Long Covid  Die Corona-Zeit ist noch nicht vorbei

„Nichts zu tun, ist für mich keine Option.“
„Nichts zu tun, ist für mich keine Option.“ Foto: © Barbora Aradská

Muskel- und Gelenkschmerzen, ständige Müdigkeit… Das sind nur einige der Symptome, die von Menschen beschrieben werden, die über einen längeren Zeitraum hinweg die Ursache ihrer Beschwerden nicht ausmachen können, obwohl sie von einer Spezialistin zur nächsten gehen. Bei vielen von ihnen fällt der Verdacht auf „Long Covid“, doch das reicht für eine Diagnose nicht aus. Denn weder in Tschechien noch weltweit gibt es bislang eine klare Definition dafür.

Es ist 2024, und die Zahl der Menschen mit durch Covid verursachten Problemen nimmt weiter zu. Dabei handelt es sich nicht nur um ein drei Monate andauerndes Post-Covid-Syndrom, sondern um dessen Wandlung in eine neue chronische Erkrankung, die sich weltweit ausbreitet, sogar mehrere Jahre andauern kann und global mit dem Begriff „Long Covid“ bezeichnet wird. Ähnlich wie bei der Pandemie, mit der jeder Staat auf seine eigene Weise umgegangen ist, treten auch bei Long Covid Probleme bei der Diagnose, der Einstufung oder den Maßnahmen auf, die der Staat gewährleisten sollte. Gerade die Schwierigkeit der Diagnose macht es unmöglich, die Patient*innen in die Tabellen des Gesundheitssystems „einzuordnen“, was Misstrauen hervorrufen und die Bereitstellung der notwendigen medizinischen, sozialen oder finanziellen Hilfe verhindern kann.
 
Hier befindet sich das erste Zentrum für Post-Covid-Versorgung in Tschechien.

Hier befindet sich das erste Zentrum für Post-Covid-Versorgung in Tschechien. | Foto: © Anna Maclová

Das Zentrum für Post-Covid-Versorgung des Universitätsklinikums Hradec Králové wurde bereits im Jahr 2020 gegründet, als die Pandemie ausbrach. Damals widmete es sich Patienten, deren Covid-Symptome länger als zwölf Wochen anhielten. Ich kam am Mittwoch, dem 20. März 2024, mit dem Morgenzug in Hradec Králové an. Nach meiner Ankunft im Krankenhaus empfing mich in der Hektik des Tagesdienstes auf der Lungenstation einer der Ärzte, die sich um Post-Covid-Patienten kümmern. Er erklärte mir, dass gerade ein solcher Patient auf eine Reihe von Untersuchungen warte, dank derer man die Krankheit besser verstehen könne: „Die häufigsten Symptome sind chronische Müdigkeit, Leistungsabfall, Schlafstörungen, Muskel- und Gelenkschmerzen – deshalb durchlaufen die Patienten neurologische, kardiologische, rehabilitative und rheumatologische Untersuchungen, Belastungstests, Fragebogen zur Ermittlung des Schweregrads der Symptome sowie Tests auf kognitive Beeinträchtigungen, den sogenannten ‚Brain Fog‘; einfach eine ganze Reihe von Untersuchungen und Fragebögen, die bestätigen, dass die Patienten tatsächlich nicht in der Lage sind, alltägliche Tätigkeiten auszuüben, die sie zuvor noch ausüben konnten. Auf der Grundlage dieser Untersuchungen müssen andere Erkrankungen ausgeschlossen werden.“

Der Arzt führte mich zum Patienten. In einem Raum mit zwei weiteren Personen ruhte sich ein großer, etwa fünfundzwanzigjähriger Mann unter einer Decke aus. Wir begrüßten uns, und der Arzt fragte ihn, wie er sich fühle und wie die Untersuchungen verlaufen seien, bei denen er nicht anwesend gewesen sei, um ihm zu erklären, was als Nächstes auf ihn zukomme. Der junge Mann lag da und hörte zu, gab sich dem hin, was geschehen würde. Ich frage ihn, ob es ihm etwas ausmachen würde, wenn ich einen Bericht über diesen Vorgang schreiben würde. Er sagte, dass er sich darüber freuen würde – er habe das Gefühl, dass darüber überhaupt nicht gesprochen werde.

