Ubah Cristina Ali Farah Die Häuser des Mondes

Somalis reisen auf einem Lastwagen mit ihren Wasseranhängern
Somalis reisen auf einem Lastwagen mit ihren Wasseranhängern | Foto (Detail): EPA/RADU SIGHETI / POOL © dpa-Report

Von Ubah Cristina Ali Farah

Die Kurzgeschichte als Audio abspielen:                                      gelesen von Koku Musebeni
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Meine Tochter ging. Ich wollte nicht aufhören, sie zu umarmen, aber dann sagte ich: „Geh, es ist in Ordnung.“ Ich konnte mich nicht beherrschen, eine Schande, ich brach vor allen Leuten in Tränen aus. Ich versuchte, meine Tränen mit der Spitze meines Schleiers zu trocknen, nuckelte an seinem Saum wie ein stillendes Baby, und sie zeigte sich ausnahmsweise verständnisvoll: „Mama“, sagte sie, „ich bin ja nicht für immer weg.“ – „Bist du okay?“, fragte ich sie und meine Tochter ließ den Anflug eines Lächelns erkennen. „Ist das für dich okay, dass du gehst?“, wiederholte ich und sie umarmte mich noch einmal und sagte: „Ich gehe zu meinem Bruder, du bist diejenige, die hier bleibt.“ Und ich zwang mich zu einem Lächeln, aber die Tränen strömten von selbst wie aus einem gebrochenen Rohr hervor, eine Flut, und ich schluckte sie hinunter und meine Augen brannten und es war wie in der Regenzeit, wenn die Kanäle verstopfen und die Straßen zu Flüssen werden, rot von Schlamm.
          
Ich bin sicher, dass es jeder merkte, denn in dieser Stadt ist es eine Schande, Gefühle zu zeigen, und als ich ein paar Frauen hämisch kichern sah, wurde ich ruhig. „Ich bringe sie um“, sagte ich mir, „ich gehe zu ihnen hinüber und reiße ihnen die Haare aus, kratze ihnen die Haut runter, ich will Blut sehen.“ Aber vielleicht lachten sie über etwas anderes, wer weiß. Wenn es um die Trennung von der eigenen Tochter geht, einer Tochter, von der man nicht weiß, wann man sie wiedersehen wird, gibt es nichts zu lachen. Dann kletterte sie in den klapprigen Kleinbus, ein Gewühl aus Armen und Beinen, das eine Kabine auf vier Rädern ausfüllte, die Luft feucht von Salz und verrottetem Obst. „Macht Platz“, schrie ich, schrill wie eine Möwe, und eine junge, in einen ausgeblichenen guntiino gehüllte Frau starrte mich überrascht an, ihren Mund so weit offen, dass ich sehen konnte, dass in der Elfenbeinreihe ihrer Zähne ein Schneidezahn fehlte. Das Mädchen rief aus: „Schaut euch das an, für wen hält die sich?“ – „Für eine Mutter, und das ist alles“, wollte ich antworten, aber dann sah ich, wie meine Tochter einen Platz nahe am Fenster fand, ihre schlanken Finger gegen das Glas presste, ihren langen Arm wie eine Liane aus dem Fenster wand. Ich stand auf Zehenspitzen, um ihre Hand noch einmal zu drücken, bis der Fahrer den Motor anließ und dort, wo meine Tochter gewesen war, nur ein Kondensstreifen übrig blieb, ein Komet aus roter Erde.
           
Der Wind blies und bildete eine Salzkruste auf meinem Gesicht, und ich begann an den heutigen Morgen zurückzudenken: Ich war schweißgebadet aufgewacht und betrachtete sie am Bettrand, wie sie schlief, ihr Gesicht zum Himmel gewandt, ihren Mund halb geöffnet, ein Arm unter ihrem Kopf angewinkelt wie damals, als sie ein kleines Mädchen war, die Knie an die Brust gezogen. Die Luft geschwängert mit verblühtem Jasmin, Kleidung in einer Stofftasche zusammengerafft, Flakons mit parfümierten Ölen auf der Kommode. Ich wünschte, ich könnte den Raum versiegeln, um seinen Duft zu bewahren, aber das ist ein Luxus, den ich mir jetzt, wo ich allein bin, nicht leisten kann, in einem Haus, das aus einer Reihe zinkbedeckter Zimmer, einem Kohlenfeuer als Küche und einem Freiluft-Badezimmer besteht.
           
Bevor die Kinder gingen, fühlte es sich an, als lebten wir in einem Nest, das vor lauter Vögeln aus allen Nähten platzte, meine Schwägerin und ich hatten jahrelang gemeinsam in dem Haus gelebt, zusammen mit einer wechselnden Anzahl Kinder, unseren eigenen ebenso wie Nichten und Neffen, die in die Stadt kamen, um hier zur Schule zu gehen. Dann, als auch ihr jüngstes Kind geheiratet hatte, beschloss meine Schwägerin, ihrer Tochter in den Norden an deren neuen Wohnort zu folgen. „Warte nicht, bis es zu spät ist“, hatte sie mir gesagt, bevor sie ging. „Du hast darauf bestanden, allein mit deiner Tochter zu leben, und das wirst du bereuen, verstehst du? Und was werden die Leute sagen?“ – „Ist mir egal, was die Leute sagen“, hatte ich geantwortet, „ich ziehe sie groß, wie ich will, und niemand hat das Recht, mich zu verurteilen.“
           
