José Mendonça Platz der Unabhängigkeit

Papst Franziskus empfängt den angolanischen Präsidenten João Lourenco zu einer Privataudienz im Vatikan, 12. November 2019
Papst Franziskus empfängt den angolanischen Präsidenten João Lourenco zu einer Privataudienz im Vatikan, 12. November 2019 | Foto (Detail): Alberto Lingria © picture alliance / AP Photo

Von José Luís Mendonça

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1.
Auf den Tag genau vierzig Jahre, nachdem Zé Mateus beschlossen hatte, sich im Andenken an seine am 27. Mai 1977 verschwundene Braut in sexueller Abstinenz zu üben, träumte er in der Nacht, dass er nackt durch die Straßen Luandas lief. Von den Stufen des Jenseits stieg ein metallisch glühender Geist herab und blieb vor ihm stehen. Aus dem Mund des Geistes loderte folgende Botschaft: „Zé Mateus, ich bin Dikumbi, der Geist der Zeit. Für die Beharrlichkeit, mit der du deiner innig geliebten Frau Ehre erwiesen hast, will ich dich mit vierzig Jahren mehr, als dem Menschen auf Erden Lebenszeit gegeben ist, entschädigen. So wirst du bei vollständiger Gesundheit und klarem Verstand leben, bis du einhundertzehn Jahre alt bist.“ Daraufhin fiel Zé Mateus in einen noch tieferen Schlaf und träumte, dass die verkündete Zeit gekommen sein würde, wenn er am Meer stünde und den Blick fest auf den Horizont gerichtet hätte. Zé Mateus erwachte und schaute auf die Uhr. Sie zeigte sechs Uhr am 30. Mai 2017. Er öffnete das Schlafzimmerfenster und sah, wie langsam, rosig und chamäleonhaft die Sonne aufging. Er reckte die Arme und nahm das Foto seiner ewigen Braut von der Wand, die ihn lächelnd ansah. „Ruhe in Frieden, liebste Joana. Bis heute hat die Regierung uns nicht gesagt, was man mit dir gemacht hat, wo sich dein Leichnam befindet, deshalb habe ich dir vierzig Jahre lang die Treue gehalten. Wo auch immer du sein magst, ruhe für immer, meine Geliebte.“ Zwei Tränen rannen aus seinen Augen.

Mateus hatte nie aufgehört, an Gott zu glauben, nur an die Kirche glaubte er nicht mehr.
„Wie kann es sein, dass Gott am siebten Tage geruht hat? Wenn Gott ruht, steht die Welt Kopf.“ Diese metaphysische Gewissheit hatte ihn der Lauf des Lebens selbst gelehrt. Unmittelbar nach der Nelkenrevolution in Portugal im April 1974 hatte Mateus die Jugendlichen aus der Nachbarschaft in seiner Straße im Stadtteil Cruzeiro zu einer Aktionsgruppe zusammengeschlossen, der er den Namen Amílcar-Cabral-Komitee gegeben hatte. Sie bildeten Kommissionen zur Volksverteidigung, verteilten Flugblätter gegen die Antwort der Kolonisten auf die Revolte in der Hauptstadt. Mateus‘ Vater, der im fernen Jahr 1930 mit dem Schiff nach Angola gekommen war, unterstützte die Aktivitäten in den Randbezirken der Stadt. Die von den Jugendlichen gegründeten Gruppen dienten der Verteidigung gegen die Angriffe bewaffneter Kolonisten auf die Musseques, die Elendsviertel von Luanda.
 
In den ersten Monaten des Jahres 1975, dem Jahr der Unabhängigkeit, hielten die drei Befreiungsbewegungen Einzug in die Hauptstadt. Sie kamen bewaffnet und in Uniform. Der Bürgerkrieg, der schlimmste von allen, hatte begonnen und sollte 27 Jahre dauern. Zé Mateus‘ Mutter, die Grundschullehrerin Dona Juliana, starb an einem Freitag beim Verlassen der Schule, getroffen von einer versprengten Kugel. Mateus hatte noch nie einen Weißen wie ein Kind weinen sehen, so wie sein Vater, der Bauinspektor Sesinando Mateus, geweint hatte. Dieser sollte zwanzig Jahre später an Malaria sterben und wurde im selben Grab beigesetzt wie die Mutter. Als Mateus den großen, abgenutzten Lederkoffer inspizierte, den sein Vater aus Portugal mitgebracht hatte, stieß er auf ein mit rotem Kugelschreiber beschriebenes Heft. Es war ein langes Gedicht in gereimten Vierzeilern, das mit folgenden Versen begann: „Angola! Starker, nicht versiegender Quell/ Da heute Stümper deine Herren sind / verwandeln sie deine Erde in Holocaust schnell/ und so leben sie, die große Ausbeuter sind.“ Jede Seite war signiert mit dem literarischen Pseudonym des Alten: Chico da Beira. Zé Mateus hatte die Lektüre des Hefts nie beendet. Darin zu lesen war so schmerzhaft, dass ihm die Tränen kamen.