Covid interessierte die Medien nur in den dramatischsten Jahren der Pandemie, doch die Folgen, die die Krankheit bis heute für Einzelne hat, haben es nicht mehr in die Medien geschafft. In meiner Blase kam es erst am 22. Januar 2024 zu einem Aufruhr in den sozialen Netzwerken, ausgelöst durch einen Facebook-Beitrag von Hana, die an Long Covid leidet. Das Gefühl der Hilflosigkeit, verbunden mit dem Mangel an Informationen und der Komplexität des Gesundheitssystems bei der Bewältigung dieses langfristigen Problems, hat sie dazu gebracht, auf sich aufmerksam zu machen.

Ich meldete mich bei Hana zu einem Zeitpunkt, als sie sich intensiv auf eine Reise von Brno nach Deutschland vorbereitete. Sie suchte nach einem Fahrer, der nicht infiziert war und der sie zu einer Untersuchung in ein spezialisiertes Forschungslabor in Berlin bringen würde, sodass sie die gesamte Fahrt über im Auto liegen konnte und auch ihr Rollstuhl Platz im Auto hatte. Als ich sie frage, warum sie bis nach Deutschland reist, überrascht mich ihre Antwort nicht – in der Tschechischen Republik findet bislang keine Forschung an einem Medikament gegen Long Covid statt.

Wie schon bei der ersten Welle der Covid-19-Infektionen lassen sich auch im Fall von Long Covid ähnliche gesellschaftliche Symptome beobachten – fehlende systemische Maßnahmen und mangelnde Selbstorganisation der Zivilgesellschaft. Genau aus diesen Gründen wurde die Facebook-Gruppe mit dem Namen Long Covid und Post-Covid-Syndrom – TSCHECHIEN UND SLOWAKEI (Long covid a postcovidový syndrom – ČESKO A SLOVENSKO) gegründet. Viele Menschen, die sich hilflos fühlten und denen die Ärzte nicht helfen konnten, nahmen wie Hana ihr Schicksal selbst in die Hand und begannen, Fachartikel zu studieren, worin sie eine gewisse Form der Erleichterung fanden.

„Was auch immer man als Patient ausprobieren möchte, alles ist experimentell. Nichts zu tun, ist für mich jedoch keine Option. Bei Fällen wie meinem ist von selbst keine Besserung in Sicht, und ich kann nicht einfach tatenlos zusehen. Deshalb suche ich proaktiv nach Behandlungsmöglichkeiten, was auch aus rechtlicher Sicht ziemlich kompliziert ist. Das tschechische Rechtssystem kennt beispielsweise kein Experiment in dem Sinne, dass der Patient die Verantwortung dafür übernimmt, etwas auszuprobieren, und dem Gesundheitsdienstleister diese Verantwortung abnimmt. Es kommt oft vor, dass wir etwas ausprobieren wollen, aber Ärzte oder Krankenhäuser haben Angst, weil sie verklagt werden könnten. Eigentlich habe ich mich erst aus tiefer Verzweiflung bei vielen Studien in Deutschland und Österreich beworben. Nur von wenigen Stellen habe ich eine Rückmeldung erhalten. Dort musste ich PCR-Zertifikate, zahlreiche Fragebögen und Unterlagen zu meinen Symptomen vorlegen … Dann meldete man sich im Zusammenhang mit der BC007-Studie aus Berlin bei mir und lud mich zum ersten Screening ein.“

Fehlende systemische Maßnahmen

Nach der ersten Covid-Welle im Frühjahr 2020 stellte man im Universitätsklinikum Hradec Králové fest, dass es einigen Menschen nach überstandener Covid-Erkrankung nicht besser ging. Deshalb wurde das Zentrum für Post-Covid-Versorgung eröffnet. Wenn ich Ärzte frage, was der Unterschied zwischen Post-Covid und Long Covid ist, weisen sie mich auf ein komplexeres Problem hin.

