Borderline-Syndrom
Koch deine Dämonen ein

„Zavařeniny“ („Eingekochtes“) Illustration: © Lucie Sedláčková

Die Künstlerin Lucie Sedláčková möchte mit den Comicstrips „Zavařeniny“ („Eingekochtes“) psychischen Leiden ihr Stigma nehmen. Wie lebt es sich mit Borderline-Syndrom? Kann man sich das „von der Seele zeichnen“? Und hilft das auch anderen?

Ein Freund schickte mir einmal eine Zeichnung, die mir aus der Seele sprach. Eine Frau sitzt an der Bar, sichtlich bemüht ihrem Begleiter zuzuhören, doch es will nicht klappen. „Stell dir vor, du denkst an 94 Dinge gleichzeitig ...” steht in der Denkblase über den beiden. „Das war das erste Eingekochte, das ich gezeichnet habe. Die Zeichnung hat noch nicht die Form wie die späteren, es war keine eingekochte Figur darauf, sondern nur so Rahmen, die vor deinen Augen flimmern, wenn du mit jemanden sprichst. Du kannst deine Gedanken nicht ausschalten, sie greifen dich an. Als hättest du unzählige bunte Gläser und Fensterchen im Kopf, durch die du die Realität betrachtest. Aber eigentlich kannst du sie deswegen gar nicht richtig wahrnehmen“, versucht mir Lucie ihre Gedankenwelt zu erläutern. Die Zeichnung, der sie den Titel Getümmel zufälliger Gedanken gegeben hatte, hat mich tief beeindruckt. Denn sie stellte ziemlich genau das dar, was ich fast tagtäglich fühle. Lucie und ich haben die gleiche Diagnose: Beide leiden wir an der als Borderline-Syndrom bekannten Persönlichkeitsstörung.
 

Mit eingekochtem Kopf

„Mein Freund und ich haben uns den Animationsfilm Die Melodie des Meeres angeschaut, wo es eine Hexe gibt, die ein Haus voll mit Eingekochtem hat. Sie kocht negative Emotionen ein, von denen sie sich selbst und andere befreien will, sie will sie unterdrücken, um so ein ruhiges Leben zu führen. Die Idee, unsere Gedanken, Emotionen und Muster einzukochen, hat mich ziemlich angesprochen, vor allem auf der visuellen Ebene. Doch ich wollte meine Emotionen und Gedanken nicht unterdrücken, vielmehr wollte ich sie mit etwas Abstand betrachten. Denn loswerden man kann sie ja nicht, sie gehören zum Menschsein dazu“, beschreibt Lucie, wie alles angefangen hat. „Und außerdem will ich damit auch zeigen, dass sich mein Kopf ziemlich oft eingekocht fühlt, dass er buchstäblich kocht.“

Lucie Sedláčková: „Ich habe gezeichnet und ich habe geschrieben, aber getrennt voneinander, erst durch den Comic kam es zu einer Verbindung. Für mich ist es eine Art Therapie, was aber nicht heißt, dass es nicht auch anderen helfen kann. Ich hatte es selbst nicht geglaubt, bis mein Freund mir gesagt hat, wie sehr ihm meine Comics helfen.“ Lucie Sedláčková: „Ich habe gezeichnet und ich habe geschrieben, aber getrennt voneinander, erst durch den Comic kam es zu einer Verbindung. Für mich ist es eine Art Therapie, was aber nicht heißt, dass es nicht auch anderen helfen kann. Ich hatte es selbst nicht geglaubt, bis mein Freund mir gesagt hat, wie sehr ihm meine Comics helfen.“ | Foto: © Lubor Tůma
Am Anfang ging es bei dem Projekt Zavařeniny (Eingekochtes) darum, anderen in einer leichten Form die Gedankenwelten von Borderliner*innen nahezubringen, ihre emotionale Sensibilität, die viel höher ist als bei dem Durchschnitt der Bevölkerung: „Ich habe gezeichnet und ich habe geschrieben, aber getrennt voneinander, erst durch den Comic kam es zu einer Verbindung. Für mich ist es eine Art Therapie, was aber nicht heißt, dass es nicht auch anderen helfen kann. Ich hatte es selbst nicht geglaubt, bis mein Freund mir gesagt hat, wie sehr ihm meine Comics helfen.“ Durch sie konnte er besser verstehen, wie Lucies Gehirn funktioniert, und in einigen dargestellten Emotionen hat er sich sogar selbst erkannt.
 
