Abubakar Adam Ibrahim Träume und sortierte Albträume

Alltagsleben 2017: Familie in Maiduguri (Nigeria) kocht vor ihrer Hütte
Alltagsleben 2017: Familie in Maiduguri (Nigeria) kocht vor ihrer Hütte | Foto (Detail): Kristin Palitza © picture-alliance

Von Abubakar Adam Ibrahim

Die Kurzgeschichte als Audio abspielen:                                      gelesen von David Mayonga
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Niemand wusste, wie der Ort auf halber Strecke zwischen Träumen hieß – ein Stück Erde, an das sich auf der einen Seite ein trüber Fluss schmiegte und das auf der anderen von einer Reihe traurig wirkender Hügel und einem dunklen Wald eingefriedet wurde –, ein Ort, an dem sich Reisende ausruhten, bevor sie sich wieder auf den Weg machten, und so nannten sie ihn einfach Zango. Der Zwischenstopp. Das war zumindest das, was Lamindes Großmutter Kaka ihr erzählt hatte, als sie Erdnüsse für Suppe schälten. Kakas ernstes Gesicht, wie verknittertes, staubiges Khaki, wies einen dauerhaft grüblerischen Ausdruck auf und ihre Altfrauenaugen starrten auf die kleine Laminde herab, als wollte sie jeglichen Zweifel ausbrennen, den das Kind womöglich an dieser Geschichte hegte. Aber Lamindes sieben Jahre alter Verstand war überzeugt, dass Kaka so alt war wie die Welt und auf dem Ast eines Baumes gesessen und gurjiyas geknabbert hatte, während sie zuschaute, wie Gottes Magie Himmel und Erde trennte.


„Jahrelang war es nur ein verschlafener Zwischenort, bis sich ein paar Reisende am Pausemachen betranken und vergaßen, ihre Reise fortzusetzen. Ihre Frauen und Kinder, und in manchen Fällen auch ihre Männer, wurden es Leid, auf ihre Rückkehr zu warten, packten ihre Habseligkeiten in ashasha-Säcke und gesellten sich zu ihnen“, erzählte Kaka, ihren Blick auf etwas hinter Laminde gerichtet, als ob die Geschichte ihr Gedächtnis in Anspruch nähme, als ob das Kind im Dunst verschwunden wäre, unbemerkt, ungefeiert, genau wie Zango in die Welt gesetzt worden war. Erst Jahre später sollte Laminde die Lücken, aus denen Kakas langes Schweigen bestand, mit Fakten füllen, die sie in Gesprächen auf den Märkten, in der Schule und an anderen Orten aufschnappte, an denen man sich geheime Geschichten beschaffen konnte.

Nach der Ankunft der Ehefrauen bauten Prostituierte, die die reisenden Männer bedienten, permanente Bretterbuden unweit des Parks auf, wo das Röhren der Lastwagenmotoren und das Plärren hupender Autos die Geräusche der Indiskretion überdeckte, und Zango wurde endgültig zu einer Heimat. Diesen Teil erzählte ihr ihre Großmutter nie, aber Laminde wusste trotzdem davon. Jede*r wusste es. Die Bretterbuden der Prostituierten standen noch immer, und wenn man genau hinguckte, konnte man in ihren Dachsparren immer noch Spuren von dem Staub finden, den die ersten Männer und ihre Lastwagen aufgewirbelt hatten, die Zango zu einer Stadt gemacht hatten.


„Bevor dieser Ort Zango hieß, wurde er von einem Volk, das einer Plage zum Opfer fiel, einst Mazade genannt“, hatte Kaka erklärt, die vor sich hinstarrte, als könne sie die verlassenen Häuser sehen, die in der Abendsonne von Termiten aufgefressen wurden. Aber Kaka war damals bereits dabei, ihren Verstand zu verlieren, und niemand war sicher, ob sie sich an überhaupt irgendetwas richtig erinnerte.