„Das ist selbst in ganz Europa nicht einheitlich geregelt. Es gibt Studien, die von Long-Covid sprechen, andere wiederum von Post-Covid. Wir haben die britische Definition übernommen, wonach das Fortbestehen jeglicher Symptome zwölf Wochen nach einer Covid-Erkrankung – sofern andere Ursachen ausgeschlossen sind – als Post-Covid gilt. Derzeit wird angesichts der Dauer der Erkrankung eher der Begriff Long-Covid verwendet.“ Eine einheitliche Methodik gibt es nicht. Auf der einen Seite stehen also Patienten, die erfolglos von Arzt zu Ärztin gehen, auf der anderen Seite Ärzte, die ohne klare Methodik die Krankheit nicht diagnostizieren können.

Mein Gespräch mit Hana und der jungen Mutter Pavla fand, ähnlich wie während der Corona-Pandemie, online statt. Pavla, die sich im Mutterschaftsurlaub befindet, erinnert sich, dass sie ihre gesundheitlichen Beschwerden zunächst überhaupt nicht mit Corona in Verbindung gebracht habe und die Ärzte ihre Probleme als psychisch bedingt angesehen hätten.
 
Pavla: „Angeblich fühle ich mich wegen des Mutterschaftsurlaubs schlecht.“

Pavla: „Angeblich fühle ich mich wegen des Mutterschaftsurlaubs schlecht.“ | Foto: © Barbora Aradská

„Nach meiner ersten Covid-Erkrankung häuften sich verschiedene gesundheitliche Probleme, aber ich wurde erst nach etwa vier, fünf Monaten aufmerksam, als bei mir wiederkehrende, starke, bisher unbekannte Kopfschmerzen auftraten. Zunächst einmal pro Woche, dann sogar bis zu dreimal pro Woche, begleitet von Appetitlosigkeit und schrecklicher Müdigkeit, bis ich regelrechte Zusammenbrüche erlebte und verschwommen sah.“ Pavla ging mit ihren Beschwerden von Ärztin zu Arzt, aber niemand konnte etwas Ernstes feststellen.

„Ich habe nirgendwo erwähnt, dass das nach einer Covid-Erkrankung auftrat; zunächst habe ich es gar nicht damit in Verbindung gebracht. Ich habe meine Symptome aufgezählt, die Ärzte haben mir zugehört und Untersuchungen durchgeführt, bei denen meist nichts festgestellt wurde. Also schrieben sie es meistens der Psyche zu – angeblich fühle ich mich schlecht, weil ich im Mutterschaftsurlaub bin.“ Pavla bekam sogar ein Rezept für Antidepressiva, obwohl sie überzeugt war, dass ihre Probleme nichts mit ihrer Psyche zu tun hatten. Sie gab sich daher mit dem Rezept nicht zufrieden und beschloss, ihre Situation mit einem Psychiater zu besprechen.

„Ich habe einen Termin in einer psychosomatischen Klinik vereinbart und dort mit einem Arzt gesprochen, der Neurologe, Psychotherapeut und Psychosomatiker war. Er erhielt alle meine bisherigen Untersuchungsergebnisse, sah sie sich durch, beriet sich dann eine Stunde lang mit mir und sagte mir schließlich, dass ich definitiv kein Fall für Psychotherapie, Medikamente oder Psychopharmaka sei. Er war damals im September 2023 der Erste, der mir mitteilte, dass es sich wahrscheinlich um Long-Covid handele.“

Pavla beschreibt mir enttäuscht von ihrem Sofa aus, im blauen Licht des Bildschirms, ihre monatelange Erschöpfung, begleitet von einem ständigen Kampf um Verständnis und eine Besserung ihres Gesundheitszustands. Ihr weiterer Weg führte sie in die Neurologie, wo eine Ärztin ihr mitteilte, dass sie zwar schon von Long Covid gehört habe, aber noch nicht wisse, wie man es behandle.

Während ich dieser Geschichte zuhöre, geht mir eine Frage durch den Kopf: Wie soll man eine Krankheit behandeln, die wir bisher noch nicht einmal diagnostizieren können? Und wie soll man überhaupt damit anfangen?

