Antisemitismusvorwürfe gegen Achille Mbembe Trauma-Deuter

Dekolonisation: Aspangbahnhof – Mahnmal der Stadt Wien zum Gedenken an die Deportationen der österreichischen Juden während des Nationalsozialismus
Aspangbahnhof: Mahnmal der Stadt Wien zum Gedenken an die Deportationen der österreichischen Juden während des Nationalsozialismus | Foto (Detail): Hans Ringhofer © picture alliance/APA/picturedesk.com

Der afrikanische Historiker Achille Mbembe war die Symbolfigur eines gerade entstehenden Nord-Süd-Dialogs. Die Debatte um ihn schadet Deutschland, denn die Erinnerungskultur muss die Auseinandersetzung mit anderen Perspektiven und Traumata zulassen. 


 

Von Sonja Zekri

Gegner der Corona-Einschränkungen protestieren mit Bildern von Anne Frank (Darmstadt) und warnen vor einer Gesundheitsdiktatur im Sinne von „Dr. Mengele“ (München). Die Schuld am Virus geben sie neben Bill Gates vor allem George Soros oder, einfacher, „den Juden“. Die Wut aus dem Netz hat die Straße erreicht und dass sie sich im Wahlverhalten niederschlagen wird, liegt auf der Hand. Bereits im vergangenen Jahr ist die Zahl der antisemitischen Straftaten um 13 Prozent gestiegen, darunter war der Anschlag auf die Synagoge in Halle. Antisemiten finden sich in deutschen Parlamenten, antisemitische Witze in der deutschen Comedy.

Es scheint, als habe es all die Aufklärung über Schuld und Verantwortung nicht gegeben, als breche sich Bahn, was Jahrhunderte zurückreicht, nie bewältigt, nie eingehegt war, sondern nur vorübergehend aus dem Blick geraten ist. Der alte, neue Antisemitismus der Deutschen ist ein furchteinflößender Anblick.

Und doch steht im Zentrum der Antisemitismus-Debatte ein Mann, der gar kein Deutscher ist: der in Kamerun geborene und in Südafrika lehrende Historiker Achille Mbembe. Als intellektueller Star des afrikanischen Kontinents war er bis vor ein paar Wochen ein gern gesehener Gast. Seine Auftritte mit dem damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei den „Berliner Korrespondenzen“ im Gorki-Theater, seine Preise wie der Geschwister-Scholl-Preis der Stadt München oder der Gerda-Henkel-Preis wurden als Beweise deutscher Dialogbereitschaft mit dem globalen Süden begrüßt, selbstverständlich „auf Augenhöhe“.

Postkolonialismus-Forscher sehen den Fall Mbembe als Ablenkungsmanöver

Aber was damals als origineller, weit ausgreifender Ansatz eines globalen Denkers gefeiert wurde, ist plötzlich verdächtig. Vergleiche zwischen der israelischen Besatzungspolitik und der südafrikanischen Apartheid dienen als Beleg für seine Israelfeindschaft und seinen Antisemitismus. Sein Suhrkamp-Band Politik der Feindschaft von 2017, ein Israel-Reisebericht aus dem Jahr 1992 – fast täglich werden Textstellen nachgereicht, die oft unredlich verkürzt und verdreht eine Relativierung des Holocaust und antisemitische Neigungen belegen sollen. Verbindungen der Postcolonial Studies zur jüdischen Geistesgeschichte werden beleuchtet – Mbembe bezieht sich auf den konservativen Philosophen Franz Rosenzweig –, Analysen des religiösen Antisemitismus der Dominikaner herangezogen – Mbembe besuchte ein Dominikaner-Internat. Als er in der Zeit schrieb, das Existenzrecht Israels sei „grundlegend für das Gleichgewicht der Welt“, wurde dies nicht als vorbehaltloses Bekenntnis zum jüdischen Staat gelesen, sondern als Formulierung, welche die Bewohner Israels womöglich nicht mitmeinen könnte.