Meine Schwägerin hatte die Nase gerümpft, weil sie genau weiß, wie weichherzig ich bin, dass ich mich aber trotzdem von niemandem herumschubsen lasse. Aber als ich früh an jenem Morgen aufwachte, als später die Zwiebeln auf den Kohlen brutzelten, während ich mich beim Fleischhacken abmühte, war es, als risse dieselbe Klinge sehnige Fasern aus meiner Brust, wie die, die ich mit festem Griff in meinen Fingern hielt. Es war, als briete mein ganzes Inneres im kochenden Öl. Ich spürte einen Schlag, ein Stechen wie das, wenn ich davon träume, ins Nichts zu fallen. „Riecht lecker“, rief meine Tochter aus, als sie aufwachte, rieb sich die Augen, reckte ihre schönen Arme in der Sonne. „Von dem Brot, das wir gestern gebacken haben, ist noch was da, oder?“
 – „Ja“, antwortete ich, „ich habe sogar etwas Essen für die Fahrt vorbereitet.“
           
Ich beobachtete sie, als sie sich vorbeugte, um den Terrakottakrug mithilfe einer Blechdose mit Wasser zu füllen, dann schlüpfte sie in die enge Hütte, die uns als Badezimmer dient, und ich konnte sie singen hören, kristallklar. Und dann kam sie heraus, ein Handtuch eng um den Oberkörper gewickelt, Lichttropfen auf ihren Schultern; ihr Haar, schwer vom Wasser, stürzte zu Boden. Sie setzte sich so, wie sie war, neben mir auf einen Hocker aus Holz und Leder, während glitzernde Bäche ihren Körper hinunterrannen. Ich füllte ihren Teller mit saftigem Eintopf und goss Tee ein. „Du isst nichts?“, fragte sie. „Nicht jetzt, ich habe keinen Hunger.“ Meine Tochter isst mit den Fingerspitzen, sie taucht das Brot ein und schiebt es sich zwischen die Lippen, eine Ölspur am Kinn. „Du wirst sehen, alles wird gut“, sagte sie zu mir und drückte mein Knie. „Ich gehe mich anziehen.“ Es dauerte nicht lange, bis wir fertig waren zum Gehen.
           
Meine Tochter ist anmutig, wenn sie geht, leicht wie eine Libelle auf dem Wasser, ihre Lippen Tinte, ihr Lächeln Perlen, ihr Körper muskulös und straff. Wir gingen am Meer vorbei und die schäumenden Wellen auf dem smaragdgrünen Ozean sahen aus wie Schwärme, die auf einer Wiese grasten. Lange Linien von Dhaus lagen abfahrbereit an den Docks am Hafen. „Du wirst das Meer nicht mehr haben“, sagte ich zu ihr, „dort, wo du sein wirst.“ – „Ohne dich wäre es nicht dasselbe“, antwortete sie mit einem Achselzucken. „Weißt du noch?“

Einmal waren wir zusammen nach Gezira gefahren, einem perlmuttfarbenen Felsvorsprung unweit der Stadt, mit einer kleinen, grün-schwarzen vorgelagerten Insel, auf der die sterblichen Überreste eines Heiligen aufbewahrt werden. Ein alter Einheimischer hatte darauf bestanden, uns herumzuführen. Am Horizont schien ein Mann auf der silbernen Kontur einer Dhau zu stehen und das Meer abzusuchen. „Sie ist aus Stein“, hatte der alte Mann erklärt, „tief im Sand verankert, auch wenn sie aussieht wie Holz, das das Meer durchpflügt. Ein Händler pflegte nach Sansibar zu reisen, und als er eines Nachts von einem Sturm überrascht wurde, betete er zu dem Heiligen und flehte ihn an, sein Leben zu retten. Im Gegenzug würde er der Moschee Lampen und Teppiche spenden. Der Händler wurde gerettet, aber er hielt sein Versprechen nicht, und als er das nächste Mal an der Salzinsel vorbeifuhr, schämte er sich und wurde zusammen mit seiner Dhau und dem Rettungsboot in Stein verwandelt.“ Dann zeigte uns der alte Mann einige purpurrote Stellen, die über den goldenen Sand verteilt waren wie Jujubes auf dem Boden. Eine Frau hatte versprochen, dem Heiligen ihre wertvolle Korallenkette zu spenden, wenn sie mit einem Sohn schwanger würde. Ein Sohn wurde geboren, aber statt ihr Versprechen zu halten, verfiel die Frau in Panik und beschloss wegzulaufen, und dabei riss die Halskette ab und fiel zu Boden. Aus den verstreuten Korallen sprossen zinnoberrote Blumen, wie Perlen aus Blut. „Wir unterliegen Allahs Willen“, flüsterte er am Ende. „Das ist alles nur Aberglaube“, sagte meine Tochter, während ich dem alten Mann Münzen in die Hand schüttete, „wir sind die Schöpfer unseres eigenen Schicksals.“ – „Ist doch egal“, sagte ich zu ihr, „du hältst deine Versprechen ja immer.“
           
Der Monsun blies so heftig, dass der Sand unsere Haut peitschte, und meine Tochter wiederholte ständig: „Ich mag diesen Aberglauben nicht.“ Ihre kobaltblaue Tunika war straff gespannt wie das Segel einer Dhau und sie ging mit langen Schritten stetig voran, wobei sie mit jedem Schritt in den feuchten Sand einsank. „Da“, rief sie dann aus, „da will ich schwimmen gehen.“ Ein schattiger Winkel, vor Blicken geschützt, umringt von schillernden Korallen. Ein Regenbogenfisch-Aquarium. Sie schickte sich an, ihre Tunika zu lockern, und fragte mit einem seitlichen Blick zu mir: „Darf ich?“. – „Ja, wir gehen zusammen.“
           
Wir hüpften nackt in den Ozean und das Wasser war so heiß, dass es sich anfühlte wie Fruchtwasser; meine Tochter schwamm hinter mir. „Da kam ich raus“, rief sie, während sie unter- und wieder auftauchte wie eine Meerjungfrau, „da kam ich raus“, und deutete auf die Stelle zwischen meinen Beinen.
          