„Dieser Prozess ist immer komplex. Zunächst werden alle dazu veröffentlichten Studien zusammengetragen – was an sich meist schon ein Problem ist, da sie weltweit verstreut erscheinen. Derzeit gibt es noch nicht einmal eine Evidenz, also ‚evidenzbasierte Medizin‘, auf die wir uns stützen könnten, um zu belegen, dass diesen Menschen etwas hilft und dass es dafür eine Begründung gibt… In Tschechien gibt es Fachgesellschaften, deren Vertreter all dies durchgehen und auswählen, was von Nutzen sein könnte. Auf der Grundlage dieser Erfahrungen wird im Konsens aller Gesellschaften – der neurologischen, pulmologischen oder kardiologischen – eine Leitlinie für die Tschechische Republik erstellt. Auf ähnliche Weise entsteht auch die europäische Leitlinie, die derzeit ebenfalls fehlt. Wenn wir zum Beispiel sagen, dass jemand am Post-Covid-Syndrom leidet, ist derzeit überhaupt nicht geregelt, ob er Anspruch auf Entschädigung, Invaliditätsrente und Ähnliches hat“, erklären mir Fachleute im Universitätsklinikum Hradec Králové den Prozess aus fachlicher Sicht.

Angst vor Erschöpfung

Im Krankenhaus in Hradec hatte ich die Gelegenheit, direkt mit einem Patienten zu sprechen. Ein großer junger Mann, der im Rollstuhl gebracht worden war, trug aus Angst vor einer erneuten Infektion eine Atemschutzmaske. Während unseres Gesprächs kam eine Krankenschwester mit einem Formular herein.

„Zwei Meter und fünfundsiebzig Kilo“, antwortet ihr der Patient.

„Zwei Meter und fünfundsiebzig Kilo“, notiert die Krankenschwester. Sie klickt den Kugelschreiber zu und kehrt in den Raum zurück, aus dem sie gekommen war. Zu den Untersuchungen, denen sich der Patient gerade unterziehen musste, gehörte ein Belastungstest. Zusammen mit zwei Ärzten, einer Krankenschwester und dem Patienten betraten wir den Raum mit einem Heimfahrrad, das an einen Computer angeschlossen war. Für den Patienten war sogar ein Bett vorbereitet worden, da nach dem Test mit erhöhter Erschöpfung oder Müdigkeit zu rechnen war.

„Sie waren zuvor fit und hatten keine Beschwerden?“

„Hundertprozentig gesund.“

„Haben Sie Sport getrieben … Welche Sportarten haben Sie ausgeübt?“

„Ich war viel draußen unterwegs, bin in den Bergen geklettert, bin gelaufen …“

„Bis zu dieser zweiten Covid-Infektion?“

„Nach der ersten Infektion hatte ich auch Probleme. Nach der zweiten bekam ich aber Probleme beim Gehen.“

„Können Sie nicht laufen? Oder … gehen Sie nach draußen?“

„Na ja, ich versuche es, wenn ich es schaffe.“

„All diese Post-Covid-Patienten haben schreckliche Angst vor dieser Untersuchung…“, mischt sich der zweite Arzt in das Gespräch ein.

„Aber nein, das ist doch eine Freude“, ruft der erste, lacht – wohl, um die Situation aufzulockern – und beginnt dann, den Ablauf zu erklären: „Wir setzen Sie hier auf dieses Fahrrad und beginnen zunächst mit einer ganz leichten Belastung, die wir nach und nach steigern werden. Versuchen Sie, die maximale Leistung zu erbringen, die Sie schaffen. Es dauert nur ein paar Minuten, es ist keine Ausdauerangelegenheit. Sie ziehen sich bis zur Taille aus, wir bringen Ihnen EKG-Elektroden an, messen auch den Blutdruck und mit diesem Sensor am Arm messen wir die Sauerstoffsättigung Ihres Blutes. Und wichtig ist außerdem, dass Sie durch eine solche Maske atmen werden. Wir führen eine Atemluftanalyse durch, wodurch wir weitere Parameter bestimmen können.“

Der junge Mann setzt sich auf die vorbereitete Liege und zieht sein T-Shirt aus. Die Krankenschwester beginnt, ihm die an den Computer angeschlossenen Schläuche an der Brust anzubringen.

„Es ist wichtig, genau diese Grenze zu ermitteln, die bei jedem Menschen anders liegt, wie wir bereits besprochen haben. Wir werden versuchen, Ihre Schwelle zu finden“, fügt der Arzt hinzu.

