Aktivismus als Sucht „Auch mal zusammen heulen – das wirkt reinigend“

Szene auf einer der Frauenstreik-Demos in Słubice, Grenzstadt mit Frankfurt (Oder). Foto: © Peggy Lohse

Wenn Frauen für Frauenrechte kämpfen, ist das kein Nine-to-Five-Job. Aktivismus lebt von Energie. Er nimmt sie, und vermehrt sie. Ein Sog entsteht, der Grenzen überwinden will – am besten schnell und umfassend, je nach Radikalität. Das Burn-out-Risiko ist groß. Zwei Aktivistinnen, die unterschiedlicher und ferner kaum sein könnten, reflektieren. Und suchen nach Lösungen.

Frühherbst 2019: Warm und sonnig ist es Ende September noch in Nur-Sultan, der Hauptstadt von Kasachstan. Zhanar Dauletova aus Atyrau (knapp 2000 Kilometer westlich, am Kaspischen Meer) ist zu Besuch in der Metropole. Sie ist seit ihrer Kindheit auf einen Rollstuhl angewiesen. Aber mit Girlpower – so steht es auf Zhanars Pullover – und Elektro-Akku ist sie selbstbestimmt unterwegs. Und Zhanar Dauletova liebt das Reisen. In Nur-Sultan genießt sie die barrierefreien Fußwege. In ihrer Heimatstadt muss sie meist zwischen Autos auf der Fahrbahn rollen. „Das ist gefährlich, vor allem im Winter. Aber mich kennt man [in Atyrau], ich bin als einzige so im Rollstuhl unterwegs“, lacht sie.

Nichts als Aktivismus!

Zhanar Dauletova will mehr als Dienst nach Vorschrift. Darum hat die Juristin vor Kurzem ihren Bürojob in einer internationalen Firma gekündigt. „Ich will Aktivistin sein und nichts anderes mehr tun“, sagt sie klar. Ihre Ersparnisse sollten eine Weile reichen.  Zhanar spricht mit Nachdruck und selbstbewusst. Auch wenn sie vom Café-Personal verlangt, dass man ihr eine Rampe in den Eingang legt und Tische beiseiteschiebt, damit sie mit ihrer Freundin am Fenster sitzen kann.
 
  • „Girlpower“ ist ihr Programm: Zhanar Dauletova im September 2019 in Nur-Sultan, Kasachstan Foto: © Peggy Lohse
    „Girlpower“ ist ihr Programm: Zhanar Dauletova im September 2019 in Nur-Sultan, Kasachstan
  • Zhanar Dauleova ist viel selbstbestimmt unterwegs. Wenn nicht gerade die Corona-Pandemie ans Zuhause in Atyrau bindet. In Nur-Sultan genießt sie die barrierefreien Wege, die es in ihrer Heimatstadt kaum gibt. Foto: © Peggy Lohse
    Zhanar Dauleova ist viel selbstbestimmt unterwegs. Wenn nicht gerade die Corona-Pandemie ans Zuhause in Atyrau bindet. In Nur-Sultan genießt sie die barrierefreien Wege, die es in ihrer Heimatstadt kaum gibt.

Eigentlich sollte Zhanar Dauletova in Nur-Sultan noch eine Operation bekommen. Doch die Ärztinnen lehnen ab, fürchten, sie könnte die Betäubung nicht überstehen: Denn Zhanars linker Lungenflügel funktioniert nicht. Als im Frühjahr 2020 auch in Kasachstan die Corona-Pandemie ausbricht, muss sie in Atyrau lange zuhause bleiben. Denn eine Corona-Infektion wäre sicher lebensbedrohlich. Ein Rückschlag. Doch sie wird ihn nutzen: für sich und eine neue Community für junge Frauen in Kasachstan.

Verbot trifft zwei Gruppen

Spätherbst 2020: In Frankfurt (Oder) ist es dunkel und ungemütlich kalt. Urszula Bertin ist schwer beschäftigt. Das Telefon steht nicht still, kurz angebunden informiert sie über die spontane Protestaktion auf der Grenzbrücke, mit der sie den Strajk Kobiet (deutsch: „Streik der Frauen“) im benachbarten Słubice unterstützen will. Eine Demo gegen die erneute Verschärfung des Abtreibungsverbotes in Polen.
 
