​Housing First Die eigene Wohnung als Neustart ins Leben

Die eigene Wohnung als Neustart ins Leben Foto: Michal Matlon via unsplash | CC0 1.0

Die gemeinnützige Organisation Romodrom hat innerhalb von sieben Jahren etwas Tolles geschafft: Wohnungsbesitzer*innen melden sich mittlerweile von selbst bei ihnen, um ihre Immobilien für das Romodrom-Programm für Soziales Wohnen anzubieten. Gemeinsam mit anderen wohltätigen Organisationen ersetzt Romodrom so die Hilfe durch den Staat, dem es bis heute nicht gelungen ist, ein Gesetz zur Behebung der Wohnungsproblematik von Menschen in Not zu erlassen.

„Die Wohnung ist für jeden Menschen die Ausgangsbasis in die Welt, wir ziehen in ihr unsere Kinder auf, verbringen dort viel Zeit. Die Vorstellung, dass aus Notunterkünften fähige und gesellschaftlich gewandte Menschen hervorgehen, ist falsch. Wenn man einem Menschen aber die Gelegenheit gibt, ihm hilft und ihn unterstützt, dann kann er einen Heilungsprozess beginnen,“ sagt Nikola Taragoš, Leiter der von seiner Mutter Maria Gailová im Jahr 2001 gegründeten Organisation Romodrom.

 

Wie hat das alles angefangen?

Zuerst haben wir es vor sieben Jahren mit normalen Mietwohnungen probiert, was aber etwas anderes ist als Sozialwohnungen. Stellen Sie sich einen Menschen vor, der lange Zeit eine Wohnung hatte, die er dann aber verloren hat. So jemand braucht nur sehr wenig, um wieder neu anzufangen, da muss man keine Kompetenzen aufbauen. Um diese Fälle kümmert sich der Staat meiner Meinung nach nicht genug, er schafft es nicht, diesen Menschen gleich von Anfang an schnell und effektiv zu helfen. Und dann fallen sie oft durchs Raster und geraten tiefer und tiefer in noch größere Probleme, aus denen sie dann umso schwerer wieder herausfinden.

Daneben gibt es aber noch kompliziertere Fälle, nehme ich an.

Ja, Menschen mit längerfristigen Problemen und solche, denen es dauerhaft an Alltagskompetenz fehlt, benötigen Hilfe in Form von sozialem Wohnen. Gleichzeitig ist da eine intensive Sozialarbeit nötig, bei der die Klient*innen über lange Zeit regelmäßig, auch mehrmals die Woche, in ihren Wohnungen besucht werden müssen, um mit ihnen alle entstandenen Probleme zu lösen. Dafür braucht man ein großes Team von Sozialarbeiter*innen.

Warum wollten Sie das Projekt Housing First ausprobieren?

Weil wir glauben, dass es mehrere Instrumente braucht, um Menschen zu helfen. Housing First ist besonders, weil wir nicht vorher in Erfahrung bringen, welche Klient*innen zu uns kommen. Wir nehmen einfach die auf, die als erste kommen, und von dem, was sie umtreibt, erfahren wir erst, wenn sie schon in der Wohnung sind.

Housing First

Anfang der 1990er Jahre hatte Dr. Sam Tsemberis, der damals in New York lebte, eine recht logische Erkenntnis: Jemand, der keine Wohnung hat, findet auf der Straße nur schwer aus seinen Problemen wie zum Beispiel Drogenabhängigkeit heraus. Er entwickelte deshalb das Konzept des sogenannten Housing First, das auf einem einfachen Gedanken beruht: Wenn man Menschen eine Wohnung zur Verfügung stellt und sie über einen langen Zeitraum von Sozialarbeitern betreut werden, gelingt es den meisten ins Leben „zurückzukehren“ und ohne Hilfe auszukommen. Nach Versuchen, für ihre Klienten Wohnungen zu finden und sie beim Einleben zu unterstützen entschloss sich dir Organisation Romodrom letztes Jahr dazu, dieses Programm auszuprobieren.

Wie schwierig ist es, für Menschen in Notsituationen eine Wohnung zu finden?

