Kanonkritik aus postkolonialer Perspektive Das ‚dunkle’ Afrika

Weltliteratur – aus wessen Blick?
Weltliteratur – aus wessen Blick? | Foto (Detail): Andrea Warnecke © picture alliance / dpa Themendienst

Wer Kritik am Kanon übt, will ihn nur selten abschaffen. Denn die Orientierungsfunktion, die Kanones haben, ist kulturell wie institutionell gut etabliert: Das gilt sowohl für den Bildungskanon als auch für den Fachkanon. 

Von Andrea Geier

Unter den kanonkritischen Ansätzen ist die Idee, auf Kanones zu verzichten, in den postkolonialen Studien mit ihrer grundlegenden machtkritischen Perspektive am weitesten verbreitet. Ein alternativer Vorschlag ist, sie durch ein Konzept von ‚Weltliteratur’ zu ersetzen, womit sowohl eine überlieferungswürdige Auswahl von Autor*innen und Werken tendenziell aller Epochen und Kulturkreise gemeint sein kann, eine Art Best of der Nationalliteraturen, als auch eine Literatur der Globalisierung und des ‚Weltbürgertums’, die vom Interesse an kulturellem Austausch und Begegnung geprägt ist.


Der Germanistik ist angesichts von Goethes Begriff der Weltliteratur allerdings bewusst, dass hier eine Dekolonialisierungsarbeit zu leisten ist, wie sie analog für nationale Kanones unternommen werden muss: Dekolonialisierung bedeutet in diesem Kontext, sich bewusst zu werden, dass historische Machthierarchien die Wahrnehmung wertvoller Literatur geformt haben und in der Auswahl und Wertung von Texten daher immer noch westliche beziehungsweise eurozentrische Wertungsorientierungen wirksam sind. Letzteres gilt eben auch für Vorstellungen wie den ‚Weltbürger’. Den postkolonialen Studien ist in besonderem Maße bewusst, dass das Ordnungssystem Kanon durch die kritische Weiterarbeit zwangsläufig in seiner Geltung auch stabilisiert wird und Umgestaltungen nur teilweise durchzusetzen sind und Zeit brauchen.

Bedeutung des Kolonialismus lange verkannt

Postkoloniale Studien haben erst ab Mitte der 1990er‑Jahre in der Germanistik im deutschsprachigen Raum Fuß gefasst. Die Ursache für diese Verzögerung liegt darin, dass die Bedeutung des Kolonialismus in Deutschland insgesamt lange verkannt wurde. Postkoloniale Perspektiven können deshalb an die Vorarbeit anderer Kanonkritiken anknüpfen, insbesondere der feministischen, die das Konzept des Kanons verändert haben: Der Prozess der Kanonisierung gilt heute nicht mehr als quasi naturwüchsige Entwicklung, in der sich ästhetisch wie pädagogisch wertvolle Texte sammeln, sondern als deutender Umgang mit der Tradition.

Kanon wird als ein umkämpftes soziales System verstanden, in dem Texten ein Wert zugewiesen wird nach Kriterien, die weder neutral noch historisch stabil sind. Damit richtet sich der Blick auf historische und gegenwärtige Kanondynamiken, auf die soziale Akzeptanz von Kanones und Kanonpluralität. Das Motto lautet: Nie aufhören, den Kanon kritisch zu inspizieren! Feministische und postkoloniale Kanonkritik sind dafür prädestiniert, da sie sich als wissenschaftskritische Zugänge verstehen.

Wenig Interesse an kolonialen Verflechtungen

Im Unterschied zur angloamerikanischen Kanonkritik, die seit Langem an einer Kanonrevision arbeitet und in Bezug auf Inklusions- und Exklusionsmechanismen die Literatur nationaler Minderheiten sowie durch Kolonialismus geformte transnationale Literaturräume untersucht, interessiert sich die deutsche postkoloniale Perspektive bislang nicht so sehr für die Entdeckung neuer Autorinnen und Autoren, etwa aus Gebieten, die einmal deutsche Kolonien waren. Verschiedene Varianten (binnen-)kolonialer Verflechtungsgeschichten, also zum Beispiel afrikanisch-deutsche Literatur oder deutschsprachige Literatur in anderen nationalen Räumen, erfahren jedoch im Zusammenspiel mit der Erforschung der Literatur von Migrant*innen und der Literatur der Globalisierung in jüngster Zeit mehr Aufmerksamkeit.