Was Laminde allerdings Jahre später sicher wusste, als sie an ihrem Fenster saß und auf die mit Anwohnenden und Reisenden gefüllten Straßen hinausblickte, war, dass Todesfälle in Zango oft ebenso dramatisch waren wie das Leben selbst. Manchmal waren sie bizarr, wie damals, als Babale am Vorabend seiner Hochzeit starb, durchbohrt von einem tobenden Stier, der seinen Hütern entkommen war. Der Stier, der nach seiner blutigen Tat floh, fiel in einen klaffenden Kanalisationsschacht und brach sich das Genick. Oder als die Matriarchin Balaraba, die schon seit Langem an Schwermut litt, tot in ihrem Korbstuhl aufgefunden wurde, ein Lächeln auf den Lippen, das Gesicht zur Tür gewandt. Niemand wusste, worauf sie gewartet hatte oder was durch die Tür gekommen und mit ihrer Seele wieder verschwunden war. Aber ihr Lächeln blieb, sein Abdruck selbst dann noch durch ihr Leichentuch sichtbar, als man sie ins Grab legte.


Auch Babangida starb glücklich. Er hatte den Großteil seines Lebens damit verbracht, durch die Straßen von Zango zu streifen und sich von dem zu ernähren, was die Leute wegwarfen. Eines Nachmittags stand er stocksteif mitten auf der Straße und fing an zu lachen. Er lachte drei Stunden und siebenundvierzig Minuten lang ohne Unterlass, bevor er zusammenbrach. Ein- oder zweimal im Jahr pflegte eine Leiche mit erigierter Männlichkeit am Fluss gefunden zu werden. Wenn man den Gerüchten glauben durfte, waren sie in den Bordellen an einer Überdosis Manpower gestorben. Die Huren und ihre Zuhälter pflegten sie hinauszutragen und in den Fluss zu werfen, damit sie anderswo angeschwemmt würden. Manchmal ließen sie sie auch einfach am Ufer liegen.

Was Laminde anging, hatte allerdings noch keiner der dramatischen Tode den von Vera übertroffen. Vera hatte, wie schon seit Jahren, an ihrem üblichen Platz unter der Fußgängerbrücke gesessen und einer Kundin die Haare geflochten, als sie anfing, Haarsträhnen auszuhusten. Als die ersten Haarballen herauskamen, ging ein Raunen durch die Menge entsetzter Frauen, die sich, angezogen von ihren heftigen Hustenanfällen, versammelt hatte. Sie sahen zu, wie sie würgte und eine lange Strähne geflochtenen Haars aus sich herauszog, die immer länger und länger und länger wurde, bis man hätte meinen können, sie habe eine Frau mit Pferdeschwanz verschluckt. Als die Strähne herausglitt, der ganze Meter und sieben Zentimeter – denn Zaki maß tatsächlich nach – vor ihr aufgerollt wie ein junger Python, fiel Vera um. Ihr Gesicht, halb vergraben in der Masse aus Haar und Erbrochenem, verriet das volle Entsetzen darüber, was sie aus ihrem Körper hatte herauskommen sehen. Es war diese Art von Tod, dieser spezielle mit allem, was an Grauen und Qual dazugehörte, den sich Laminde für ihre Mitfrau Ramatu wünschte.


Sie wusste genau, wann sich dieser Wunsch in ihrem Herzen festgesetzt hatte. Sie erinnerte sich an den exakten Moment im Allgemeinen Krankenhaus, ein Jahr, nachdem sie sich einen Ehemann zu teilen begonnen hatten. Aber der Groll, der diesem Samen erlaubte, überhaupt Wurzeln zu schlagen, wurde lange vorher gesät, an dem Tag, als ihr Mann Bello vor dem Topf tuwo da miyan taushe gesessen war, den sie ihm serviert hatte, und verkündet hatte, dass er sich eine zweite Frau nehmen würde. Als sie schließlich ihre Stimme fand, war diese ein ungläubiges Flüstern. „Eine zweite Frau?“ – „In Erfüllung der Sunna, ja“, hatte er geantwortet. „Eine zweite Frau?“, hatte sie erneut gefragt. „In vierzehn Tagen, ja.“ Dann hatte er seine Kappe abgenommen, seine Hände sorgfältig in der limettengrünen Schale gewaschen, die sie vor ihn hingestellt hatte, und zu essen begonnen. „Masha Allah! Das schmeckt köstlich“, hatte er verkündet, während er nach einer weiteren Portion langte.

