Luis Noriega Der Streifen

Indigenes Volk: Guambiano-Frau trägt traditionelle Kleidung für den einheimischen Guambiano Markt, Silvia in der Nähe von Popayan, Cauca, Kolumbien, Südamerika
Indigenes Volk: Guambiano-Frau trägt traditionelle Kleidung für den einheimischen Guambiano Markt, Silvia in der Nähe von Popayan, Cauca, Kolumbien, Südamerika | Foto (Detail): Gilles Barbier © picture alliance / imageBROKER

Von Luis Noriega

Die Kurzgeschichte als Audio abspielen:                                      gelesen von David Mayonga                       
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1. Der Beamte hatte etwas anderes erwartet. Eine hohe Mauer, gespickt mit Stacheldraht, Elektrozäune, Wachtürme, Schützenlöcher, eine runde Konstruktion, die schon fürs Auge eine Strafe darstellte, ein Symbol, das, wollen wir optimistisch klingen, abgerissen werden konnte. Insofern war die Realität eine Riesenenttäuschung: eine unendliche Ebene aus Staub und Sand. Die heutige Basis bestand aus einem komplexen System von Bunkern, die durch Tunnel entlang der Grenze miteinander verbunden waren. Alles Wesentliche spielte sich unter der Erde ab, im Schutz vor der sengenden Hitze und, selbstverständlich, vor jeglichem Angriff. Draußen sah es nichtssagend aus: Abgesehen von einer Handvoll einsturzgefährdeter Bauten, die seit Jahrzehnten sich selbst überlassen waren, stand er vor derselben Einöde, die er stundenlang bei jedem Blick durchs Busfenster erspäht hatte, während sie talwärts fuhren. Es überraschte nicht, dass jemand hier leben wollte (nämlich niemand), sondern dass jemand hier leben konnte. Er wusste, dass die eigentliche „Wildnis“ erst einige Kilometer weiter anfing – aber nicht so viele Kilometer, als dass er auf eine völlig andere Landschaft hätte blicken können als die hiesige. Die Menschen, um derentwillen die Basis existierte, hatten sich diese Hölle nicht ausgesucht, sie waren hierhergetrieben, hier eingepfercht worden. Dass sie länger als ein Jahrhundert in einer solchen Umgebung hatten überleben können, rechtfertigte (im Nachhinein) kaum, dass man sie „störrisch“ nannte, ein Etikett, das ihnen außerhalb der Geschichtsbücher niemand mehr anheftete. Und dass die Basis fast ohne physisches Überwachungs- und Gefahrentamtam – Elektrozäune, Stacheldraht – auskam, bewies ihren endgültigen Sieg.
               
Er begriff, dass sie angekommen waren, als der Bus mitten im Nichts vor einem Pförtnerhäuschen anhielt und ein Wachmann einstieg, um die Durchfahrt freizugeben. Zweiundzwanzig Rekruten und ein Bürokrat, hörte er den Fahrer sagen, der nicht einmal auf ihn zeigen musste, damit der Wachmann ihn identifizieren konnte. Er sah von seinem Sitz zu ihm hin, ohne sich als gemeint erkennen zu geben, als hätte er gar nicht gehört, was sowohl der Fahrer als auch der Wachmann eindeutig als Beleidigung verstanden haben mussten. Der Wachmann zählte flüchtig die Köpfe, kehrte in sein Pförtnerhäuschen zurück, rief per Funk in der Basis an und wartete auf Anweisungen.
               
Während sie auf die Durchfahrtserlaubnis warteten, fragte er sich, ob es ihn kränkte, als Bürokrat bezeichnet zu werden. Nicht besonders. Eigentlich war er genau das. Und er wusste, dass er in einer Militärbasis, die es gewohnt war, ohne richtige Kontrolle von außen zu funktionieren, nicht unbedingt willkommen sein konnte. Aber vielleicht, nur vielleicht begann er es zu bereuen, hierhergekommen zu sein. Er war kaum mehr als ein Handlanger, ein Rad im Getriebe, und hatte keine Möglichkeiten, in einer Angelegenheit, die der gesamte Ministeriumsapparat nicht hatte voranbringen können, irgendetwas zu bewirken. Er musste sich daran erinnern, dass er auch gar nicht gekommen war, um etwas zu bewirken.
               
Er stieg mit den Rekruten aus dem Bus und musste zusammen mit ihnen in der sengenden Wüstenhitze darauf warten, dass jemand sie begrüßen kam. Überrascht sah er den Oberst höchstpersönlich auf sie zukommen. Doch als er ihm die Hand entgegenstrecken wollte, hielt man ihn zurück: Der Oberst würde sich zunächst an die Neulinge wenden und erst danach mit ihm sprechen. In der Hierarchie der Basis stand der Bürokrat sogar noch unter dem Kanonenfutter. Diese Erniedrigung ließ ihn schwanken. Er sah zum Bus hin. Er konnte zurückfahren. Allerdings, so sagte er sich, würde der Oberst sein Verschwinden nicht als Unverfrorenheit deuten, sondern als Flucht oder Kapitulation. Er entschied, es durchzuziehen, und kramte resigniert eine Mappe aus seiner Aktentasche hervor, um sich Luft zuzufächeln, während der Oberst seine Willkommensrede hielt.
               
Was im Streifen passiert, bleibt im Streifen, begann der Oberst. Außer ihm, der am Rand der Truppe stand, reagierten alle Neuankömmlinge mit Grinsen und komplizenhaften Grimassen auf die Formel. Was im Streifen passiert, bleibt im Streifen, billigten sie kopfnickend, als handle es sich um den Beginn eines Spiels oder einer Posse. Er dagegen grinste nicht: Ihm war klar, dass diese Worte eigentlich eine Warnung darstellten, und ihm war sonnenklar, dass sich diese Warnung auch an ihn richtete, ja er war überzeugt, dass sich der Oberst an diesem Tag damit sogar speziell an ihn richtete, an den Bürokraten und daher Eindringling. Was im Streifen passiert, bleibt im Streifen: Ihm fiel ein, dass er in gewisser Weise deshalb hier war. Um zu erfahren, was im Streifen passierte. Um zu erfahren, was im Streifen blieb.
 