Wir haben festgestellt, dass 93 Prozent der Immobilien in Tschechien in privater Hand sind. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, Wohnungen auf dem freien Immobilienmarkt zu suchen. Zuerst hatte natürlich keiner ein allzu großes Interesse daran, seine Wohnungen an unsere Klient*innen zu vermieten. Unser Angebot hat nur eine*r von zwanzig oder dreißig Wohnungsbesitzer*innen angenommen.

Dieses Verhältnis hat sich aber umgekehrt. Jetzt melden sich die Wohnungsbesitzer*innen selbst bei Ihnen und bieten ihre Wohnungen an. Wie haben Sie das geschafft?

Wir bieten Immobilienbesitzer*innen überprüfte Klient*innen und dazu einen begleitenden Dienst sowohl für den Besitzer, als auch für den Klienten und die garantierte Mietzahlung an. Ich habe ein halbes Jahr gebraucht um bei Romodrom alle davon zu überzeugen, dass das der einzig richtige Weg ist und wir einen Garantiefond brauchen. Eine solche Vorgehensweise hat großes Potenzial dazu, eine gemeinnützige Organisation in die Schulden zu treiben. Gleichzeitig funktioniert es aber nicht, wenn man einem Wohnungsbesitzer nicht garantieren kann, dass er kein Risiko eingeht. Deshalb haben wir uns auch strenge Vorgaben gemacht, welche Klient*innen wir überhaupt ins Programm aufnehmen. Von zehn Leuten sind da sechs durchgefallen.

Das funktioniert also so, dass Sie eine Wohnung besorgen und einen überprüften Klienten haben, der die Miete selbst bezahlt. Wenn er aber mal nicht zahlen kann, dann bezahlen Sie die Miete an seiner Stelle?

Ja, und dann einigen wir uns mit ihm auf einen Zeitplan zur Rückzahlung in Raten. Ein klassischer Fall, der immer wieder vorkommt, ist der einer Familie, die eine Beerdigung organisieren muss. Die nimmt dann all ihr Geld und veranstaltet eine große Beerdigungsfeier, ohne an die Miete zu denken. Das ist in Roma-Familien einfach so. Wir versuchen es ihnen zu erklären, erstellen mit ihnen zusammen einen Zeitplan zur Ratenzahlung, aber gleichzeitig verurteilen wir sie nicht. Wir sind auch versichert und garantieren die Reparatur aller Schäden. Beim Projekt Housing First, für das wir Geld aus europäischen Fonds erhalten haben, war toll, dass eben auch die Finanzen für den Garantiefond enthalten waren.

Was haben Sie in all den Jahren gelernt?

Unter anderem, dass man den Klienten nicht dadurch verletzt, indem man ihm versucht zu helfen. Da gab es eine Familie aus Bohumín, die eine Wohnung im Stadtzentrum bekam, 120 Quadratmeter inklusive Whirlpool. Sie lebte über ein Jahr dort und alles war in Ordnung. Dann hatte die Mutter einen Rückfall mit ihrer psychischen Erkrankung, die Familie geriet in Schwierigkeiten. Sie sagten uns unter anderem, dass sie nicht darauf vorbereit gewesen waren, so einen Lebensstandard zu haben, und dass sie sich wie im Hotel fühlen würden. Heute wissen wir, dass unsere Hilfe angemessen sein muss. Außer der Fähigkeit pünktlich zu bezahlen, ist es Bedingung, eine Immobilie nicht zu „verwohnen“ und gut mit dem Nachbarn auszukommen. Dieser Dreisatz entscheidet darüber, ob es Klient*innen gelingt, eine Wohnung zu behalten.

Greifen Sie auch in nachbarschaftliche Beziehungen ein?

Ja. Es ist sehr grundlegend, dass wir nicht mehrere unserer Klient*innen auf demselben Gang einquartieren. Wenn am gleichen Ort zur gleichen Zeit Menschen mit ähnlichen Problemen sind, dann können sie nichts voneinander lernen. Im Gegensatz dazu sind Nachbar*innen dazu in der Lage, unseren Klient*innen zu sagen, was in Ordnung ist und was nicht. Unsere Haltung ist dabei, dass alles Mögliche passieren kann, Hauptsache wir sind darauf vorbereitet, eine Lösung zu finden.

