Panashe Chigumadzi Der Gott des Alten Testaments

Beten auf dem kargen Maisfeld für eine gute Ernte
Beten auf dem kargen Maisfeld für eine gute Ernte | Foto (Detail): epa afp Joe © dpa-Fotoreport

Von Panashe Chigumadzi

Die Kurzgeschichte als Audio abspielen:                                      gelesen von Koku Musebeni
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I.
 
Ich schrecke aus dem Schlaf hoch. Zwei Uhr morgens. Ich fühle mich bleiern. Ein tiefer Schmerz. Tief in meinen Gliedern. Als würden sie hinab ins Erdreich gezogen. Die Träume sind zurückgekehrt. Seltsame Träume über das Nichts. Ich wache erschöpft aus ihnen auf. Das Aufwachen fühlt sich irgendwie an, wie aus einer Leere zurückzukehren, die so abgründig ist, dass mein Körper allein vom Akt des Wachwerdens schmerzt. Wenn ich wach bin, möchte ich immerzu weinen und schreien. Etwas, irgendetwas tun, um das, was mir in den Gliedern steckt, freizugeben. Doch ich kann nicht. Was es auch ist, es ist in mir gefangen. So geht es nun, seit Mbuya krank ist. Nur Mbuya wusste mit meinen Träumen umzugehen. Wenn ich neben ihr schlief, hörten sie auf. Jetzt ist sie weit weg. Und ich bin hier. Ich starre an die Decke, fürchte mich zu sehr vor dem Schlaf, bis er mich übermannt.
 
Wieder schrecke ich hoch. Sechs Uhr morgens. Eine Nachricht von Mama. Mbuya ist in den frühen Morgenstunden verschieden. Ich kann meine zitternden Hände gerade so sehr beruhigen, dass ich das Telefon aufheben und Mama anrufen kann. Es braucht eine Weile, bis ich Worte finde, aber schließlich kommen sie. Ich sage Mama, dass ich zur Beerdigung kommen möchte. „Nein, Tambi. Mbuya hätte nicht gewollt, dass du deine Prüfungen versäumst“, erwidert sie. Etwas sagt mir, dass ich zu Baba Chigumira am Empfangsschalter gehen sollte. Während ich die Treppen hinunterlaufe, hoffe ich, dass er noch Dienst hat. Hat er. Mir ist zum Weinen zu Mute. Er ist der Einzige aus meiner Heimat. Der Einzige, der es verstehen wird. „Mwan‘angu“, begrüßt er mich, und ich starre Baba Chigumira an, als würde mir erst jetzt seine Anwesenheit bewusst. Ich öffne den Mund, um etwas zu sagen, doch es kommt kein Ton heraus. Baba Chigumira erhebt sich vom Empfangsschalter. „Ko, zvaita sei?“ Plötzlich schäme ich mich, es ihm zu erzählen, aber ich tue es trotzdem. Er nickt und nimmt meine Hände in seine. „Nematambudziko, ich konnte meine Mutter auch nicht begraben.“ Ich möchte weinen, aber ich kann nicht. Baba Chigumira zieht eine Taschenbibel hervor. Er ergreift meine linke Hand und beginnt: „Baba wedu wekudenga ...“
 
Ich wende den Blick nicht von Baba, bis er mich freundlich an die Zeit erinnert und ich mich zum Prüfungsraum begeben muss. Ich betrete das Zimmer. Vor mir liegt die Abschlussprüfung. Mein Körper unter mir fühlt sich schwer und unbeholfen an, in meinem Kopf wirbeln Worte umher, die von fremden Zungen gesprochen werden, bis eine Leere sich in meinem Geist ausbreitet und ich mich an nichts erinnern kann, was zuvor einmal war.
Name:
Das unbeschriebene Blatt Papier peinigt mich. Ich kann mich nicht an meinen Namen erinnern. Ich kann mich nicht an mich erinnern. Ich blicke die erste Frage an, und die wirbelnden Worte kehren nun als Summen in meinem Ohr zurück. Ich muss die Welt um mich besänftigen, mich beruhigen, mich zusammennehmen, sodass ich auf das hören kann, was da in meinen Gliedern gefangen ist.
Ich fülle das Namensfeld aus. Heute verwende ich nicht Esther Mangwende, den Namen, unter dem sich die Rhodes-Stipendiatin eingeschrieben hat, sondern Tambisa Mangwende. Den Namen, den ich von Mbuya geerbt habe. Heute wird man mich unter ihrem Namen kennen.
 