2. Der Beamte erinnert sich genau, wie er zum ersten Mal vom Streifen gehört hat. Das war vor dreißig Jahren, während des Halbfinales der Fußballweltmeisterschaft. Die Nationalmannschaft war zum ersten Mal überhaupt so weit gekommen, eine Glanzleistung, die sich in den folgenden Jahrzehnten nicht wiederholen sollte. Er erinnert sich, dass mit ihm ein halbes Dutzend Nachbarskinder vor dem Fernseher bangte, die, das fällt ihm jetzt auf, an diesem Nachmittag aus nicht ganz erfindlichen Gründen bei ihm zu Hause und nicht bei ihren Eltern waren. Vielleicht weil sein Vater sowohl Antialkoholiker als auch der einzige ihm bekannte Erwachsene war, den die Fußballweltmeisterschaft kaltließ. Daraus hatten die Nachbarn wohl gefolgert, dass er der Geeignetste wäre, sich um die Knirpse zu kümmern, während sie zur besseren Verträglichkeit des Bangens und der Gegentore Bier hinunterkippten und einen Schiedsrichter beschimpften, der sie nicht hören konnte.
               
Allerdings kümmerte sich nicht sein Vater um die Knirpse, sondern seine Mutter. Sie mochte Fußball durchaus, sehr sogar, sodass er sagen konnte, dass er diese Leidenschaft von ihr geerbt hatte. Sie war nur deswegen nicht bei den Nachbar*innen, weil sie beim Fußball die Gesellschaft der Kinder bevorzugte, die weniger als die Erwachsenen dazu neigten, ihre Emotionen am Fernseher auszulassen. Warum war sein Vater nicht bei ihnen? Dass ihn die Weltmeisterschaft kaltließ, hieß nicht, dass er sich weigerte, sich die Spiele anzuschauen, schon gar nicht, wenn der Rest der Familie sie sich anschaute. Soweit er sich erinnert, hat sein Vater fast die gesamte Begegnung in seinem Arbeitszimmer abgesessen, wo er seine Universitätsseminare vorbereitete, was er seiner Erinnerung nach immer tat, wenn er nicht gerade das Geschirr spülte und die Küche aufräumte. Aber jetzt versteht er, dass das nicht viel Sinn ergibt (das letzte Semester hatte gerade erst geendet und das neue fing erst in mehr als einem Monat an) und dass daher seine Erinnerung berichtigt werden muss: Viel wahrscheinlicher ist, dass sein Vater in der Küche das Geschirr spülte und einen der wenigen Radiosender laufen ließ, die nicht die Fußballweltmeisterschaft übertrugen. Dieser Gedächtnisfauxpas scheint ihm entschuldbar. Wichtig war an diesem Tag, was im Wohnzimmer und vor allem im Fernsehen passierte. Und das hat er nicht vergessen. Er erinnert sich, dass er auf dem Sofa herumhopste und das Tor bejubelte, mit dem es 2:1 stand und weiteres Aufholen zu erhoffen war, das sich aber leider nicht verwirklichen sollte. Er erinnert sich, dass er den dicken Sánchez, seinen besten Freund, umarmte. Er erinnert sich sogar an das aufgeregte Geschwätz des Fernsehkommentators: Was für ein Coup, liebe Vaterlandsfreunde, was für ein Kampf gegen die Geschichte und die Statistiken. Und plötzlich betritt sein Vater die Szene. Vermutlich haben ihn die Schreie herbeigelockt, und er will an der Freude der Nachbar*innen, des ganzen Landes teilhaben, sich die Torwiederholung ansehen, bis zum Schlusspfiff mitfiebern. Aber nein, sein Vater tritt nicht ins Zimmer, sondern stützt sich am Türrahmen ab, und er sieht weder froh noch hoffnungsvoll aus, ganz im Gegenteil. Was dort im Türrahmen stand, was er seiner Erinnerung nach im Türrahmen sah, war ein ausgemergeltes Gespenst, überwältigt von Kummer und Schrecken. Aus dem schwarzen Loch, in das er gefallen war, schaute sein Vater seine Mutter an. „Die Armee bombardiert den Streifen“, sagte er. Und fing an zu weinen.
               
Jahre später sollte das Weinen seines Vaters, überlagert vom Jubelgeschrei eines halben Dutzends Kinder und der durchs Fenster hereindringenden Glücksexplosion, für ihn zum lebenden Abbild der Machtlosigkeit werden.
               
Doch dafür musste noch viel Zeit ins Land gehen. Er ist sich bewusst, dass er den Tränen seines Vaters an diesem Nachmittag nicht allzu viel Aufmerksamkeit schenkte. Seine Mutter erstickte mit der Hand einen Schrei, der sich aus ihrem Mund Bahn brechen wollte, und stürzte zu ihm hin. Papa weint, Mama kümmert sich, registrierte er in Gedanken und richtete seine Augen wieder auf den Fernseher. Es blieben noch zehn Minuten Spielzeit. Von seinen kleinen Freunden hatte womöglich gar niemand etwas mitbekommen.
               
Die Armee bombardiert den Streifen, hatte sein Vater gesagt. Doch am nächsten Tag befand es die gesamte Presse für wichtiger, über die Niederlage der Nationalmannschaft zu berichten, nachdem sie schon an der Schwelle zum Sieg gestanden hatte. Schmerz ums Vaterland, lautete die trauervolle Schlagzeile der wichtigsten überregionalen Tageszeitung.
 
3. Das Vaterland spielte auch in der Ansprache des Obersts vor den Rekruten eine hervorgehobene Rolle. Die Verteidigung des Vaterlands wurde als Hauptziel der Basis angeführt; die Liebe zum Vaterland als einziger Grund, dass jemand vom Range desjenigen, der gerade zu ihnen spreche, seine besten Jahre dieser vergessenen Grenze opfere; und das Interesse des Vaterlands als vorrangige Rechtfertigung für das Geheimnis, in das die Rekruten von nun an eingeweiht würden. Was im Streifen passiere, müsse im Streifen bleiben, denn über allen und jedem einzelnen von ihnen stehe das Vaterland, in dessen Dienst sie sich an Eides statt gestellt hätten.
               
