Heilung von Magersucht „Ich bin mehr als nur die Diagnose“

„Anorexie ist wie ein innerer Tyrann, der dich manipuliert. Er sagt dir, dass Freunde sinnlos sind, dass du sie nicht brauchst, dass sie dir Böses wollen. Er vertreibt sie alle“, beschreibt Valentína Sedileková die Zeit, als die Magersucht begann, die Kontrolle über ihr Leben zu übernehmen. Foto: © Eva Amzler

Essstörungen sind sie das dritthäufigste Gesundheitsproblem bei Mädchen und Jungen im Jugendalter und es handelt sich zudem um die psychische Störung mit der höchsten Sterblichkeitsrate – ungefähr vier bis 20 Prozent der Patient*innen sterben daran. Was spielt sich im Kopf von Betroffenen ab? Die 20-jährige Valentína Sedileková berichtet über ihre Magersucht und wie sie die Krankheit überwand. Heute hilft sie anderen.

Freundlich, nett, aufmerksam und hilfsbereit – einfach eine gute Freundin. Man glaubt ihr, denn sie kennt sich aus und weiß genau was los ist. „Und das ist der entscheidende Punkt: Sie versteht. Sie hat vollstes Verständnis, sie weiß, warum du dich quälst, schließlich bietet sie dir auch noch eine Lösung an – wie eine gute Fee“, beschreibt Valentína Sedileková humorvoll die schwerwiegende seelische Erkrankung und zeigt mir, welche Vorstellung sie von sich selbst hat.

Unauffällige Symptome

Anorexie ist anfangs unauffällig. Man durchlebt sie im Inneren und verheimlicht sie. Bei Vavi, wie ihre Freunde sie nennen, begann alles, als sie acht Jahre alt war. „Ich dachte über mich: Mein Gott, ich bin dumm, dick, ich bin unbedeutend, ich bin armselig. Und noch dazu habe ich einen fetten Bauch und wenn ich den verstecken würde, dann fühle ich mich besser“, so beginnt Valentína die Geschichte ihrer Krankheit. Derartige Gedanken beschäftigten sie ungefähr 40 Prozent des Tages. Lebensmittel teilte sie in Gut und Böse ein. Nach dem Essen machte sie sich Vorwürfe und analysierte sich überdurchschnittlich viel.
Gerettet haben Valentína professionelle Hilfe in Kombination mit Liebe. „Ich glaube tatsächlich, dass Liebe heilt. Ich spürte, dass meine Mutter trotz allem um mein Leben kämpfte. Wenn es mir schlecht ging, kam sie, umarmte mich, streichelte mich und flüsterte mir etwas ins Ohr“, sagt sie. Gerettet haben Valentína professionelle Hilfe in Kombination mit Liebe. „Ich glaube tatsächlich, dass Liebe heilt. Ich spürte, dass meine Mutter trotz allem um mein Leben kämpfte. Wenn es mir schlecht ging, kam sie, umarmte mich, streichelte mich und flüsterte mir etwas ins Ohr“, sagt sie. | Foto: © Dominika Behulová
Durch die Erkrankung wurde im Laufe der Jahre aus dem fröhlichen und kommunikativen Mädchen ein stiller und verängstigter Mensch. Sie hatte zuvor Leichtathletik als Leistungssport betrieben, aber das interessierte sie irgendwann nicht mehr. Ihre Gedanken kreisten stets und ständig um Essen und Abnehmen. Selbsthass wechselte sich ab mit Kochen, Backen und Kalorienzählen. Ihr Verhalten veränderte sich. „Anorexie ist wie ein innerer Tyrann, der dich manipuliert. Er sagt dir, dass Freunde sinnlos sind, dass du sie nicht brauchst, dass sie dir Böses wollen. Er vertreibt sie alle. Denk nur mal dran, wie es war, als du das letzte Mal richtig hungrig warst. Wie warst du da? Und jetzt stell dir mal vor, dass du Nonstop in einem derartigen Zustand bist“, beschreibt Vavi die Zeit, als die Magersucht begann, die Kontrolle über ihr Leben zu übernehmen.
 
