Impulse von der Wiege der Menschheit „Was wir von Afrika lernen müssen“

Felwine Sarr 2019 in Wien bei den Tipping Point Talks vor Publikum in dem vollen Saal des Odeon Theaters.
Felwine Sarr 2019 in Wien bei den Tipping Point Talks vor Publikum in dem vollen Saal des Odeon Theaters. | Foto (Detail): Jacqueline Godany © ERSTE Stiftung / APA-Fotoservice / Godany

Der senegalesische Ökonom, Schriftsteller und Musiker Felwine Sarr ist einer der aktivsten zeitgenössischen afrikanischen Intellektuellen. Im Rahmen der von der ERSTE Stiftung organisierten Tipping Point Talks in Wien 2019 erläuterte er, wie für den Großteil der Menschheit ein befriedigendes Wohlstandsniveau erreicht werden kann.

 

Von Christine Pawlata

In seinem jüngsten Buch Afrotopia skizziert Sarr ein ganzheitliches Zukunftsszenario für den afrikanischen Kontinent: Afrika muss seinen eigenen Weg finden, indem es sich auf seine kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Wurzeln besinnt und sich von den kolonialen Strukturen löst.

Die Welt in der Sinnkrise

Die vorherrschende Wirtschaftsordnung mit dem Paradigma des stetigen Wachstums und der Einteilung der Welt in entwickelte und unterentwickelte Länder lähme aber nicht nur den afrikanischen Kontinent, so Sarr „Die ganze Welt befindet sich in einer fortwährenden Krise. Ich meine damit nicht die Finanzkrise, die sich alle zehn Jahre wiederholt, sondern die Unfähigkeit der globalen Wirtschaftsordnung, die grundlegenden Bedürfnisse des Großteils der Menschheit zu befriedigen. Die Bereiche, die Gewinn erzeugen, werden zum Vorteil einiger weniger privatisiert. Die Kosten wiederum werden der Mehrheit der Bevölkerung aufgeladen. Es ist eine Sinnkrise und wir müssen uns überlegen, wie wir von diesem Krisensystem wegkommen.“

Afrika auf dem ersten Platz

Eines der grundlegenden Probleme der dominierenden Wirtschaftsordnung sieht Sarr in deren mangelnder ökologischer Nachhaltigkeit. Es würde sich lohnen, Grundsätze afrikanischer Gesellschaften in ihrer Beziehung mit der Natur genauer zu erkunden. „Obwohl der Kontinent die Konsequenzen des Klimawandels stark spürt, trägt er mit vier Prozent der weltweiten Kohlendioxidemissionen am wenigsten zur Erderwärmung bei. Wahrscheinlich gibt es hier etwas zu lernen. Wenn man dieses Kriterium verwendet, dann nimmt Afrika einmal den ersten Platz ein, nicht den letzten.“
  • Eine der ersten Hochkulturen der Welt entstand in Ägypten. Die Allee der Widderkopf-Sphinxe am 4.000 Jahre alten Karnak-Tempel nahe Luxor. Manfred Bail © picture alliance / imageBROKER
    Eine der ersten Hochkulturen der Welt entstand in Ägypten. Die Allee der Widderkopf-Sphinxe am 4.000 Jahre alten Karnak-Tempel nahe Luxor.
  • Dank der Erfindung der Faustkeile als erstes Werkzeug der Menschen war vor 1,5 Millionen Jahren der Homo ergaster, „der Handwerker“ in der Lage, seine Heimat Afrika zu verlassen und halb Asien zu besiedeln. Prismaarchivo © picture alliance
    Dank der Erfindung der Faustkeile als erstes Werkzeug der Menschen war vor 1,5 Millionen Jahren der Homo ergaster, „der Handwerker“ in der Lage, seine Heimat Afrika zu verlassen und halb Asien zu besiedeln.
  • Schreiben auf Papyrus: Schon lange vor der Erfindung des Papiers, bereits ab etwa 2.900 Jahre vor Christus, wurde in Afrika aus dem getrockneten Mark der gleichnamigen Staude Papyrus gefertigt und beschriftet. Das Dorf Qaramos in Äygpten ist heute der Hauptproduktionsort für Papyrus in der Welt und steht auf der UNESCO-Welterbeliste. Ahmed Gomaa © picture alliance/Xinhua
    Schreiben auf Papyrus: Schon lange vor der Erfindung des Papiers, bereits ab etwa 2.900 Jahre vor Christus, wurde in Afrika aus dem getrockneten Mark der gleichnamigen Staude Papyrus gefertigt und beschriftet.
  • Innovation für Afrika: Ein Mitarbeiter der Silicon Valley Firma Zipline in Ruanda bereitet eine Drohne vor, die lebensrettende Blutkonserven zu einer weit entlegenen Klinik im ostafrikanischen Ruanda fliegen wird. Kristin Palitza © picture alliance/dpa
    Innovation für Afrika: Ein Mitarbeiter der Silicon Valley Firma Zipline in Ruanda bereitet eine Drohne vor, die lebensrettende Blutkonserven zu einer weit entlegenen Klinik im ostafrikanischen Ruanda fliegen wird.
  • Jumia wird als erstes afrikanisches Technologie-Start-up-Unternehmen an der New Yorker Börse gehandelt. Die Online-Handelsplattform wurde 2012 in Nigeria gegründet, hat Niederlassungen in 13 afrikanischen Ländern und gilt bereits als „Amazon Afrikas“. Jumia Co-CEO Sacha Poignonnec, links, applaudiert, während Jumia Nigeria CEO Juliet Anammah, Mitte, die Glocke läutet, als die Aktien des Unternehmens am 12. April 2019 in den Handel kommen. Richard Drew © picture alliance / AP Photo
    Jumia wird als erstes afrikanisches Technologie-Start-up-Unternehmen an der New Yorker Börse gehandelt. Die Online-Handelsplattform wurde 2012 in Nigeria gegründet, hat Niederlassungen in 13 afrikanischen Ländern und gilt bereits als „Amazon Afrikas“. Jumia Co-CEO Sacha Poignonnec, links, applaudiert, während Jumia Nigeria CEO Juliet Anammah, Mitte, die Glocke läutet, als die Aktien des Unternehmens am 12. April 2019 in den Handel kommen.
 