Er fragte sich, was wohl die Rekruten von diesen abgedroschenen Gemeinplätzen hielten. Der feierliche und gekünstelte Tonfall des Obersts hatte das anfängliche Grinsen schwinden lassen, was bedeutete, dass sie nicht mehr an die Idee von Spiel oder Posse glaubten. Darüber hinaus zeigte sich jedoch keine Regung auf ihren verschwitzten Gesichtern. Das ist jetzt ernst gemeint, sagten sich manche vielleicht. Andere hatten sich hoffentlich etwas von ihrem Teenagertrotz bewahrt und würden sich als immun gegen die Geschwätzigkeit ihrer Vorgesetzten erweisen. Wenn er es sich genau überlegte, war es allerdings am wahrscheinlichsten, dass sie alle, teils aus Desinteresse, teils aus Stumpfsinn nach einer langen, unbequemen Reise, gedanklich längst abgeschaltet hatten und dass sie das Militärblabla nur deshalb ertrugen, weil sie keine Wahl hatten. Die hatte auch der Bürokrat nicht, aber der konnte sich wenigstens Luft zufächeln und musste nicht strammstehen.
               
Ob die Rekruten auch nur die leiseste Ahnung hatten, wo sie sich befanden? Offensichtlich nicht. Diese Soldaten waren frischgebackene Abiturienten, die statt zu studieren das Pech gehabt hatten, für den Militärdienst auserkoren zu werden. Sicherlich hatten sie in irgendeiner Kaserne für einige Wochen eine Ersteinweisung erhalten, bevor sie hierher entsendet worden waren, an einen entlegenen Ort, von dessen Existenz und Funktion sie bis dahin nichts gewusst hatten. Mit den Details würde sie der Oberst in seiner Begrüßungsrede, da war er sich sicher, vorerst noch verschonen.
               
Sie taten ihm leid: Was das Vaterland wirklich war, würden sie auf eine brutale Art erfahren. Und wieder dachte er an seinen Vater. Der reinste Schweinestall, dieses Vaterland, hatte der immer gesagt. Nicht so sehr, weil er den Begriff ablehnte, sondern vielmehr, weil er das hochtrabende Gerede nicht ertrug, gegen das er ihn von klein an Wachsamkeit gelehrt hatte. Wer groß tönt, ist ein Betrüger. Alles hochtrabende Gerede vertuscht einen Schwindel. Für jemanden wie den Oberst hätte sein Vater wahrlich keine Geduld aufgebracht, weshalb er vermutlich in einer einsamen Zelle oder mit einer Kugel im Kopf geendet hätte, wären sie sich begegnet. 
               
Plötzlich kam der Oberst auf die Hauptstadtbürokratie zu sprechen. Sie mische sich in Dinge ein, die immer schon der ausschließlichen Zuständigkeit der Armee unterlegen hätten und auch in Zukunft unterliegen sollten. Die Absurdität einer solchen Begrüßungsrede vor den neu angekommenen Soldaten bestätigte ihm, dass der Oberst das Ziel seines Besuchs kannte und dass die wiederholten infrastrukturellen Probleme, die in den vergangenen Monaten eine reibungslose Kommunikation unmöglich gemacht hatten, im Grunde auf ein einziges hinausliefen: die Weigerung, überhaupt zu kommunizieren. Der Oberst erhielt die Berichte, Studien, Gutachten, Anweisungen, berief sich aber auf eine alte Tradition, um sie entgegenzunehmen, ohne sie zu befolgen. Sonst nichts. Das hätte er sich gleich denken können. Der Oberst hatte die Begrüßungsansprache in eine vorbeugende Verteidigungsrede verwandelt.
Sollte er ihn als Empfänger dieser Botschaft auserwählt haben, damit er sie der Hauptstadt überbrächte, war ihm eine schwere Enttäuschung garantiert, wenn er nur erst erfuhr, welche Position er im Ministerium innehatte.
               
Ohne seine Empörung zu verbergen, steckte er die Mappe wieder in seine Aktentasche.„Gibt es hier einen Ort, an dem ich warten kann, bis das hier ein Ende hat?“, fragte er den Feldwebel, der sich gleich zu Beginn der Rede neben ihn gestellt hatte. Der Mann gab keine Antwort. „Vielleicht kann ich Ihnen weiterhelfen“, hörte er eine Stimme hinter seinem Rücken.

Als er sich umdrehte, erblickte er einen Pfarrer. Dessen Anwesenheit überraschte ihn. Er hatte nicht gewusst, dass die Basis über geistliches Personal verfügte. Zugleich fragte er sich, ob das eine gute Nachricht war. Ein Pfarrer konnte ein guter Verbündeter sein. Oder genau das Gegenteil. Bei diesem handelte es sich um einen eher älteren Mann. Betagt genug, um vor der Einführung des Pfarrerpostens (und der Abschaffung der Kaplanstellen) Kaplan gewesen zu sein, und folglich jemand, dem die religiöse Toleranz per Dekret auferlegt worden war.
               
„Danke“, sagte er. „Falls möglich, würde ich mich gern setzen, solange ich auf den Oberst warte. Am besten im Schatten, falls das keine zu großen Umstände macht.“ – „Natürlich“, entgegnete der Pfarrer mit sanfter, liebenswürdiger Stimme. „Kommen Sie.“ Er folgte dem Mann bis zum Eingang eines Bunkers. Auf ein Zeichen des Pfarrers ließen die Wache stehenden Soldaten sie passieren.
               
„Es ist ein Verstoß gegen das Protokoll, aber nur ein leichter“, sagte er. „Ich fürchte, wir sind hier keinen Besuch gewohnt.“ Der Gebrauch des Plurals war ihm nicht entgangen. Auch nicht, wie die Soldaten dem Zeichen gehorcht hatten. Seine Kenntnisse der armeeinternen Codes mochten zwar begrenzt sein, doch er wusste, dass die Pfarrer eher der Zierde dienten und von der Hierarchie nicht ernst genommen wurden, und das Benehmen dieses Pfarrers stimmte damit nicht überein.  
 
