Vorwürfe gegen Achille Mbembe Alles in einem Topf

Achille Mbembe
Achille Mbembe | Foto (Detail): Matthias Balk © dpa

Ist dem in Deutschland vielgeehrten Philosophen Achille Mbembe Antisemitismus vorzuwerfen? Das fragt Jürgen Kaube in seinem Artikel „Alles in einem Topf“, erschienen am 20. April 2020 im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Von Jürgen Kaube

Der Historiker und politische Philosoph Achille Mbembe ist von der Intendantin der Ruhrtriennale eingeladen worden, dort im August das Festival mit einer Rede zu eröffnen. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung wendet dagegen ein, Mbembe habe den Holocaust relativiert und das Existenzrecht Israels in Frage gestellt. Ist er also für einen solchen Auftritt geeignet? Die Gerda-Henkel-Stiftung, die Mbembe vor zwei Jahren einen hochdotierten Preis für seine Forschungen verliehen hat, entgegnet, ihr seien keine Schriften von ihm bekannt, die solche Zweifel rechtfertigen könnten. Auch die Intendantin Stefanie Carp, berichtet der Deutschlandfunk, lese den Aufsatz, auf den sich die Kritiker der Einladung beziehen, „völlig anders“.

Lesen wir also, was Mbembe im zweiten Kapitel seines 2017 bei Suhrkamp erschienenen Buches Politik der Feindschaft geschrieben hat. Es geht ihm darin um den in manchen Staaten aufkommenden Wunsch nach einem Feind, nach der Separation von Bevölkerungsgruppen und dem Ausleben von Ausrottungsphantasien. Mbembe benennt die Träger solcher Wünsche nicht sehr konkret. Er spricht davon, „das Subjekt“ habe aufgrund seiner Vernichtungsängste solche Phantasien. Außerdem liegt ihm nicht viel an Unterschieden zwischen den Spielarten böser Phantasien: „der Allmacht, der Amputation, der Zerstörung oder Verfolgung, das hat kaum Bedeutung“. Will sagen: Das eine ist so schlimm wie das andere.

Vielleicht in der Phantasie eines „Subjektes“. In der Wirklichkeit hingegen ist es schon bedeutsam, ob ein Zaun Wohngebiete trennt oder Nationen voneinander oder Insassen eines Vernichtungslagers vom Überleben. Ob sich eine Bevölkerung grundlos oder mit Gründen bedroht sieht. Ob sich ein Land im Kriegszustand erlebt oder nicht. Ob Vernichtung geplant ist oder „Separation“. All das ist böse oder ungut, aber es ist nicht dasselbe.

Unterschiede des Schlimmen sind auch in Passagen von Mbembes Text erheblich, auf die sich die Kritik an ihm bezieht. Israels „Besetzung der palästinensischen Gebiete“ ist für Mbembe eine ganz einseitige Sache der Gewaltausübung, Zerstörung, Schikane und „generalisierten Lagerhaft“. Es würden Friedhöfe geschändet, Olivenhaine verwüstet, „gezielte Morde“ verübt. Das alles erinnert Mbembe „in mancherlei Hinsicht“ an die Apartheid, wie sie in Südafrika von 1948 bis 1980 herrschte. Vom militärischen Angriff auf Israel am Tag seiner Staatsgründung, von den Umständen des Sechstagekriegs und des Jom-Kippur-Kriegs, vom palästinensischen Terrorismus, von der Intifada und von Iran weiß sein Text allerdings nichts.

Tatsächlich ist für ihn die israelische Gewalt viel dramatischer als die der Buren in Südafrika. Denn einerseits habe Israels Vorgehen durch den Einsatz avancierter technologischer Mittel (Waffen, Überwachungssysteme) viel schlimmere Auswirkungen. Mbembe schreibt dem israelischen Staat die Absicht zu, das Leben der Palästinenser in „einen zur Entsorgung bestimmten Berg aus Müll zu verwandeln“. Andererseits ruhe dieses Projekt „auf einem recht einzigartigen metaphysischen und existenziellen Sockel“, auf „apokalyptischen Ressourcen und Katastrophen“.