Urszula Bertin ist selbst Polin, lebt seit mehr als 15 Jahren in Berlin, ihre mittlerweile erwachsene Tochter ist schon in Deutschland geboren. Erst vor fünf Jahren begann Urszula Bertin, sich für – vor allem polnische – Frauenrechte zu engagieren. Auslöser war der Czarny Protest („Schwarzer Protest“) 2016, als im In- und Ausland Zehntausende gegen ein neues Gesetz der polnischen Regierung demonstrierten, das Abtreibung unter Strafe stellte. Eine einzige Ausnahme galt noch bei nachgewiesenen schweren Beeinträchtigungen des Fötus. Bis das Oberste Gericht diese vier Jahre später kippte: Seit Sommer 2020 wird darum wieder protestiert. „Die Regierung verurteilt damit gleich zwei Gruppen“, sagt Urszula Bertin aufgebracht: Sie meint einerseits die Frauen selbst, andererseits die Ärztinnen, denen für Schwangerschaftsabbrüche der Verlust der Approbation und mehrjährige Haftstrafen drohen.

Für die Freiheit der Tochtergeneration

An den Beginn ihres aktivistischen Engagements kann sich Urszula Bertin noch gut erinnern: „Damals sprach ich mit meiner jugendlichen Tochter über den Czarny Protest. Und verstand: Es geht auch um ihre Freiheit.“ Die Mutter in ihr wurde sauer, buchstäblich „zur Furie“, dass da einfach über die Köpfe der Frauen hinweg über deren Körper entschieden wurde. Sie beschloss zu handeln. Zunächst als Dolmetscherin, später auch als Organisatorin unterstützt sie ehrenamtlich die Initiative Ciocia Basia („Tante Barbara“) in Berlin. Dort werden polnischen Frauen Beratungen und Schwangerschaftsabbrüche im Ausland vermittelt. Die Nachfrage steigt, die Zielgruppe verändert sich.
 
  • Urszula Bertin vermittelt bei „Ciocia Basia“ für polnische Frauen Beratung und Schwangerschaftsabbrüche in Westeuropa. Mit „Dziewuchy“ organisiert sie feministische Protestaktionen. Foto: © Soja Technoprocesja
    Urszula Bertin vermittelt bei „Ciocia Basia“ für polnische Frauen Beratung und Schwangerschaftsabbrüche in Westeuropa. Mit „Dziewuchy“ organisiert sie feministische Protestaktionen.
  • Urszula Bertin kam im Oktober 2020 mit einer „Dziewuchy“-Performance nach Frankfurt (Oder). Später nahm sie an der „Strajk Kobiet“-Demo im benachbarten Słubice teil und lernte die Organisatorin dort kennen. Sie stehen in Kontakt. Foto: © Peggy Lohse
    Urszula Bertin kam im Oktober 2020 mit einer „Dziewuchy“-Performance nach Frankfurt (Oder). Später nahm sie an der „Strajk Kobiet“-Demo im benachbarten Słubice teil und lernte die Organisatorin dort kennen. Sie stehen in Kontakt.
  • „Dziewuchy“ aus Berlin hissen ein Banner an der Oder-Grenzbrücke zwischen Frankfurt und Słubice: „Mein Körper, meine Wahl! Unsere Unruhen, unsere Stimme!“ Foto: © Peggy Lohse
    „Dziewuchy“ aus Berlin hissen ein Banner an der Oder-Grenzbrücke zwischen Frankfurt und Słubice: „Mein Körper, meine Wahl! Unsere Unruhen, unsere Stimme!“

Zwischen zehn und fünfzehn, meist verzweifelte Frauen betreuen die zehn „Tanten“ von Ciocia Basia wöchentlich. Praktisch zu jeder Tages- und Nachtzeit können Anfragen kommen. Seit der Verschärfung meldeten sich zunehmend Paare statt Einzelpersonen, etwa 50 Prozent. „Häufig ruft der Mann an, die Frau höre ich im Hintergrund weinen“, sagt Urszula. Eine Diagnose über eine starke Beeinträchtigung des Fötus sei praktisch ein Urteil: Es gibt psychologische Betreuung in Polen, aber keine weitere Unterstützung. „Meistens sind das Wunschkinder, die Entscheidung [zu einer Abtreibung] ist dann noch brutaler.“ Immer wieder trifft Urszula Bertin hier auf intime Extremsituationen. Eine baldige Erleichterung der gesetzlichen Lage durch die Politik in Polen sieht sie bis heute nicht. „Es ist aussichtslos.“ Kurz lässt ihre Energie nach. „Aber wir müssen weiter nach Lösungen suchen.“ Ihr Tonfall rappelt sich auf, klingt kraftvoll wie zuvor. „Denn irgendwo da draußen gibt es sie ja doch, die jungen Frauen für die Opposition.“
 

In diesem Text wird verallgemeinernd das generische Femininum verwendet. Diese Formulierungen umfassen gleichermaßen männliche und weibliche Personen; alle sind damit selbstverständlich gleichberechtigt angesprochen.