Wie ich die Prüfung geschrieben habe, weiß ich nicht. Aber ich schaffe es. Ich gehe zurück in mein Zimmer am Linacre College. Früher hätte ich gebetet. Ich suche nach meinem Schnupftabakfläschchen. Vorsichtig, damit ich nicht zu viel erwische, nehme ich ein bisschen Tabak auf und halte ihn an meine Nase. Die nach Minze duftende Nikotindosis verschafft mir kurzzeitig Erleichterung. Früher hätte ich gebetet. Wahrscheinlich sehr zum Entsetzen meiner Mutter, die Ruwadzano angehört, habe ich schon lange den Glauben verloren. Wenn ich Mumm hätte, würde ich ihr sagen, dass ich ihren Gott, wenn er denn existiert, nicht erkennen würde, weil er ein erbärmlicher Gott für Schwarze ist. Natürlich betete Mama noch verbissener, als ich ihr von meinen Träumen erzählte. Früher hätte ich gebetet. Selbstverständlich würde ich ihr das nie erzählen. Es wäre schlimmer, als zur Drogensüchtigen, Mörderin, Sexarbeiterin (oder Prostituierten, wie es Mama ausdrückt) oder Muslimin (oder einer anderen, die nicht an Jesus Christus glaubt) zu werden oder ein anderes, von der Bibel als sündig verurteiltes Leben zu führen. Das wäre faktisch, wie ihr zu sagen, dass ich keine Chance auf Erlösung hätte, weil ich mich bereits selbst zur Hölle verurteilt hätte. Es wäre, wie ihr zu sagen, dass meine Seele nicht mehr zu retten sei. Sie würde antworten: „Willst du, dass wir mit Fingern auf dich zeigen und uyu munhu akafa achifamba sagen?“ Wenn ich in schnippischer Laune wäre, würde ich erwidern, dass das gar nicht so weit hergeholt sei, aber das tut nichts zur Sache. Früher hätte ich gebetet.
 
Der Schnupftabak beruhigt mich nicht wie üblicherweise, und daher krame ich nach dem letzten Rest Imphepho, lege es in eine Blechschale, zünde es an und nehme es mit ins Badezimmer, zusammen mit einer Packung Black Label, die Zanele im Südafrika-Laden in London gekauft hat.  Früher hätte ich gebetet. Ich mache das Licht nicht an, öffne das Fenster, werfe einen flüchtigen Blick auf die Gartenanlage des Linacre College, von der ich in unzähligen Interviews über meine Erfahrung als Rhodes-Stipendiatin geschwärmt habe. Früher hätte ich gebetet. Ich spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht. Ich beobachte im Spiegel, wie das Wasser über meine Wangen und die Kieferpartie rinnt. Ich fühle mich ausgelaugt und müde, und daher kommen mir die Wasserhähne der Badewanne störrischer vor als sonst. Nach kurzem Mühen formen meine Lippen ein O um den Hals der Black-Label-Flasche, während ich den Imphepho-Rauch inhaliere, als würde er mir die Antwort geben, nach der mein Körper wohl sucht. Früher hätte ich gebetet. Ohne das Bier aus der Hand zu legen, streife ich unbeholfen meine Kleidung ab und steige in die Wanne. Ich drehe den Hahn voll auf.
 
