„Ich sehe nicht, warum Maschinen nicht kreativ sein können“ Ein Interview mit Kristian Kersting

Kristian Kersting arbeitet am Laptop an der TU Darmstadt Foto: Katrin Binner / TU Darmstadt

Es gibt in Informatikkreisen ein altes Sprichwort, das sinngemäß lautet: „Alles, was wir noch nicht verstehen, wird künstliche Intelligenz genannt.“ Kristian Kersting von Deutschlands neuem Hessischen Zentrum für Künstliche Intelligenz wünscht sich mehr Bewusstsein zum Thema maschinelles Lernen und Algorithmen, um zukünftiges Denken und Debattieren über KI zu stärken.

Barbara Gruber

Im Jahr 2018 versteigerte Christie’s das Kunstwerk Edmond de Belamy, das mit Hilfe eines intelligenten Algorithmus geschaffen wurde, für 432.500 US-Dollar. Wie Kristian Kersting erzählt, stellten damals viele dir Frage, ob die Maschine oder die beteiligten Künstler das Urheberrecht innehätten, während er und seine Kolleg*innen sich fragten: „Zeigt das Kunstwerk, dass Maschinen kreativ sein können?“
 
„Wenn wir nachdenken, wie wir Kreativität definieren, wird schon deutlich, dass es schwierig wird“, räumt Professor Kersting ein, Gründungsmitglied und einer der Forschungs-Co-Direktor*innen des neuen Hessischen Zentrums für Künstliche Intelligenz. Setzt Kreativität beispielsweise freien Willen und Eigeninitiative als Vorbedingung dafür voraus, etwas zu zeichnen oder neue Ideen kombinieren zu können? Und welche Rolle spielt dabei Bewusstsein?
 
„Viele Journalisten und auch andere Bürgerinnen und Bürger sagen, Maschinen können doch kein Bewusstsein haben“, sagt Kersting. „Das Problem für mich ist: Wir haben leider keine messbare Definition von ‘Was ist Bewusstsein?’ Deswegen bin ich erst einmal offen und sage: Ich finde, es lohnt sich in diese interessante Richtung nachzudenken.”
 
Kersting erklärt, für ihn sei es immer ein bisschen wie der Turing-Test – das Imitationsspiel, das die Fähigkeit einer Maschine testet, ob sie intelligentes Verhalten an den Tag  legen kann, das von dem eines Menschen nicht unterscheidbar ist. Wenn er den Unterschied zwischen Mensch und Maschine nicht feststellen könne, sei das ein großer Fortschritt.
 
„Ich finde es ganz spannend, dass mittlerweile einige Künstler*innen Computer als Muse und Inspiration betrachten. Das finde ich total klasse. Ich sehe nicht, warum Maschinen nicht kreativ sein können. Vielleicht würde ich noch nicht sagen, dass wir bereits einen künstlichen Jeff Koons haben – das glaube ich nicht.  Dazu brauchen wir noch sehr viel mehr. “
 
„Ich finde das einfach auch spannend, manchmal so ein bisschen kindlich vorzugehen, sich auf  das Positive zu konzentrieren und einfach neugierig Fragen zu stellen“, fügt er hinzu. Das von AI produzierte Gemälde "Edmond de Belamy" wird 2018 für einen Höchstpreis verkauft Das von AI produzierte Gemälde "Edmond de Belamy" wird 2018 für einen Höchstpreis verkauft | © Christie’s Images Limited 2018

Wer sind wir? Und was definiert uns?

 
Ein interdisziplinärer Ansatz sei allerdings entscheidend, argumentiert Kersting. Er sieht KI als eine Art Teamsport, bei dem es darum geht, zum Wohl der Allgemeinheit aus dem Design und der Nutzung von KI das Beste herauszuholen. Das neue Hessische Zentrum für Künstliche Intelligenz beispielsweise ist in Deutschland einzigartig, weil es von 13 verschiedenen Universitäten im gesamten Land Hessen unterstützt wird. Dies spiegelt sich auch in der institutionellen Intention eines breiten Forschungs- und Lösungsfindungsansatzes für einige der wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit wider.
 
Zu der Forschung, die sich das Zentrum vorgenommen hat, gehört auch die Förderung eines kreativen Umfelds an der Schnittstelle von KI und Kultur. Zum Beispiel untersuchen KI-Wissenschaftler*innen,  ob Maschinen Humor oder historische Texte verstehen können oder wie sich in archäologischen Projekten mit Hilfe von KI jahrhundertealte Überreste wieder zusammengefügt werden können.
 
Für Kersting stehen die Fragen, wer wir sind und was unser Wesen ausmacht, im Zentrum von Psychologie, Kognitionswissenschaft, Biologie und eben auch künstlicher Intelligenz und sie finden sich in der gesamten Geschichte wieder. Der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz hat darüber nachgedacht, ob man das Denken formalisieren kann, und schon die alten Griechen dachten über ein roboterähnliches Wesen nach, das sie Talos nannten. Kersting weist jedoch drauf hin, dass der Unterschied heute darin besteht, dass Menschen jetzt Maschinen haben, die denken können und beginnen einen gesunden Menschenverstand zu entwickeln. Wir denken also nicht nur über die Probleme nach, sondern schaffen ganz neue Handlungsmöglichkeiten.
 
