„Ethik des Weges“ Gegen die identitäre Erstarrung

Achille Mbembe
Achille Mbembe | © Jean Counet

Der zunehmenden „Einigelung“ setzt der postkoloniale Theoretiker Achille Mbembe eine Ethik „des Weges, der Zirkulation und der Verwandlung“ entgegen und bringt frischen Wind in den immer penetranteren Muff der nationalen Räume.

Von Christophe Lucchese

Europa baut sich zur Festung aus, um seinen „European Way of Life“ besser zu schützen, und Frankreich erwägt, unter dem Vorwand, dass „Frankreich nicht alle aufnehmen [könne]“, die Abschaffung der kostenlosen medizinischen Grundversorgung für Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus (Aide médicale d’État). Europa im Allgemeinen und Frankreich im Besonderen verrennen sich in eine „Politik der Feindschaft“, die von den so gern bemühten Prinzipien der Aufklärung weit entfernt ist.

Dieser zunehmenden „Einigelung“ setzt Achille Mbembe, postkolonialer Theoretiker kamerunischen Ursprungs und Lehrbeauftragter an der südafrikanischen Universität Witwatersrand, eine Ethik entgegen, die sich als „eine Sache des Weges, der Zirkulation und der Verwandlung“ versteht. Den vereinten Gegenwinden von Nationalismus und Neoliberalismus trotzend trägt er diese Ethik bis in die sozialen Netzwerke hinein, etwa wenn er auf seiner Facebook-Seite aktuelle Geschehnisse kommentiert, die sich kurz nacheinander in Paris zugetragen haben.

„Vorbildpersönlichkeiten“ versus „Sans-Papiers“

So empfing der französische Präsident am 11. Juli 2019 im Élysée-Palast eine Gruppe von „Vertretern der afrikanischen Diaspora“. Ein augenscheinliches Signal, „dass Afrika von den Franzosen nicht mehr ausschließlich durch die außenpolitische Brille wahrgenommen werde und sich der Blick auf den Kontinent nicht mehr nur auf die ‚beunruhigenden Fixierungen‘ auf Sicherheit und Migrationsströme beschränke“. Zu diesem Zweck sollen zukünftig verstärkt „Vorbildpersönlichkeiten erkoren werden, die als Gallionsfiguren helfen sollen, Barrieren zu durchbrechen“, statt wie bisher vor allem auf „positive Diskriminierung, also Quoten“ zu setzen. Allein, „die Worte der Ermutigung und der Wertschätzung“ seitens einer Staatsführung, die sich als ehemalige Kolonialmacht um eine Aufwertung ihres Images bemüht, stehen im Widerspruch zu deren weniger glanzvollen Taten.

Einen Tag darauf, am 12. Juli, besetzte eine Gruppe von „Schwarzwesten“, die ohne geregelten Aufenthaltsstatus in Frankreich leben und arbeiten, das Pantheon – einen symbolträchtigen Ort der Französischen Republik – und forderten eine Legalisierung ihres Status sowie ein Treffen mit dem Premierminister. Doch statt der Legalisierung oder des Regierungschefs erwartete die sogenannten Sans-Papiers lediglich die Bereitschaftspolizei CRS, die sie beim Verlassen des Gebäudes abfing und im Zuge dessen mehrere Personen verletzte. Für Achille Mbembe steht diese Episode sinnbildlich für die Doppelzüngigkeit der Staatsoberhäupter, die den Mantel des Schweigens über das Schicksal der Migranten im Mittelmeer breiten und, während sie kamerawirksam mit ihren „Vorbildpersönlichkeiten“ paradieren, der „Migration der Neger nach Europa“ den Riegel vorschieben (und diese, wenn ihnen schließlich dennoch die Grenzüberquerung gelingt, unter Anwendung von Gewalt – in mehrerlei Hinsicht – zurückdrängen).

Der Begriff Neger allerdings ist aus der Feder von Achille Mbembe nicht wörtlich zu nehmen, denn in dieser Frage verschmelzen im wahrsten postkolonialen Sinne die Kategorien Klasse und Rasse miteinander: „Die conditio nigra bezieht sich nicht mehr notwendigerweise auf eine Frage der Hautfarbe. Der Neger ist postrassisch geworden.“ In der Ära des späten Kapitalismus ist der Neger nicht nur der Kolonisierte, er bezeichnet allgemein die Kategorie des Subalternen, des Unterdrückten. So fand sich inmitten Europas auch Griechenland – unter der Knute der europäischen „Troika“, der die Demokratie angesichts der europäischen Verträge als unmaßgeblicher Faktor erscheint, – in der Position des „Negers“ der Europäischen Union wieder.

