Koloniales Erbe in den darstellenden Künsten Die Umkehrung des kolonialen Blicks

Ensemble von „Die Kränkungen der Menschheit“.
Ensemble von „Die Kränkungen der Menschheit“. | Foto (Detail): © Gabriela Neeb

Das Thema Postkolonialismus und damit verbundener Rassismus werden medial und gesellschaftlich viel diskutiert. Wie sich Theater dieses Themas annehmen können, zeigt die Inszenierung „Die Kränkungen der Menschheit“ von Anta Helena Recke an den Münchner Kammerspielen.

Von Azadeh Sharifi

Sich dem hegemonialen und kolonialen Blick- und Ordnungsregime zu entziehen und einen eigenen Weg zu betreten – das ist das Angebot, das die Regisseurin Anta Helena Recke mit ihrer Inszenierung Die Kränkungen der Menschheit dem Publikum macht. Für die Regisseurin ist Theater ein Medium, das sexistische und rassistische Strukturen sichtbar machen kann.

In ihrer Inszenierung stellt sie nichts weniger als die Frage, wer überhaupt als Mensch betrachtet wird. Der Titel des an den Münchner Kammerspielen aufgeführten Theaterstücks bezieht sich auf die drei von Sigmund Freud identifizierten Kränkungen des menschlichen Narzissmus, denen Recke noch eine vierte Kränkung hinzufügt: Die Tatsache, dass Freuds „Menschheit“ immer nur auf den Erfahrungen weißer, männlicher und europäischer Menschen basiere – und somit gar nicht die gesamte Menschheit umfasse. Die Kränkungen der Menschheit können deshalb auch als Kommentar und Intervention in der aktuellen Debatte über Kolonialität deutscher Theaterstrukturen gelesen werden.

Veranschaulichung der kolonialen Weltsicht

Im ersten Teil treten sieben Performer*innen auf, die das Verhalten von Primaten imitieren. In der Mitte der Bühne steht ein beleuchteter Kubus, der als Gehege und Beobachtungsort eines weiteren Performers in einem weißen Kittel dient. Aus dem Off wird das Gemälde Affen als Kunstrichter von Gabriel von Max aus dem Jahr 1889 beschrieben, das dreizehn verschiedene Arten von Affen zeigt, die vor einem goldenen Bilderrahmen sitzen. Der Künstler, der Zeit seines Lebens Affen als Haustiere hielt, beschreibt seine erste Begegnung als kleiner Junge mit einem Orang-Utan: „Die Weihnachtsbücher mit ihren Urwaldgeschichten lebten auf, gleichzeitig sah mich die Mystik des Daseins, der Menschwerdung aus diesen sanften Augen so an, dass ich den Eindruck behielt, als hätte mich ein Wunder Gottes weit herbeigeschleppt, auf die Stirne geküsst und einen Keim mir anvertraut, als wäre ich der Nährboden dafür.“

Gabriel von Max' Beschreibungen implizieren nicht nur eine darwinistische, sondern eine koloniale Weltsicht: Den Affen, die ihm durch Darstellungen in Kinderbüchern bekannt sind, schreibt er den Zustand der „Menschwerdung“ zu, während er selbst sich von der Göttlichkeit „geküsst“ fühlt und sich sogar von der herkömmlichen Menschheit abhebt.
Ensemble von „Die Kränkungen der Menschheit“ Ensemble von „Die Kränkungen der Menschheit“ | Foto (Detail): © Gabriela Neeb

Die Umkehrung des kolonialen Blicks

Diese Idee der Menschwerdung und des Menschseins als sich selbst-überschätzende Krönung wird im zweiten Teil durch eine Gruppe von sechs Performer*innen weiterverfolgt. Im Kubus sitzend, der jetzt zu einer Art Museum geworden ist, unterhalten sich diese über ein Kunstwerk, das zwar nicht auf der Bühne zu sehen ist, aber im Programmheft als die Videoinstallation Two Planets Series: Van Gogh’s The Midday Sleep and the Thai farmers (2011) von Araya Rasdjarmrearnsook identifiziert wird. Das Video zeigt eine Gruppe thailändischer Bauern, die vor van Goghs Gemälde The Midday Sleep sitzen und darüber sprechen. Die Bauern sitzen auf dem Boden, das Gemälde ist vor einer Baumgruppe platziert. Während die Performer*innen sich über die Bauern unterhalten, wird klar, dass sie diese nicht als intellektuell gleichwertig ansehen. Ein Performer wirft ein, dass sie „wie Schweine ins Uhrwerk“ schauten, worüber sich die restlichen Performer*innen echauffieren. Aber neben einem verbalen Austausch hat ihre Konversation über das Kunstwerk und die „anderen“ keine wirklichen Konsequenzen. Dann verstummt die Konversation. Nur ein junger Performer, der sich am Gespräch nicht beteiligte, sondern schweigend das Video betrachtete, behält seinen Blick bei. Jetzt ist nicht mehr unterscheidbar, ob er tatsächlich das Video betrachtete oder das Publikum. Sein Blick symbolisiert die Umkehrung des „kolonialen Blicks“.