Apokalyptische Ursprünge

Das scheint nicht weniger zu behaupten, als dass die Palästina-Politik Israels aus der Erfahrung des Holocausts wie aus alttestamentarischen Quellen zu verstehen sei. Scheint. Denn Mbembe gehört zu der Art von Autoren, die bei maximal starken Behauptungen mit einem Minimum an Belegen auskommen. Für den Vorwurf, Israel wolle das Leben der Palästinenser „entsorgen“, genügt ihm der Hinweis auf fünfzig Seiten einer Fotografie-Theoretikerin, in deren Buch die massiven Zerstörungen von palästinensischen Immobilien seit 1948 dokumentiert und kommentiert werden. Die Autorin unterstützt Kampagnen des BDS (Boycott, Divestment and Sanctions). Die israelischen „Techniken zugleich materieller und symbolischer Auslöschung“ hat für ihn der Literaturwissenschaftler Saree Makdisi nachgewiesen, ebenfalls BDS-Anhänger und schon früher Verfechter der These, Israel sei aufgrund seiner Vernichtungsabsichten viel schlimmer als das Apartheidsregime.

Die apokalyptischen Ursprünge dieses Vernichtungswillens belegt Mbembe mit Äußerungen von Judith Butler, die BDS unterstützt, sowie mit der Zionismus-Studie von Jacqueline Rose. Sie teilte unter der Überschrift „Zionismus als Psychoanalyse“ dem Leser 2005 nicht nur mit, der Zionismus sei eine Erfindung von Nervenkranken, sondern gab auch die Geschichte unkommentiert wieder, Theodor Herzl und Adolf Hitler hätten die Inspiration jeweils zu Der Judenstaat und Mein Kampf aus derselben Pariser Aufführung einer Oper Richard Wagners gezogen. (Herzl schloss sein Buch 1895 ab, Hitler war damals sechs Jahre alt und selten in Paris.)

Brechen wir an dieser Stelle die Lektüre der Belege Mbembes ab. Denn ganz gleich, wie man die Sache selbst sieht, es sind ein bisschen zu viele BDS-Sympathisanten in seinen Fußnoten, als dass man ihm abnehmen könnte, was er jetzt sagt: Er habe mit dieser Boykott-Bewegung gar nichts zu schaffen. Die Zustimmung zur These, Israel sei seit jeher ein illegitimes, gewalttätiges und rassistisches Gebilde, ist ja nicht gerade ein privates Hobby seiner Gewährsleute.

Alttestamentliche Zerstörungslust?

Er selbst findet nicht nur, das Apartheidsregime sei eine schwächere Variante dessen, was Israel den Palästinensern antut, sondern sei eine Manifestation des „Trennungswahns“, den in ganz anderer Größenordnung auch die Vernichtung der europäischen Juden belege. Hitler, die Buren und Netanjahu. Hier wird eine Rede, für die Analogie die höchste Form des Denkens ist, zynisch. Vernichtung setzt Trennung voraus, also manifestiert Vernichtung Trennung, wodurch Trennung im Grunde Vernichtung ist? Gewiss, irgendwie hängt alles mit allem zusammen, lauert in allem – der Trennung, dem Kolonialismus, der schmählichen Behandlung der Palästinenser – alles Mögliche und darum auch die Vernichtung. Gewiss ähnelt sich auch, wenn das Licht der Logik ausgeschaltet wird, alles irgendwie. Doch wie viel Unterscheidungsvermögen ist zugunsten plakativer Empörung preisgegeben, wenn so geredet wird?