So ist Zavařeniny ein Projekt geworden, in dem es keinesfalls nur um Boderliner geht. „Ich habe begriffen, dass auch Menschen ohne meine Diagnose die gleichen Probleme wie ich haben, nur in einer anderen Dosis. Wir Borderliner sind eben eine Art Mischmasch, ein Smoothie mit allen möglichen Emotionen“, lacht Lucie. „Außerdem wollte ich etwas Spielerisches, Leichtes machen. Mir käme das sonst zu ernst vor.“ In ihren Comicstrips zeichnet sie zuerst eine konkrete Situation, gibt dann dem Problem einen Namen und sperrt es anschließend in ein Einmachglas. Derart fest und sicher eingekocht sind bis jetzt in Gläschen beispielsweise Minderwertigkeitsgefühl, Ichsolltemal vulgaris oder Scenarius catastrophicus. Die kennen wir alle.
 

Von Punkerin zur introvertierten Frau

Mit psychologischer oder psychiatrischer Hilfe ist Lucie seit ihrer Kindheit vertraut. „Von klein auf habe ich ‚somatisiert‘. Ich hatte oft fürchterliche Bauchschmerzen und niemand wusste, woran es lag. Ich habe fast mehr Zeit in Krankenhäusern als zu Hause verbracht“, erzählt sie. Mit zwölf brachte ihre Mutter sie das erste Mal zu einer Psychologin, mit 16 kam sie zu ihrer ersten Psychiaterin. Damals hat sie die ersten Medikamente bekommen. Sie litt an Anorexie und kennt auch Heilanstalten von innen. Und immer zog es sie zur Kunst.
 
„Ich glaube, das ist Teil meiner Diagnose, dieses Künstlerische. In der Schule habe ich mich viel mit Grafik beschäftigt, später habe ich in Brno an der Janáček-Akademie Bühnenbild studiert. Es ist schon interessant, wie sich im Laufe der Jahre meine Persönlichkeit mit der Entfaltung der Krankheit gewandelt hat. In der Schule war ich volle Kanne Punkerin, sehr gesellig, habe ordentlich gesoffen und hatte auch in Bezug auf Männer ein ziemlich großes Selbstbewusstsein. Dann kam der Bruch und ich wurde zu einer introvertierten Frau. Zu der Zeit habe ich schon Bühnenbild studiert. Es war dann ziemlich schwer, einen Job zu bekommen, denn dafür musst du dich ständig mit Schauspielern und Regisseuren auseinandersetzen, musst unter Menschen sein. Aus diesem Grund habe ich dann eben nicht am Theater angefangen.“ Nach dem Studium ging sie nach England und erlebte dort einen psychischen Zusammenbruch. Erst nach dieser Erfahrung bekam sie endlich die Diagnose.
 
Wir vergleichen unsere Erfahrungen. Wie war es, als wir zum ersten Mal gehört haben, was sich eigentlich hinter dem inneren Chaos verbirgt: eine Störung. „Es ist genauso, wie du es beschreibst, endlich weiß ich, was es ist. Auch wenn es am Anfang keine angenehme Erkenntnis war. Ich hatte schon früher ein paar Borderliner getroffen und das waren keine angenehmen Begegnungen”, sagt Lucie. Über Borderliner*innen gibt es nämlich jede Menge Mythen. Man sagt ihnen nach, sie seien manipulativ und in Beziehungen unerträglich. Sie würden auftauchen, brechen einem das Herz und verschwinden wieder.
 

 
Als Lucie begann sich über ihre Diagnose zu informieren, hatte sie zunächst das Gefühl ein Monstrum zu sein – sogar nach der Lektüre einiger Fachbücher, die sie auf dem tschechischen Markt auftreiben konnte. „Als ich den Zusammenbruch hatte und nicht mehr arbeiten gehen konnte, hat mir meine Mutter sehr geholfen. Auch sie hat sich dann viel über die Krankheit informiert und unsere Kommunikation ist viel besser geworden. Immer, wenn ein Schub kam, hat sie mir gesagt, dass sei nicht ich, sondern meine Störung.” Geholfen haben ihr auch persönliche Erfahrungen von anderen Betroffenen, zum Beispiel die auf dem Blog des Vereins Nejsem psychopat (deutsch: Ich bin kein Psychopath), der über Boderline aufklärt.
 