Meine Tochter ist gegangen und ich stehe mitten am Afar Irdood, den Vier Toren, dem Busbahnhof, an dem sich alle Straßen treffen, dem lautesten Ort in der ganzen Stadt. Nicht gerade der beste Platz für einen Abschied. Voll beladene Lastwagen, Busse, die darauf warten, voll besetzt zu werden, und dann noch der Junge, der herumbrüllt, um Passagiere anzulocken. Stände mit Mangos und Tomaten, Stoffen und indischem Reis; überall grasende Ziegen, Kamele in Schlingen und verstreute Papierstücke. Ich stand einfach nur da, aufgewühlt, bis ein Karren mich beinahe überrollte. Mit seinem vollen Fass und einem Esel – so sind diese Wasserträger, bereit, einen ohne jeden Grund umzufahren. Und sie fluchen, wenn man ihnen im Weg steht, als ob es ihr Vorrecht wäre.
 
Ich kam vor vielen Jahren zum Afar Irdood, als ich so alt war wie meine Tochter heute. Es war das erste Mal, dass ich eine Stadt sah. Ich hatte sie mir voller Lichter und Schatten vorgestellt, das Brummen laufender Motoren und Frauen mit langen, glänzenden Schleiern, silbernen Halsketten und Armreifen, die im Wind klimperten. Eine Stadt, die weit entfernt war von den Launen der Jahreszeiten, den Kreisläufen von Not und Wohlstand, denen der Busch unterlag. Im Landesinneren sagt man, ich sei in dem Monat geboren worden, in dem der Stern Shaula zusammen mit dem Mond am Himmel stand, eine Zeit des Wohlstands und der Milch, und doch brachte Shaula, der Stachel des Skorpions, meiner Mutter kein Glück, die während meiner Geburt starb. Ich wäre nach zwei Söhnen ihre einzige Tochter gewesen. Das Leben im Busch ist hart, vor allem für Frauen, und obwohl ich keine Mutter hatte, brachten mir ihre Schwestern bei, was meine Pflichten waren. Sie lehrten mich, welche Bäume die widerstandsfähigsten Zweige zum Hüttenbauen hatten oder was das ideale Holz für Behälter für Wasser, Milch und Butter war. Sie zeigten mir auch, wie man die besten Fasern für Matten herstellt, und als ich geschickter wurde, priesen sie meine Talente als Weberin in den höchsten Tönen und bewunderten die floralen Ränder meiner Teppiche. Als ich noch ganz klein war, wurden mir die Ziegen anvertraut, die in der Umfriedung herumtänzelten, bis ich alt genug war, um mit ihnen auf die Weide zu gehen und bei Sonnenuntergang zum Lager zurückzukommen, wo sie vor Schakalen und Luchsen geschützt waren.
           
Wir lebten in Hütten aus verwobenen Zweigen, die mit Matten bedeckt waren – transportable Behausungen, die wir auf die Rücken der Kamele luden, wenn es an der Zeit war, weiterzuziehen. Das Leben bestand immer aus Bewegung, auf der Suche nach Weidegründen und Wasser. Mein Vater war ein hoch angesehener Wahrsager, und obwohl ich nicht einmal meinen Namen schreiben konnte, lernte ich von ihm, die Sterne und die Jahreszeiten zu lesen und dass es bedeutet, dass Regen kommen wird, wenn die Morgendämmerung rot gefärbt und der Himmel von langen, schwarzen Streifen durchzogen ist oder wenn Ursa Major ihren Kopf zum Horizont senkt. Mein Vater konnte die Felder erkennen,  deren Erde reich an nuuro war, einer wundersamen und abstrakten Substanz, die das Überleben alle Geschöpfe garantiert. Er brachte mir das alles keineswegs bereitwillig bei, denn dieses Wissen ist Männern vorbehalten, aber ich glaube, wenn es erlaubt gewesen wäre, hätte ich ebenfalls Wahrsagerin werden können.
           
Das Leben im Busch ist in Zeiten ausgedehnter Dürren rau, aber wenn die heftigen Regenfälle vorbei sind, ist alles wie verwandelt. Dornige Bäume sind dicht mit kleinen smaragdgrünen Blättern bedeckt und die Erde sieht aus, als sei sie komplett mit Blumen übersät. Knospen so weiß wie Sahne tauchen gesprenkelt überall im niedrigen Gras unter den Akazien auf. Die scharlachroten Blüten der Aloepflanze recken sich aus schlanken Ausläufern und die Luft ist erfüllt mit dem Gesang der Vögel und dem durchdringenden Jaulen der Insekten. Die Schwalben fliegen so schnell, dass sie nur ein blauer Streifen am Himmel sind. Die Geier herrschen nicht länger über alles und aus den Skeletten der Kamele, die während der Hungersnot verendet sind, wachsen wilde Kräuter und Blumen. In den Pfützen treffen sich ganze Schwärme von kleinen Schmetterlingen, alle hellgrün, sie sehen aus wie riesige Blumen mit pulsierenden Blütenblättern. Alle lächeln und wir Mädchen ziehen unsere neuen rot-blau-goldenen Outfits an, während die Männer lässig ihre glänzend weißen Gewänder tragen. Wir wissen, dass die Zeit des Regens und des vielen Grases nicht lange anhalten wird, und so nutzen wir sie. Es ist die Zeit der Ehewerbung und der Tänze. Wir Mädchen klatschen in die Hände, tanzen und fordern die Jungs in Gedichten und Rätseln heraus. Manchmal preisen sie unsere dunklen Lippen, unsere bernsteinfarbenen Silhouetten, oder sie vergleichen uns mit den Sternen oder dem Regenwasser. Unter Zustimmung des Familienoberhaupts ist es zudem erlaubt, im Schutz einer Hütte mit unseren Verehrern zu sprechen.