Wie zum Beispiel?

Wir haben die Funktion von Mediator*innen. Wir sprechen mit unseren Klient*innen und den Nachbar*innen und bemühen uns darum, dass sie miteinander auskommen. Wenn ein Klient umzieht, hängen wir einen Zettel in den Hausflur, dass es laut werden kann, dass wir alles aufräumen. Roma-Familien haben zum Beispiel die Angewohnheit viel zu feiern, alle Verwandten einzuladen. Das ist in Ordnung, wir respektieren das, aber wir sagen ihnen auch, dass sie das nicht zu oft machen können. Die Nachbar*innen haben Verständnis dafür, solange es nicht jeden zweiten Tag passiert.

Ich weiß auch, dass Sie sich darum bemühen, dass ein Klient ein Verhältnis zu seiner neuen Wohnung aufbaut.

Ja, das ist unser großes Thema: Wie kann man den Klienten mit dem Ort verbinden, an dem er wohnt. Deshalb bieten wir vor dem Einzug zum Beispiel an, dass er sich die Wandfarbe für die Wohnung aussuchen darf. Wir können die Farbe auch bezahlen und er streicht dann selbst. Wir wollen den Klient*innen das Gefühl vermitteln, dass das ihre Wohnung ist.

Nikola Taragoš, Leiter der Organisation Romodrom Nikola Taragoš, Leiter der Organisation Romodrom | Foto: © privat

Nikola Taragoš hat eine therapeutische Ausbildung an der Prager Hochschule für Psychosoziale Studien absolviert. Bei der Organisation Romodrom fing er als freiwilliger Helfer für Kinderfreizeiten an. Später betätigte er sich in der Organisation als Koordinator des Gefängnis-Programms. Im Gefängnis Vinařice konnte er eine Schreinerwerkstatt errichten. Seit 2011 ist er Leiter von Romodrom.

Der tschechische Staat beschäftigt sich nicht mit der Frage des sozialen Wohnens. Was sollte sich Ihrer Meinung nach ändern?

Der Staat sollte eine Agentur für soziale Immobilien und einen Garantiefond einrichten, der als Versicherung dienen würde. Da könnte sich dann jeder, der Sozialwohnungen anbieten will, versichern lassen. Ich glaube, dass viele Leute mitmachen würden, wenn man ihnen die Miete garantiert, alle Probleme löst, sie gegen Schäden versichert sind, wenn man sich um das Verhältnis zu den Nachbar*innen kümmert – und das auch zum Preis einer günstigeren Miete. Sie schätzen nämlich die vielen Sicherheiten, die sie dadurch erhalten. Der Staat sollte sich bewusst werden, dass das sinnvoll angelegte öffentliche Ausgaben sind.

Wie steht es um Ihre Klient*innen ein paar Jahre nachdem sie eine Wohnung von Ihnen bekommen haben?

Nur zehn Prozent von ihnen haben keinen Erfolg und verlieren ihre Wohnung. Stellen Sie sich vor: Heute sind Wohnheime oft teurer als Standardwohnungen. Sie zahlen 10.000 Kronen (knapp 400 Euro) für ein Zimmer in einer Notunterkunft, in dem eine ganze Familie zusammen wohnt, und dazu noch 3000 Kronen (knapp 120 Euro) für Gemeinschaftsräume mit Mikrowelle, Waschmaschine und so weiter. Damit ist man schon fast bei dem Preis, für den man eine Wohnung mieten kann. In einer Wohnung verändert sich aber die Lebensqualität deutlich. Außerdem wissen wir heute, dass Menschen, die mit ihrer Wohnsituation zufrieden sind, ihren Lebensstandard nach einiger Zeit noch etwas erhöhen wollen. Und das geht nur, indem sie das System der Sozialhilfe verlassen und eine Arbeit finden. Nach einem Jahr in der eigenen Wohnung verlassen über die Hälfte unserer Klient*innen das Sozialhilfesystem.

Romodrom hat für das soziale Wohnen eine eigene soziale Immobilienagentur gegründet. Warum?

