US-mexikanische Grenze  Mr Trump, tear down this wall!

Foto von Musikern Foto: © Dresdner Sinfoniker

Die Dresdner Sinfoniker setzen sich immer wieder mit Hilfe von Musik für politische Themen ein. Zuletzt organisierten sie ein Konzert gegen Trumps geplante Mauer – und zwar genau dort, wo diese stehen soll: an der Grenze zwischen den USA und Mexiko.

„Es war einfach nicht mehr auszuhalten“, erinnert sich Markus Rindt an den April dieses Jahres. Die Nachrichten aus den USA und von den Grenzen Europas bedrückten ihn. Im Mittelmeer waren abermals Hunderte Flüchtlinge ertrunken. In Washington trieb Donald Trump die Umsetzung seines Wahlkampfversprechens voran: Bis zu neun Meter hoch solle die Mauer an der Grenze zwischen den USA und Mexiko werden, hieß es. Rindt, Intendant der Dresdner Sinfoniker, hatte eine Idee: „Was wäre, wenn wir es schaffen, diese vermaledeite Grenze für ein Konzert zu nutzen, um gegen die weltweite Abschottung, gegen Engstirnigkeit und Hass zu protestieren?“

Danach liefen alle Drähte heiß: Markus Rindt schrieb Mitstreiter*innen an, telefonierte, sprach mit Musiker*innen in den USA, Mexiko, Guatemala und natürlich aus Europa. Er konnte unter anderem Amnesty International für das Projekt gewinnen. Viele Künstler*innen sagten sofort begeistert zu. Auch die Finanzierung des Konzertes war schnell gesichert. Via Crowdfunding spendeten knapp 380 Unterstützer über 16.000 Euro.
Foto von Markus Rindt Markus Rindt, Intendant der Dresdner Sinfoniker | Foto: © Ben Deiß

Über den Zaun hinweg gegen die Mauer

Doch dann kam der Tiefschlag: Die USA erteilten ein Auftrittsverbot für die amerikanische Seite der Grenze. Aber die Dresdner Sinfoniker ließen sich davon nicht den Wind aus den Segeln nehmen. Nach dem Motto „Jetzt erst recht!“ beschlossen sie, die Aktion dann eben auf die mexikanische Seite zu beschränken.

Fast auf den Tag genau 30 Jahre nach Ronald Reagans berühmter Aufforderung in Berlin „Mister Gorbachev, tear down this wall!“ protestierten die Dresdner Sinfoniker so am 3. Juni 2017 gemeinsam mit internationalen Musiker-Kollegen gegen Präsident Trumps geplante „schöne und gewaltige Mauer“ – im Freundschaftspark in Tijuana, den bereits jetzt ein mehrere Meter hoher, schwer befestigter Metallzaun von US-amerikanischem Staatsgebiet trennt.

Viele waren gekommen, um das kostenlose, siebenstündige Konzert mit über hundert internationalen Künstlerinnen und Künstlern zu erleben. Gemeinsam bezeugten sie, dass es kein bestes Land, keine beste Religion oder beste Hautfarbe gibt. Die mexikanischen Perkussionisten Luis Miguel Costero, José Navarro, Manuel Andrade und Fabian Romero etwa verwandelten die Mauer mit den Dresdner Sinfonikern in ein riesiges Schlaginstrument. Die geführte Improvisation ihres Kollegen Harald Thiemann The Big, the Bug, the Cricket & the Quack kam zur Uraufführung. Markus Rindt dirigierte das Jugendorchester Sinfónica Juvenil de Tijuana, das gemeinsam mit den Musikern der Dresdner Sinfoniker und dem Opernchor aus Tijuana auftrat. Weltweit berichteten zahlreiche Medien über die Aktion.
 

„Musik ist eine internationale Sprache, die das Herz erreicht“

Doch auf amerikanischer Seite standen auch Gegendemonstranten mit Plakaten und Megaphonen, die noch höhere Mauern forderten. Trotz des Widerstands der US-Grenz- und Heimatschutzbehörden, der Gegendemonstranten und der großen geografischen Distanz zwischen Mexiko und Deutschland haben die Dresdner Sinfoniker und ihre Kollegen es geschafft: Sie setzten ein Zeichen für Weltoffenheit und die Freiheit. Mit dem Konzert wandten sie sich ebenso gegen die Abschottung Europas und ganz generell: Gegen die Mauern in den Köpfen.

So wie viele seiner Kollegen bei den Dresdner Sinfonikern hat auch Markus Rindt eigene Fluchterfahrung: Als ostdeutscher Student flüchtete er 1989 über die Prager Botschaft in die Bundesrepublik. Viele Musiker des freien Projektorchesters kennen das beengte Leben hinter Mauern – sie wuchsen in der DDR auf. Genau darum betont zum Beispiel der Bassist Tom Götze, dass ihm dieses Projekt besonders wichtig ist. Denn „Freiheit ist das höchste Gut. Nichts kann sie ersetzen.“

Die Dresdner Sinfoniker setzen sich seit 1998 immer wieder mit Hilfe der Musik für politische Themen ein. So tourten sie etwa mit der Symphony for Palestine im Westjordanland, warben mit Aghet, der Hochhaussinfonie mit den Pet Shop Boys und mit Codex Dresdensis – Konzert zum Ende der Zeit für Freiheit und Völkerverständigung. Was funktioniert bei der Musik besser als mit Worten? Argumente liefert sie schließlich keine. Markus Rindt glaubt: „Musik kann Brücken schlagen, gerade dort, wo der Dialog mit Worten ins Stocken geraten ist. Musik ist eine internationale Sprache, die das Herz erreicht. Und wenn man das erreicht hat, folgt bestimmt auch der Kopf.“

Dresdner Sinfoniker

Die Dresdner Sinfoniker sind ein Sinfonieorchester für zeitgenössische Musik. Das aus Mitgliedern verschiedener europäischer Orchester bestehende Ensemble arbeitet ausschließlich projektorientiert. Ein Schwerpunkt ihres Repertoires liegt auf der Musik verschiedener Regionen wie China, Lateinamerika, Mittelasien, der Türkei oder dem Nahen Osten. (Quelle: wikipedia)  

Auf der Webseite des Orchesters heißt es außerdem:

„Die Dresdner Sinfoniker sind ein Laboratorium für Multimediaprojekte, die Töne sichtbar und Farben hörbar machen. Ihre Aufnahmesituationen sind Ausnahmesituationen: Statt im Orchestergraben sitzt das Orchester auf Balkonen eines riesigen Plattenbaus (Hochhaussinfonie, 2006); der Dirigent steht nicht vor seinen Musikern, er wird zugeschaltet wie ein Hologramm aus dem Jenseits (Erstes Ferndirigat der Welt, 2008).

Die meisten Mitglieder der Dresdner Sinfoniker haben den Fall der Berliner Mauer erlebt, darum ist es kein Zufall, dass sie nicht nur zwischen den verschiedenen Kunstsparten Fenster aufstoßen möchten, sondern auch Mauern einreißen […]“

Mehr: dresdner-sinfoniker.de

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