Zé Mateus hatte vierzig Jahre lang wie ein Mönch gelebt. „Wozu Kinder haben in dieser grausamen Welt?“ Ihm reichten die Gesellschaft seines Hundes und der Gesang der Vögel in der Stadt. Ihre freie Stimme klang in seinen Ohren wie das Quimbundo von Mãe Zabele, der Frau, die beinahe seine Schwiegermutter geworden wäre. Zabele liebte es, Dinge in dieser in Luanda fast nicht mehr gebräuchlichen Sprache zu ihm zu sagen, wenn sie schon frühmorgens Kolanüsse und Ingwer kaute. Mit Letzterem hörte sie an dem Tag auf, an dem ihr Cousin, ein Geheimdienstoffizier, in ihr Haus kam, um ihre Tochter – seine Nichte – zu verhaften. Die einzige Schuld der jungen Frau bestand darin, dass sie drei Mal mit Major Nito Alves, dem Verantwortlichen für den versuchten Staatsstreich vom 27. Mai 1977, tanzen gegangen war. Der Offizier der Staatssicherheit war unerbittlich. Er wollte der Partei, die an der Macht war, Ergebnisse vorweisen und hatte in der Straße eine gründliche Razzia durchgeführt. Fünfundzwanzig junge Leute, die allesamt der Parteijugend angehörten, waren mitgenommen worden und nie wieder aufgetaucht. Niemand hatte ihre Leichen beerdigt. Mateus war der einzige junge Mann aus der Straße, der nicht festgenommen worden war. Erstens hatte er sich nie der Parteijugend, der JMPLA, angeschlossen. Zweitens arbeitete er in der deutschen Botschaft als Übersetzer. Und drittens hatte er sich zu dem Zeitpunkt, als am 27. Mai der Volksaufstand ausbrach, im Gefängnis von São Paulo befunden, da alle Oppositionellen, einschließlich derer, die die Stadtteile Luandas verteidigt und der MPLA so den Weg für ihren militärischen Sieg in der Stadt geebnet hatten, verfolgt worden waren. Auf Befehl des Innenministers, eben jenes Nito Alves selbst, waren die Mitglieder des Amilcar-Cabral-Komitees verhaftet worden. Das war die demokratische Diktatur des Proletariats. Mamã Zabele weinte vor der Fotografie ihrer Tochter, weil sie ihren Leichnam nie beweinen konnte. Zé Mateus hatte geschworen, während der biblischen Zahl von vierzig Jahren, die das Volk Israel in der Wüste verbrachte, keine andere Frau anzurühren.
 
2.
Der letzte Augustwind läutete das Ende der Trockenzeit ein. Es war Sonntag, und der Morgen duftete nach frischen Blättern. Während Zé Mateus sich ankleidete, überkam ihn eine Kaskade von Erinnerungen an das Gesicht seines Vaters mit dem vollen Schnurrbart und dem strahlenden Blick. Er setzte sich auf die Veranda seines Hauses. Die Sonne von der Farbe einer reifen Orange wärmte seine Schultern mit ihren warmen Strahlen. In Gesellschaft von Kapuete, seinem alten schwarzen Hund und besten Freund, frühstückte er. „Heute, mein Lieber, machen wir einen Spaziergang.“
 
Der Hund hielt im Fressen inne, blickte von seinem gelben Emaille-Napf auf und sah ihn mit einem freudigen Blitzen in den Augen an. Die beiden blieben noch eine Weile faul auf der Veranda sitzen und lauschten dem Gezwitscher der Vögel in den zarten Fingern der Palme. Der Spaziergang am Sonntagmorgen war eine feste Gewohnheit in Zé Mateus Wochenplan und ihm heilig. Wie immer ging er mit Kapuete zum Platz der Unabhängigkeit, dem Largo da Independência. Ein Zeitungsjunge blieb mit einem Stapel Tageblätter vor ihm stehen und rief: „Kauf mir eine Zeitung ab, pai grande, die MPLA hat die Wahl gewonnen. João Lourenço wird der dritte Präsident von Angola.“

Mateus hatte zum Leben nur seine kleine Rente, und Zeitungen waren teuer. Trotzdem kaufte er das Jornal de Angola und eine andere Zeitung. Um zehn Uhr war die Sonne ein glasig glühender Fleck im Bauch der lockeren Wolken. Als die Ampel auf Grün umsprang, überquerte Zé Mateus den Kreisel, nahm auf einer Zementbank vor der Statue des ersten angolanischen Staatspräsidenten Agostinho Neto Platz und schlug die Zeitung auf.