Wir haben uns von Frankreich und Belgien inspirieren lassen, wo es so funktioniert. Zu Beginn wollte ich ausprobieren, wie es so wäre, Wohnungen über die klassischen Immobilienagenturen zu suchen. Ich habe deshalb in Slaný [Stadt in Mittelböhmen, in der eine große Roma-Community lebt, Anm.d.Red.] bei einem Immobilienmakler angerufen und erzählt, dass ich eine Wohnung habe, die ich vermieten möchte. Und der Makler sagte mir direkt, und ohne, dass ich danach gefragt hätte, dass sie Roma effektiv herausfiltern könnten. Also war klar, dass das nicht der richtige Weg sein würde. Deshalb haben wir eine eigene Immobilienagentur, über die wir zwei Dinge anbieten: Entweder möchte jemand seine Wohnung vermieten und wir können das für ihn auf klassische Weise erledigen, oder es gibt die Möglichkeit sie in unser soziales Programm einzugliedern. Seit neustem bieten wir auch die Verwaltung von Immobilien an.

Was bedeutet das?

Vor anderthalb Jahren hat uns die Stadt Slaný angesprochen. Dort gibt es ein städtisches Wohnheim, das Mexiko genannt wird. Das ist ein schrecklicher Ort mit Stehtoiletten, Wohnungen ohne Wasser. Es gibt nur eine Dusche für vier Etagen, die Klos sind im Zwischengeschoss. Da leben fünfzehn Familien. Die Stadt hat sich dazu entschlossen, das Objekt zu renovieren und hat dafür Gelder aus europäischen Fonds bekommen. Das ist ein Ort, vor dem sich sogar der Postbote fürchtet. Sie haben uns damit beauftragt, mit den Klient*innen zu arbeiten, uns die nachbarschaftlichen Verhältnisse anzuschauen und so weiter.

Wie würde eine unaufgeklärte Stadt vorgehen?

Sie würde das Gebäude verkaufen. Auch die Stadt Stříbro hat uns gerade angesprochen, dort gibt es zwei ähnliche Wohnhäuser. Die verwalten wir jetzt auch und können dort frei arbeiten. Im Vertrag steht, dass wir die Mieter*innen aussuchen und nicht der Besitzer. Das ist der entscheidende Faktor. Der Besitzer bekommt das Geld, aber er redet uns nicht rein, wer dort wohnen wird. Das gilt für alle Wohnungen, die wir haben.

Was ist Ihrer Meinung nach das größte Problem solcher Orte wie Mexiko oder der Wohnblocks in Stříbro?

Entscheidend ist es, immer vor Ort zu sein, alle Seiten zu Wort kommen zu lassen, die Lage zu entschlüsseln, die Probleme zu benennen. Es ist häufig so, dass Menschen einem Immobilienbesitzer Miete zahlen, der sich dort aber nie sehen lässt und in nichts investiert, weil ihm alles egal ist. Die Leute sind in der Minderheit und wirken von außen wie eine geschlossene Gruppe, deshalb kann es dort nicht funktionieren. Und wie soll eine Gemeinde darauf reagieren, wenn eine Mehrheit auf sie zukommt und sich beschwert, und es keine Mechanismen zum Einschreiten gibt? Dann kommen die Repressionen wie Kameras, Wachleute… Wenn man aber in dieses Haus geht und mit den Leuten spricht, lassen sich die meisten Probleme lösen. Ich bin so aufgewachsen, ich kenne das gut.

Wo sind Sie aufgewachsen?

In Prag im Viertel Žertvy. In einem Pawlatschenhaus [Haus mit Laubengängen zur Hofseite, Anm.d.Ü.] ohne Elektrizität mit Wasserpumpe im Hof, wo man wie in einer Kommune lebte. Das ist ein sehr starkes Motiv, das ich auch heute noch fühlen kann, wenn ich irgendwo in abgehängten Regionen unterwegs bin. Eine Kommune an sich ist etwas sehr Besonderes. Jeder hat da seine Rolle, es ist einfach sich dort zurecht zu finden. Und es gilt, dass auch der entfernteste Onkel oder die Tante Ihnen helfen muss, wenn Sie Hilfe benötigen. Das ist ihre Pflicht. Manchmal fehlt mir diese Art von Leben.

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