4. Die von der Presse totgeschwiegene Bombardierung war weder die erste, noch sollte es die letzte gewesen sein. Aber es war die entscheidende. Denn ab sofort verschwand der Streifen, der außer in einer Handvoll Berichte geheimer staatlicher Verwaltungsstellen ohnehin nicht mehr existierte, vollständig aus den Archiven, so wie er zuvor schon aus der Geschichte verschwunden war, und er wurde Teil einer düsteren Legende, an der nur exzentrische Akademiker*innen festhielten, die im Verdacht des Dissidententums standen. Davon sollte er aber erst sehr viel später erfahren, als er schon beinahe zur Überzeugung gelangt war, dass die Geschichte, die bei ihm zu Hause erzählt wurde, in Wirklichkeit Unfug war, Unfug, der seinen Vater den Lehrstuhl an der Universität gekostet hatte und noch wesentlich mehr gekostet hätte, wenn seine Mutter ihn nicht unterstützt hätte.
               
Am Tag nach dem Halbfinalspiel führte er, der wegen der Niederlage der Nationalmannschaft ebenfalls in Trauer war, die kummervolle Stimmung bei ihm zu Hause nicht auf das zurück, was sein Vater tags zuvor im Türrahmen gesagt hatte, und vom Streifen sollte er erst mehrere Jahre später wieder reden hören.
               
Und zwar während der Feierlichkeiten anlässlich eines weiteren Unabhängigkeitsjubiläums, als sich die Schulen wie üblich mit mehr oder weniger Begeisterung dem unausweichlichen Vaterlandsgedöns fügten. Die spätere Geschichte des jungen Staates, ein fast ununterbrochener Bürgerkrieg, war für einige Tage zweitrangig gegenüber dem Konflikt, dem es seine Freiheit verdankte: die Freiheit, sich hinterrücks abzuknallen und niederzustechen, wie sein Vater gern betonte. Aber er war inzwischen zu einem Jugendlichen herangewachsen, der die Geschichten seines „Alten“, wie er ihn nun nannte, als Ärgernis und Peinlichkeit betrachtete, vor allem, wenn seine Kameraden zuhörten.
               
Er erinnert sich sehr gut an diesen Moment, allerdings ist ihm jetzt seine damalige Einstellung peinlich, und es fällt ihm schwer, den unbekümmerten, naiven Jugendlichen mit Berufung auf sein Alter in Schutz zu nehmen. Der halb dissidente Pfarrer, der sie in Geschichte unterrichtete, hatte wie im Lehrplan vorgesehen mit dem ganzen Kram über den Unabhängigkeitskrieg angefangen. Hauptauslöser des Konflikts sei die Diskriminierung der Criollos zu Kolonialzeiten gewesen. Im Gegensatz zu den Halbinsulanern habe ihnen der „Makel der Erde“ angehaftet, sie seien hier, nicht im Mutterland, geboren, und das habe sie zu Bürgern zweiten Ranges gemacht. Der Unabhängigkeitskrieg habe den „Makel der Erde“ in etwas verwandelt, auf das man stolz sein konnte. Die Nation sei auf diesem Stolz gewachsen. Aber dann hatte sich der Pfarrer mit der Geografielehrerin verbündet, die ebenfalls im Ruf der Dissidentin stand, um diese Version zu demontieren – soweit dies an einer Schule, die von einer Ordensgemeinschaft geleitet wurde, möglich war, versteht sich. Dazu organisierte er eine Vortragsreihe, zu der auch sein Vater eingeladen wurde, schließlich war er ein Experte für diese Epoche. Der Vortrag seines Vaters trug den Titel „Die wahren Verlierer des Unabhängigkeitskriegs“ und verteidigte die umstrittene These, den größten Verlust durch die Unabhängigkeit habe die originäre Bevölkerung erlitten.
               
Als seinen Kameraden klar wurde, dass der Vortragsredner mit originärer Bevölkerung die „Indios“ meinte, erschallte Gelächter. Die Indios waren doch längst besiegt. Sie konnten nicht noch einmal einen Krieg verlieren, den sie bereits verloren hatten. Sein Vater ließ sich von der Feindseligkeit des Publikums nicht beirren und fuhr ganz didaktisch damit fort, von den indigenen Bevölkerungsgruppen zu sprechen, die dem Vernichtungsfeldzug der Conquista hätten entkommen und von den Kolonialbehörden einigermaßen anerkannte Grenzen hätten sichern können. Diese Gruppen, die „ungezähmten Indios“ oder „störrischen Wilden“ seien die wahren Verlierer der Unabhängigkeit, denn die Sieger seien nicht bereit gewesen, auf diese Gebiete zu verzichten. Sie seien gewissermaßen weiterhin vom Eroberergeist besessen gewesen, bemerkte sein Vater. Damit löste er zynisches Gelächter, aber auch einiges Gemurre aus.
               
Er erinnert sich, dass der Rektor auf seinem Stuhl am Podiumstisch hin und her zu rutschen begann. Der Pfarrer blickte suchend um sich, um einen Vorwand zu finden, mit dem er den Vortrag unterbrechen konnte. Schließlich gab er sich einen Ruck.„Entschuldigen Sie, Herr Professor“, setzte er an, „aber die Barbarei der Conquista haben die Halbinsulaner angerichtet, eine Sünde, für die nicht die neue Nation verantwortlich gemacht werden kann. Wir sind ein Mestizenstaat.“ Dass das Publikum, zu dem er sprach, für diesen „Mestizenstaat“ nicht gerade das beste Beispiel ablieferte, kommentierte sein Vater nicht, sondern beschränkte sich auf den Einwand, dass die neue Nation den Halbinsulanern in Sachen Barbarei in nichts nachstehe. „Und diese Barbarei gehört nicht etwa der Vergangenheit an. Sie dauert bis heute an in einem geheimen Gebiet, das als ‚der Streifen‘ bekannt ist“, so sprach er.
               