Vor dieser Nacht war sie drei Jahre lang mit Bello verheiratet gewesen. Drei Jahre, in denen sie ihm eine wunderschöne Tochter geboren hatte, in denen sie sich geliebt und gelacht und gestritten hatten, wie Liebende es tun. Drei Jahre, in denen sie ihn in Momenten ungezügelter Wut ausgesperrt hatte und es genoss, seine flehende Stimme von der anderen Seite der Tür zu hören. Ihre Ehe war weit davon entfernt, perfekt zu sein, so viel wusste sie, aber sie war nicht unrettbar verloren. Es war einfach nur eine verdammte Ehe, wie jede andere Ehe auch. Und dann hatte er sie mit diesen Neuigkeiten überfallen, und diesen Frauen, die eine Fremde in ihr Haus gebracht hatten und Raketen des Hohns in ihre Richtung abfeuerten. „Jetzt wird Bello endlich wissen, dass er wirklich eine Ehefrau geheiratet hat.“ – „Wenn die Sonne aufgeht, kann keine Palme ihr Licht verdunkeln.“ – “Malam Bello ya gaji da jagade-jagade.

Sie? Jagade-jagade? Wie ausgelatschte Flipflops? Bello hatte sie Königin genannt, seine gewisperten Versprechen hatten in ihrem Herzen Gärten sprießen lassen. Er hatte ihr ewige Treue geschworen und sie, in Momenten der Leidenschaft ebenso wie bei klarem Verstand, die Allerschönste genannt. Sie? Jagade-jagade?

Dieser Groll wurde mit der Zeit zu einer Wolke, die weder mit der Bedeutung noch dem Gewicht, die sie anfänglich gehabt hatte, in ihrem Kopf umhertrieb. Das war nicht schwer, weil ihre Mitfrau, Ramatu, ihr bei ihrer ersten Begegnung freundliche Blicke zugeworfen, sich in Hochachtung respektvoll verneigt und sie Yaya genannt hatte. Und mit der Ehrerbietung behandelt hatte, die sie einem älteren Geschwister zukommen lassen würde. Jeden Morgen pflegte sie an Lamindes Tür zu kommen, um sich nach ihrem Wohlergehen zu erkundigen und einen kleinen Plausch zu halten. Wenn Malam Bello balangu nach Hause brachte, teilte sie, als die jüngere Ehefrau, das gewürzte Fleisch in zwei Portionen auf und forderte Laminde auf, als Erste auszuwählen. An den Tagen, an denen sich Lamindes Tochter in ihr Zimmer wagte, pflegte Ramatu die Haare des Mädchens zu flechten, ihre Hände mit Henna zu bemalen und mit Kohl Linien um die Augen des Kindes zu ziehen. Obwohl sie Ramatu um ihre Schönheit, ihre elegante Haltung und ihre modischen Spitzen und hochhackigen Schuhe beneidete, verbarg Laminde ihren Neid tief in ihrem Lächeln.


Das erste Mal, als die Nacht Bellos Stöhnen zu ihr hintrug, sprang sie aus dem Bett, voller Angst, er würde an einer plötzlichen Erkrankung sterben. Genauere Beobachtung offenbarte, dass er nur an heftiger Sinneslust litt, die ihn dazu veranlasste, Geräusche zu machen, die er in all den Jahren mit ihr niemals von sich gegeben hatte. Sie verharrte auf ihrem Bett und fing ihre Tränen mit einer Serviette auf. Letztendlich begrub sie auch dieses Elend in kleinen Portionen tuwo, so, wie sie es mit Chloroquintabletten tat, und schluckte es hinunter. Und die nächtlichen Geräusche? Anfangs hielt sie ihnen mit dem Lärm des Fernsehers oder des Radios oder mit Musik von ihrem Handy entgegen. Letztlich lernte sie, ihrem Geist Flügel zu verleihen und ihn zum Mond davonfliegen zu lassen, wo sie in Einsamkeit und himmlischem Licht schwelgte.

„Deine Tochter hat mich vergangene Nacht gefragt, ob deine neue Frau dich umbringt“, sagte sie zu ihm in einer Nacht, in der er zu ihr ins Zimmer kam. „Ich habe ihr gesagt, du würdest von Entzückung angefallen werden. Das hat sie nicht verstanden.“ In den Falten seiner gerunzelten Stirn las sie die geheimen Verse seiner Beschämung, bis er sich von ihr abwandte. „Könntest du bitte wenigstens versuchen, etwas leiser zu sein?“ Er zischte, nahm seine Kappe und ging.