„Ich weiß überhaupt nicht, ob ich das schaffe“, vertraut der Patient an.

„Sie haben Angst, dass Sie zusammenbrechen könnten.“

„Das auch, aber ich habe auch Angst, dass die Reaktion vielleicht nicht sofort eintritt.“

„Ich verstehe.“

„Sind Sie schon einmal ohnmächtig geworden?“, fragt der zweite Arzt.

„Es handelt sich um die sogenannte PEM – Post-Exertionelle Malaise [auch Belastungsintoleranz, Anm. d. Red.], eine Schwäche, die sich zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach einer Belastung bemerkbar macht – das kann Stunden, aber auch Tage dauern“, antwortet der Arzt seinem Kollegen, der seit Langem mit Post-Covid-Patienten arbeitet.

Dem jungen Mann wird eine Maske aufgesetzt, und er beginnt zu treten. Das Geräusch der Maschine hallt durch den Raum. Der Arzt fordert den Patienten auf, mit einer Frequenz von 60–65 Herzschlägen pro Minute zu treten, wobei die Belastung schrittweise erhöht wird. Die Ärzte beobachten den Monitor, auf dem sie die Zahlen und Kurven analysieren. Der junge Mann tritt in die Pedale, die Krankenschwester feuert ihn von Zeit zu Zeit verbal an und misst seinen Blutdruck. Die Ärzte fragen den Patienten regelmäßig, ob alles in Ordnung ist und ihm nicht schwindelig wird. Nach zehn bis fünfzehn Minuten Belastungstest wird die Belastung verringert und der junge Mann erhält die Anweisung, ins Leere zu treten. Das Geräusch der Maschine wird leiser, bis es ganz verstummt. Der junge Mann legt sich auf die vorbereitete Liege, und die Krankenschwester trennt nach und nach alle an seinem Körper befestigten Kabel ab.

Die Ärzte schauen auf den Monitor. Ich gehe zu ihnen hin und frage, worin der Unterschied zwischen den beiden Kurven besteht, die ich darauf sehe.

„Ein großer“, sagen beide gleichzeitig.

„Damit überwachen wir hier die Herzaktivität, es handelt sich also um ein EKG. Uns geht es darum, sicherzustellen, dass keine Arrhythmien vorliegen. Das hier hingegen hat mit der Maske zu tun. Es ist eine Analyse der ausgeatmeten Luft, bei der eine Reihe von Parametern ermittelt wird. Im Grunde handelt es sich um eine Stoffwechselanalyse, die Aufschluss über die körperliche Verfassung der Person gibt“, erklärt der Arzt und zeigt mit dem Finger auf die zweite Kurve.

„Wir messen den Blutdruck und mit einem Sensor die Sauerstoffsättigung des Blutes. Hundert ist das Maximum – stellen Sie sich rote Blutkörperchen vor, die vollständig mit Sauerstoff gesättigt sind. Bei Belastung oder bei verschiedenen Erkrankungen kann dieser Wert sinken, deshalb wollen wir vermeiden, dass er zu stark abfällt.“

„Hier war alles in Ordnung“, fügt er hinzu.

„Jetzt laufen nur noch die sogenannten Erholungsphasen aus, in denen wir beobachten, wie schnell sich die Herzfrequenz wieder normalisiert, wie die Reaktionen ausfallen und ob sie physiologisch normal oder abnormal sind“, beschreibt der Arzt, während sich der junge Mann auf dem Bett ausruht. Ein zweiter Arzt fordert ihn auf, sich kurz hinzusetzen. Er fragt ihn, ob alles in Ordnung sei. Der junge Mann bestätigt, dass er sich gut fühlt, erwähnt aber erneut die Angst vor Erschöpfung, die erst noch eintreten könnte. Der Arzt erkundigt sich, warum der junge Mann nicht weiterradeln konnte: „Waren es müde Beine, haben die Muskeln geschmerzt? Oder die Gelenke? Oder hatten Sie Schmerzen in der Brust? Konnten Sie nicht mehr richtig atmen? Hat sich der Kopf gedreht? Was ist passiert, dass es nicht mehr weiterging?“

„Meine Beine taten auf jeden Fall weh, und gleichzeitig war der Widerstand sehr stark. Mir war auch ein bisschen schwindelig, aber das war nicht das Hauptproblem. Ich hatte einfach keine Kraft mehr dafür.“

„Einfach Muskelkraft“, vergewissert sich der Arzt.