Wirtschaft, die Beziehungen produziert 

Sarr plädiert für eine Ökonomie, in der die zwischenmenschlichen Beziehungen im Mittelpunkt stehen. „Wenn ich etwas kaufen möchte, dann kann ich nach dem Preis fragen, den geforderten Preis bezahlen und wieder gehen. Damit endet die Beziehung. Ich kann aber auch verhandeln, feilschen. Beim Handeln passiert mehr als ein rein wirtschaftlicher Austausch. Wir bauen eine Beziehung auf. Wenn zum Beispiel ein gutes Gespräch entstanden ist, wird der Verkäufer am Ende den Preis wahrscheinlich senken, und vielleicht wird der Käufer zu einem Stammkunden“, erklärt Sarr. „Bei diesem wirtschaftlichen Austausch geht es vor allem um die Qualität der Beziehung, die hier entstanden ist, und diese Beziehung produziert wiederum etwas Materielles, aber nicht umgekehrt.“ Vertrauen sei bei diesen Wirtschaftssystemen zentral und auch hier habe Afrika interessante Ansätze zu bieten. „Viele Leute in unseren Ländern haben kein Bankkonto. Wenn sie ein Darlehen für eine Unternehmensgründung aufnehmen wollen, wenden sie sich an ihre Gemeinschaft. Wenn das soziale Kapital, das heißt, die Beziehung und das Vertrauen zwischen dem Anfragenden und der Gemeinschaft stark sind, dann findet die Transaktion statt. Wir brauchen keine Garantien, müssen keine Wohnung mit einer Hypothek belasten“, so Sarr. „Diese Art der Wirtschaft hat die niedrigsten Transaktionskosten. Im dominanten Wirtschaftssystem entsteht der Großteil der Transaktionskosten aus Misstrauen. Um mit diesem Misstrauen umzugehen, braucht es Garantien, Hypotheken, einen Gerichtsapparat. So gesehen ist es effizienter, Kleinbetriebe basierend auf einem langzeitigem Sozialkapital zu finanzieren.“

Zuhören für einen Austausch auf Augenhöhe

Für einen Dialog auf Augenhöhe zwischen Afrika und Europa sei es unentbehrlich, so Sarr weiter, dass sich Europa in die Position des Zuhörers begibt. „In den vergangenen fünf Jahrhunderten hat Europa das Kräftespiel der Welt dominiert. Aber für die Herausforderungen, die die gesamte Menschheit betreffen, brauchen wir alle Ressourcen, die uns weltweit zu Verfügung stehen, nicht nur das Wissen aus Europa. Wir brauchen das Wissen aus Asien, aus Indien, aus Afrika, aus den sogenannten Entwicklungsländern. Dazu muss Europa aber lernen, zuzuhören und bereit zu sein, von den Erfahrungen anderer zu lernen.“ Einfach sei das nicht, erkennt Sarr, es brauche Bescheidenheit. „Wenn wir davon ausgehen, dass die Wiege der Menschheit in Afrika liegt, dann heißt das, dass Afrikaner*innen die längste Erfahrung mit der Bedeutung des Lebens haben. Wie kann man also glauben, dass man nichts von Afrika lernen kann?“