Wie viele der Anwesenden denn schon einmal vom Streifen gehört hätten? Die entgleisten Gesichtszüge des Rektors verrieten, dass er begriffen hatte, worauf der Vortrag augenscheinlich hinauswollte. Die meisten Zuschauer*innen schienen jedoch eher verwirrt. Zum Unglück der Schulleitung hatte das Knistern zwischen Rektor und Redner den unverhofften Effekt, dass die Schüler nun aufmerksamer zuhörten als noch einen Augenblick zuvor. Sein Vater nutzte die Gelegenheit, die sich ihm durch die Unentschlossenheit des Rektors bot, und beeilte sich zu erklären: „Der Streifen war der Ort, an dem die Befreiungstruppen alle Indigenen zusammentrieben, die nicht von ihrem angestammten Gebiet befreit werden wollten, von ihren Gewohnheiten, ihren Überzeugungen. Und dort leben sie noch, im größten Gefängnis auf Erden.“ An diesem Punkt ließ der Rektor jeden Anschein von Höflichkeit fallen. „Ich muss Sie bitten, Ihren Vortrag abzubrechen, Herr Professor“, sagte er. Und sein Vater gehorchte, mit einem Lächeln der Befriedigung, das die Verlegenheit, derentwegen er sich schon die ganze Zeit auf seinem Stuhl zusammenkauerte und im Erdboden zu versinken wünschte, noch steigerte.
               
Die erste Konsequenz dieses Vorfalls lag auf der Hand: Die übrigen für diese Woche angesetzten Vorträge wurden umgehend abgesagt. Weitere Konsequenzen erfolgten zum Schuljahresende. Der aufmüpfige Pfarrer, der die Reihe organisiert hatte, wurde von seinem Orden an eine Stelle versetzt, wo er keine jungen, beeinflussbaren Gemüter mehr mit seinen verführerischen Ideen vergiften konnte. Über die Geografielehrerin wurde eine Akte angelegt, nachdem ein Schüler gemeldet hatte, sie habe sich im Unterricht für Abtreibung ausgesprochen, und letztlich bekam sie keine Vertragsverlängerung. Was ihn betraf, ließ sich die direkteste Konsequenz mit der Frage zusammenfassen, die ihm einer seiner Klassenkameraden stellte: Warum ist dein Alter so ein Stänker?
 
5. Der Pfarrer führte ihn durch ein Labyrinth von Gängen und was Arbeitsräume zu sein schienen, bis in ein großes Büro. Die Einrichtung war nüchtern, die Möbel allenfalls funktional: Schreibtisch, Besprechungstisch, Metallregale; eine nicht besonders freundliche Beleuchtung, ja so unfreundlich, dass Sonnenbrillen angebracht gewesen wären.
               
„Wir können hier auf den Oberst warten“, sagte der Pfarrer und bot ihm einen der zwei Stühle vor dem Schreibtisch an. „Ist das sein Büro?“ Er konnte sich die Frage nicht verkneifen. „Ja. Überrascht Sie das?“ – „Zugegeben, ja. Es ist viel spartanischer, als ich erwartet hätte.“
               
„Was soll ich dazu sagen? Die Funktion der Basis ist, was sie ist. Wir befinden uns an der Grenze der Zivilisation, wie Sie wissen. Und im Krieg.“ – „Darin kann ich Ihnen nicht zustimmen. Der Krieg ist seit Langem beendet.“ – „Das sollten Sie den Jungs sagen, die Sie draußen gesehen haben.“ – „Sie wissen es.“
               
„Sie glauben, es zu wissen. Wie Sie. Aber Sie werden schon Gelegenheit haben, es mit eigenen Augen zu sehen, sollte der Oberst es erlauben. Jedenfalls, wenn es Ihnen lieber ist, es gibt einen Gemeinschaftsraum in der Offizierskantine, wir können auch dort hingehen ...“ – „Nein, das ist nicht nötig. Wird es lange dauern? Die Begrüßung, meine ich.“ – „Ich glaube nicht. Kann ich Ihnen in der Zwischenzeit etwas anbieten? Kaffee? Ein Glas Wasser?“
               
Er entschied sich für beides und der Pfarrer drückte auf den Knopf der Sprechanlage über dem Schreibtisch des Obersts, um die Getränke bringen zu lassen. Diese Vertrauensgeste würde vermutlich auch als Verstoß gegen das Protokoll gelten. „Wissen Sie, wir sind sehr froh, dass Sie hier sind. Die Studien, die Sie geschickt haben, waren wirklich eine gute Anregung.“
               
„Sie haben sie also gelesen? Wir befürchteten schon, sie wären gar nicht angekommen.“ – „Der Oberst hat sie mir gezeigt. Er wollte meine Meinung dazu, verstehen Sie? Meine Meinung als Glaubensmann, meine ich.“ – „Und was ist Ihre Meinung?“
               
Der Pfarrer schien mit einer theatralischen Sequenz über seine Worte nachzudenken: Er atmete tief ein, verschränkte die Hände ineinander, sah zur Decke. Dann trug er seine vorbereitete Antwort vor. „Ich gehe davon aus, dass die Studien stimmen.“ – „Sie stimmen, das garantiere ich Ihnen.“
               
„Also, ich denke, es ist eine ausnehmend gute Nachricht für das Personal der Basis und gemeinhin für alle Gläubigen.“ Eine solche Antwort war genau das Gegenteil dessen, was er erwartet und befürchtet hatte, und er genehmigte sich ein Lächeln der Befriedigung. Der Pfarrer dagegen fuhr fort. „Diese neue Wissenschaft, diese Genetik, die Sie fördern, ist eine wunderbare Sache. Es wurde lange, sehr lange darüber gestritten. Dass wir nun definitiv die Bestätigung haben, die wissenschaftliche Gewissheit, ist ermutigend. Ich brenne vor Ungeduld, es den neuen Rekruten zu erzählen, denn es ist immer einer dabei, der die Unterschiede, die uns von den Untermenschen trennen, nicht verstehen kann.“
               
Bei der Erwähnung der „Untermenschen“ wurde ihm flau im Magen. Wovon redete dieser Unglückselige? Er hatte nichts begriffen. Ohne seinen Ärger zu unterdrücken, sagte er: „Die Studien zeigen, dass es überhaupt keinen Unterschied gibt. Ich möchte, dass das wirklich klar ist: Es gibt keine ‚Untermenschen’. Und es hat sie nie gegeben. Je schneller Sie diese Tatsache hier im Streifen einsehen, umso besser.“
               