Wenn das Feuer erlischt…

Seitdem der Klima-Aktivismus – Stichwort Fridays for Future – immer größere Teile der Gesellschaft erreicht und mitreißt, werden auch Schattenseiten diskutiert: der sogenannte Burn-out-Aktivismus. Besonders groß ist die Gefahr in Bereichen, in denen Veränderungen in den obersten politischen Ebenen erwirkt werden müssten. So entstand im Mai 2019 Psychologists/Psychotherapists for Future. Sie schreiben auf ihrer Webseite: „Die meisten Engagierten warten zu lange, bis sie sich Unterstützung suchen“. Die Initiative bietet Beratung, Leitfäden, Tipps und Arbeitsblätter für Aktivistinnen zu Achtsamkeit, Selbstfürsorge, gesundem Schlaf und kollegialem Coaching sowie gegen Burn-out-Risiko – durch Gelassenheit, Selbstvertrauen, Abgrenzung und Ablenkung von den aktivistischen Themen. Dass auch der feministische Aktivismus gefährdet ist, diskutieren femgeeks.de ausführlich und geben ähnliche Ratschläge: Achte auf physische Gesundheit, emotionales Wohlgefühl und genieße Kleinigkeiten. Wie funktioniert das in der Realität?
 

Oxford-Wörterbuch und Duden definieren Aktivismus als „aktives Verhalten, [fortschrittliches] zielstrebiges Handeln und Betätigungsdrang“; den wort-verwandten Aktionismus, oft abwertend als „blinder Aktionismus“ gebraucht, dagegen als übertriebenen Betätigungsdrang oder das Bestreben, das Bewusstsein der Menschen oder bestehende Zustände durch [provozierende, revolutionäre, künstlerische] Aktionen zu verändern. In der (politischen) Praxis dürften die Grenzen oft verschwimmen.

„Im Aktivismus kann man sich verlieren“

Im Februar 2021 beherrscht die Corona-Pandemie seit fast einem Jahr den Alltag. Auch Aktivismus findet zunehmend online statt. So ist Zhanar Dauletova am besten digital zu erreichen. Ein strahlendes Gesicht erscheint auf dem Bildschirm: „Ich habe viel an mir gearbeitet, mich analysiert und korrigiert.“ Denn Ende 2019 wurde ihr klar, dass sie sich verausgabt hatte – mit Netzwerken, anderen Mut Machen, besonders Frauen, die ebenfalls mit Behinderungen leben. „Ich merkte: Ich gebe mehr, als ich bekomme. Im Aktivismus kann man sich verlieren.“ Sie suchte sich psychologische Beratung und ordnete ihre Prioritäten: Ihre physische und psychologische Gesundheit und persönliche Entwicklung stehen seitdem an erster Stelle, danach kommt ihre aktivistische Arbeit. Soziale Netzwerke nutzt sie ausschließlich als Aktivistin.
 
Seit einem Jahr hat sie nur zwei Reisen unternommen, die ihr aber viel bedeuten. Im November machte sie mit einer Cousine einen Ausflug nach Moskau – einfach so, um zum Roten Platz zu spazieren. „Dort habe ich verstanden: Ich muss handeln, meine Projektideen umsetzen“, erinnert sie sich. Wenig später erfährt sie von Women up, einem Community-Zentrum für selbstbewusste Frauen im usbekischen Taschkent, wo Kurse und Beratung angeboten werden. Für zentralasiatische Staaten, deren Gesellschaften noch immer vom Patriarchat geprägt sind, ist das ein Novum. „Der feministische Aktivismus bei uns erwacht langsam“, so Zhanar.

Seit Ausbruch der Pandemie in Kasachstan, auch im Frühjahr 2020, muss Zhanar Dauletova ihre aktivistischen Aktivitäten aus dem Homeoffice heraus organisieren. Sie hat die Zeit zuhause für viel Selbstreflexion genutzt. Seit Ausbruch der Pandemie in Kasachstan, auch im Frühjahr 2020, muss Zhanar Dauletova ihre aktivistischen Aktivitäten aus dem Homeoffice heraus organisieren. Sie hat die Zeit zuhause für viel Selbstreflexion genutzt. | Screenshot: © Peggy Lohse

Lieber ohne das provokative „F-Wort“

So etwas will Zhanar Dauletova auch machen! Freundinnen und Cousinen sind schnell  als Mitstreiterinnen gefunden, in Almaty – ihre zweite Reise führte in die alte Hauptstadt und das kulturelle Zentrum Kasachstans – erfuhr sie von einer engen Freundin, die sich mit NGOs auskennt, von Stipendien zur Finanzierung. Doch sie sollten auch vorsichtig sein, mahnt später eine Mentorin. „Atyrau ist eine kleine, konservative und sehr emotionale Stadt“, sagt Zhanar. Für ihr Frauenprojekt bedeutet das: „Es ist zwar ein feministisches Projekt, aber wir nennen es niemals so. Das Wort Feminismus benutzen wir nicht. Das wird in Kasachstan falsch verstanden und ruft schnell Aggressionen hervor.“