Begrenztheit der Welt und Ausweitung der Grenzen

In einer Welt, die sich aufgrund des technischen Fortschritts beschleunigt und immer kleiner wird, wurde noch nie so viel über Grenzen geredet – ein scheinbares Paradox. Diese weltweit zu beobachtende Abschottungstendenz ist symptomatisch für das, was als postkoloniale Verfasstheit bezeichnet werden kann: Der vermeintlich in die Kolonien Verbannte, mit anderen Worten der „Neger“, bahnt sich als Wiedergänger des Verdrängten seinen Weg in das Mutterland zurück.

Der „Neger“ ist also derjenige, den man über Jahrhunderte versucht hat, in den Kolonien im Zaum zu halten, an die Peripherie zurückzudrängen, unter die Fuchtel zu bringen, als nichtig zu betrachten. Der Kolonialismus, jene Nachtseite aller westlichen Demokratien, begegnet den Gesellschaften nach der Dekolonisation ein zweites Mal, diesmal in ihrem Inneren: „Auf die große Verdrängung [...] folgt also das große Dampfablassen“. Der Westen, mit seiner dunklen Vergangenheit konfrontiert, reagiert, indem er seine angebliche Identität verherrlicht: Die Figuren des Negers, des Arabers, des Juden, kurz des Anderen, dienen ihm zugleich als Negativspiegel und als Schreckgespenst. Sie müssen den aus dem Lot geratenen (il)liberalen Demokratien als Sündenbock herhalten: „Die Identität ist heute zu einer Art Opium der Massen geworden.“

Die Fiktion der Identität

Dieser Diskurs, der gegen den Strom der Geschichte und des Lebens ankämpft, klammert sich an eine Fiktion. Es ist das, was Michel Foucault „eine Moral des Personalstandes“ nannte und was Achille Mbembe seinerseits unterschreiben könnte: „Mehr als einer schreibt wahrscheinlich wie ich und hat schließlich kein Gesicht mehr. Man frage mich nicht, wer ich bin, und man sage mir nicht, ich solle der Gleiche bleiben: das ist eine Moral des Personalstandes; sie beherrscht unsere Papiere. Sie soll uns frei lassen, wenn es darum handelt, zu schreiben.“ Was schließlich könnte zufälliger sein als der Geburtsort, was fragmentarischer als die Identität, die doch ständiger Bewegung und Veränderung unterworfen ist?

Aus diesem Grund zieht Achille Mbembe dem Sein das Werden vor, welches sich immer nur bezogen auf den oder das Andere(n) denken lässt. Denn wenn der Kolonialismus das Mittel war, mit dem der Kapitalismus die Natur und vermeintlich minderwertige Rassen zu unterwerfen suchte, dann muss seine Überwindung durch eine Abtragung aller Grenzen erreicht werden: zwischen den Menschen, aber auch zwischen Mensch und Natur, zugunsten einer Politik der Annäherung und Freundschaft, nicht der Trennung und Feindschaft.

Der Anti-Finkielkraut

Achille Mbembe, der zur 31. Auflage des Forum Philo Le Monde Le Man zum Thema Identität eingeladen wurde, gab den Startschuss mit einer Verteidigung der „Gemeinschaft der Passanten“ gegenüber der Wesensgemeinschaft der Identitätsverfechter. Den Schlusspunkt des nämlichen Forums aber bildete ein Gespräch mit Alain Finkielkraut, dem „letzten Patriarchen“, wie ihn Mona Chollet nennt, demselben Finkielkraut, der 2005 eine „schwarz-schwarz-schwarze“ französische Fußballnationalmannschaft beklagte. Das Forum wurde also mit dem „Globaldenker“ eröffnet und endete mit dem Autor von Die unglückliche Identität, Freund von Renaud Camus, dem Theoretiker des „großen Austauschs“. Sie markierten die Gegenpole eines Spannungsfeldes, das unsere Welt prägt: zwischen Vermischung und Monokultur, Bewegung und Stagnation, Offenheit und Abschottung, Zukunftshunger und Nostalgie.
 
Auswahlbibliografie von Achille Mbembe:

Postkolonie. Zur politischen Vorstellungskraft im gegenwärtigen Afrika, Turia + Kant, 2016

Ausgang aus der langen Nacht. Versuch über ein entkolonisiertes Afrika, Suhrkamp, 2016

Kritik der schwarzen Vernunft, Suhrkamp, 2014

Politik der Feindschaft, Suhrkamp, 2017