Nachdem er das Jornal de Angola fertiggelesen hatte, öffnete er seine Schultertasche, entnahm ihr eine Packung Kekse und steckte sich gleich zwei auf einmal in den Mund. Dem Hund gab er ebenfalls einen Keks. Dann stellte er in seinem Handy das W-LAN ein und lud von YouTube Musik herunter. Ohne Kopfhörer, denn auch Kapuete war Musikliebhaber. In den blauen Himmel erhoben sich der geheimnisvolle Rhythmus des Stücks Besoka on Salsa und die magische Stimme von Manu Dibango. Die Sonne knöpfte schüchtern das Wolkenhemd auf und zeigte ihre strahlende Brust. Sie brannte auf Zé Mateus‘ Haar herab.
 
Er nahm sich noch zwei Kekse. Während er kaute, blickte er über seine Schulter auf die Statue des Gründers der Nation und unvergänglichen Revolutionsführers, der mit dem Gedichtband in seiner in den Himmel gereckten rechten Hand auf ewig dort stand, bei Sonne und bei Regen. Zé Mateus fragte sich unwillkürlich, woher sein unstillbarer Appetit auf Kekse bloß kommen mochte. Sein Unterbewusstsein lieferte ihm die Antwort. Als er fünf Jahre alt gewesen war, hatte er in Marimba gewohnt, einem Außenbezirk der nach dem portugiesischen Ministerpräsidenten aus der Kolonialzeit benannten Stadt Salazar, die nach der Unabhängigkeit in Ndalatando umgetauft worden war. In dem Stadtteil war eine Hungersnot ausgebrochen. Obwohl sein Vater weiß war, durften seine Mutter und die Kinder nicht mit ihm zusammen in der Stadt wohnen. Es war ein Schande für einen Weißen, mit einer Schwarzen in der Stadt zu leben. An einem Mittwochmorgen hatten die Schwestern der Caritas ihr Lager mit einem riesigen Karton Kekse aufgeschlagen, und eine von ihnen hatte alle Kinder unter fünf Jahren aufgefordert, einen Kreis zu bilden. Der kleine Zé Mateus war zu Hause das jüngste Kind. Seine Tante nahm ihn und lief mit ihm zu den Keksen. Zé Mateus sah zu, wie eine Schwester die Runde machte und die großen, rechteckigen knusprigen Kekse verteilte. Als sie an ihm vorüberkam, streckte die Frau, die mit dem Jungen neben ihm gekommen war, die Hand aus und schnappte sich die Kekse, noch ehe Zé Mateus danach greifen konnte. Bei der vierten Runde riss die Frau die Kekse aus der Hand der Schwester und sagte: „Kinder von Weißen können sich ihre Kekse selber kaufen.“
Auf dem Arm seiner Tante kehrte Zé Mateus vor Enttäuschung schluchzend zurück nach Hause.
 
Er schaute noch einmal auf die Titelschlagzeile der Zeitung: „Die MPLA ist der ‚eindeutige‘ Sieger bei den allgemeinen Wahlen von 2017 in Angola. Nach Auswertung von über 73 Prozent der abgegebenen Stimmen deuten die heute von der Nationalen Wahlkommission bekannt gegebenen vorläufigen Endergebnisse auf einen ‚eindeutigen‘ Sieg der MPLA und ihres Präsidentschaftskandidaten João Lourenço hin …“

Bevor er zu Ende lesen konnte, tauchte vor ihm ein schmutziger, barfüßiger kleiner Junge auf: „Pai grande, ich habe Hunger!“ Zé Mateus sah von der Zeitung auf und blickte den Jungen an. „Wie heißt du?“ – „José.“ – „Dann heißt du genau wie ich. Und wo wohnst du?“ – „Mein Bruder und ich kommen aus Lobito. Wir schlafen da drüben in dem Gebäude auf dem Boden.“ Mateus verspürte einen heftigen Stich in der Magengrube.