Achille Mbembe findet in seinem Essay, die Zerstörungslust, die er in allen Ideologien am Werk sieht, schließe „in letzter Konsequenz“ an das Alte Testament an. Dort nämlich gelte das Prinzip „Auge um Auge“. Es ist nicht ganz klar, was das nun genau mit Südafrika oder Israel zu tun hat, außer vielleicht, dass erneut das Judentum verantwortlich ist. Vom Blick auf andere frühe Rechtsordnungen sieht Mbembe ab. Klar ist hingegen, dass er gar nicht weiß, inwiefern jenes Prinzip des Talions gerade der Eindämmung der Zerstörungslust in Gestalt der Rache dienen sollte, indem es exakte Äquivalente für Strafen festlegte. Jedes bessere Lehrbuch der Rechtsgeschichte informiert darüber.

In Mbembes Text gibt es eine längere Passage, die von einer anderen Reaktion auf empfundenes Unrecht, nämlich Selbstmordattentaten, handelt. Dabei gelingt es ihm, diese Tatsache zu behandeln, ohne zu erwähnen, wer solche Attentate ausübt. Für ihn ist ein Selbstmordattentat Kritik des Hedonismus: „Der Selbstmörder, der im Akt der Selbsttötung seinen Feind tötet, beweist, wie sehr im Blick auf das Politische der wirkliche Bruch heute zwischen denen, die sich an ihren Leib klammern und den Leib für das Leben halten, und jenen verläuft, für die der Leib nur dann den Weg zu einem glücklichen Leben eröffnet, wenn er gereinigt wird.“ Allerdings zugunsten eines höheren Hedonismus: „Der Märtyrer in spe sucht nach einem glücklichen Leben.“ Nur eben nicht für die anderen. Jeder Anschlag mit „einigen Toten“, so Mbembe, führe „automatisch zu einer Trauer, die sich wie auf Befehl einstellt“. Der Weg von den Tränen zu den Waffen sei dann nicht weit. Sprengt also ein Terrorist sich samt einer Reihe am Unrecht unbeteiligter Menschen in die Luft, sind am Ende diejenigen böse, die das für feindselig halten und darauf polizeilich oder militärisch reagieren? Wenn die Henkel-Stiftung derlei Argumente für Resultate von hervorragender Forschung hält, wird man ihren Forschungsbegriff diskutieren dürfen.

Aber kommen wir noch einmal auf die Frage zurück, ob Mbembe Antisemitismus vorzuwerfen ist. Er selbst trägt in seinem Aufsatz das Konzept des „Nanorassismus“ vor. Damit meint er rassistische Untertöne in vermeintlich harmloser Kommunikation: Vorurteile über Hautfarben, Fremde, andere Religionen. Legt man diesen Maßstab an Mbembes eigene Einlassungen an, wird man mindestens von Nanoantisemitismus sprechen dürfen. Oder wie ist es zu verstehen, wenn er nach einer Ausführung zur Fatalität einer über Blut und Boden definierten Gruppe die Bemerkung anschließt: „Die Juden bezahlten bekanntlich den Preis dafür mitten in Europa.“ Sie bezahlten ihn, den Preis, bekanntlich wofür genau, Herr Mbembe? Für Endogamie? Die Vernichtung war also eine obzwar schlimme Reaktion auf ihr Sosein? Zuletzt hatte der späte Ernst Nolte so argumentiert.

Achille Mbembe mag daherreden, wie er will. Es kommt auf einen törichten Intellektuellen mehr oder weniger nicht an. Aber es ist bedauerlich, dass Verlagslektoren, Stiftungskomitees, Festivalleiterinnen und womöglich sogar Kulturbeauftragte in Ministerien nicht lesen, was dasteht. Dass sie sich nicht die Zeit nehmen zu prüfen, wen sie zu einer großen Figur erklären. Gar zu einer moralischen Instanz. Wir haben schon bessere Beispiele dafür gesehen.

Dieser Artikel wurde zuerst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 20.04.2020 veröffentlicht.