Die meisten Gedanken gingen in die Richtung, dass sie unmöglich sei, dick und bedeutungslos, aber … wenn sie abnehmen würde, würde sie sich besser fühlen und etwas darstellen.

Und genau der eigene Wert ist der Schlüssel zum Verständnis dessen, was im Kopf einer Person mit Anorexie vor sich geht. „Es geht nicht um die ersehnte Figur, sondern um den eigenen Selbstwert, den man an extreme Schlankheit koppelt“, erklärt Vavi und verdeutlicht die Essenz dessen mit folgendem Beispiel: „Ein Mädchen in der Klinik war ein sehr schwerer Fall von Anorexia nervosa. Aber sie hat sich nie im Spiegel gesehen. Sie war blind. Sie nahm sich so wahr“, sagt Valentína. Ihr zufolge ist das Schlimmste an der Magersucht, dass die Person so dünn sein kann wie sie sie will, man gewinnt nie. Man wird nie zufrieden oder glücklich sein.
 
Anorexia nervosa ähnelt der Schizophrenie. Man kann in einen psychotischen Zustand kommen, begleitet von Paranoia und man verliert die Vorstellung von der Welt um einen herum. „Ich war der Überzeugung, dass meine Eltern mir Böses wollen, dass sie wollen, dass ich dick bin“, beschreibt Vavi. Ihr war bewusst, dass sie ihren Eltern durch ihr Verhalten wehtat, was sie nur noch mehr frustrierte.
 

Anorexie ist wie ein innerer Tyrann, der dich manipuliert. Er sagt dir, dass Freunde sinnlos sind, dass du sie nicht brauchst, dass sie dir Böses wollen. Er vertreibt sie alle.“

Therapie und Liebe

Damals unternahm sie einen Selbstmordversuch – als einzig mögliche und sinnvollste Lösung. Das war ein Moment krasser Ohnmacht. „Da ist mir das erste Mal aufgegangen, dass es eigentlich nicht mehr schlimmer werden kann. Und ich ließ den Gedanken zu, dass, weil es ja nicht geklappt hat, ein Plan B da ist. Ich kann kämpfen“, erinnert sich Valentína an die allerschwerste Zeit.
 
Gerettet haben sie professionelle Hilfe in Kombination mit Liebe. „Ich glaube tatsächlich, dass Liebe heilt. Ich spürte, dass meine Mutter trotz allem um mein Leben kämpfte. Wenn es mir schlecht ging, kam sie, umarmte mich, streichelte mich und flüsterte mir etwas ins Ohr“, sagt Valentína.
 
Therapien sind ihr zufolge jedoch am wichtigsten, auch wenn sie selbst zugibt, dass keine Therapie ein Garantie für die Heilung bietet. „Es ist eher das innere Durchleben, das bei Menschen mit Essstörungen der Schlüssel zu Verständnis und Heilung ist“, erklärt sie. Die durchschnittliche Dauer der Heilung von Essstörungen, also bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich eine Person stabilisiert, beträgt sieben bis neun Jahre, immer abhängig davon, in welcher Phase der Krankheit mit der Behandlung begonnen wird.
 
Die Entscheidung, die Anorexie zu überwinden, musste für Vavi stärker sein als die Krankheit selbst. Sie erhielt volle Unterstützung von ihrer Familie und auch durch den Leichtathletiktrainer. Für diese Menschen wollte sie gesund werden, aber später während der Therapie kam dann der Moment, an dem sie begann, die Heilung auch für sich selbst anzustreben.