„Wir können nicht nur fragen, wie können wir Intelligenz messbarer machen und überhaupt beobachten, sondern auf einmal können wir sie auch zu einem gewissen Grad simulieren oder herstellen“, erklärt er. „Dass das manchen Leuten auch auf den ersten Blick Angst macht, kann ich erstmal verstehen. Schließlich sind wir gewohnt, die Krönung der Schöpfung zu sein. Die Menschen haben das Gefühl: ‘Mein Gott, bin ich denn überhaupt noch etwas Besonderes?’” Kristian Kersting mit Mira Mezini, seine Forschungs-Co-Direktorin am neuen KI-Zentrum Hessen Kristian Kersting mit Professor Mira Mezini, seine Forschungs-Co-Direktorin am neuen KI-Zentrum Hessen | © TU Darmstadt, Foto: Claus Völker

Mangel an Wissen oder Angst um den Datenschutz?

 
Wie Kersting erklärt, sind Ängste in Bezug auf künstliche Intelligenz in Deutschland besonders ausgeprägt, während die Menschen in China oder den USA der KI offener gegenüberstehen und sie trotz durchaus vorhandener Bedenken positiv aufnehmen.
 
„Delivery Hero oder ähnliche Dienste gibt es in Amerika schon sehr viel länger und die Leute denken eher: ‚Kann die Drohne mir das nicht auch in den 15. Stock direkt ans Fenster schicken? Warum muss ich da noch runterlaufen?’“
 
Kersting fragt sich, ob die Bedenken seiner Landsleute die Konsequenz von mangelndem Wissen und fehlender Kenntnisse zu diesen Themen sind. Oder ob eine stärker ausgeprägte Wertschätzung für Privatsphäre und Datenschutz in Deutschland und in weiten Teilen Europas für die größere Zurückhaltung gegenüber KI verantwortlich ist. 
 
„Ich glaube nicht, dass die Menschen grundsätzlich gegen Datenerhebungen sind“, erklärt Kersting und fügt hinzu: „Das Bild sähe womöglich ganz anders aus, wenn die Daten öffentlich und transparent erfasst und auch für andere zugänglich gemacht würden. Wenn es etwas gäbe, was für vielen Unternehmen offen und zugänglich wäre und vielen Bürgern zugute käme. Warum denn nicht? Dann wäre das Sammeln von Daten vielleicht gar nicht so schwierig.”
 
Kersting, dessen Artificial Intelligence and Machine Learning Lab (Deutsch: Labor für Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen) an der TU Darmstadt 2019 den Deutschen KI-Preis gewann, hat mit seinen Studierenden auch das Buch Wie Maschinen Lernen herausgegeben, um den Bereich KI zu entmystifizieren. Er betont, dass man nicht über das Gebiet reden sollte, ohne zu wissen, was möglich und realistisch ist. Allerdings sollte man auch nicht zu lange warten, um sich über die Technologie zu informieren.
 
„In Deutschland tendieren wir dazu, zuerst zu diskutieren und alles im Voraus festlegen zu wollen, bevor wir etwas anfangen, dass ist die deutsche Natur. “, erklärt Kersting. „Ich würde mir manchmal wünschen, es gäbe ein bisschen mehr Kreativität und die Möglichkeit mal kindlich zu fragen ‘Lasst es doch mal drauf ankommen. Lasst uns mal sehen’. Ich glaube nicht, dass wir die Zukunft vorher schon komplett festzurren können.“ Hauptgebäude von TU Darmstadt Die TU Darmstadt, die in Partnerschaft mit Hessian.ai arbeiten wird, ist eine der führenden technischen Universitäten Deutschlands | © Thomas Ott / TU Darmstadt

 
Es geht nicht immer um den Menschen

 
Häufig ist die Debatte über die Definition von Intelligenz zu sehr auf den Menschen fokussiert, kritisiert Kersting. „In der künstlichen Intelligenz geht es gar nicht immer nur um den Menschen. Natürlich ist der Mensch ein tolles Beispiel, weil nicht viele andere Systeme bekannt sind, die genauso intelligent sind.“
 
Kersting nennt als Beispiel das autonome Fahren. „Nähmen wir den Menschen als Vorbild, würden wir ja gar nichts Neues erreichen. Dann hätten wir genauso viele Staus und genauso viele Unfälle. Es kann gar nicht immer unser Ziel sein, den Menschen nachzuahmen, sondern zu verstehen, was intelligentes Verhalten ist — das kann manchmal sogar das Verhalten einer Fliege sein“, erläutert er.
 
Professor Kristian Kersting Professor Kristian Kersting | Foto: Katrin Binner / TU Darmstadt Die Kernfrage ist, wie Informatik und KI der Welt helfen und sie besser machen können, regt Kersting an. „Da gibt es ganz tolle Arbeiten, wie man Überfischung vermeiden kann und doch genügend Fische für die Ernährung der Menschheit haben kann. Also es geht da darum, mit einem mathematisch optimalem Verfahren den Politikern*innen oder auch den Fischer*innen eine Handlungsanleitung an die Hand zu geben. Und wenn man diese befolgt, wird man auch in zehn Jahren noch fischen können.”
 
“Der Mensch selber hat viele Verzerrungen und ich möchte die gerne wenn möglich beheben, damit wir eben in einer besseren Welt leben können.“
 
Natürlich soll das nicht heißen, dass jede Anwendung von KI gut sein muss, räumt Kersting ein. „Ich möchte beispielsweise auch keine Atombombe, geschweige denn eine Atombombe, die von einem autonomen KI-System gesteuert wird. Trotzdem finde ich Bestrahlung in der Medizin wichtig und gut.”
 
„Was wir brauchen, ist die Diskussion darüber, was wir wollen und was wir nicht wollen.“

Weitere Stichworte von Kristian Kersting über die Zukunft kreativer KI gibt es hier.

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