*

Sie wünschte sich, sie könnte Ramatu böse sein. Sehr sogar. Aber als sie unerträgliche Bauchschmerzen plagten, die, von denen ihre Mutter sagte, dass sie sie davon abhielten, wieder schwanger zu werden, war es Ramatu, die sie umgehend ins Krankenhaus gebracht hatte, bei ihr geblieben war und sich um ihre Tochter gekümmert hatte. „Du solltest nicht hierbleiben“, Laminde wälzte sich auf dem schmalen Bett, „die Moskitos, dein Zustand.“ – „Kein Problem, Yaya. Ich bin gut vorbereitet. Ich habe meine Socken und eine Extradecke dabei. Alles gut“, antwortete Ramatu. Sie setzte sich im Stuhl am Bettrand zurecht und zog sich ihre Wollsocken an. „Meine Liebste, was machst du denn hier?“, fragte Bello, als er an jenem Abend kam, und beugte sich über Ramatu. „Was machst du denn hier?“ Er tätschelte ihr die Backen und wischte ihr den Schlaf aus den Augen. Ramatu grummelte etwas von auf Laminde aufpassen, was zu Protesten ihres Mannes führte. Er streichelte Ramatus Babybauch, flüsterte ihr etwas ins Ohr und befahl ihr, ihre Sachen zusammenzusuchen. Als er seine Braut zur Tür geleitete, den Arm um ihre Hüften, wollte Laminde am liebsten ihr Herz herunterschlucken und sterben. Er sah sie nicht einmal an, wie sie da in dem schmalen Krankenhausbett lag. Dass er sie ignorierte, störte sie weniger als das, wie er seine Braut nannte. Meine Liebste. In ihrer Anwesenheit. Sie war immer matannan gewesen – als sei sie eine x-beliebige Fremde, die er auf der Straße aufgelesen hatte. Diese Frau. Ein namenloses Ding, keine Zärtlichkeit wert. Diese Frau.

*

Es war in jenem selben Krankenhaus, als wenige Monate später die Saat des Hasses in ihren Rippen aufbrach, nachdem sie von Ramatus spitzen Schreien aus dem Schlaf gerissen worden war, weil das Kind in ihr hinauswollte. Als das Geräusch sie erreichte, dachte Laminde zunächst, es sei eine Wiederaufnahme des Gestöhnes, das sie anfangs gequält hatte. Aber Bello lag in dieser Nacht schnarchend neben ihr, während Ramatus Stimme durch die Nacht zu ihr drang. Sie eilte aus dem Bett und fand Ramatu vor, die aus ihrem Zimmer gekrochen kam, ihr Gesicht glänzend vor Schweiß. „Ins Krankenhaus, schnell!“, sagte Laminde. „Hol ein Auto“, wies sie Bello an, den das Geräusch der sich öffnenden Tür geweckt hatte. Sie gab Ramatu einen Schluck Wasser und holte die Sachen für die Entbindung, die Ramatu in einen Plastikkorb oben auf dem Schrank gelegt hatte.


Im Krankenhaus wickelte Laminde Ramatus Sohn in einen Schal und legte ihn seiner Mutter an die Brust. Sie blieb bis zum Morgen an Ramatus Seite, als die Ärzte zur Visite kamen. Laminde nahm der Mutter das Kind ab, damit die Ärzte ihre Arbeit verrichten konnten. Sie hielt ihn immer noch im Arm, als sie gegangen waren und Ramatus Tante und Schwester hereinkamen.

„Warum hast du sie dein Kind anfassen lassen, du Närrin?“, fragte Ramatus Tante und wedelte mit der geballten Faust. Als sie Laminde das Baby abnahm, fiel irgendwo zwischen ihrer zusammengepressten Hand und den Windungen des Schals ein in Leder gewickelter Fetisch herab und knallte auf den Krankenhausboden. „Mein Gott! Schaut! Ein laya!“, rief Ramatus Schwester aus und fuchtelte hektisch herum, während sie den Fetisch mit einem Tritt wegbeförderte. Das Ding schlitterte über die Fliesen zum Fuß der Wand. Ramatu lehnte sich aus dem Bett und starrte den kleinen quadratischen Flecken Leder an. „Man lässt eine Frau wie die da nicht seinen Sohn anfassen. Wer weiß, was sie vorhat? Was für einen Fluch sie auf ihn herabbeschwören wollte“, schalt die Tante. „Dein Kind ist der erste Sohn. Er wird das Haus seines Vaters erben und du lässt zu, dass sie ihn berührt?“, fragte Ramatus Schwester. „Wallahi, das ist wirklich nicht sehr klug von dir, Ramatu. Wirklich nicht klug.“


Laminde starrte sie mit offenem Mund an, zu perplex, um etwas zu sagen, der Gedanke, dass jemand versuchen würde, sie so hereinzulegen, der Gedanke, dass sie hofften, dass sie mit dieser Scharade irgendjemanden täuschen würden. Ramatu hatte sie mit zu Schlitzen verengten Augen angesehen, eine V-förmige Falte zwischen den Augenbrauen. Sie streckte die Hände nach ihrem Baby aus und drückte es eng an sich, weg von Laminde.