Eines Abends, nachdem er mich während der Tänze herausgefordert hatte, bestand ein Verehrer darauf, mich zu treffen. „Es gibt drei Dinge, die sich für Frauen nicht gehören, hoobeeyoy“, sang er, drängte mich, „während sie für Männer achtbar sind: Löse dieses Rätsel, wenn du kannst, hoobeeyoy.“ Meine Freundinnen sahen mich beklommen an, klatschten in die Hände, um mich zu ermutigen, bis ich nach einigem Nachdenken schließlich mit schriller Stimme antwortete: „Die drei Dinge, für die Frauen verurteilt werden, will ich dir sagen: Eines ist, sich mit Essen vollzustopfen und sich selbst zuerst zu bedienen – Männer dürfen das, Frauen nicht; das Zweite ist, dass ihr Männer mehr Kamele melken könnt, ihr könnt vier Frauen heiraten, während wir nur auf einen Mann Anrecht haben. Das dritte ist unpassend für ein Rätsel, deshalb spreche ich es lieber nicht aus.“ Meine Freundinnen bedeckten ihre Gesichter und ululierten, während die Jungs die Köpfe schüttelten, vermutlich missbilligend. Jede*r wusste, worauf ich anspielte. Männer können die Frauen umwerben, die sie attraktiv finden, während uns das verboten ist. Ich war damit nicht einverstanden und konnte es nicht verhehlen.

Mein Verehrer war weder hässlich noch gutaussehend, eher Mittelmaß, muss ich sagen. Er bewegte sich mit femininer Weichheit und sein Bauch stand schon etwas hervor, obwohl er noch jung war. Seine Augen feucht und anzüglich, eine rosa Unterlippe. Es hieß, sein Vater besitze viele Kamele. „Morgen werden wir um deine Hand anhalten“, sagte er herausfordernd, sobald wir allein in der Hütte waren. „Man sagt, du arbeitest unermüdlich, jeder spricht über dein Talent beim Weben, deine Schönheit ist bei Mondlicht noch offenkundiger – wir werden ein gutes Angebot machen.“ – „Du hast nicht nach meiner Meinung gefragt“, antwortete ich. Er brach in Gelächter aus und erhob sich zum Gehen, und fügte dann nur hinzu: „Die ist nicht gefragt.“
           
Mein Vater kümmerte sich ebenfalls nie um meine Meinung. Und dennoch hatte er mich immer die besten Stücke Fleisch essen lassen – die Rippen, die Schenkel und die Schultern –, zusammen mit meinen Brüdern. Nichts auf der Welt konnte mich dazu bringen, mich meinem Vater zu widersetzen. Mein Vater wusste die Sterne und die Planeten zu lesen, konnte barakin in den Pflanzen finden – das war für mich gut genug. Warum sollte ich den Antrag des Verehrers annehmen? Ich hatte nie über Liebe nachgedacht, den großen roten Stern, der den Mond verdeckt, wenn er seine Position verlässt. Die jungen Männer reiten mit ihren Speeren auf Pferden und sehen wie Figuren am Horizont aus, ihre Haare wie Akazienwedel, ihre Augen glitzernd, ihre Gliedmaßen lang und schlank. Aber ich hatte nie über Liebe nachgedacht. Und jetzt stieß mich die Vorstellung ab, mein Leben mit einem Mann zu teilen, einem Mann wie meinem Verehrer. Er ist nicht alt, sagten mir meine Freudinnen, als sie herausfanden, dass ein Ehevertrag vereinbart worden war, du hast mehr Glück als viele andere. Ich wollte mich meinem Vater nicht widersetzen, aber mir wurde zum ersten Mal klar, dass ich nicht glücklich war. Ich hatte nie versucht, irgendeinen meiner Wünsche zu erfüllen, niemand hatte es je versucht. Das Leben ist einfach, wenn man seine Pflichten erfüllt, wenn man nichts infrage stellt. Aber was wird aus deinen Wünschen, wenn niemand darauf Rücksicht nimmt? Du bist die Schöpferin deines eigenen Schicksals, sagte ich zu mir, sei mutig. Vom Vater verflucht zu werden, ist das Schlimmste, was einer Tochter passieren kann, aber die Sterne würden mir helfen, sie wussten, dass ich ihre Namen kannte.
           
Als ich ein kleines Mädchen war, erzählte mir mein Vater die Geschichte eines grausamen Sohns, der seine Mutter häufig schlug. Eines Tages ging er besonders brutal vor und zerrte sie über scharfkantige Steine, sodass sie eine Blutspur hinterließ. Die Mutter, dem Tode nah, erhob ihre Augen zum Himmel und hoffte auf göttliche Intervention. Der Allmächtige rettete sie, indem er ihren Sohn lähmte, der bald darauf starb. Die lange Blutspur stieg in den Himmel auf und verwandelte sich in die Milchstraße, eine Warnung an grausame Kinder. Gibt es nicht auch Mythen, die über die Grausamkeit der Väter sprechen? Denen wir immer gehorchen müssen, für die wir arbeiten müssen, bis wir völlig am Ende sind?
           
Es war Nacht, als ich mich zum Weglaufen entschloss. Die Freundin, mit der ich eine Hütte teilte, schlief an meiner Seite. Mein Arm war taub. Ich hatte Mühe, den Saum meines Kleides unter dem Knie des Mädchens hervorzuziehen. Sie zuckte zusammen, wachte aber nicht auf. Ich hatte Angst. Aber nichts war schlimmer, als einen arroganten Mann zu heiraten, den ich nicht liebte. Ich wollte frei sein. Ich schnappte mir meine Sandalen und duckte mich unter dem leichten Stück Stoff hindurch, der uns als Tür diente und im Wind flatterte. Ich erreichte die dornige Einfriedung und den Stock, der als Tor fungierte. Ich schaffte es, darüber zu klettern, und machte mich in die Richtung auf, von der ich wusste, dass sie die Route der Karawanen war. Im Morgengrauen erschienen die Plejaden am Horizont und ein starker Wind wehte. Ich sah einen Lastwagen in einer Wolke von zinnoberrotem Staub auf mich zukommen. Fest in seinem Weg stehend, spürte ich keine Zweifel mehr, ich war sicher, dass mich dieser Lastwagen in die Stadt bringen würde.
 