Mit schweren Gliedern sinke ich ins Wasser. Ich denke daran, wie oft die Welt doch viel von dem verlangt hat, was ich nicht bin. Und wie hätte ich daher nicht viele Identitäten erfinden sollen, um ihr Genüge zu tun? Ich denke an die vielen Tode, die ich gestorben bin, damit ich an diesem Ort leben kann. Bei jedem Gedanken an einen dieser kleinen Tode gönne ich mir einen weiteren Schluck. Manchmal glaube ich, dass mein Trankopfer-Ritual nicht aufrichtig ist, weil ich den Weiheguss nicht auf den Boden gieße. Stattdessen landet er in meiner Kehle. Wenn ich das denke, rede ich mir ein, dass diese Identitäten noch ihre letzte Ruhestätte im Erdreich finden müssen. Einstweilen sind sie tief in mir vergraben, und daher wäre es falsch, Trankopfer auf den Boden zu gießen. Stattdessen sollte ich sie mir lieber die Kehle hinunterschütten, damit meine in mir versunkenen, vergangenen Identitäten auf diese Weise vielleicht eine letzte Ehrung erfahren. Früher hätte ich gebetet.
 
Zuweilen bringen meine kleinen Tode Klagelieder hervor, die ich in blindem Zorn niederschreibe, ein Grabgesang quer über eine Seite, damit ich das Hinscheiden eines weiteren Selbst nicht bemerke. Ich schreibe es auf, damit ich den Schmerz nicht vergesse. Ich möchte den Schmerz kennen, ihn in seiner schärfsten, realsten Form in Erinnerung behalten. Er verleiht mir eine Dringlichkeit, einen klar erkennbaren Sinn, wie ich ihn durch nichts anderes erlangen kann. Das möchte ich nicht verlieren. Früher hätte ich gebetet. Ich forme ein weiteres O und genehmige mir den letzten Schluck aus meiner Flasche, bevor ich mir ein zweites Bier greife. Der Alkohol beginnt, meinen Körper zu wärmen, und ich spüre, wie mein Kopf benommen und taub wird. Früher hätte ich gebetet.
 
Ich hörte auf, in die Kirche zu gehen, als man mir dort sagte, die Gegenwärtigkeit meiner Ahnen anzuerkennen, sei eine Form der Hexerei. Es ist nichts dabei, wenn man den Ahnenglauben für Aberglauben hält. Selbst, wenn man nicht an sie glaubt, glauben sie an uns. Ob man an sie glaubt, beeinflusst ihren Glauben an uns nicht. Das sagte Mbuya oft zu mir. Das habe ich von ihr gelernt, meiner neu hinzugewonnenen Ahnin. Früher hätte ich gebetet. Im vergangenen Semester sagte ich zu meinem Lehrer, ein Unterschied zwischen Schwarzen und Weißen bestehe darin, dass die Weißen an institutionelle und die Schwarzen an intergenerative Fürsorge glaubten. Die Hände der Jungen kümmern sich um die Leiden der Älteren. Die Weisheit der Älteren zügelt die Impulsivität der Jugend. Wenn unsere Großeltern alt sind, kommen sie nicht ins Altersheim, sondern ziehen ins Haus ihrer Kinder. Wenn Kinder verhaltensauffällig sind, schickt man sie nicht zum Psychiater oder Psychologen, sondern zu Mbuya. Ich war das Kind, das in Schwierigkeiten steckte, obwohl meine Eltern nicht wussten, was mich plagte. Dafür sorgte ich. Ich fand meine Zuflucht selbst und rettete mich dorthin: in ihr Haus, zu ihren Erinnerungen. Sie war die Einzige, die wusste, wie man mit meinen Träumen umgeht. Früher hätte ich gebetet.
 