*

Sie war überrascht von der Geschwindigkeit, mit der der Samen spross, er fand Nahrung in Ramatus Schweigen und ihren anklagenden Blicken sowie in den Geschehnissen im Vorfeld der Namensgebungsfeier. Da war Bellos Aufregung, während er mit Babysachen ins Haus hinein- und wieder hinausrannte, mit einem neuen Bettchen mit babyblauen Rüschen, sein nervöser Neuanstrich von Ramatus Zimmer, der sich später auf das gesamte Haus ausweitete, mit Ausnahme von Lamindes Zimmer. Das einzige von ihren Besitztümern, das mit dem neuen Anstrich in Kontakt kam, war ihre Tochter, die einen Spritzer Himmelblau quer über das Gesicht abbekam, als Bello seinen Pinsel ausschüttelte. „Verschwinde“, schnauzte er das Kind an. „Herrgott nochmal, Laminde, behalte deine Tochter im Auge!“ Ihre Tochter? Als hätte sie, Laminde, sich ein ganzes Jahr lang in ihrem Zimmer eingeschlossen, sich mit Gemüse vollgestopft und dann am Ende ein Baby ausgeschissen. Ihre Tochter? Als sei sie ein Ärgernis. Als das Mädchen, schockiert von der Heftigkeit in der Stimme ihres Vaters, in Tränen ausbrach, warf Bello den Pinsel hin, eilte zu ihr und nahm sie hoch. Er wischte ihr den Farbfleck und die Tränen aus dem Gesicht und trug sie aus dem Haus. Als er sie zurückbrachte, hatte er eine Tüte Süßigkeiten, Kekse und andere für eine Dreijährige geeignete Köder dabei. Er setzte sie im Zimmer ihrer Mutter ab, lehnte sich an den Türpfosten und seufzte, als er Laminde ansah, die ihr Gesicht in den Händen vergraben hatte.
„Ich bin …“, aber die Worte blieben ihm im Halse stecken. Er griff in seine Tasche. Zählte ein paar Scheine ab und legte sie vor sie hin. Dann zog er sich zurück, im Rückwärtsgang, bevor er sich umdrehte und ging. Sie blickte auf, betrachtete die Banknoten. Sie griff nach ihnen, stapelte sie feinsäuberlich auf, zerriss sie und ließ die Fetzen um ihre Füße zu Boden fallen. Sie zog ihre Tochter zu sich her und drückte ihr einen Kuss auf den Kopf.

*

In den darauffolgenden Wochen verdichtete sich Ramatus Schweigen zu einem konzentrierten Teer der Feindseligkeit, die sich in unterschiedlichen Formen manifestierte. Laminde pflegte in ihrem Zimmer zu sitzen und Ramatu zuzuhören, die singend das halbe Anwesen fegte und mit ihren Besenstrichen ihr Revier absteckte, sodass eine Linie aus Abfall die Grenze zwischen ihren jeweiligen Hälften des Anwesens markierte. Die Linie war jedoch fließend, sodass sie sich jeden Morgen verschob, an dem Ramatu kehrte, und näher und näher an Lamindes Tür heranrückte. Und langsam räumte Ramatu wie eine Besatzungsmacht ihre Sachen in die neu eroberten Territorien um. Der Wäscheständer mit Babykleidung bewegte sich ein paar Zentimeter vorwärts, heute ein Stuhl, da eine Wäscheleine, die über Nacht auftauchte. Selbst die nächtlichen Geräusche wurden zum Grenzland, wenn Laminde von Ramatus leidenschaftlichem Stöhnen wachgehalten wurde, wann immer Malam Bello in ihrem Zimmer war. Vermischt mit Bellos Grunzen ergab es eine obszöne Symphonie. Laminde hätte nie gedacht, dass Liebemachen eine derart lautstarke Angelegenheit sein konnte, von Pornofilmen mal abgesehen. Und als das Ganze Monate nach der Geburt des Jungen zu einer beinahe allnächtlichen Vorstellung wurde, wurde Laminde die wahre Absicht dieses Radaus klar. In den Nächten, in denen Bello in ihrem Zimmer war, bestand der einzige Radau, den er machte, aus seinem Schnarchen, das ausgelöst wurde, sobald sein Körper ins Bett fiel.