Der Junge war einer von vielen Bettlern unterschiedlichen Alters, die die Verkehrsknotenpunkte der Stadt belagerten. Nach Unterzeichnung der Friedensverträge von Luena, mit denen 2002 der Bürgerkrieg beendet worden war, hatte sich am Platz der Unabhängigkeit eine Gruppe Jugendlicher versammelt, von denen einer ein kleines Kind auf dem Arm trug. Zum Schutz vor der unbarmherzigen Sonne hatte der Kleine ein Tuch um den Kopf. Beide streckten die rechte Hand zu den Fenstern der haltenden Autos aus. Die Gesichter dieser Kinder waren ausgemergelt. Außer ihnen blieben auch in schäbige, schmutzige Tücher gehüllte Frauen und alte Männer mit erloschenen Augen neben den Autos stehen. Wenn Zé Mateus dort vorbeifuhr und an der Ampel warten musste, umringten die Armen seinen Wagen. Die dicken Jeeps mit Krawattenträgern hinter dem Lenkrad ließen sie links liegen und kamen nur zu ihm. Eines Tages fragte er einen alten Mann, der schwerfällig auf sein Auto zugelaufen kam, als er an der Ampel hielt: „Da vorne stehen zwei große Schlitten, mais-velho. Warum gehst du nicht zu denen hin?“ – „Entschuldige, Chef, aber ich weiß, dass die mir nichts geben werden. Du bist Mulatte. Du hast die Farbe des Glücks.“ Auch an diesem Sonntag hatte der Bettlerjunge nicht bei der ersten Bank Halt gemacht, auf der drei alte Männer saßen und sich unterhielten, sondern war schnurstracks zu ihm gekommen.

Mateus schenkte die fast noch volle Packung Kekse José, der zu der Statue des Staatsgründers auf dem monumentalen Marmorsockel blickte, in den das bekannteste Gedicht des Präsidenten und Lyrikers gemeißelt war. Wie aus dem Nichts tauchte nun auch Josés jüngerer Bruder auf, und beide machten sich über die Kekse her. José fragte: „Was steht dort geschrieben, pai grande?“ – „Wie alt bist du eigentlich, José?“ – „Ich bin fünfzehn, pai.“ – „Hast du denn in Lobito nicht lesen gelernt? Bist du nicht zur Schule gegangen?“ – „Doch, pai, bis zur zweiten Klasse. Dann hat mein Vater meine Mutter verlassen, und wir sind zu meiner Großmutter ins Dorf gezogen, und ich habe nicht mehr weiter gelernt.“

Zé Mateus verspürte einen weiteren Stich in der Magengrube. Dann las er den beiden Jungen vor: „WIR WERDEN ZURÜCKKEHREN// Zu den Häusern, zur Arbeit hinterm Pflug/ zu den Küsten, zu unseren Feldern/ müssen wir zurück// Zu unserer Erde/ rot von Kaffee/ weiß von Baumwolle/ grün von Mais/ müssen wir zurück// Zu unseren Diamantenminen/ zu unseren Gold- und Kupferminen, zu unserem Erdöl/ müssen wir zurück// zu unseren Flüssen, unseren Seen/ zu den Bergen, zu den Wäldern/ müssen wir zurück// zur Frische des Feigenbaums/ zu unseren Traditionen/ zu Rhythmen und Feuer/ müssen wir zurück// Zur Marimba, zum Quissange/ zu unserem Karneval/ müssen wir zurück// Zum schönen Vaterland Angola/ unserer Erde, unserer Mutter/ müssen wir zurück// Wir werden zurückkehren/ in ein unabhängiges Angola/ in ein befreites Angola.“

José hielt die leere Kekspackung in den Händen. An ihn geschmiegt, hatte sein kleiner Bruder sie zusammen mit ihm in Windeseile aufgegessen. Zé Mateus musste wieder an den Tag zurückdenken, an dem er fünf Jahre alt gewesen war und man ihn im Dorf Salazar um seine Kekse gebracht hatte. José blickte zu ihm hoch und fragte:
Pai grande, was ist die angolanische Heimat?“ – „Die angolanische Heimat, das sind wir alle, meine Junge, ich, du, deine Mutter, dein Vater, der dich verlassen hat, deine Großmutter, der Polizist, der dort steht, jeder, der einen angolanischen Personalausweis hat. Und dazu das Land, die Häuser, die Autos, alles, was du siehst, was in der Nähe ist und auch das, was du nicht siehst, was weit weg ist, in den anderen Provinzen, das alles ist die angolanische Heimat.“