„Manchmal kommt es vor, dass mir auch schwindelig wird, aber diesmal war das nicht so.“

Nach einer kurzen Diskussion über drohende Erschöpfung verabschiedet sich der Arzt von dem jungen Mann.

„Jetzt haben Sie ein freies Wochenende, ohne Tests. Dann komme ich vorbei, um nach Ihnen zu sehen.“

Auch Hana, die gerade von ihrem ersten Screening in Berlin zurückgekehrt ist, beschreibt ihre Erschöpfung. Schon die Anreise schien unmöglich. Die Hoffnung, in die Untersuchungsgruppe aufgenommen zu werden, gab ihr jedoch die Kraft, sich trotz ihres eigenen Körpers und der Entfernung aufzuraffen.

„Es war furchtbar anstrengend. Ich musste die ganze Zeit im Auto liegen und hatte nicht einmal die Kraft, den Kopf zu heben und aus dem Fenster zu schauen. Ich trug eine Maske vor den Augen und Ohrstöpsel in den Ohren. Die Erschöpfung begann bereits eine Woche vor der Reise, als ich die Einladungs-E-Mail erhielt, denn da ich gehbehindert bin, war es für mich sehr stressig, alles zu koordinieren. Ich kam völlig erschöpft dort an, und als ich aus dem Auto stieg, zitterte ich am ganzen Körper.“

Hana erkrankte an Long Covid, als sie noch in Deutschland lebte. Sie selbst beschreibt ihre Situation als Glück im Unglück – ihre Deutschkenntnisse ermöglichten es ihr, an einer deutschen Studie zur Entwicklung eines neuen Medikaments teilzunehmen.

„In der Einladungs-E-Mail stand, dass ich mir für die Untersuchung drei Stunden Zeit nehmen sollte. Ich hatte einen Termin um elf Uhr vormittags. Ich hatte im Voraus eine Tabelle erhalten, in der verschiedene Untersuchungsmethoden aufgeführt waren – zum Beispiel ein EKG oder eine Blutabnahme, Fragebögen, ein Gespräch über die Krankengeschichte – und so wusste ich ungefähr, was mich erwarten würde. Vor Ort war für sie die Blutabnahme am wichtigsten, da sie anhand dieser entscheiden, wer überhaupt in die Studie aufgenommen werden kann. Letztendlich entließen sie uns viel früher; ihnen reichten der Fragebogen und ein formelles Gespräch, und wir füllten einige Unterlagen aus, darunter die Einwilligung, dass die Proben bis in die USA geschickt werden. Es sah ein bisschen aus wie eine Art Arbeitsbesprechung mit zehn Patienten auf einmal. Der Arzt, der die Studie leitet, erklärte uns alles, und er sagte, sie würden sich in vierzehn Tagen melden.

Dann fiel ihm auf, dass ich extra aus Mähren angereist war, und er bat mich, noch etwas zu bleiben. Ich gab dort eine Urinprobe ab, man machte ein EKG bei mir und – angesichts meines Zustands – verschiedene Untersuchungen, zum Beispiel die Messung verschiedener Werte im Stehen und im Liegen. Ich musste auch einen Antigen-Abstrich machen lassen, und man sagte uns, dass wir uns jetzt nicht erneut mit Covid anstecken dürfen, sonst würden wir aus der Studie ausgeschlossen. Dann legte ich mich völlig erschöpft ins Auto, und es ging zurück.“

Hana ist derzeit [Ende 2024, Anm. d. Red.] die einzige Tschechin, die in eine ähnliche Studie aufgenommen wurde. Die Studie wird ein ganzes Jahr dauern, und zum Zeitpunkt unseres Gesprächs durchlief sie gerade erst die Aufnahmeuntersuchungen. Derzeit durchläuft sie bereits die erste Medikamentenrunde.