Nachmittags beobachtete sie Ramatu, wie sie im Hof saß, ihre Beine vor sich langstreckte und ein Loblied auf die Mütter von Söhnen sang, die das Haus ihres Mannes erben würden. Ganz oben auf der Liste der Dinge, die Laminde am meisten enttäuschten, stand die Tatsache, dass Ramatu auf einen derart billigen Trick ihrer Tante hereinfiel oder glaubte, dass Laminde ihrem Sohn mit Zähnen, Fäusten oder Fetischen irgendetwas antun wollte. Was ihr am meisten das Herz brach, war Ramatus Unwilligkeit, einer Erklärung ihrerseits auch nur zuzuhören.

„Ich habe unseren Mann nicht geheiratet, um etwas zu erben. Ich habe ihn geheiratet, um ihn am Leben zu erhalten“, sagte Laminde eines Nachmittags. „Behaupte, was du willst. Mein Sohn ist der Erstgeborene“, antwortete Ramatu. „Und du rührst ihn nicht an.“ Laminde ballte die Fäuste. Ramatu warf ihr einen Blick zu und zischte. „Nicht mein armer Eimer hat unseren Mann geheiratet, sondern ich. Wenn du damit ein Problem hast, lass es doch an mir aus.“ Käme es zu einem Kampf, konnte es nur eine Gewinnerin geben. Laminde hegte keinerlei Zweifel an ihrer Fähigkeit, Ramatu zu vermöbeln, aber was würde sie dabei erreichen? Einen Pyrrhussieg? Es war dieser Moment, der die letzten Vorbehalte aus dem Weg räumte, die sie gegenüber einem Tod à la Vera für Ramatu noch hegte.

*

Als sie an diesem Morgen das Haus verließ, war sie sicher, was sie wollte, was sie immer gewollt hatte. Sie hatte von einigen ihrer Freundinnen von dem malam gehört, denjenigen, die ihn für Amulette aufgesucht hatten, um die Gunst ihres Mannes zu gewinnen, um geschäftliche Vorteile zu erzielen, um ihren Mitfrauen eins auszuwischen, um den Job im örtlichen Schulrat zu bekommen. Fast jeder in Zango hatte von Malam Sadi Kankat gehört.
„Du sagst ja gar nichts, Hajiya“, ermunterte er sie, während er Muster in den Sand malte. Er lehnte sich zurück und studierte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. „Ich – äh – glaube, ich habe …“ – „Ja?“ – „Ich habe Bauchschmerzen“, sagte sie. „Ja, ich habe Bauchschmerzen“, erklärte sie fest, als wollte sie sich selbst überzeugen.


„In der Tat, das stimmt“, lächelte er. „Wahrhaftig, ich sehe es hier.“ Er wischte die Muster im Sand glatt und zeichnete neue, runzelte die Stirn. „Aber deswegen bist du nicht hier. Du kommst wegen deiner Mitfrau. Du möchtest, dass ihr etwas Schlimmes zustößt.“

„Äh … ich dachte, dass ich das will, aber jetzt, äh, jetzt glaube ich nicht, dass ich das noch möchte …“ Er deutete stolz auf die Vitrine hinter ihm, gefüllt mit Fläschchen, die bunte Flüssigkeiten enthielten – rauchgrau, rot wie geronnenes Blut, flaschengrün, leberbraun, kobaltblau, neonlila, ein endloses Sortiment von Elixieren in düsteren und leuchtenden Flaschen. „Keine Angst, Hajiya“, grinste er, „das hier ist Zango, und hier haben wir sortierte Träume und Albträume in Flaschen. Du musst dir nur eine aussuchen und sie gehört dir.“

„Wow! Du wolltest, dass sie Veras Schicksal erleidet“, rief er mit einem Blick auf den Sand vor ihm aus. „Woher wissen Sie das?“ Er lächelte. „Der Sand lügt nicht. Ich bin Seher, verstehst du“, er streichelte den Sand und wischte das Brett sauber. „Oh“, sie schlang sich ein Ende ihres Schleiers über die Schulter. „Nun, ich glaube wirklich nicht, dass ich das noch möchte.“

„Es wäre ein Leichtes“, sagte er und fügte dann, die Stimme zu einem Flüstern gesenkt, hinzu: „Veras Schicksal. Das war mein Werk, verstehst du. Ein Leichtes. Ich könnte das für dich tun. Für deine Mitfrau. Ihr Blatt zum Fallen bringen, einfach so.“ Er schnippte mit den Fingern.