„Sie irren sich“, antwortete der Pfarrer mit einer Selbstgewissheit, um die er ihn unter anderen Umständen beneidet hätte. „Sie irren sich absolut. Dass die fortschrittlichste Wissenschaft keine Unterschiede zwischen den Menschen und den Untermenschen feststellen kann ...“ Empört unterbrach er ihn: „Bitte, jetzt hören Sie doch auf, diesen Begriff zu verwenden.“
               
Der Pfarrer zuckte mit den Achseln. „Wie Sie möchten“, sagte er. „Dass die Wissenschaft keinerlei Unterschied zwischen den Menschen und den Wilden feststellen kann, heißt ja nicht, dass es keinen Unterschied gibt, wie Sie gern glauben möchten. Es heißt nur, dass die Wissenschaft, Ihre Wissenschaft, unfähig ist, diesen Unterschied zu erklären. Es heißt, dass es Wahrheiten gibt, die außerhalb der Möglichkeiten der Wissenschaft liegen, und dass es somit Wahrheiten gibt, tiefer liegende Wahrheiten, zu denen weiterhin allein der Glaube führen kann.“
               
„Der Glaube, der wahre Glaube?“, fragte er spöttisch: Er hatte nicht vor, das hinzunehmen. „Und ich hatte geglaubt, dass für Sie, die Pfarrer, in punkto spirituelle Suche alle Religionen gleichwertig sind.“ – „So ist es.“ – „Aber was ist dann mit dem Glauben der originären Bevölkerung? Führt auch ihre Religion zu tiefer liegenden Wahrheiten außerhalb der Möglichkeiten der Wissenschaft?“
               
Der Pfarrer schwieg, was er als Punkt für sich verbuchte. Natürlich nützte ihm dieser Sieg nichts, die wahre Autorität war schließlich immer noch der Oberst, aber es erfüllte ihn mit Befriedigung, diesem Fanatiker den Mund gestopft zu haben. Doch der lächelte plötzlich. „Mein Gott, sind Sie sich eigentlich im Klaren, was Sie da sagen? Sie kommen hierher, weil Sie was auch immer zu wissen glauben, dabei wissen Sie gar nichts. Die untermenschliche Religion gibt es nicht. Der Untermensch besitzt überhaupt kein spirituelles Bewusstsein. Was Sie Religion nennen, ist bloßer Götzendienst, die Ehrfurcht, die ein Tier vor allem empfindet, was seine beschränkten geistigen Kapazitäten übersteigt. Würde der Untermensch nicht vom irrationalen Hass beherrscht, den er uns gegenüber an den Tag legt, würde er uns verehren.“
 
6. Stänker war damals ein Modebegriff. Wenn er es richtig verstand, dann wurden damit jene bezeichnet, die sich lautstark beschwerten. Sie hatten das Wort im Pausenhof aufgeschnappt, von anderen Schülern, die es wiederum von ihren Eltern aufgeschnappt hatten, die es bedenkenlos auf den Pfarrer anwendeten, der mit der alten Leier von der sozialen Gerechtigkeit die Schule betrat, den Aktivisten, der in den Nachrichten Missstände beklagte, oder den Politiker, der sich – ob aus eigener Überzeugung oder nicht – den Kampf gegen die soziale Ungleichheit auf die Fahnen geschrieben hatte. Keine Forderung kam ohne Stänkerei aus: Feminismus, Minderheitenrechte, Umweltschutz oder, wie im Falle seines Vaters, die originäre Bevölkerung. Wenn er daran dachte, dass er unter diesen Leuten groß geworden war, hegte er den Verdacht, dass seine Eltern diese Schule nicht wegen ihrer Qualität für ihn ausgewählt hatten, sondern um ihm zu zeigen, dass er nicht zu dieser Schicht gehörte.
               
Warum ist dein Alter so ein Stänker? In Wirklichkeit wusste er darauf keine Antwort. Sein Vater war kein Stänker, soweit er den Begriff richtig verstanden hatte. Sein Vater war nicht einmal ein Meckerer. Er war einfach jemand, der sich gewisse Themen sehr zu Herzen nahm und protestierte, wenn es dazu einen Anlass gab. Er konnte auch zornig werden und aufgebracht protestieren, aber dazu war es in der Schulaula nicht gekommen. Wenn sich jemand unhöflich benommen hatte, dann der Rektor. Leider konnte das sein Schamempfinden keineswegs lindern: Er wünschte, sein Vater hätte die Einladung nie angenommen. Allerdings bemerkte er, dass er nicht nur Scham, sondern auch Wut empfand, eine Wut, von der er nicht wusste, gegen wen sie sich genau richtete, oder besser, gegen wen er sie richten sollte.
               
„Er ist kein Stänker“, sagte er schließlich. „Er ist wie unser Lehrer: Er glaubt an diese Geschichten, nichts weiter.“ – „Es sind aber Stänkergeschichten“, entgegnete sein Freund. „Und sie sind falsch“, bemerkte ein anderer aus seiner Klasse.
               
In seiner Erinnerung war dies ein Schlüsselmoment seiner Jugend: Ihm bot sich die Gelegenheit, Partei für seinen Vater zu ergreifen, die Scham zu besiegen und die Wut zum Gegenangriff zu verwenden. Doch stattdessen senkte er den Kopf und zog die Schultern ein.
               
Und als er nach Hause kam, war derjenige, der vor lauter angestauter Wut aus der Haut fuhr, sein Vater, an den er bedenkenlos die Frage seines Freundes – Warum bist du so ein Stänker? – gerichtet hatte und auch, was ihm im Nachhinein furchtbar ungerecht schien, die Schlussfolgerung des Kameraden, der nicht sein Freund war: Ich will deine Lügen nicht mehr hören. Ja, ungerecht, weil er nicht glaubte, dass es Lügen waren, er wünschte sich nur, dass es so wäre. Warum konnte sein Vater nicht wie die anderen Väter sein? Warum musste er immer widersprechen?
               
