Kinder und Kunst
Die „schreibende Mutti“

Die „schreibende Mutti“ Foto: life is fantastic via unsplash | CC0 1.0

Gleichzeitig ein Kind großziehen und Kunst machen geht nicht, ist sich die Performance-Künstlerin Marina Abramović sicher – und steht mit dieser Vermutung nicht allein da. Driften Mütter in einer Wolke aus Milchpulverstaub davon und verlieren ihre Kreativität beim Windelwechsel?


Ein Workshop für kreatives Schreiben, die Stimmung ist nett, man kommt ins Plaudern. Ich streichle mir lächelnd über den noch flachen Bauch: „Bei mir steht eine spannende Zeit an. Ich bin schwanger.“
 
Ich weiß nicht, was ich erwartet habe. Vielleicht Glückwünsche, eine positive Kenntnisnahme, wenigstens ein sozial erwünschtes: „Wie schön.“
 
Stattdessen sagt jemand ins allgemeine Schweigen hinein: „Aha. Wieder eine, die der Kunst verloren geht.“
 
Ich schwebe noch in meiner rosablauen Schwangerschafts-Frühstadium-Wattewolke, der Subtext kommt nicht an: „Wie bitte?“
 
„Also, ich weiß ja nicht, wie du dir das vorstellst. Aber Schreiben und Mama sein, das geht nicht.“

Wo sind die Mütter in der Kunst?

Ein kurzer Exkurs in die weibliche Kunstszene: Virginia Woolf, Dorothy Parker, Kathrine Mansfield, von mir sehr geschätzte Autorinnen – kinderlos. Cindy Sherman, Stevie Nicks – keine Kinder. Performance-Künstlerin Marina Abramović vertritt die Ansicht, Kunst und Mutterschaft gehe nicht zusammen. Die Kunst sei so fordernd, dass alle Energie darauf gerichtet werden müsse. [Marina Abramović: Durch Mauern gehen, Luchterhand, 2016]
 
Ich hatte mir die Frage selbst gestellt: Schriftstellerin sein und Mutter, Kreativ-Arbeit und Care-Arbeit geht das? Musenküsse und Windel-Wechsel, hastig hingeworfene Zeilen zwischen zwei Stilleinheiten – Ist das machbar? Die Ansicht, Kinder und Kunst passten nicht zusammen, scheint weit verbreitet zu sein und, wenn es nach Frau Abramović geht, sogar eine gewisse Allgemeingültigkeit zu besitzen.

Der Realitätsschock

Bei mir war alles hübsch durchgeplant: Ich würde mein Kind zur Welt bringen, entspannt drei Monate mit dem Schreiben aussetzen, vielleicht auch vier, und dann zu meinen Geschichten und Manuskripten zurückkehren.
 
Aus den drei Monaten Pause wurde fast ein Jahr. Ich hatte, trotz des sehr engagierten Papas, das Rundum-Service-Paket für ein Neugeborenes unterschätzt. Aber auch, wie sehr ich dieses kleine Wesen lieben würde. Oft saß ich einfach nur da, betrachtete mein Kind und dachte gar nicht ans Schreiben. Oder ich holte den dringend nötigen Schlaf nach. Wirklich regelmäßig arbeiten konnte ich erst wieder, als das Kind in die externe Betreuung ging, zuerst bei der Oma, dann in den Kindergarten.
 
Ich begann mit Kurzgeschichten, um überhaupt wieder etwas Fertiges in der Hand zu halten, und fand langsam den neuen Rhythmus. Prokrastinieren? Warten auf den Musenkuss? Keine Chance. Das Kind gab jetzt den Zeitplan vor. Klingt unromantisch, funktionierte aber. Ich war produktiver als je zuvor. Das Beste: Ich traute mir plötzlich auch viel mehr zu. Und der Musenkuss kam dann eben beim zu Bett bringen oder auf dem Weg zur Kita.
 
Beruf und Familie zu vereinbaren ist ein Balanceakt, diese Erkenntnis ist weder überraschend noch neu. Aber wieso sollte das für Künstler*innen schwieriger sein als für Anwält*innen, Industriekaufleuten, Kioskbesitzer*innen?

Als „Mama“ in den Rundfunkrat?

2020 bewarb ich mich um einen Posten im Bremer Rundfunkrat. In meiner Vita stand: „Autorin, Texterin, Japan-Fan und Mama.“ Eine Freundin (selbst Mutter) riet dringend ab: „Schreib das bloß nicht! Du willst doch als Autorin wahrgenommen werden. Und nicht als schreibende Mutti!“
 
Die „schreibende Mutti“. Wer oder was sollte das sein? Driften Künstlerinnen, sobald sie schwanger werden, in einer Wolke aus Milchpulverstaub davon? Verglüht der kreative Funke? Oder sorgt irgendein Hormon dafür, dass sie nur noch über Glitzereinhörner, Gläschenkost und die Farbnuancen von Windelinhalt schreiben können?
 
Ich entschloss mich zur Flucht nach vorn. Ich habe die Tatsache, dass ich Mama bin, nicht nur betont, sondern zu meinem Schwerpunkt gemacht: „Mütter in der Kunst – und die Darstellung von Müttern in der Kunst“. Irgendwo musste dieses schiefe Bild der „Mutti“ ja herkommen.
 
In auffällig vielen Märchen und den allseits beliebten Disney-Klassikern ist Mutter wahlweise abwesend, unwichtig, böse oder tot. Dramaturgisch mag das nötig sein, die Heldenreise erst anstoßen. Doch den Blick auf Mutterfiguren beeinflusst das sicher nicht zum Positiven.

In guter Gesellschaft

Kinder und Beruf erfordern Organisation und Energie. Ich habe Unterstützung von liebevollen Großeltern, das Kind hat einen engagierten Vater, der viel und gern Zeit mit ihm verbringt. Das ist nicht selbstverständlich und ich bin dankbar dafür.
 
Und ja, es gibt logistische Herausforderungen: Für Lesungen brauche ich Babysitter, für Kreativtreffen auch, Aufenthaltsstipendien sind aktuell für mich nicht drin. Ich bin in meiner Zeiteinteilung nicht so frei wie kinderlose Kolleg*innen und ein Schreibflow wird gerne mal unterbrochen, wenn der Nachwuchs seine Mama-Zeit einfordert.
 
Kinder und Kunst: Unvereinbar? Für mich nicht. Doch das ist kein Anspruch auf Allgemeingültigkeit und soll es auch gar nicht sein. Kinder zu bekommen oder auch nicht, ist eine sehr persönliche Entscheidung.
 
Okay, bis auf Weiteres werde ich nicht, wie Marina Abramović, Monate im australischen Outback verbringen oder die chinesische Mauer entlang laufen und daraus hinterher großartige Kunst schaffen. Macht nichts. Ich bin ohnehin nicht der Outdoor-Typ.
 
Wer ist das also, die „schreibende Mutti“? Frauen, die schreiben. Frauen, die Mütter sind. J.K. Rowling zum Beispiel. Cornelia Funke. Astrid Lindgren. Siri Hustvedt. Für mich klingt das nach guter Gesellschaft.
 
Den Posten im Rundfunkrat habe ich übrigens bekommen.
 

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