„Nein … es war schrecklich von mir, das auch nur zu denken, Herr …“ Er hob die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen, seine Brauen vor Konzentration gerunzelt, während er die Inschriften im Sand las. Er wischte über den Sand und zeichnete, wischte und zeichnete erneut, mit zitterndem Finger. Sie war beunruhigt vom Beben seiner Lippen, von dem Schweißfilm, der auf seine Stirn trat.

„Oh mein Gott!“, murmelte er. „Was, Herr?“ – „Die Nadel hat eine Hacke ausgegraben?”, murmelte er zu sich selbst, während er über den Sand wischte und wild zeichnete. „Ein Blättersturm! Der Baum! Da ist ein Baum, siehst du das nicht? Es wird einen Sturm geben, aus Blättern, siehst du es nicht?“, fragte er. „Das verstehe ich nicht“, antwortete sie. „Siehst du es denn nicht, wir alle sind mit dem Schicksal des Baums verbunden. Wir alle! Wir alle!“

„Ich glaube, ich gehe jetzt einfach nach Hause“, sagte sie, überzeugt, dass das alles ein Riesenfehler gewesen war. Er erhob sich und schob sie zur Seite, stolperte an ihr vorbei. „Hütet euch vor dem Baum!“, schrie er im Hinausgehen und erschreckte damit die anderen Frauen, die auf ihn warteten. Laminde hörte seine Stimme mit seiner düsteren Warnung den Pfad hinunter verebben, den sie vor wenigen Momenten hinaufgegangen war. Ihre Hand verweilte über ihrem klopfenden Herzen, während sie versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Das hier ist Zango, murmelte sie zu sich selbst, hier geschehen seltsame Dinge. Das hier ist Zango! Als ob das alles erklärte, als ob es das sollte.

*

Wieder fiel der Vorhang des Schweigens mit einer Absolutheit, die sie verblüffte. Die Einstellung von Ramatus höhnischen Liedern und ihren expansionistischen Säuberungen überraschte Laminde genauso wie ehedem ihre plötzliche Feindseligkeit, und als dieses Schweigen tagelang anhielt, ersetzt durch die Geräusche von Ramatu, die jedes Mal in ihr Zimmer huschte, wenn Laminde in den Hof hinaustrat, wurde ihre Neugier entfacht und sie begann, aufmerksam zu werden. Bello, der sich seit seiner Heirat mit seiner zweiten Frau in ihrem Zimmer ohnehin nicht mehr wohlzufühlen schien, begann ihren Blick zu meiden und in eine Ecke zu murmeln, wenn er mit ihr sprechen wollte. Und als sie ihren Mann einmal in verzweifelter Hast streifte, ihre Tochter, die keine Luft bekam, zu erreichen, spürte sie seinen Atem stocken. Er gewöhnte sich an, sich spätnachts in ihr Zimmer zu stehlen, ins Bett zu huschen, wenn er dachte, sie schliefe, und lange vor dem Aufruf zum Morgengebet wieder hinauszueilen.


Sie richtete sich in diesem Schweigen ein, trug es gar wie ein Ornament, sodass sie den Dunstkreis des Verstummens um sich herum gar nicht bemerkte, wenn sie ihre Tochter von der Schule abholte. Es war am Ende einer dieser Abholungen, dass sie mit der Realität konfrontiert wurde, die in aller Deutlichkeit aus den Augen ihrer Tochter starrte, in ihren heruntergezogenen Mundwinkeln lag. Sie kniete sich vor die Kleine hin und fragte sie, was ihr fehle. „Faruk hat gesagt, seine Mutter hat gesagt, er soll nicht mehr mit mir spielen“, erklärte das Mädchen.

Laminde war nicht ganz sicher, wer Faruk war – irgendein bester Freund ihrer Dreijährigen womöglich, aber sie blickte sich um und sah, dass sich auf dem geschäftigen Schulgelände um sie und ihre Tochter herum eine Blase aus freiem Raum gebildet hatte. Sie bemerkte die verstohlenen Blicke in ihre Richtung und wie Eltern und Kinder dieser Blase diskret auswichen.