Das ‚dunkle’ Afrika

Im Zentrum der postkolonialen Kanonkritik steht die Arbeit am Deutungskanon – eine Sammlung von musterhaften Interpretationen eines Textes, die dessen Bedeutungen und Werte festlegen – und einer (post-)kolonialen Ästhetik. Untersucht wird, wie Literatur kollektive Vorstellungen des ‚Eigenen’ und des ‚anderen’ mitgestaltet: Dies bezieht sich historisch auf die Idee von Nationen, die Produktion von Wissen über ‚die anderen’ und ‚das andere’ – die Konstruktion inter- oder intragesellschaftlicher ‚Fremder’; Afrika als kolonialer Sehnsuchtsort – sowie transkulturelle (Literatur-)Beziehungen.
  • Der chinesische Schriftsteller Mo Yan gewinnt 2012 den Nobelpreis für Literatur. Damit ging die wichtigste Literaturauszeichnung der Welt – die Alfred Nobel in seinem Testament der oder dem „Würdigsten“ zugedacht hat – erstmals an einen Autor, der in China lebt und arbeitet. Die weltweit meistgesprochene Sprache kommt bisher nur auf zwei Nobelpreise, englisch schreibende Autor*innen gewinnen am häufigsten. 86-mal ging der Literaturnobelpreis bisher nach Europa, mehr als doppelt so oft wie in alle anderen Kontinente zusammen. Chinas erster Nobelpreisgewinner Gao Xingjian lebte zum Zeitpunkt der Preisverleihung 2000 bereits 13 Jahre lang im französischen Exil.  Foto: ChinaFotoPress/MAXPPP © dpa
    Der chinesische Schriftsteller Mo Yan gewinnt 2012 den Nobelpreis für Literatur. Damit ging die wichtigste Literaturauszeichnung der Welt – die Alfred Nobel in seinem Testament der oder dem „Würdigsten“ zugedacht hat – erstmals an einen Autor, der in China lebt und arbeitet. Die weltweit meistgesprochene Sprache kommt bisher nur auf zwei Nobelpreise, englisch schreibende Autor*innen gewinnen am häufigsten. 86-mal ging der Literaturnobelpreis bisher nach Europa, mehr als doppelt so oft wie in alle anderen Kontinente zusammen. Chinas erster Nobelpreisgewinner Gao Xingjian lebte zum Zeitpunkt der Preisverleihung 2000 bereits 13 Jahre lang im französischen Exil.
  • Ein Bestseller: die 50-bändige Bibliothek der Weltliteratur der Süddeutschen Zeitung. Ausgesucht von der Feuilleton-Redaktion der Zeitung unter Leitung von Dieter Wunderlich. Welche Autor*innen wurden gekürt? Foto: Peter Endig © ZB - Fotoreport
    Ein Bestseller: die 50-bändige Bibliothek der Weltliteratur der Süddeutschen Zeitung. Ausgesucht von der Feuilleton-Redaktion der Zeitung unter Leitung von Dieter Wunderlich. Welche Autor*innen wurden gekürt?
  • Das Model Waris Dirie signiert ihr Buch „Schwarze Frau, weißes Land“. Darin erzählt sie von ihrem Leben in der neuen, weißen Heimat und von ihrer Sehnsucht nach Afrika.​ Foto: Jens Kalaene © dpa
    Das Model Waris Dirie signiert ihr Buch „Schwarze Frau, weißes Land“. Darin erzählt sie von ihrem Leben in der neuen, weißen Heimat und von ihrer Sehnsucht nach Afrika.​
  • Verkäufer preisen im Verlauf der letzten Tage der Kairoer Buchmesse jedes Jahr ihre Waren an oder was davon übrig geblieben ist, aufgenommen 2016. Mehr als 800 arabische Verlage präsentierten neben zahlreichen europäischen Verlagen ihre Neuerscheinungen. Europäische Verlage bereichern oftmals die Messe mit arabischen Übersetzungen ihrer Publikationen, um so auch westliche Literatur in der arabischen Welt bekannter zu machen. Die Internationale Buchmesse Kairo ist eine der größten Literaturmessen weltweit, in der arabischen Welt die größte und älteste, die jährlich rund zwei Millionen Fachbesucher zählt. Foto: Matthias Tödt © picture alliance/dpa-Zentralbild
    Verkäufer preisen im Verlauf der letzten Tage der Kairoer Buchmesse jedes Jahr ihre Waren an oder was davon übrig geblieben ist, aufgenommen 2016. Mehr als 800 arabische Verlage präsentierten neben zahlreichen europäischen Verlagen ihre Neuerscheinungen. Europäische Verlage bereichern oftmals die Messe mit arabischen Übersetzungen ihrer Publikationen, um so auch westliche Literatur in der arabischen Welt bekannter zu machen. Die Internationale Buchmesse Kairo ist eine der größten Literaturmessen weltweit, in der arabischen Welt die größte und älteste, die jährlich rund zwei Millionen Fachbesucher zählt.
  • Ist das Buch „Pippi Langstrumpf“ rassistisch? Ja, sagt der seit mehr als zwei Jahrzehnten in Deutschland lebende Kongolese Kaisa Ilung. Denn Pippi nennt ihren Vater „Negerkönig“. Zur Entstehungszeit des Werkes war „Neger“ Umgangssprache. Der Verlag Friedrich Oetinger hat die Wörter „Neger“ und „Zigeuner“ bereits 2009 aus dem Werk von Astrid Lindgren gestrichen und nennt Pippis Vater jetzt den „Südseekönig“. Als  Mitglied des Integrationsrats in Bonn setzte Ilung durch, dass die alten Ausgaben in Bibliotheken und Schulen nun endlich gegen die neuen ausgetauscht werden. Foto: Barbara Frommann © dpa
    Ist das Buch „Pippi Langstrumpf“ rassistisch? Ja, sagt der seit mehr als zwei Jahrzehnten in Deutschland lebende Kongolese Kaisa Ilung. Denn Pippi nennt ihren Vater „Negerkönig“. Zur Entstehungszeit des Werkes war „Neger“ Umgangssprache. Der Verlag Friedrich Oetinger hat die Wörter „Neger“ und „Zigeuner“ bereits 2009 aus dem Werk von Astrid Lindgren gestrichen und nennt Pippis Vater jetzt den „Südseekönig“. Als Mitglied des Integrationsrats in Bonn setzte Ilung durch, dass die alten Ausgaben in Bibliotheken und Schulen nun endlich gegen die neuen ausgetauscht werden.
Im Zentrum stehen die ästhetischen Verfahren, mit denen Denkmuster der Differenz und die damit verbundenen Hierarchien und Wertungsperspektiven – beispielsweise das ‚Licht’ der Aufklärung’ oder das ‚dunkle’ Afrika; Exotisierung/Rassismus – (mit‑)gestaltet, kritisch verhandelt und/oder verändert werden, und zwar in vorkolonialen, kolonialen und postkolonialen Verhältnissen sowie in der Literatur der Globalisierung.