„Aha. Du hast gesagt, wer einen Personalausweis hat, aber ich habe keinen. Dann bin ich wohl auch kein Angolaner, oder?“ Die Worte taten Mateus in der Seele weh. Er legte seine rechte Hand auf den Kopf des Jungen, der den gleichen Namen hatte wie er:
„Eines Tages wirst auch du einen Personalausweis bekommen, José.“ Zusammen mit Kapuete und den beiden Jungen verließ Mateus  den Platz. An der Ecke des alten Gebäudes, das auf die rückwärtige Seite des Agostinho-Neto-Denkmals blickte, blieben José und sein Bruder neben zwei zusammengefalteten Pappkartons stehen. „Danke für die Kekse, pai. Hier schlafen wir.“ Mateus machte sich auf den Nachhauseweg. In ihm kochte es. Mit einem Blick auf seinen Hund platzte es aus ihm heraus: „Diese Wahlen bringen doch nichts Neues, Kapuete. Bei dem Elend, in dem das angolanische Volk lebt, würde kein anderes Volk auf der ganzen Welt jemals wieder für dieselbe Partei stimmen, die seit 42 Jahren regiert! Glaubst du wirklich, dass die Stimmen richtig ausgezählt wurden?“
 
3.
Um zwölf Uhr mittags war Zé Mateus wieder zu Hause. Er aß eine Banane, trank einen Zitronengrastee, zog einen afrikanischen Bubu an, parfümierte sich, steckte seine Brieftasche in die linke Hosentasche und verließ das Haus. Er überprüfte, ob auf seinem Handy irgendwelche Nachrichten eingegangen waren. Es gab eine: „Kannst Du mir mit 15.000 Kwanzas aushelfen? Ich stecke wirklich in der Klemme.“ Die Nachricht stammte von seiner ehemaligen Kollegin Milu, die in der Archivabteilung arbeitete. Milu hatte sich von ihrem Mann getrennt. Sie war Mutter von vier Kindern, für die sie schon vor der Trennung allein gesorgt hatte, weil ihr Ex-Mann arbeitslos geworden war. Aber der Grund für die Trennung war nicht der fehlende Beitrag ihres Mannes zur Haushaltskasse. Er schlug seine Frau. Zé Mateus antwortete: „Morgen schaue ich, was ich für dich tun kann.“ Er wollte schon ins Auto steigen, als eine Frau mit zwei kleinen Kindern auf ihn zukam: „Entschuldige, pai grande. Ich habe zwei Kinder und nichts zu essen im Haus, bitte gib mir etwas Geld!“ Im Laufe der Woche hatte Zé Mateus bereits ein Zehntel seiner Rente unter mehreren Bettler*innen verteilt. Er legte von seiner Rente immer ein Zehntel für die Armen zurück, das nun aber ausgeschöpft war. Freundlich antwortete er der Frau: „Mãezinha, nimm es mir nicht übel. Ich weiß, dass du Hunger hast, aber ich bin kein Minister. Ich bin Rentner. Ich kann dir nicht helfen.“
 
4.
Ebenso wie Mateus hatte auch Mamã Zabele das Cruzeiro-Viertel nie verlassen. Zabele hatte seit dem fernen Jahr 1977, als ihr Cousin, der Geheimdienstoffizier, in ihr Haus gekommen war, um ihre Tochter zu verhaften, weil sie dreimal mit Major Nito Alves getanzt hatte, keine Kolanüsse und keinen Ingwer mehr gegessen. Fünfundzwanzig Jahre später hatte Zabele aufgehört zu sprechen und zu hören. Zu ihrer Stimme hatte sie das nun stets griffbereite Heft gemacht, in das sie schrieb. Ihre Taubstummheit hatte an jenem Tag begonnen, als die ganze Familie im Hof zusammensaß und aß und trank und redete. Es war schon zehn Uhr abends. Das zweite Fass Bier war an die Kühlung angeschlossen. Der Vorrat an unverfänglichen Gesprächsthemen wie Sport, die Eifersucht der Frauen, Mutmaßungen über die neue Phase des Friedens, die das Land erlebte, war bereits erschöpft.

