“ Dies war laut den beiden Freundinnen ebenfalls die Aussage einer Schwangerschaftskonfliktberaterin im Gespräch mit Sandra und Antje: „Wenn die Frau die Entscheidung autonom und ohne Druck von außen trifft, geht es ihr damit zumeist gut.“

„Wir haben abgetrieben!“

Am 6. Juni 1971 sagten 374 teils prominente Frauen in der Titelgeschichte des Magazins stern: „Wir haben abgetrieben!“ – obwohl zu dem Zeitpunkt Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland noch vollkommen illegal waren. Initiiert wurde diese öffentliche Aktion, an der unter anderem Romy Schneider und Senta Berger teilnahmen, durch Alice Schwarzer. 50 Jahre ist das her. Seitdem haben sich die Gesetze zwar gelockert, gleichzeitig der gesellschaftliche Diskurs so verschärft, dass zwei Frauen, die nicht über ihre persönlichen Erfahrungen sprechen, sondern nur über Schwangerschaftsabbrüche informieren, nicht einmal im Impressum ihre echten Namen angeben, aus Angst vor Anzeigen oder gar Morddrohungen.

Die Möglichkeiten für Frauen, eine sichere Abtreibung durchzuführen, werden schlechter.“

Für die Zukunft wünschen sich Antje und Sandra natürlich eine Legalisierung, zugleich solle aber das Beratungsnetzwerk für Schwangere bestehen bleiben oder sogar noch ausgebaut werden, zum Beispiel durch unabhängige Konfliktberater*innen in allen Kliniken. „Natürlich müssen die Personen bürokratisch unterstützt werden, einige brauchen auch psychologische Hilfe“, sagt Antje. Die Ausbildung der Ärzt*innen sei ebenso wichtig, so Sandra. „Das sollte zur Grundausbildung gehören.“ Schwangerschaftsabbrüche nehmen nur wenige Ärzt*innen vor, gerade im ländlichen Bereich oder in Süddeutschland ist die Auswahl nicht groß, und sie wird geringer: „Die Möglichkeiten für Frauen, eine sichere Abtreibung durchzuführen, werden schlechter. Außerdem würde diese Grundausbildung auch zur Entstigmatisierung beitragen.“ Bis es soweit ist, wollen sie mit ihrer Website entstigmatisieren. „Allein schon darüber zu reden hilft, das Thema aus der Schublade zu holen“, weiß Sandra. Und fügt schmunzelnd hinzu: „Das ist aber kein Aufruf zur Revolte!“

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