Ich trank, weil es für mich eine Verbindung zu Mbuya darstellte. In Mbuyas Haus herrschte zwar Jesus, doch wie alle anderen war Mbuya einem guten, alten ngud‘ nicht abgeneigt. Sie rauchte nicht. Sie sagte, Rauchen sei eine Sache der weißen Frauen, und sie sei keine Weiße. Stattdessen schnupfte sie Tabak. Bier und Schnupftabak bringe sie ihren Ahnen näher, erklärte Mbuya. Diese Angewohnheit hatte sie sich als Partymädchen in der Stadt zugelegt. Den Mädchen mit Puder, Rouge, geglättetem Haar und Perücke warf man immer vor, wie Weiße sein zu wollen. Ja, meine gottesfürchtige Großmutter mochte ein gutes, altes ngud‘ wie alle anderen. Ihre kleine Rebellion. Und darum mag auch ich ein gutes ngud‘. Wir tranken zusammen. Mbuya und ich. Zwei vom gleichen Schlag.
 
Tambisa. Die, die besänftigt. Die, die mir eine Zärtlichkeit, eine Verletzlichkeit entgegenbrachte, die so eindringlich waren, dass ich mich ihnen nicht entziehen konnte. Ihr Licht war eine Aufrichtigkeit, so gnadenlos, dass ich mich nicht verstecken konnte, nicht davor, nicht vor Mbuya und am allerwenigsten vor mir selbst. Diese Aufrichtigkeit spürte mich immer auf und verlangte mir so viel ab, dass nichts mehr von mir übrigblieb. Zum Ausgleich für meine Blöße schenkte sie mir eine Liebe, die ich gern wert gewesen wäre, einen Schmerz, für den ich gern stark genug gewesen wäre, eine Wahrheit, für die ich gern genügend Rückgrat besessen hätte, als Mbuya alles vor mir offenlegte und mich nicht wegschauen ließ. In ihrem Licht war ich immer besser, war ich immer ich selbst, denn etwas anderes duldete sie nicht. So sehr ich ihr auch dankbar bin, kannte ich mein Gewicht jedoch nicht, bis sie es mir überließ, es zu tragen. Die Schwere meiner Glieder. Früher hätte ich gebetet.
 
Ich habe die fünfte Flasche halb geleert und lasse mich tiefer ins Wasser gleiten. Es ist eine berauschende Mischung: Alkohol, Rauch, die Wärme des Wassers. Ich nehme den Rasierer auf, der auf dem Rand der Badewanne liegt. Ich lasse die Flasche los, während ich die Klinge betrachte. Früher hätte ich gebetet. Ich kann mich nicht mehr aufrecht halten. Ich verliere völlig die Kontrolle über meinen Körper. Umgeben von dem vertrauten, tiefen Schwarz, der Farbe, die die Farben meines Kummers, meiner Sorgen, meines Zorns und meiner Wut in sich aufnimmt, überlasse ich mich dem Wasser. Wie ein Ungeborenes, das sich zum ersten Mal in seinem Wasser dreht, liege ich in Embryonalstellung und ertrinke in meiner Haut. Und da weint Mbuya für mich, singt für mich, wie sie es immer tat, wenn ich mit meinen Träumen zu ihr kam und sie meinen Überdruss an der Welt spürte: „Mwanangu, wenn du dich tötest, durch Arbeit, Stress, Ideen, Revolutionen und so weiter, und so fort, keine fünfundzwanzig Jahre, nachdem du aus dem Mutterleib gekrochen bist, wird die Welt darüber hinwegsehen oder ‚Schäm dich!‘ zu dir sagen, einen Augenblick nur, und dann weitermachen … und ich hätte noch ein Kind verloren.“
 
Und mein Geist antwortet darauf wie all die Male zuvor: „Wir haben alle eine Scheißangst vor dem Tod, deshalb erschaffen wir einen Gott. Aber mein Gott, wenn ich denn daran glaube, ist meine Mutter, sind meine Großmütter, meine Tanten, meine Cousinen, meine Schwestern, all die schönen, rauen, schwarzen Geister von Licht, Dunkelheit, Böse, Gut. Hexenengel. Das ist es, was er für mich ist. Ich glaube ihm nicht immer. Wenn ich es tue, lässt er mein Herz leicht und schwer werden, er tötet mich und schenkt mir gleichzeitig neues Leben. Das ist es, was Gott für mich ist. Die Gesamtheit unserer schönen hässlichen liebevollen hasserfüllten rachsüchtigen Zuwendung, die die Seele Gottes bildet. Das ist es, was er für mich ist.“
 
II.