Die riesige Tischgesellschaft verschlang das Essen, das dieses Mal aus gegrilltem Fleisch bestand, und zuweilen wurde das Stimmengewirr vom Gelächter derer unterbrochen, die schon vom Alkohol etwas benebelt waren. An einer Ecke unterhielt sich ein Neffe der Hausherrin, General Kambolo, mit seinem Tischnachbarn über ein altes und doch immer wieder neues Thema. „Jetzt, wo Savimbi tot und der Krieg vorbei ist, scheint es so, als würde die Regierung endlich das Problem der Opfer des 27. Mai lösen“, sagte der Reservegeneral. „Ich würde selbst gerne wissen, wo der Leichnam meines Bruders Ndombele ist.“ – „Das wäre in der Tat gut", antwortete der Mann zu seiner Rechten, ein Journalist beim öffentlichen Fernsehen. „Es sind schon so viele Jahre vergangen, die Waffen sind verstummt, es ist an der Zeit, diese offene Wunde in der Geschichte unseres Landes zu heilen. Wenigstens die Sterbeurkunden sollten für die Vermissten ausgestellt werden.“ – „Ihr Journalisten denkt viel nach, Mann. Manchmal seid ihr den Nachrichten voraus.“

Links vom General saß ein junger Mann im T-Shirt und mit an den Knien aufgerissenen Jeans, dessen Haar oben auf dem Kopf zu Zöpfen geflochten und an den Seiten rasiert war, und schaltete sich in das Gespräch ein. „Ich habe da meine Zweifel. Der Cousin von Mãe Zabele wird nie öffentlich gestehen, was er ihrer Tochter angetan hat. Weißt du, was die Typen von der Sicherheit mit den Frauen oft gemacht haben, die sie verhafteten? Eine Form der Folter bestand darin, sie zu zwingen, ihre Monatsbinde zu essen, wenn sie sie während der Menstruation erwischten. Das hat mein verstorbener Bruder mir erzählt.“ Der Reservegeneral, der in der Mitte saß, kniff den jungen Mann fest in den Arm, denn hinter ihnen kam gerade Mãe Zabele mit gegrilltem Cacussos vorbei. Die alte Frau ging weiter und stellte das Tablett mit dem Fisch in die Mitte des Tisches. „Ob die Alte das wohl gehört hat?“, fragte Kambolo. „Ich weiß nicht, ob sie dafür lange genug hinter uns war“, sagte der Journalist.

Die alte Zabele verließ den Hof und ging in ihr Zimmer. Von diesem Tag an sprach und hörte sie kein Wort mehr. Sie verständigte sich nur noch schriftlich. Zabele war besessen von den vielen Leben, die in ihr wohnten. Diese Leben traten in ihre Seele ein, denn Mãe Zabele war während ihres Erdendaseins drei Tode gestorben. Das erste Mal starb sie, als ihr Mann von den Milizen der Kolonisten ermordet wurde, zwei Tage nach dem bewaffneten Aufstand vom 15. März 1961 im Norden Angolas. Die Rache der Kolonisten war gnadenlos und erfasste die gesamte Provinz Malanje. Die Weißen kamen in Zivil, mit Gewehren bewaffnet, klopften mit dem Kolben an die Tür, und das Ehepaar machte ihnen auf: „Bist du Benvindo Lopes da Costa, der Terrorist?“, fragte der Anführer der Gruppe und las den Namen von einer Liste ab. „Ja, der bin ich, aber ich war noch nie Terrorist.“ – „Glaubst du, wir wissen nicht, dass du jeden Freitag das Radio einschaltest, du und zwei von deinen Nachbarn, Damião und Correia, besser bekannt als Kinino, um die Sendung Angola Combatente der Terroristen aus Kinshasa zu hören?“ Benvindo zitterte. Er wusste, dass seine Stunde geschlagen hatte. Ein Kugelhagel durchbohrte seine Brust, und er fiel wie von der Axt gefällt in die geöffnete Tür. Die Milizen gingen fort, und Mamã Zabele weinte über dem Leichnam ihres Mannes Tränen der Verzweiflung.

Zum zweiten Mal starb sie, als 1977 ihre Tochter für immer verschleppt wurde. Da verlor sie den Geschmack an Kolanüssen und Ingwer. Im Jahr 1961 hatten die Kolonisten ihren Mann getötet, doch die Frauen töteten sie nicht. Nur die Männer. Nun holten die Befreiungskämpfer, die aus dem Busch zurückgekommen waren, dieselben, für die ihr Mann sein Leben gelassen hatte, ihre Tochter. Sie hätten sie wenigstens vor ihren Augen töten sollen, dann hätte sie den Leichnam beerdigen und den Komba, die traditionelle Totenfeier, abhalten und an ihrem Grab um sie weinen können.