Als ich am Afar Irdood ankam, kannte ich niemanden. Ich gestand dies dem Lastwagenfahrer und er sagte mir, das sei kein Problem – ich müsse nur die Nachricht verbreiten, den Leuten den Namen meines Clans sagen, und ich würde sicher jemanden finden, der willens war, mich zu beherbergen. Er lächelte und versprach mir zu helfen. Ich sah, wie er im Weggehen den Trägern Anweisungen gab, sein ockerfarbenes Hemd offen im Wind, seine Hose eng um seine Taille, sein Gürtel aus abgetragenem Leder. Ich stand reglos neben dem Lastwagen, aus Angst, mich zu verirren: Städter*innen sprechen ein entstelltes Somali, dachte ich, und währenddessen gingen lange Reihen von Männern mit freiem Oberkörper an mir vorbei, die schwere Säcke trugen und sie untereinander weiterreichten. Die Frauen trugen Batikkleider mit kurzen Ärmeln, üppige Baumwollschals, und ich fühlte mich plötzlich unzulänglich in meiner schweren Tunika, die von der Reise mit Staub bedeckt war. Der Fahrer kam zurück, einen kleinen Jungen an der Hand. „Hier“, sagte er, „er wird dich zum Haus einer Tante mütterlicherseits bringen.“ Mein Gepäck bestand nur aus einem Bündel und ich muss nach wie vor verloren auf ihn gewirkt haben, denn sobald wir losgegangen waren, rief er mich beim Namen und fügte hinzu: „Ebla, die Leute sind Verwandten aus dem Busch gegenüber nicht immer gastfreundlich. Wenn es schlecht laufen sollte, kannst du mich hier jeden Montag finden.“ – „Montag ist im Nomadenkalender ein günstiger Tag“, antwortete ich und machte mich hinter dem kleinen Jungen wieder auf den Weg. Mogadischu sah sogar noch schöner aus, als ich es mir vorgestellt hatte, während ich dem kleinen Jungen durch die engen Gassen der Altstadt folgte: ein Schwarm von Männern und Frauen auf den Gehwegen, die kleinen Läden der indischen Händler, die ein intensives Aroma von Aloe und Kardamom verströmten, die feuchte, vom Salz gesättigte Luft. Da waren Werkstätten von Gold- und Silberschmieden, die auf dem Boden vor ihren entzündeten Brennern saßen: Sie stellten wunderschönen feingliedrigen Schmuck und königlich aussehende Halsketten her. Frauen, die darauf konzentriert waren, Fasern aus Baumwolle zu ziehen, und Männer, die sie färbten und webten. Ab und zu konnte man arabische Händler hören, die hinter ihren Ständen mit getrocknetem Hundshai und Rosinen hervorriefen.
           
Aber noch überraschender war der Anblick der breiten geteerten Straßen. Dattelpalmen flankierten sie und es gab Plätze, die mit Allmanden und Hibiskusblüten geschmückt waren. Die Paläste gleißend weiß, so majestätisch wie mit Zinnen gekrönte Burgen. Später erzählte man mir, dass die ältesten Wohnhäuser gebaut wurden, indem man Kalk mit Milch mischte, sodass nicht einmal das Meer ihnen etwas anhaben konnte. Als wir vor dem Haus meiner Tante standen, zeigte mir der Junge das Tor und schickte sich an zu gehen, bevor ich überhaupt Zeit gehabt hatte, meine Anwesenheit anzukündigen. „Ich habe nichts, was ich dir geben könnte“, sagte ich mit Bedauern zu ihm. „Keine Sorge“, antwortete er fröhlich, „das hat der Fahrer schon getan.“
           
Die Tante empfing mich nicht herzlich, aber sie war auch nicht feindselig. Mit ihren langen Wimpern und ihrem herzförmigen Mund musste sie einst eine attraktive Frau gewesen sein, aber das Stadtleben und zahlreiche Geburten hatten sie an Gewicht zulegen lassen. Ihr Oberkörper und ihre Oberschenkel schienen aus einem einzigen Block zu bestehen, was ihre Bewegungen erschwerte. Im Busch sind wir alle dünn: Der Mangel an Essen und die harte Arbeit graben sich vorzeitig in die Gesichter und Körper von Frauen und Männern ein. Sie stellte mir nicht viele Fragen, sondern wies nur eine ihrer Töchter an, mir ein Bett herzurichten und einen Eimer Wasser zu füllen. Ich hatte noch nie Seife benutzt, und als ich sie mir auf die Haut geschrubbt hatte, sah ich Bäche von braunem Wasser zu meinen Füßen hinunterfließen.
           
Meine Tante lebte mit einer unverheirateten Schwester, fünf Kindern und einem gewalttätigen Ehemann zusammen. Ich pflegte sie nachts leise weinen zu hören, und tagsüber kam sie selten aus ihrem Zimmer, sie sagte immer, sie habe Kopfschmerzen. Gelegentlich war es an mir, ihr Essen zu bringen, und ich fand sie gewöhnlich im Dunkeln wie eine Schnecke zusammengerollt vor, ein erstickender Geruch von Schweiß und Moschus in der Luft.
           