 Meine Eltern hatten für Mbuya lange vor ihrem Ruhestand ein kumusha gebaut. Mbuya hörte erst auf, die Wischlappen anderer Leute zu schwingen, anderer Leute Kinder zu erziehen und anderer Leute Ehemännern aus dem Weg zu gehen, nachdem sie einen Schlaganfall erlitten hatte. Selbst als sie nicht mehr arbeitete, weigerte sie sich, bei uns in der Stadt zu leben. Auch als Sekuru starb, wollte sie lieber allein wohnen, weil sie weder andere mit ihren Macken behelligen noch die Macken anderer ertragen wollte. „Wenn ich nicht allein sein wollte, wäre ich nicht allein“, pflegte sie zu sagen. Sie wollte kein Häuslingshaus hinter dem Haus der Mrs mehr. Obwohl sie gern allein war, durfte ich zu ihr kommen. Wir redeten nicht viel miteinander in Mbuyas Haus. Dafür reichte mein Shona nicht. Zwischen uns herrschte oft Schweigen. In der Stille waren wir einfach. Zuweilen entsprang der Stille Singen, Tanzen, Lachen, Weinen, Schreien. Aus dem Singentanzenlachenweinenschreien erfuhr ich Folgendes über Mbuya:
 
Meine Großmutter beträufelte sich mit Weihwasser, wenn die Quellen ihrer Kreativität versiegten. Meine Großmutter, Tochter Hams, hatte nicht einen Moment, um sich hinzusetzen, die Hände in den Schoß zu legen, in den Tag hineinzuträumen, ihrer Träume Gedanken zu entschlüsseln, hatte keinen Augenblick Ruhe, arbeitete ohne Unterlass für die Mrs, war nie unbehelligt von den neugierigen Fragen derer Kinder. Sie, geschweige denn ihre Zeit, gehörten ihr nicht länger, sodass sie, wenn sie frei hatte, nichts damit anzufangen wusste, außer sie Ihm zu widmen, Baba wedu wekudenga. Das war alles, was sie tun konnte, damit ihr Körper unversehrt blieb, der kaum von ihrer Ruwadzano-Uniform zusammengehalten wurde, rot gefärbt von ihrem in stillem Selbstmord blutenden Herzen. Besser, man tötet es selbst, bevor es unter der Last spiritueller Verausgabung zusammenbricht, unter der Verderbtheit, die Mutterrolle einzunehmen, damit die Mrs ihre Herrinnenrolle ausüben kann, sich selbstlos zurückzunehmen, damit andere sich verwirklichen können. Und an dem leeren Ort, an dem ihre Seele einst wohnte, ließ sie Gott wiederauferstehen, Baba wedu wekudenga. Der Schmerz bedrohte ihre Existenz, und deshalb trat das Gebet an seine Stelle. Als ihre Seele sie erstmals verließ, aß und schlief sie drei Tage lang nicht, und dann betete sie, sie wusste nicht genau, zu wem oder was, vielleicht zu Gott, Baba wedu wekudenga, oder zu der großen Leere. Im Fünften Buch Mose steht, dass wir alle verdammt sind, sagt Mfundisi. Während sie leise übereinkamen, dass sie gleich zweifach verdammt seien, konnten sie und die anderen Gemeindemitglieder sich keinen Gott vorstellen, der nicht weiß war. Sie glaubten an den Fluch über Ham. Und dennoch zeugte ihr Leben von dem Verständnis, dass Gott eine Farbe haben musste.
 