Den dritten Tod starb Zabele, als sie bei dem Familientreffen vernahm, dass die Frauen mit ihrem eigenen Monatsblut gefoltert worden waren. Dieses Mal verlor sie ihre Stimme und ihr Gehör. Sie knipste die Nachttischlampe an, schlug ihr Heft auf und schrieb: „Ich möchte meinen Schwiegersohn Mateus sehen.“

Zabeles Enkelin, ein fünfzehnjähriges Mädchen, das sich um sie kümmerte, ging nach nebenan, um Mateus zu holen. In der alten Palme sangen noch immer die Spatzen. Mateus hatte den Baum vor 42 Jahren in Erinnerung an seine Mutter gepflanzt, die durch eine verirrte Kugel aus dem Lauf des Gewehrs irgendeines Befreiungskämpfers gestorben war. Der Schatten der Palme war der Schatten seiner Mutter. Im Gebet hatte er damals, als er sie gepflanzt hatte, den sanft wehenden Wind gefragt: „Meine Mutter ist nicht durch die Kolonisten ums Leben gekommen. Sie wurde von den Angolanern selbst getötet. Haben wir deswegen für die Unabhängigkeit gekämpft?“ Sein Vater, ein alter Kolonist, der durch die Kimbundo-Sprache und die Gebräuche des Landes zum Angolaner geworden war, hatte sich bei der Totenwache die Augen ausgeweint.
Als Mateus die alte Frau auf die Wange küsste, sah sie ihn mit großen Augen an und hatte plötzlich ihre Sprache wiedergefunden. „Danke, mein Sohn, für deine große Liebe zu meiner Joana.“ Nach diesen Worten umarmte sie Mateus fest und schloss für immer die Augen. Zabele war zum vierten und letzten Mal gestorben.

Einen ganzen Monat lang drängten sich anschließend im Haus der Verstorbenen die Besuchenden; sogar aus Zabeles Heimatstadt Malanje waren sie gekommen. Damit alle sitzen konnten, stand der Bürgersteig vor dem Haus voller Plastikstühle. Die Regierung leistete logistische Unterstützung, da Zabeles erster Sohn in den 1980er-Jahren politischer Kommissar in der Armee gewesen war. Acht Frauen wechselten sich in der Küche ab und bereiteten Bohnen in Palmöl zu, gebratenen und gegrillten Fisch, weißen Reis, gekochten Maniok und Süßkartoffeln und den unvermeidlichen Funje mit Rindfleischragout. Bis tief in die Nacht wurde Karten gespielt und geredet, so lange, bis die belanglosesten und die wichtigsten politischen Themen erschöpft waren. Manchmal war nichts zu hören als das Gelächter über die Witze, die jemand meisterhaft zum Besten gab. Im Garten wurde eine Bierzapfanlage installiert, und die Gäste gingen an die Getränketheke, um Whisky, Saft, Brandy und Kaffee zu bestellen. Während der Totenwache sangen die Schwestern der katholischen Kirche die ganze Nacht über Psalmen und Hymnen. Sie sangen auf Quimbundo. Mãe Zabele wurde auf dem Friedhof Alto das Cruzes im Grab ihres Vaters beigesetzt, der zur Kolonialzeit Postbeamter gewesen war.

Die für zehn Uhr angesetzte Beerdigung begann jedoch erst um halb zwölf. Die Angolaner*innen sind eben nie pünktlich, nicht einmal in der Stunde des Todes. Der Pfarrer der Igreja do Carmo befahl in seinem Gebet Gott die Seele, und Mateus hielt die Trauerrede für die Verstorbene: „Heute werden wir jene begraben, die im Leben Isabel da Conceição Lopes da Costa hieß. Sie geht von uns im Alter von 78 Jahren, nach einem Leben voller Kämpfe, einem Leben an der Seite ihres Mannes, Benvindo Lopes da Costa. Eigentlich sollte ihre Tochter Joana heute hier sein, um unserer lieben Mãe Zabele das Geleit zu geben. Aber leider kommt es im Leben vor, dass die Kinder vor ihren Eltern sterben. Friede sei mit ihren Seelen!“

Mateus war der Ansicht, dass man bei einer Beerdigung die Lebenden nicht mit langatmigen, schwülstigen Reden und Wiederholungen quälen sollte. Der Sarg wurde tief in die Grube hinuntergelassen. Mateus war der Erste, der eine Handvoll rote Erde auf das lackierte Holz warf, und nachdem das Grab vollständig geschlossen war, kamen Blumen darauf und Zabeles Enkelin, die sich um sie gekümmert hatte, legte einen Kranz mit dem Namen der Verstorbenen nieder.