Es brauchte nicht viel, bis mir klar wurde, dass ich nicht lange bleiben konnte. Ich hatte einen Ort gefunden, an dem ich essen und schlafen konnte, aber dennoch spürte ich eine Bedrohung, eine dräuende Gefahr. Dies war nicht das Schicksal, für das ich das Lager verlassen hatte. Ich wollte wahrhaft frei sein, meine Wünsche verwirklichen. Und so beschloss ich, den Fahrer ausfindig zu machen. Ich fand ihn, wie er versprochen hatte, an einem Montag, etwa einen Mondmonat nach meiner Ankunft, mit flatterndem Hemd und einer Stange caday zwischen den Zähnen. „Ebla“, sagte er, „ich kann dir ein paar Waren zuschanzen, die du auf dem Markt verkaufen kannst, damit du dir vom Erlös ein schönes Kleid kaufen kannst und was immer du sonst noch brauchst.“ – „Ich möchte, dass du mir auch ein paar Fasern besorgst“, antwortete ich, „um Matten zu weben. Ich habe gehört, dass die hier in der Stadt sehr geschätzt werden.“ Der Fahrer gab mir eine Flasche garoor-Milch, einen Korb mit Weihrauch und zwei schwere Säcke Reis, die ich zum Teil bei Kleinhändler*innen wie mir gegen Sesamöl, Zucker und Erdnüsse eintauschte, in der Überzeugung, dass ein vielfältiges Angebot mir helfen würde, mehr Kundschaft anzulocken.
           
Ich pflegte morgens vor der Dämmerung aufzuwachen, um auf den Markt zu gehen, meine schwere Jute-Leinwand auf dem Boden auszubreiten, sie mit meinen Waren zu bedecken und während des Wartens Stroh zu flechten. Einige Wochen vergingen und ich war zufrieden, die Leute priesen meine Fertigkeiten als Weberin in den höchsten Tönen und der Fahrer versäumte es nie, mich zu beliefern – mal mit Sandalen und Datteln oder mit Trockenfleisch und geblümtem Stoff, je nachdem, welche Fracht er gerade ausfuhr. „Du bist ein braves Mädchen“, pflegte er zu sagen, wenn ich ihm im Gegenzug Geld gab, und häufig musste ich darauf bestehen, dass er es annahm.
           
Mein Vater pflegte die Zukunft im Fett um den Magen von Ziegen zu lesen, er sagte Krieg und Dürre, Wohlstand und Milch voraus. Er sagte immer, Zeit sei nichts als eine Abfolge von Wohlstand und Hungersnot, zyklische Wiederholungen, die den Lauf des Lebens markieren.  
           
Ich wusste, dass die Bedrohung nicht lange brauchen würde, um sich zu zeigen. Es geschah eines Nachts, die dunkler war als sonst, das Kreuz des Südens unter der Linie des Horizonts verborgen. Wir waren gerade damit fertig, nach dem Abendessen die Teller zu spülen, als der Mann meiner Tante nach mir schickte. „Es ist eine große Schande, dass du uns nicht informiert hast“, wies er mich zurecht, „es ist eine große Schande für uns, ein Mädchen zu beherbergen, das vor einer arrangierten Ehe flieht. Dein Vater wurde informiert und dein Verehrer wird sich bald aufmachen, um dich abzuholen.“
             
Es war, wie wenn ein Schakal eine Herde Gazellen jagt, die wild davonspringen, und dennoch können sich die Gazellen nur auf ihr Glück oder die Behändigkeit ihres Schritts verlassen, um sich zu retten. Aber ich war keine Gazelle und der Verehrer kein Schakal, warum also bestand er darauf, eine Frau zu wollen, die ihn abgelehnt hatte? Ich konnte nur auf naqsi hoffen, göttliche Wiedergutmachung: Man darf seine Macht nicht missbrauchen, heißt es, denn wer immer sie ungerecht einsetzt, wird sie schnell verlieren. Aber es gab niemanden, nicht einmal meinen Vater, der eine arrangierte Ehe als Machtmissbrauch ansah.
           
Ich kannte nicht viele Leute in der Stadt und niemand hatte mir je so viel geholfen wie der Fahrer, und so ließ ich ihm, als ich ihn am darauffolgenden Montag sah, nicht einmal genug Zeit, um aus seinem Lastwagen auszusteigen. Ich klammerte mich an die Tür, meine Augen zwei feurig glühende Kohlen. „Du musst mich heiraten“, sagte ich ihm, ich schrie es beinahe. Der Fahrer drückte meine Schultern, um mich zu beruhigen, seine Augen klar und fern. So anmutig wie immer, als gleite er über den Boden, ging er zu einer Frau hinüber, die auf einem umgedrehten Fass Zigaretten verkaufte, nahm zwei, und, nachdem er eine in seine Hemdtasche hatte gleiten lassen, zündete er die andere mit einem Streichholz an. Ich hatte ihn noch nie rauchen sehen, hatte vielleicht überhaupt noch nie jemanden rauchen sehen, und es war, als bilde sich eine Unheil verkündende Wolke. Ich erinnerte mich an ein Lied, das ich während des Ehewerbens gehört hatte: Oh meine Liebste, der Brunnen ist ausgetrocknet, mein Pferd ist alt und müde, wo kann ich Wasser für deinen Durst finden?
           
„Ebla“, sagte der Fahrer, „du bist ein schönes und mutiges Mädchen, ich kann nicht umhin, mich von deinem Antrag geschmeichelt zu fühlen. Aber du weißt, dass ich ein Reisender bin, ein Mann, der seine Freiheit liebt, und ich möchte frei von Bindungen bleiben, selbst wenn das bedeutet, dass ich verachtet werde.“ – „Ich möchte auch frei sein“, sagte ich zu ihm, „genau wie du, und wenn du mich heiratest, können wir zusammen frei sein und keiner von uns wird je verachtet oder gedemütigt werden.“
           
Wir feierten unsere Hochzeit unter großer Geheimhaltung unweit der Stadt und ich zog bei seiner Schwester ein, die seit Kurzem verwitwet war. Ich gebar ihm zwei Kinder, und in dem Haus, das wir mit unseren Kindern teilten, hießen meine Schwägerin und ich zahlreiche andere aus dem Busch willkommen. Wir kümmerten uns darum, sie in die Schule zu schicken und sie für eine bescheidene Summe zu beherbergen. Mein Mann kam und ging, frei, wie er das wollte, und mein kleines Geschäft blühte dank seiner Hilfe auf.
           