Dekoloniale Vision als postkoloniale Kritik

Die Bühne wird wieder schwarz und aus dem Off kann das Publikum die Geräusche der Affen hören. Nacheinander betreten Gruppen weiblicher Performer*innen – alle Women of Color – die Bühne, durchschreiten sie und verlassen sie wieder. Sie tragen Kleider mit afrikanischen Mustern. Von Mal zu Mal bewegen sie sich schneller, alle im Gespräch miteinander und mit ähnlichen Farben bekleidet, bis eine Gruppe auf der Bühne stehen bleibt und schließlich alle Frauen dazu kommen. Sie bewegen sich im Kreis, um sich und den Kubus herum, den sie zu bewegen beginnen. Die Off-Stimme ist wieder zu hören: Sie beschreibt ein Bild mit regelmäßigen Farbtönen, in denen verschiedene Kreise in gleicher Größe zu sehen sind. Die Kreise sind nebeneinander und ineinander angeordnet und haben einen feinen Rahmen, der als Messpunkt, aber nicht als Begrenzung dient.
Die Stimme beendet die Beschreibung: „Wird der Rahmen verrückt, werden die Kreise, die soeben noch halbe waren, zu ganzen, und die, die ganze waren, wiederum zu halben. Unabhängig von den Betrachtenden erstreckt sich das Bild unendlich weiter. Für die Betrachtenden ergibt sich kein Zentrum.“ Es geht nicht nur um Verschiebungen, sondern um die Auflösung von Zentren, in denen die kolonialen und patriarchalen Strukturen nicht mehr funktionieren.
Anta Helena Recke hat in Hildesheim Szenische Künste studiert und ist als Regisseurin, Dramaturgin und Performerin sowohl in der freien Szene als auch im Stadttheater tätig. Mit der Schwarz-Kopie von „Mittelreich“ an den Münchner Kammerspielen 2017 und der Einladung zum Berliner Theatertreffen 2018 ist sie einem größeren Publikum bekannt geworden. Anta Helena Recke hat in Hildesheim Szenische Künste studiert und ist als Regisseurin, Dramaturgin und Performerin sowohl in der freien Szene als auch im Stadttheater tätig. Mit der Schwarz-Kopie von „Mittelreich“ an den Münchner Kammerspielen 2017 und der Einladung zum Berliner Theatertreffen 2018 ist sie einem größeren Publikum bekannt geworden. | Foto (Detail): © picture alliance / Stephan Rumpf / SZ Photo

Mit neuer Selbstverständlichkeit Raum einnehmen

Die Kränkungen der Menschheit können aber nicht nur als Abrechnung mit der kolonialen Vergangenheit und der Kolonialität der Gegenwart verstanden werden, sondern vielmehr als eine dekoloniale Vision. Nach den Debatten der vergangenen Jahre zum Umgang mit rassistischer und kolonial verortbarer Sprache und zur verhältnismäßig geringen Repräsentation der postmigrantischen Gesellschaft im Theater, hat die postkoloniale Kritik am eigenen System nun endlich den Weg auf die Bühne gefunden. Allerdings nicht ohne die vorhergehende Diffamierung und Degradierung von Aktivist*innen und Künstler*innen of Color, die diese Kritik vorgebracht haben. Denn weiße Räume scheinen nur durch interventionistische Aktionen in ihrer Hegemonie unterbrochen werden zu können.

Seit der Anerkennung der deutschen Verantwortung am Genozid der Herero und Nama in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika und der damit lauter werdenden Forderung nach Reparationszahlungen sowie Restitution hat sich nun ein neues Bewusstsein eingestellt. Allerdings wird auf den Hauptbühnen immer noch mit Mitteln der weißen Dominanz und rassistischen Reproduktionen gearbeitet. Diesem Weg verwehrt sich Anta Helena Recke in Die Kränkungen der Menschheit: Sie findet eine Theatersprache, die eine neue ästhetische Praxis bestreitet. Die Gruppe der Women of Color sind auf der Bühne, aber erklären sich nicht dem Publikum, sie bieten ihm keine Möglichkeit, ihre künstlerischen Handlungen nachzuvollziehen oder zu verstehen. Sie sind da und nehmen mit einer neuen Selbstverständlichkeit Raum ein.

Münchner Kammerspiele