Ein Mitglied des Verein, Petra Šindelková, leitet eine sogenannte Peer-Group im DBT-Zentrum (Dialektisch-behavioristisch-therapeutisches Zentrum) Kaleidoskop. Lucie erklärt, dass es in der Gruppe nicht um Therapie geht, sondern darum sich mitzuteilen. „Ein Peer-Coach kennt Borderline aus eigener Erfahrung, hat aber bereits gelernt, damit umzugehen und kann so andere begleiten, die noch am Anfang ihres Weges stehen. Kurz gesagt geht es darum, dass man sich nicht allein gelassen fühlt. Wir wissen alle voneinander, dass wir nicht hundertprozentig richtig ticken, aber so müssen wir uns gegenseitig nichts vorspielen, können ganz authentisch sein.“

Die kleinen eingekochten Biester 

„Ich bin sehr froh, dass sich die Zeiten langsam ändern, dass man mehr über Borderline spricht. Ich bekomme viele positive Reaktionen, dass es toll ist, dass ich nun davon weiß, einen Namen, einen Umgang gefunden habe. Ich werde eher ermutigt, noch mehr darüber zu sprechen. Früher, als ich noch zur Schule ging, war das noch ganz anders.” Lucie konfrontiert die Menschen gerne offen mit ihren Zuständen: „Es sollte kein Tabu sein. Wenn ich mit anderen über meine Krankheit so spreche, als würde ich jemanden erzählen, dass ich heute Morgen Milch kaufen war, verliert sie ihr Stigma. Auch für mich.“ Sie glaubt, dass sie dadurch, wie sie mit anderen über ihre Erkrankung spricht, wie sie ihre psychische Störung präsentiert, nicht nur deren Einstellung verändern kann, sondern auch ihre eigene.
 
„Die Eingekochten sind zwar eine schöne Sache, aber manchmal muss ich beim Zeichnen heulen, weil ich in einen Zustand gerate, in dem ich am liebsten direkt zu meiner Therapeutin fahren würde. Es öffnet sich etwas, dem ich in dem Moment nicht gewachsen bin, es ist immer noch eine Bedrohung für mich“, erklärt sie. Unter ihren eingekochten kleinen Biestern gibt es – bis jetzt – auch einen positiven Charakter. In einem offenen Glas macht es sich eine offensichtlich zufriedene Figur gemütlich. Neben ihr stehen ein Baum und eine Leiter, über die sie bequem hinaus klettern kann. „Ich wollte keine Dogmatikerin sein, die überall nur das Böse sieht. Ich glaube, es ist wichtig, den eigenen Dämonen einen Namen zu geben, sich aber gleichzeitig auch zu vergegenwärtigen, dass wir natürliche Antikörper in uns haben. Die Selbstliebe sitzt in einem offenen Glas, damit sie sich weiter entwickeln und frei bewegen kann, die anderen Biester hält man besser unter verschlossenem Deckel und unter Kontrolle.“

 

Schreib mir von deinem Dämon

In der Zukunft möchte Lucie auch weitere positive Einkochmotive zeichnen, auch aufgrund der vielen Rückmeldungen, die sie auf sozialen Medien bekommt. „Ich will keine Online-Beraterin werden, dafür fehlt mir eindeutig die Kraft. Ich habe meine eigenen Dämonen, mit denen ich fertig werden will. Was ich anbieten kann, sind meine Zeichnungen, etwas Entlastung und meine Sichtweise.“ Es ist schon vorgekommen, dass Menschen sie um Rat gefragt haben. „Ich schreibe dann immer zurück, dass ich keine Spezialistin bin und alles nur meine eigenen Ansichten sind.“
 
Ihre Follower ermutigt sie, ihr von deren eigenen Dämonen zu schreiben, die sie dann weiter verarbeiten kann. „Einige decken sich mit dem, was ich schon gezeichnet habe. Ich will mich nicht wiederholen, aber ich glaube, dass es lohnt, das jeweilige Eingekochte auch für eine andere Situation zu verwenden, denn sie können sehr viele unterschiedliche Gesichter haben. Wenn du dich in dem einen Comicstrip nicht siehst, findest du dich vielleicht in einem anderen wieder, und dabei bleibt es trotzdem dasselbe Problem.“
 
Im Herbst 2020 gehen die Eingekochten auch offline. Im Rahmen der Wochen für psychische Gesundheit bereitet Lucie für das Theater Divadlo 29 in Pardubice eine Ausstellung vor. „Für die Ausstellung ist erstmal kein Begleitprogramm geplant, obwohl ich schon einige Ideen dazu hätte – eine Diskussion zum Beispiel oder eine offene Werkstatt, in der sich jeder seinen eigenen Dämonenfänger basteln kann. Doch die Ausstellung wird interaktiv sein. Die Besucher können auf Zetteln notieren, was sie selbst einkochen wollen, und diese dann in ein Glas werfen. „Die anderen können dann die Zettel lesen. Dadurch teilt man seine eingekochten Biester mit anderen und schämt sich vielleicht nicht mehr so viel“, erklärt Lucie. Die Zettel will sie danach weiter verarbeiten – und selbst einkochen. 
 

Die Ausstellung findet vom 14. September bis 4. Oktober im Theater Divadlo 29 in Pardubice statt.

Zavařeniny (Eingekochtes) von Lucie Sedláčková gibt es auch auf Instagram und Facebook.

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