Als Mateus wieder zu Hause war – er wohnte ganz in der Nähe des Friedhofs -, kam es ihm so vor, als befände er sich im Ägypten der Pharaonen. In Afrika kümmern wir uns um die Toten und begraben die Lebenden, dachte er. In den vergangenen Jahren hatte kaum jemand Mãe Zabele in ihrer Einsamkeit besucht. Nicht einmal einen Blumenstrauß hatte sie zu Lebzeiten geschenkt bekommen. Jetzt, nach ihrem Tod, war ihr Haus voller Menschen. Im Leben des Stadtteils Cruzeiro hatte sich ein Zyklus vollendet.
 
5.
Im September trat der neue Präsident sein Amt an, und sein Vorgänger räumte mit einer gewissen Verhaltenheit den Stuhl, auf dem er 38 Jahre lang gesessen hatte. Er verließ zwar die Regierung, sollte aber ein weiteres Jahr die Leitung der regierenden Partei übernehmen, jener Partei, die die Wahlen stets mit absoluter oder qualifizierter Mehrheit gewann und sämtliche Gesetze, die sie ersann, zur Abstimmung im Parlament brachte. Er ging und blieb dennoch. Das sah die Verfassung der Republik vor, die er selbst verkündet hatte, als das Volk vom Kampf um die afrikanische Fußballmeisterschaft betäubt gewesen war. Im Auftaktspiel zwischen Angola und Mali stand es zunächst 4:0. Die First Lady klatschte neben dem Präsidenten Beifall und lächelte zufrieden. Doch zehn Minuten vor Schluss holte Mali zum Gleichstand auf. Wenn das Spiel noch eine Minute länger dauerte, würde Angola mit 5 zu 4 verlieren. Die Fußballmeisterschaft war zur Hälfte um, alle Augen waren fieberhaft auf die Königsdisziplin des Sports gerichtet, als José Eduardo dos Santos am 5. Januar 2010 die neue Verfassung in Kraft setzte.

Am nächsten Tag begab sich Zé Mateus zur Staatsdruckerei und kaufte das Grundgesetz. Vieles darin war genauso wie in fast allen anderen Ländern der Welt. Was ihm auffiel, war die große Veränderung, die Artikel 109 zur Wahl des Präsidenten mit sich brachte: Zum Präsidenten der Republik und Regierungschef wird der vom nationalen Wahlkreis gewählte Listenführer der politischen Partei oder Koalition aus politischen Parteien ernannt, die im Rahmen der gemäß Artikel 143 ff. dieser Verfassung durchgeführten Parlamentswahlen die meisten Stimmen erhält. 2. Der Listenführer wird den Wählern auf dem Stimmzettel bekanntgeben.

Daraufhin rief Mateus sofort seinen Freund und Kollegen an, einen ehemaligen politischen Gefangenen und Mitglied des Politbüros der MPLA, der bei den Präsidentschaftswahlen 2012 zu kandidieren beabsichtigte: „Hast du schon die neue Verfassung gesehen? Lies dir mal Artikel 109 durch.“ – „Das habe ich schon, Mateus. José Eduardo dos Santos, unser Zedu, muss wohl den ‚Fürsten‘ von Machiavelli von vorne bis hinten durchgelesen haben. Der Traum von der Demokratie in Angola ist ausgeträumt, Bruder. Die Volksdroge von heute ist der Fußball.“
 
6.
Am 26. September 2017 trat in einer vom Regen gesegneten majestätischen Zeremonie der höchste Staatsdiener des Landes sein Amt auf dem Balkon des Agostinho-Neto-Mausoleums an. Mateus sah sich das Schauspiel im Fernsehen an. In seiner Rede würdigte der neue Präsident sämtliche Helden des Vaterlandes und sagte: „Der Widerstand gegen die Kolonialmacht hat Jahrhunderte angedauert und erstreckte sich über verschiedene Teile des Staatsgebiets des heutigen Angolas. Die legendären Namen von Ngola Kiluanji, Ginga Mbande, Ekuikui II, Mutu ya Kevela, Mandume und vielen anderen stehen symbolisch für diesen heldenhaften Kampf, der die Befreiungsbewegungen inspiriert hat.“ Fast zum Schluss seiner Rede sagte der Präsident: „Der Abbau der sozialen Ungleichheiten erfordert ein größeres Engagement im Sozialbereich, insbesondere über den Zugang zu Bildung und Wissen, zu einer Grundversorgung für alle, zu sozialer Sicherheit und zur Unterstützung der Schwächsten und Benachteiligten.“

Dieser Teil gefiel Mateus. Er sagte zu Kapuete, der zusammen mit ihm fernsah:
„Mein Alter, es sieht so aus, als ob wir dieses Mal einen echten Präsidenten bekommen.“ Der Hund wandte den Kopf zu ihm und stimmte ihm mit leisem Knurren zu.