Dann lernte ich eines Tages Haaja Faay kennen und es wurde sogar noch besser. Ich traf sie auf dem Markt: Sie liebte die Teppiche und Körbe, die ich webte, und kam immer wieder, um welche zu kaufen, und zahlte mehr, als sie mir schuldig war. Haaja Faay war eine junge Weiße, und sie hatte kräftige Hände, trotz der schwachen Struktur ihrer Haut und Muskeln. Ihre Augen hatten eine Farbe, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, wie ein Brunnen in Zeiten des Wohlstands – ein Blau, so intensiv wie die Nacht.
           
Alle Frauen in der Gegend kannten sie und hatten ihr aus Zuneigung einen somalischen Namen gegeben, denn Haaja Faay war Hebamme und hatte vielen von ihnen bei der Geburt beigestanden. Sie sagten, sie sei eine Nonne, aber ich wusste nicht, was das bedeutete, sah aber doch, dass sie, anders als die anderen weißen Frauen, ihre Haare bedeckte, auch wenn ihrem Schleier stets eine tintenschwarze Locke entkam. Haaja Faay half auch mir bei meinen Geburten und wenn sie nicht gewesen wäre, hätte ich die Geburt meiner Tochter womöglich nicht überlebt. Sie schaute immer auf dem Markt vorbei und kam eines Nachmittags mit einem seltsamen Kleidungsstück an. „Ebla“, sagte sie, „ich habe dir einen BH mitgebracht, du hast viel Milch, deine Brüste sind schwer, du bekommst womöglich Rückenprobleme, wenn du keinen trägst.“ – „Ich habe viel Milch, weil ich im Zeichen des Sterns Shaula und des Mondes geboren wurde“, wollte ich ihr sagen, aber was wusste Haaja Faay von den Häusern des Mondes? Seitdem habe ich nicht mehr aufgehört, den BH zu tragen, und er brachte mir viel Glück, denn dank meines Mannes wurde ich zur Hauptlieferantin für BHs in der ganzen Stadt. Das war eine wichtige Veränderung in unserem Leben und ich bin sicher, ohne mich würden nur wenige Frauen in Mogadischu BHs tragen.
 
Meine Tochter trug einen hellblauen BH, als sie mit zerrissenen Kleidern nach Hause kam, ihre Haut mit langen, purpurfarbenen Kratzern übersät, eine korallenrote Baumstruktur. Ihr Gesicht glühend und ihre Augen voller Wasser, wie Gewitterwolken, die kurz davor stehen, einen Sturm zu entfesseln. „Es sind Tränen der Wut“, sagte sie schnell, „glaub ja nicht, dass ich vor Schmerzen heule.“
           
Ich legte meine Arme um ihre Hüften und versuchte sie an mich zu drücken, während starke Zuckungen ihren Körper schüttelten. Sie trat ein kleines Stück zurück, löste sich aus meiner Umarmung. „Ich will nicht, dass du mich bemitleidest“, fügte sie hinzu, schluckte und hörte sofort zu weinen auf. Wir saßen ein paar Minuten schweigend da, vornübergebeugt, die Ellbogen auf den Knien, meine Tochter, Fleisch gewordene Wut. „Lass mich wenigstens deine Wunden versorgen“, flüsterte ich leise. Ich nahm Gaze und Desinfektionsmittel aus der Schublade in meinem Zimmer, Haaja Faay hatte sie für mich in einer italienischen Apotheke besorgt. Ich streifte meiner Tochter das zerrissene Kleid ab und sah dann ihren verletzten Oberkörper und den BH-Träger, der braun war von Blut und Schlamm.
           
„Zuerst müssen wir dich waschen“, sagte ich. Wir waren allein im Hof, und so blieb sie auf dem Hocker sitzen, während ich ihr aus einem Krug lauwarmes Wasser auf Nacken, Schultern und Oberschenkel goss, um den Dreck abzuwaschen. Dann half ich ihr beim Abtrocknen, indem ich sanft ihre Haut abtupfte, und die Berührung der mit Alkohol getränkten Gaze färbte ihre Wunden leuchtend rot. „Dreckskerle“, murmelte sie zähneknirschend. „Leg dich hin, ich zerdrücke ein paar Aloeblätter, dann heilen die Schnitte schneller. Vielleicht müssen wir auch nähen.“
           
Ich betrat das Zimmer mit angezündetem Räuchergefäß, sie hatte nicht einmal eine Laterne mitgenommen, und im schwachen Licht des Mondes konnte ich sehen, dass sie sich aufgesetzt hatte, ihre Fäuste um die Bettkante geklammert. Sie sah aus wie die gemeißelte Statue einer Göttin, oder vielleicht war sie Königin Arrawelo, die von den Männern blutrünstig und tyrannisch genannt wird, während die Frauen noch immer an der Stelle Blumen ablegen, wo der Sage nach ihre Leiche begraben liegt. „Sagal“, flehte ich sie an, „sag mir, was passiert ist.“ Ihre Stimme war der Atem des Windes, dieselbe, mit der sie für ihren Bruder sang, ihren Bruder, den Dichter und Musiker, der nie ohne seine Laute anzutreffen war.
           