Starke Motivation

Damals kam die Lebenslust – nicht nur die tatsächliche, sondern auch das gleichnamige Projekt (Chuť žiť). „Ich habe mir gesagt, dass ich gesund werden möchte, um anderen zu helfen“, beschreibt Valentína die Entstehung der Initiative Chuť žiť, deren Gründerin sie ist. Valentína wurde mit ihrer Idee bei Dr. Martina Paulinyová vom Nationalen Institut für seelische Erkrankungen (Národný ústav duševných chorôb) und bei Ivana Kachútová von der Liga für seelische Gesundheit vorstellig und so hat das Projekt auch fachliche Unterstützung. Ziel der Initiative ist es, Essstörungen und deren Prävention mehr ins Bewusstsein zu rücken, eine Telefonberatung aufzubauen und für bessere Heilungsmöglichkeiten dieser Erkrankung in der Slowakei zu kämpfen. Im Herbst feiert das Projekt seinen dritten Geburtstag und wird noch immer ständig weiterentwickelt.
Valentína mit der Psychiaterin Martina Paulinyová und der Bloggerin und Autorin Gabina Weissová, die erfolgreich Bulimie und Anorexie überwand. Valentína mit der Psychiaterin Martina Paulinyová und der Bloggerin und Autorin Gabina Weissová, die erfolgreich Bulimie und Anorexie überwand. | Foto: © Tomáš Hrdlička „Wenn man auf die Behandlung bei einem Psychiater ein bis drei Monate warten muss, haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, ein Programm zu erarbeiten, bei dem wir den Leuten helfen, ihren Zustand zu stabilisieren, damit sich dieser nicht verschlimmert, bis sie professionelle Hilfe erhalten“, beschreibt Vavi energisch ihre Ziele. Zunächst boten sie Beratung per E-Mail an, aber die Leute wandten sich hauptsächlich an sie, wollten sie anrufen und intensiveren Kontakt haben. „Ich weiß das zu schätzen, dass Menschen mir vertrauen, aber es ist nicht realistisch, dass ich jede Woche dutzende Menschen unterstützen und beraten kann. Das ist dann nicht effektiv und ich muss auch an mich denken und da eine Grenze ziehen. So bin ich darauf gekommen, dass wir ja eine Online-Beratung machen könnten“, sagt die Gründerin. Dabei erhielten sie Unterstützung von der Stiftung Nadácia pre deti Slovenska (Stiftung für die Kinder der Slowakei).
 
Für die Zukunft hat sie sich vorgenommen, die erste komplexe Beratungsstelle für Menschen mit Essstörungen aufzubauen. Mit dem Team arbeitet sie auch an einem Mentoring-Programm, bei dem Leute, die die Krankheit bereits überstanden haben miteinander in Kontakt kommen. „Meine Motivation ist auch weiterhin sehr groß, denn ich glaube, dass Teilen hilft“, sagt Valentína entschieden.
 
Stört es sie nicht, dass die Leute sie in die Schublade der Magersüchtigen stecken, die bei TEDxBratislava aufgetreten ist, in den Medien präsent war und eine Autobiographie über ihre Anorexie geschrieben? „Klar ist mir das bewusst. Aber ich bin in der Lage, das Risiko auf mich zu nehmen. Wenn sie mich als Magersüchtige in Erinnerung behalten, dann verbinden sie das vielleicht auch damit, dass ich viel dafür getan habe, um anderen zu helfen und etwas aufzubauen, womit tatsächlich etwas bewirkt werden kann. Auf der anderen Seite möchte ich aber auch nicht für meine Diagnose stehen. Ich denke, ich bin mehr als meine Krankheit. Mein Wert ist nicht an diese Diagnose gekoppelt“, sagt die 20-Jährige.
 
Und so dreht sich in Valentínas Leben immer noch einiges um Essstörungen, doch nun eben auf eine ganz andere Art und Weise. Ihre Arbeit, das Projekt und ihre Freunde sind ihr neuer Lebensinhalt geworden. „Ich glaube, dass die Essstörung nur eine Episode im Leben ist und dass man es unter allen Umständen schaffen kann, das hinter sich zu lassen“, sagt Valentína Sedileková.

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