Im Frühjahr nun startet Qadam (kasachisch für „Schritt“): Eine Gruppe von zehn jungen Frauen zwischen 16 und 25 Jahren wird Mentorinnen und Expertinnen für psychologische, rechtliche, gynäkologische und sexologische Fragen kennenlernen. Räume sind schon gefunden. Eine vertrauensvolle Community soll entstehen, die den Frauen Sicherheit und Stärke vermittelt. Eine Premiere für Kasachstan, die ausnahmsweise nicht von den Metropolen ausgeht. Ihr Ziel: „Dass nur eine junge Frau ‚Danke!‘ sagt“, meint Zhanar bescheiden. Ihre persönlichen Erkenntnisse flossen ins Motto des Projektes ein: „Schritt zu sich selbst. Schritt zu den Menschen. Schritt zur Welt.“

„Aktivismus ist wie ein Marathonlauf“

Für Urszula Bertin bedeutet die Corona-Pandemie vor allem mehr Bürokratie. So häuften sich Lieferprobleme von Medikamenten. Grenzübertritte zwischen Polen und Deutschland sind nur noch bei nachweislich triftigen Gründen möglich, medizinische gehören dazu. Die Logistik wird kompliziert, wenn Busse und Züge nicht verkehren und mittel- und autolose Frauen nach Deutschland, in die Niederlande oder Großbritannien kommen müssen. Über Abortion without borders und Spendengelder sei aber genug Geld vorhanden. Urszula ist dafür stellvertretend dankbar und fast euphorisch: „Wir leben doch in einer schönen Gesellschaft mit guten Menschen!“

Solange ich lebe, wird unser Telefon nicht stillstehen.“

Urszula Bertin

Gleichzeitig ist sie müde vom Homeoffice. Auch in ihrem Brotjob im Kommunikationsbereich. „Ich brauche Menschen um mich“, sagt Urszula Bertin, „Sie nehmen und geben mir Energie.“ Normalerweise stärken sie Umarmungen und Lächeln. „Auch mal zusammen heulen – das wirkt reinigend!“ Doch in Corona-Zeiten muss sie sich an Dankes-Mails erbauen und per Telefon weinen. Dabei gehört das Abschalten von Computer und Smartphone zum Auftanken wie offener Austausch in der Gruppe. Urszula weiß: „Aktivismus ist wie ein Marathonlauf. Man muss die Kräfte verteilen und gut planen.“

Erreichbares gibt Energie

Bei jüngeren Mitstreiterinnen sieht Urszula Bertin oft: „Sie wollen alles sofort und schnell ein Resultat.“ Wenn der kurzfristige Erfolg ausbleibt, folgen Enttäuschungen, die Kräfte schwinden. „Aktivismus ist auch eine Sucht“, räumt sie ein. Sie würde sich zwar wünschen, dass das Abtreibungsverbot in Polen aufgehoben würde. „Aber solange ich lebe, wird unser Telefon nicht stillstehen.“ Und wenn doch? Dann würde sie sich anderweitig engagieren. „Immer weiter etwas zu erreichen, gibt mir Energie.“
 
Und so organisiert sie schon wieder: Mit der feministischen Aktionsgruppe Dziewuchy (polnisch umgangssprachlich für Mädels) bereitet sie den Frauentag vor. Unter dem Motto „Wir sind relevant“ bieten sie Frauen in Berlin eine Plattform – voraussichtlich mit Demo und Performance. „Viele Frauen fühlen sich oft als ‚Aushilfe‘ – wenn gerade kein Mann da ist, macht das eben eine Frau.“ Ob Pflegerinnen oder Künstlerinnen – sie werden sich am 8. März zeigen. Und schon piepst wieder das Telefon: „Der Aktivismus meldet sich wieder“, Urszula Bertin lacht und wendet sich mit Elan der Anfrage zu.

„Nicht jede muss Aktivistin werden“

„Erst ich, dann der Aktivismus“ – mit dieser Erkenntnis wappnet sich Zhanar Dauletova gegen Ausbrennen. Energie geben ihr Mitstreiterinnen. Und ein gesunder Egoismus: „Aktivismus ist ein ‚Verlustgeschäft‘ – viel Zeit und Energie investiert man. Jede muss für sich wissen, wofür sie das macht und welche Vorteile es ihr persönlich bringt, und damit meine ich nicht Geld“, sagt sie nachdenklich. Wie die Ratgeber gegen Burn-out-Aktivismus auch, rät Zhanar Dauletova, aufrichtig in sich hineinzuhören: „Es muss ja auch nicht jede Aktivistin werden.“

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