Sie war an jenem Abend auf einer politischen Kundgebung gewesen, ihre Genossen vom Bund Junger Somalier hatten versucht, sie davon abzubringen, sie könne nicht allein aufs Podium gehen. „Dein Bruder ist nicht mehr hier“, sagten sie zu ihr, „glaubst du, dass das keinen Unterschied macht?“
           
Meine Tochter wurde unter dem Einfluss des Grünen Sterns und des Doppelsterns der Waage geboren: Man sagt, dass Männer, die in diesem Haus des Mondes geboren wurden, sehr charismatisch sind, und ich glaube nicht, dass die Himmelskörper einen Unterschied zwischen Männern und Frauen machen. Sagal trat einfach trotzdem auf und erklärte den Anwesenden, dass sie gegen die Italiener kämpfen mussten und es ohne Freiheit für die Frauen keine Unabhängigkeit und Einheit geben konnte. Sie erinnerte alle daran, wie ihr Bruder während seines Verhörs auf der Polizeiwache brutal geschlagen worden war, nur weil er sich weigerte, den Namen seines Clans zu nennen, nur weil er ständig wiederholte: „Ich bin Somalier, das ist die einzige Zugehörigkeit, die zählt.“ Sie erinnerte alle daran, wie ihr Bruder zur Flucht gezwungen worden war, um der Verfolgung der Kolonialbehörden zu entkommen, und wie er in der Kleinstadt im Landesinneren, in der er Zuflucht gefunden hatte, mobilisierte und dabei auch die Stärken und das Rederecht seiner Genossinnen anerkannte. Sie stand noch auf dem wackligen Podium, das sich auf einer von vier leeren Gasfässern getragenen Plattform befand, als sie in der Ferne Schreie hörten und alle anfingen wegzurennen. Die Polizei stürmte herein.
           
Meine Tochter rennt schneller als ein Gepard, sie rennt und keiner kann sie fassen. Sie hob ihr Kleid über die Knie und es war, als würde sie fliegen. „Dann kamen wir an die Mauer“, erzählte sie mir, „wir mussten darüber springen, um in Sicherheit zu gelangen.“ Die Oberkante der Mauer war mit zerbrochenen Flaschen übersät und man musste sehr vorsichtig sein, um sich nicht zu schneiden. Während sie versuchte, mithilfe der Zweige eines Akazienbaums hinaufzuklettern, holten einige Genossen zu ihr auf. „Eine Razzia“, riefen sie, „sie haben ungefähr zehn von uns festgenommen.“ Dann schubste sie jemand. Die dornigen Zweige zerkratzten ihre Arme und Beine und Glasscherben wurde in ihren Oberkörper getrieben. „Es ist deine Schuld, du Trappe, Vogel des Unheils“, schimpften sie sie, „du bist eine Hure, ja, das bist du, genau wie deine Mutter. Was hast du geglaubt, dass du ein Mann bist?“
           
Ich wusste, dass selbst die Männer im Bund nicht anders sein konnten als alle anderen, einmal schrieb einer von ihnen ein anonymes Gedicht, das gegen diejenigen von uns hetzte, die BHs trugen. Die Brüste, die ihr hochschiebt, sind weich, wir wollen nur die festen, ach Frauen, hört auf, eure Brüste zu quälen, hatte er geschrieben.
           
Meine Schwägerin sagte mir immer, es sei falsch, Sagal aufwachsen zu lassen wie einen Jungen: „Du willst sie auf die besten Schulen schicken“, pflegte sie zu sagen, „das verstehe ich. Aber du darfst sie nie, niemals den ganzen Tag wie einen Jungen gekleidet herumlaufen lassen. Du weißt, dass sie bald klarstellen werden, dass ihr das nicht zusteht.“
           
Meine Kinder waren schon immer unzertrennlich. Sagal pflegte ihrem Bruder auf den Fußballplatz zu folgen, einem Rechteck aus hartem Boden. Er hüpfte barfuß um den Ball aus Stofffetzen herum, und aus der Ferne beobachtete ich sie im Tor, von Kopf bis Fuß mit Staub bedeckt, ihr langes Haar im Wind und ihre dünnen kleinen Beine auf dem Boden aufgepflanzt. Niemand hätte es gewagt, sich über sie lustig zu machen, als sie noch zusammen waren.
           
Dann kam der Tag der Infibulation. Alle Mädchen ihrer Altersgruppe saßen wartend auf dem Boden. Die Frau, die das Ritual leitete, damit beschäftigt, ihre Instrumente zu schärfen. Sagal weinte und ich brachte es nicht übers Herz, ich nahm sie in die Arme und sagte Nein. Ich brachte sie weg, ich wollte nicht, dass sie erlitt, was ich erlitten hatte. Ich wünschte, ich wäre mit einer Mutter an meiner Seite aufgewachsen, ich war für meine Tochter die Mutter, die ich selbst gerne gehabt hätte.
           
Man sagt, es gibt eine mysteriöse Macht, die Weltfrau, und dass sie eine sehr hochgewachsene Frau ist, in deren Kopf nur ein Auge sitzt, das zum Himmel aufblickt. Die Weltfrau hatte eine Tochter, die sie unglücklicherweise verlor, aber sie ist überzeugt, dass sie noch am Leben ist. Aus diesem Grund greift sie sich gelegentlich einen Menschen, tastet ihn oder sie mit den Händen ab, und sobald sie merkt, dass es nicht ihre Tochter ist, wirft sie ihn weg. Wenn sie Schwierigkeiten hat, das durch Berührung festzustellen, hebt sie ihn auf Augenhöhe hoch. Daher gibt es unter den Menschen immer die, die auf Kniehöhe weggeschleudert werden, diejenigen auf Brusthöhe und diejenigen auf Kopfhöhe. Ein Mensch, der von der Weltfrau geschnappt wird, lebt von diesem Moment an bis zum endgültigen Aufstieg ein glückliches, wohlhabendes Leben, denn die Weltfrau schenkt ihm all ihre Aufmerksamkeit, weil sie ihn für ihre Tochter hält.
           
Ich bin nicht die Weltfrau und ich glaube nicht, dass das Schicksal nur eine Laune ist. Meine Tochter ist gegangen, aber das hat einen Grund. Sie verstand, dass es hier für sie keinen Platz mehr gab, und beschloss, an der Seite ihres Bruders zu kämpfen – weil ein Kampf, der nur von Männern ausgefochten wird, verstümmelt ist, weil ein Kampf, der nur von Männern ausgefochten wird, zum Scheitern verurteilt ist.