Auf dem Nachhauseweg, ihre Tochter neben ihr her schlurfend, gab sie auf die Gespräche acht, die verstummten, sobald sie in Sichtweite kam, wie sie, nachdem sie vorbeigegangen war, als Flüstern hinter ihr wieder anfingen, wie ihre Nachbarinnen plötzlich sehr beschäftigt taten, wenn sie sich näherte, um keine Begrüßungen austauschen zu müssen.

„Was hat Faruk zu dir gesagt?“ fragte sie ihre Tochter, als sie nach Hause kamen. „Er hat gesagt, dass seine Mutter gesagt hat, er soll nicht mit der Tochter der bösen Frau spielen“, erklärte sie. „Bösen Frau?“


„Ja. Dass du so voll mit Bösem bist, dass du Malam Sadi Kankat in den Wahnsinn getrieben hast, weil du Ramatu die bösen Dinge antun wolltest.“ – „Oh.“ Laminde schnappte nach Luft „Was ist das Böse, Mama?“

*

Das Vorhängeschloss an Ramatus Tür verweilte dort tage- und nächtelang, bis Laminde zu dem Schluss kam, dass ihre Mitfrau aus dem ehelichen Heim geflohen war.

„Sie wohnt jetzt woanders“, erklärte Bello auf Nachfrage. Sie seufzte. „Du würdest jetzt auch lieber woanders wohnen, was?“, fragte sie ihn. Er senkte den Blick und wand sich.

„Wie kommt es, dass du mich nie danach gefragt hast?“, fragte sie. „All die Gerüchte, die über mich erzählt werden. Wie kommt es, dass du nie etwas gesagt hast?“ Seine Lippen zitterten. „Malam Sadi Kankat irrt jetzt durch die Straßen und murmelt unverständliches Zeug. Es heißt, du warst die Letzte, die bei ihm war, bevor er den Verstand verlor. Es gab Zeuginnen.“

„Verstehe.“ Das tat sie. Zum ersten Mal. Sie war für schuldig befunden wurden, ein Übel in sich zu tragen, das so finster war, dass es den Mann in den Wahnsinn getrieben hatte, der das schlimmste Übel in Zango angezettelt hatte. Sie war von einem Gericht verurteilt worden, bei dem ihre Version der Geschichte niemals verlangt war, ihr Plädoyer nicht gefragt, und war für schuldig befunden und zu einem Gefängnis des Schweigens verurteilt worden.

Als sie an jenem Morgen aufwachte und ein riesiges Bündel Banknoten auf dem Tisch und keine Spur von ihrem Mann vorfand, wusste sie, dass er nicht zurückkommen würde.

*

„Mama?“ – „Ja, meine Süße.“ – „Draußen ist es schrecklich.“ – „Ich weiß. Geht mir auch so.“ – „Ich will nie wieder in die Schule gehen.“ Laminde zog ihre Tochter zu sich heran und umarmte sie fest. „Können wir für ganz immer hierbleiben? Nur wir beide.“ – „Wir können es versuchen, mein Schatz“, antwortete sie.


An jenem Abend, eine Woche, nachdem sie ihren Mann zum letzten Mal gesehen hatte, und zufrieden mit der Menge an Lebensmitteln in der Vorratskammer, sperrte Laminde den Eingang zum Anwesen zu, verschalte ihn mit den Brettern, die bei der von Ramatus Entbindung ausgelösten Renovierung übrig geblieben waren, und bezog großes Vergnügen daraus, die Nägel ins Holz zu treiben und die Welt und ihre Verurteilungen auszusperren.

„Was machst du da, Mama?“, fragte die Kleine. „Wir sperren Zango draußen ein“, erklärte sie dem verblüfften Kind. „Wir halten uns die Welt vom Leib. Komm, reich mir den Nagel da.“

Als sie den letzten Nagel eingeschlagen hatte, ließ sie den Hammer fallen und begutachtete ihre Arbeit. Es würde halten, das wusste sie. Laminde schritt in die Mitte des Hofs, die Schlüssel in der Hand, und betrachtete ihre Tochter, deren Augen voller Fragen waren. Sie warf den Schlüsselbund über den Zaun in das dahinter liegende Buschland und breitete die Arme aus, um das Sonnenlicht zu umarmen.