Der anschließende Streit, in den schließlich auch seine Mutter verwickelt werden sollte, folgte sämtlichen Regeln des Teenagerdramas inklusive des wütenden Abgangs, des Lass‑mich‑in‑Ruhe, des Türenschlagens und mürrischen Schweigens am Folgetag. Ein Schweigen, das er erst brach, als er bemerkte, dass seine Mutter nicht den gewohnten Weg zur Schule fuhr. „Wohin fahren wir?“, fragte er unvermittelt. „Wir besuchen jemanden“, antwortete sein Vater vom Beifahrersitz. „Aber ich muss doch zur Schule“, sagte er eher verwirrt als bestimmt, als er bemerkte, dass sie aus der Stadt hinausfuhren. Seine Eltern beschwichtigten ihn, er müsse sich keine Sorgen machen.
               
Erst nach einer Weile begriff er, dass sie ins Dorf zur Großmutter fuhren. Da ihm der Gedanke, nach dem Vorfall am Vortag nicht in die Schule gehen zu müssen, gefiel, hatte er Mühe, die Fassade des Zorns noch aufrechtzuerhalten. Außerdem mochte er seine Großmutter sehr, und obwohl ihm nicht klar war, was seine Eltern mit einem Besuch an diesem Tag bezweckten – ihn bezähmen? –, stellte er bald fest, dass er guter Dinge war.
               
Er erinnert sich daran, weil sich irgendwann sein Blick mit dem seines Vaters im Rückspiegel traf. Anders als er schien sein „Alter“ – er war noch keine vierzig – nicht gerade guter Dinge zu sein, aber auch nicht verärgert. Er entdeckte in dessen Augen eine Traurigkeit, die in ihm das Bild vom Türrahmen während des Halbfinales vor fünf Jahren (im vergangenen Jahr hatte die Nationalmannschaft nicht einmal die Gruppenphase überstanden) weckte, und zum ersten Mal fragte er sich, warum sein Vater an jenem Nachmittag geweint hatte. Dabei ahnte er nicht, dass am Ende des Tages sein eigenes Gesicht die Verzweiflung und Ohnmacht widerspiegeln sollte, die er damals bei ihm gesehen hatte.
               
Die Geschichte, die ihm seine Großmutter auf Wunsch seiner Eltern erzählen sollte, war besonders hart. Es war die Geschichte von Mamá Luisa, seiner Urgroßmutter, die gestorben war, als er noch sehr klein gewesen war, und von der er nicht mehr als das verschwommene Bild einer fast Hundertjährigen bewahrt hatte, einer scheuen und kränklichen Person, die aber dennoch vergnügt war, vor allem, wenn sich ihr Urenkel in Kitzel-Reichweite befand. Er wusste, dass Mamá Luisa fast ihr ganzes Leben lang als Hausmädchen bei einer reichen Familie gelebt hatte, was hier und da einmal in den Gesprächen seiner Eltern zur Sprache kam. Und er war alt genug, um zu verstehen, dass der unerwähnte Vater seiner Urgroßmutter ein Mitglied dieser Familie gewesen war. Seine Urgroßmutter war eine Indigene. Seine Großmutter dagegen war weiß, weißer, und hatte blaue Augen. Genauso wie sein Vater und er. Es war aber nicht das, was seine Großmutter ihm auf Wunsch seiner Eltern erzählen sollte. Mamá Luisa war Hausmädchen dieser Familie in einem anderen Sinn gewesen, einem, den die Wörterbücher normalerweise nicht wiedergaben.
               
Beim Eindringen in die Gebiete der „ungezähmten Indios“ entführten die Kolonisten Kinder und übergaben sie an Ersatzfamilien, die sie großziehen, sprich katholisch taufen und zu „zivilisierten“ Menschen machen sollten. Mit der Zeit wurden die Zöglinge zu Hausangestellten, Diener*innen – eine Form der Sklaverei, die die Unabhängigkeit überlebte und sich mindestens bis zur Jahrhundertmitte fortsetzte. Der Streifen war jahrelang eine Fundgrube für Indigene, die Dienst leisten sollten. Für Sklavenmädchen. Mamá Luisa war mit elf oder zwölf Jahren aus dem Streifen entführt worden und hatte dafür gesorgt, dass ihre Tochter und ihr Enkel, und jetzt er durch diese beiden, von der Existenz des Streifens erfuhren.
               
Dieses Wissen hatte seinen Vater zum Historiker berufen. Er, der praktischer oder weniger romantisch veranlagt war, sollte sich zum gegebenen Zeitpunkt für die Rechtswissenschaft und das Beamtentum entscheiden.
 
7. Gern hätte er gedacht, das Eintreffen des Obersts habe den Pfarrer vor dem Faustschlag bewahrt, den er verdiente, aber so war es nicht. Er hatte in seinem ganzen Leben niemanden geschlagen und würde auch heute nicht damit anfangen. Er war ein Angsthase, musste er sich bitter eingestehen. Wenn er auch nur die leise Hoffnung gehegt hatte, er könne mit seinem Besuch irgendetwas bewirken, so war sie durch die Unterhaltung mit dem Pfarrer völlig zerstoben. Die ersten Worte des Obersts bestätigten diesen Schluss. „Ich weiß nicht, was Sie hier wollen“, sagte er ohne jeden Gruß. „Wir haben Ihnen klipp und klar gesagt, dass wir dem Gesuch des Ministeriums nicht entsprechen können.“
               
„Es handelt sich nicht um ein Gesuch.“ – „Es ist ein Gesuch. Der Streifen verfügt in diesen Fragen über absolute Autonomie.“ – „Das werden die Gerichte entscheiden.“ Der Oberst schaute ihm einige Sekunden lang direkt in die Augen. „Die Gerichte sind weit weg, wissen Sie?“, sagte er und wandte den Blick ab.
               