Einen Schritt weiter als Selbstorganisation

Ein großgewachsener junger Mann ist der erste Patient in Tschechien, der im Rahmen eines noch laufenden Sonderprogramms in die Betreuung des Krankenhauses in Hradec aufgenommen wurde. Er verbrachte eine Woche in der Lungenklinik und unterzog sich verschiedenen Untersuchungen. So erklären sie mir in Hradec die gesamte Entstehungsgeschichte des Programms: „Menschen, die unter diesen Symptomen leiden, haben sich organisiert und eine eigene ‚Studie‘ durchgeführt; die Ergebnisse haben sie uns bzw. dem Ministerium geschickt, das sie an uns weitergeleitet hat. Es gab dort etwa 486 Patienten, die einen kurzen Fragebogen ausgefüllt haben – woran sie leiden, inwiefern sie dadurch in ihrem Leben eingeschränkt sind. Viele von ihnen leben schon lange damit, sodass sie auch über verschiedene tiefergehende Kenntnisse verfügen. Sie schicken uns auch Links zu Spezialisten oder zu Aussagen verschiedener Personen, damit wir ihren Zustand angemessen beurteilen können. Sie möchten, dass endlich jemand etwas dagegen unternimmt.

Und da wir das einzige Post-Covid-Zentrum sind, haben wir beschlossen, uns um diese Menschen zu kümmern. Die Organisation, die das Ganze initiiert hat, hat sich bei uns gemeldet und ihr Interesse bekundet. Sie wissen, dass es derzeit keine kausale Behandlung gibt und verschiedene Dinge ausprobiert werden. Sie wollen das weiter vorantreiben, damit die Betroffenen beispielsweise Anspruch auf antivirale Medikamente haben. Wir haben dafür nämlich keine Berechtigung, daher müssen erst empfohlene Vorgehensweisen erstellt werden.

Was wir hier tun, bezeichnen wir nicht als Forschung, obwohl wir etwas untersuchen, das potenziell zu einer Diagnose führen könnte. Wir entnehmen Proben und untersuchen sie – das Ziel ist jedoch, die Patienten im Hinblick auf bereits bekannte Symptome, unter denen sie leiden, erneut zu untersuchen und andere Erkrankungen auszuschließen. Auf dieser Grundlage stellen wir fest, ob die betreffende Person tatsächlich am Post-Covid-Syndrom leidet oder nicht und in welchem Ausmaß. Erst dann wird eine für die Tschechische Republik anwendbare Leitlinie entstehen; diese kann sich natürlich noch ändern – und das Ministerium sollte endlich in der Lage sein, die sozioökonomischen Folgen auszugleichen. Wenn es klinisch so aussieht, wie es Menschen auf der ganzen Welt beschreiben, könnte es sich um das Post- Covid -Syndrom handeln. Bislang haben wir jedoch noch keine offiziellen Bestätigungen dafür.“

Nachtrag im September 2026:

In der offiziellen medizinischen Praxis (einschließlich der Tschechischen Republik und der WHO) wird heute häufiger der Begriff „Post-COVID-19-Syndrom“ (oder „Post-COVID-Zustand“) mit dem offiziellen Diagnosecode (ICD-10: U09.9) verwendet; dennoch handelt es sich dabei eher um einen Sammelbegriff für eine breite Gruppe von Folgebeschwerden als um eine klar abgegrenzte, eigenständige Krankheit.

Post-COVID / Long COVID umfasst mehr als 200 verschiedene Symptome (von Müdigkeit über „Brain Fog“, kardiovaskuläre Beschwerden bis hin zu Autoimmunreaktionen), was es unmöglich macht, eine einheitliche Definition zu erstellen.

Bis heute gibt es weder einen Bluttest noch ein bildgebendes Verfahren oder eine körperliche Untersuchung, mit denen sich Long COVID eindeutig feststellen ließe. Die Diagnose wird nach wie vor per exclusionem (durch Ausschluss aller anderen möglichen Ursachen) gestellt.

Zentren für die Post-COVID-Versorgung gibt es in Tschechien heute in Universitäts- und Regionalkrankenhäusern (Prag, Brno, Ostrava, Hradec Králové, Olomouc u. a.).

 

Perspectives_Logo Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Revue Prostor, einer unserer Medienpartner für PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES

 

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