Einerseits geht es darum, (post-)koloniale Ästhetiken herauszuarbeiten, also ästhetische Verfahren der Kritik, der Ambivalenz und Hybridität, andererseits werden besonders kanonisierte Texte einer kritischen Relektüre unterzogen. So werden Interpretationspraxis und -traditionen reflektiert.

Das kulturelle Archiv aus neuem Blickwinkel betrachten

Im Falle (kolonial-)rassistischer Denkmuster wird dabei keineswegs gefordert, dass solche Texte aus dem Kanon entfernt werden müssten. Da man sich von der Idee verabschiedet hat, dass der Kanon ‚vorbildliche’ Texte enthält, sollen diese Texte vielmehr neu im kulturellen Gedächtnis situiert werden: als wirkmächtige Werke, in denen sich mentalitätsgeschichtliche Entwicklungen auf eine Weise kristallisieren, die historisch als repräsentativ empfunden wurde.

Im Rahmen einer kulturwissenschaftlichen Orientierung arbeiten postkoloniale Perspektiven so an einer Neuperspektivierung des kulturellen Archivs mit. Ethik und Ästhetik werden dabei weder gegeneinander ausgespielt noch eine Kategorie absolut gesetzt, sondern die kulturellen Funktionen der Ästhetik für Selbstverständigungsprozesse einer Gesellschaft in den Blick gerückt.