Seine Worte hatten jedoch keinen bedrohlichen Unterton und trugen sogar zu ein wenig Entspannung bei. Er versuchte, versöhnlich zu klingen: „Herr Oberst, wir alle wissen, dass das ein Ende haben muss. Sie haben es hier mit Menschen zu tun, und die Stunde ist gekommen, da sowohl die Regierung als auch die Armee Verantwortung für ihre Fehler übernehmen müssen. Es ist besser ...“
               
„Wie lange arbeiten Sie schon im Ministerium?“, unterbrach ihn der Oberst. „Drei Jahre“, antwortete er zögerlich. Er verstand nicht, worauf der Oberst hinauswollte. „Ich bin seit mehr als zwanzig Jahren hier. Als ich herkam, war ich Leutnant. Wissen Sie, wie viele Regierungen schon versucht haben, was die jetzige vorhat?“
               
„Nein.“ Die Frage erlaubte keine andere Antwort. Es gab keine Archive oder zumindest keine, die zugänglich gewesen wären. In allem, was den Streifen anging, hatte das Ministerium bei null anfangen müssen. „Seit ich hier bin, haben es drei versucht. Vier, wenn wir die unfähige von Escobar mitzählen. Vier von sechs. Nicht schlecht, was? Aber alle mussten davon Abstand nehmen. Und dieser wird es genauso ergehen. Und wissen Sie warum?“
               
„Weil es eine Frage der nationalen Sicherheit ist?“ Er zitierte die übliche Antwort aus den Unterlagen, in die er Einblick gehabt hatte. „Nein. Hier steht nicht nur die nationale Sicherheit auf dem Spiel. Wenn wir sagen, der Streifen ist die Grenze der Zivilisation, dann ist das kein leerer Satz, wie ihr krawattentragenden Bürokraten glaubt. Nein. Es ist die Wahrheit. Die Zivilisation endet am Pförtnerhäuschen, an dem Sie den Eingang passiert haben. Deshalb existiert der Streifen außerhalb des Streifens nicht.“
               
„Darin kann ich Ihnen zustimmen“, gab er nach. „Die Existenz des Streifens zu ignorieren, ist die Voraussetzung, damit die Zivilisation sich weiter für die Zivilisation halten kann. Was Sie hier machen, ist unmenschlich. Es ist Barbarei.“
               
„Vielleicht.“ Der Oberst zuckte mit den Schultern. „Aber es ist Arbeit, und jemand muss sie machen. Und ich möchte sie gut machen“, fügte er scharf hinzu, ohne sich unterbrechen zu lassen. „Dabei möchte ich, dass Sie verstehen, dass die Regierungen kommen und gehen, der Streifen aber bleibt. Die Politiker*innen sind unberechenbar. Die Wähler*innen auch. Dieselben Studien, die Sie uns geschickt haben, können der nächsten Regierung als Grundlage dienen, um den Streifen zum Beispiel zu einer großen Organbank zu erklären, so wie andere entschieden haben, hier ein unerschöpfliches Arbeitskräftereservoir vorzufinden.“
               
Es war eine schreckliche Vorstellung. Er versuchte, etwas zu antworten, aber die Empörung war Entsetzen gewichen, und das Entsetzen machte ihn sprachlos. Er war sich sicher, dass das „zum Beispiel“ des Obersts keine verrückte Mutmaßung verschleiern sollte, sondern einen Plan durchschimmern ließ, der vielleicht sogar schon umgesetzt wurde, vor allem aber bescheinigte es ihm das Scheitern aller seiner Bemühungen.
               
Was im Streifen passiert, bleibt im Streifen, dachte er. Und beschloss, dass es diesmal anders kommen sollte: Er musste weg von hier. Und zwar lebend. „Dann haben wir wohl nichts weiter zu besprechen“, sagte er. „Aber das wussten Sie doch schon, bevor Sie hergekommen sind“, entgegnete der Oberst mit einem befriedigten Lächeln.
               
Ihm schien, nichts dazu zu sagen, sei aussagekräftig genug: Er akzeptierte seine Niederlage. Er würde das Weite suchen. Seinem Blick nach beharrte der Oberst dagegen auf einer Antwort. „Vermutlich ja“, sagte er endlich. „Warum sind Sie dann gekommen?“, fragte der Oberst, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
               
Seine Neugier schien ehrlich. Die Geste der Entspannung authentisch. Und er entschied sich für genauso eine Antwort. „Um den Streifen zu sehen“, sagte er. „Um mir zu beweisen, dass er nicht nur auf dem Papier existiert.“ – „Nun, hier ist er“, sagte der Oberst. „Ja. Aber ich hätte auch gerne die Indigenen gesehen.“ – „Das lässt sich einrichten.“ Noch bevor er entscheiden konnte, ob der Satz ein wohlmeinendes Angebot war oder reine Ironie, erfolgte der Schlag, und es wurde schwarz um ihn.
               
Er erwachte in einem fahrenden Auto. Ein Geländewagen vermutlich. Sie hatten ihm einen Sack über den Kopf gestülpt, sodass er nichts sehen konnte, aber ihm war klar, dass sie ihn irgendwohin beförderten. Den Mund hatten sie ihm mit Klebeband verschlossen und die Hände auf dem Rücken gefesselt. Statt den Dörfern der Indigenen würde er Massengräber sehen, dachte er bitter. Und er verfluchte sich selbst, dass er darauf vertraut hatte, sein Beamtenstatus würde ihn vor diesen Leuten beschützen. Sie würden ihn umbringen. Er wusste, dass er nichts dagegen tun konnte, und so wie sein Vater damals im Türrahmen, weinte er vor Ohnmacht und rief sich ein weiteres Mal die Begrüßungsformel des Obersts in Erinnerung: Was im Streifen passiert, bleibt im Streifen.
               
Der Wagen blieb plötzlich stehen. Ohne ein Wort wurde er mit Gewalt an den Armen gepackt, ins Freie gezogen und zu Boden gestoßen. Er hörte Gewehre klicken, sie wurden geladen (es würde keinen Abschied geben), und dann die Schüsse. Dutzende.
               
Er bemerkte erst, dass er nicht getroffen war, als der Geländewagen wieder angelassen wurde und davonbrauste. Die Aussicht, mitten in der Wüste zu verhungern und zu verdursten, schien ihm noch schrecklicher, als durch eine Gewehrkugel zu sterben. Aber die Gefolgsleute des Obersts hatten ihn sogar um die Möglichkeit gebracht zu schreien und sich zu beschweren und zu fluchen, und so lag er seinem Schicksal ausgeliefert auf der Erde.
               
Da hörte er die Schritte. Langsam. Zaghaft. Und verhaltenes Gemurmel. Blind wegen des Sacks über seinem Kopf drehte er den Hals sinnlos hin und her. Und plötzlich blendete ihn grelles Tageslicht. Und er sah sie.