Jahrelang lebten Schwarze wie meine Großmutter in den Häusern von Rassisten. Sie überlebten in dem Wissen, dass ihre Anwesenheit, solange die Mrs dachte, sie kontrollieren zu können, erwünscht war. Meine Großmutter behauptete immer, ihr sei der Boss lieber gewesen. Er bekannte sich zu seiner Bosheit – beanspruchte sie für sich, hegte sie, liebte sie, prahlte gar damit. Und so war er eine bekannte Größe, ein Übel, das man ertragen, überstehen und vielleicht sogar überlisten konnte, während die Mrs ihre Bosheit verbarg, so tat, als wäre sie auf deiner Seite, Tochter Hams, der Unschuldigen, seit Generationen Verfluchten. Insgeheim war sie neidisch auf dich, deine Hüften, deine Lippen, deine Haut. Wenn sie sich vergaß, starrte sie dich an, berührte dich zuweilen, sie wollte deine Freundin sein, deine Mutter, Schwester. Wenn sie sich vergaß, öffnete sie sich dir, weinte oft, sie wünschte, die Kinder würden sie so lieben wie dich, und dennoch wollte sie kein Stück der Verantwortung tragen, die diese Liebe mit sich brachte. Sie lechzte nach der Stellung vom Boss, nach seiner Macht, und dennoch wollte sie kein Stück der Verantwortung tragen, die diese Macht mit sich brachte. Sie öffnete sich und hoffte, dass du es auch tun würdest, war überrascht, sogar verletzt, weil du dich weigertest, denn du wusstest, dass sie kein Stück der Verantwortung tragen wollte, die die Kenntnis deiner Welt mit sich brachte, von der sie insgeheim wusste. Und so setzte sie, aus Angst vor der Last deiner Tränen, ihre Tränen als Waffe gegen dich ein, du Tochter Hams, die sie so sehr liebte.
 
Mit der Zeit lernte meine Großmutter, trotz aller Täuschungsmanöver, die genaue Beschaffenheit ihres Berges an Bosheit kennen. Sie machte sich mit seinen exakten Ausmaßen und seiner Form vertraut, sodass er in ihren Augen zu einem Stein schrumpfte, der zwar lästig, jedoch nur eine weitere Unannehmlichkeit war, die sie in die Tasche ihrer Schürze stopfen musste, bevor sie sich schließlich vor dem zerbrochenen Spiegel des Bosky-Zimmers ihren dhukhu band und sich zu einem Tag voller Arbeit ins Haus der Mrs begab. Über den Stein in ihrer Schürzentasche zu sprechen, sagte sie immer zu mir, sei sinnlos. Von dem Stein ein anderes Verhalten zu erwarten, sei ebenso zwecklos, denn es verstand sich ja schließlich von selbst, dass er keine Person war. Deshalb, rief sie mir ins Gedächtnis, bezieht sich in unserer Sprache „vanhu“ auf „Menschen“, also „schwarze Menschen“, Menschen, die hunhu haben, Menschen, die sich so verhalten, wie Menschen es sollten, wie Menschen es tun. Und wenn sich daher ein Stein so verhält, wie ein Mensch es sollte, wie ein Mensch es tut, sind wir überrascht und sagen, „Ah, Jill munhu“, denn das Menschsein liegt nicht in der Natur des Steines.  
 
Es ist meiner Großmutter zuzuschreiben, dass ich in meinen Ansichten über Gott schwanke. Ich war nicht naiv genug, um an den Mutterinstinkt als alleiniges Überlebensmittel zu glauben. Ich war realistisch genug, um sie hinter ihrer selbstlosen Zurücknahme zu erkennen. Ich habe genügend Zeit mit ihr verbracht, um zu begreifen, dass da mehr war. Das Mehr, das ihr Fluch-Gebet durchscheinen ließ:
„Baba wedu wekudenga, ich komme zu dir als dein Kind, als Tochter Hams.
Baba wedu wekudenga, obwohl ein Fluch auf mir lastet, habe ich mich bemüht, nur Gutes zu tun und mich vom Bösen abzuwenden, vergib mir meine Schuld.
Baba wedu wekudenga, meine guten Taten sind zu bösen verkehrt worden durch Feinde, die mich in Versuchung geführt und getäuscht haben.
Baba wedu wekudenga, ich bitte im Namen Jesu Christi, der für meine Sünden bestraft wurde, dass er sein Kreuz, seinen Tod, sein Blut, sein Opfer und seine Auferstehung gegen all jene wenden möge, die Zauberkraft und Flüche gegen mich richten.
Baba wedu wekudenga, ich bitte, dass ihre Väter und Mütter bis ins letzte Geschlecht vor dem großen weißen Thron keine Fürbitte für sie einlegen mögen, und dass die Schöße der Frauen keine Früchte tragen, außer für Fremde.
Baba wedu wekudenga, ich bitte, dass sich ihre weltlichen Güter nicht mehren und ihre Ernten nicht gedeihen und dass ihre Kühe, Hühner und all ihre anderen Tiere vor Hunger und Durst sterben mögen.
Baba wedu wekudenga, ich bitte, dass das Dach ihrer Häuser abgetragen werde und Regen, Blitz und Donner sich den Weg in den letzten Winkel ihres Heimes bahnen, auf dass das Fundament zerbreche und die Flut sie hinwegspüle.
Baba wedu wekudenga, ich bitte, dass die Sonne ihre Strahlen nicht wohlwollend auf sie richten möge, sondern unbarmherzig auf sie herniederleuchtet und sie verbrennt und vernichtet.
Baba wedu wekudenga, um all dies bitte ich dich, weil sie mich in den Schmutz zogen und meinen guten Namen zerstörten, mir das Herz brachen und mich dazu brachten, den Tag zu verfluchen, an dem ich geboren wurde.
Baba wedu wekudenga, um all dies bitte ich im mächtigen Namen des Herrn Jesu Christi von Nazareth, der Fleisch geworden ist.“
 
Jahrein, jahraus betete und betete ich, und doch wollte meine Seele die Grenzen meiner Haut nicht verlassen. Ich erkannte, dass meine Großmutter das Beste, das Schlimmste und alle Abstufungen dazwischen des Daseins schwarzer Frauen, des Menschseins in sich vereinte. Das Menschliche ihres Frauseins war etwas, das es für mich wert war, es als Gott anzunehmen.
 
III.
 
Wie ein Ungeborenes im Mutterleib drehe ich mich im Wasser. Ich fühle mich schwerelos, schwebe in meiner Haut, als ob das Wasser meine schweren Glieder auflösen würde und das Tiefschwarz meines Kummers, meiner Sorgen, meines Zorns und meiner Wut ins Wasser entwiche. Und da weint Mbuya für mich, singt für mich, wie sie es immer tat, wenn ich mit meinen Träumen zu ihr kam und sie meinen Überdruss an der Welt spürte:
„Mwanangu, wenn du dich tötest,durch Arbeit, Stress, Ideen, Revolutionen und so weiter, und so fort, keine fünfundzwanzig Jahre, nachdem du aus dem Mutterleib gekrochen bist, wird die Welt darüber hinwegsehen oder ‚Schäm dich!‘ zu dir sagen, einen Augenblick nur, und dann weitermachen … und ich hätte noch ein Kind verloren.“
Und mein Geist antwortet darauf wie all die Male zuvor:
„Wir haben alle eine Scheißangst vor dem Tod, deshalb erschaffen wir einen Gott. Aber mein Gott, wenn ich denn daran glaube, ist meine Mutter, sind meine Großmütter, meine Tanten, meine Cousinen, meine Schwestern, all die schönen, rauen, schwarzen Geister von Licht, Dunkelheit, Böse, Gut. Hexenengel. Das ist es, was er für mich ist. Ich glaube ihm nicht immer. Wenn ich es tue, lässt er mein Herz leicht und schwer werden, er tötet mich und schenkt mir gleichzeitig neues Leben. Das ist es, was Gott für mich ist. Die Gesamtheit unserer schönen hässlichen liebevollen hasserfüllten rachsüchtigen Zuwendung, die die Seele Gottes bildet. Das ist es, was er für mich ist.“