Wie inzwischen in Deutschland fast immer sind solche Beschuldigungen verbunden mit dem Vorwurf einer Nähe zur maßlos überschätzten Boykottbewegung BDS. Anderes an der Kontroverse ist offene Herablassung. Wenn Felix Klein, der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung und Chefkritiker Mbembes, bemerkt, ein „Philosoph aus Afrika“, ein „ausländischer Wissenschaftler“ habe sich in eine Frage eingemischt, die zur „deutschen Identität“ gehöre, dann zeigt dies einen eigentümlichen „Besitzanspruch auf die Interpretation der Shoah“ (taz), aber auch eine Wertung von Wissen. Andere Länder genießen dieses Vorrecht übrigens nicht: Klein, der jahrelang als Diplomat in Mbembes Geburtsland Kamerun lebte, promovierte über das kamerunische Eherecht.

Die Resonanz des Streits im Ausland ist ungeheuer. 377 namhafte Wissenschaftler aus Israel, den USA, Großbritannien und anderen Ländern haben ihre Solidarität mit Mbembe ausgedrückt. Am Montag wollen mehr als 700 afrikanische Intellektuelle einen offenen Brief an Kanzlerin Merkel veröffentlichen, in dem sie die „uneingeschränkte Verurteilung der falschen und grotesken Anschuldigungen“ gegen Mbembe fordern und – wie 37 Intellektuelle zuvor – Kleins Entlassung. Andere wiederum unterstützen Felix Klein. Zu sagen, dass die Fronten verhärtet sind, wäre untertrieben.

Ginge es um den Ruf eines einzelnen Wissenschaftlers, der Schaden wäre begrenzt, auch für Mbembe. Beim Skype-Anruf nach Südafrika spricht ein empörter Mann, der „bis an sein Lebensende“ auf einer Entschuldigung von Klein bestehen will, aber international alles andere als erledigt ist: Nie habe er so viele Übersetzungsanfragen bekommen, auch aus Israel, so viele Vortragsvorschläge und Buchangebote. Er solle erzählen, was ihm in Deutschland geschehen ist. Dort wird er so bald nicht auftreten.

Und dann sagt Mbembe einen Satz, der eine Banalität wäre, würde er nicht ins Herz der deutschen Kontroverse führen: „Ich respektiere die deutschen Tabus, aber es sind nicht die Tabus aller anderen Menschen auf der Welt. Und dasselbe gilt für die deutsche Schuld.“ Mbembe sieht in dem Kampf gegen den globalen Antisemitismus eine Menschheitsaufgabe, aber er behält sich das Recht vor, auf andere Gewalterfahrungen zu verweisen, auf die deutsche Kolonialherrschaft, globale Ausgrenzungstechniken, Lager, Entrechtete, oder, wie er sie nennt: „Neger“.

Darf sich so einer zur deutschen Vergangenheit äußern? Darf er, um es komplizierter zu machen, über Israel sprechen? Vor einigen Jahre wäre die Frage leichter zu beantworten gewesen. Aber während Deutschlands Antisemiten auftrumpfen, hat sich der öffentliche Umgang mit dem Holocaust gewandelt. In Israel kann an Hochschulen über den Vergleich des Holocausts und der Naqba, der Vertreibung der Palästinenser durch die israelische Staatsgründung, geforscht werden. In Deutschland wäre eine solche Debatte kaum denkbar, denn selbst eine einfache Zusammenschau dieser historischen Ereignisse geriete rasch unter Relativierungsverdacht.

Mbembe wäre der Schlüssel, um Einwanderern den Zugang zur deutschen Geschichte zu öffnen

Exemplarisch für die neuen Maßstäbe steht der Düsseldorfer FDP-Landtagsabgeordnete Lorenz Deutsch. Er hatte die Debatte losgetreten mit seiner Forderung, Mbembes Auftritt auf der Ruhrtriennale abzusagen, was sich erübrigte, als die Ruhrtriennale wegen Corona abgesagt wurde. Zu den Antisemiten auf Corona-Demos hat er sich noch nicht geäußert, aber über Mbembe twittert er regelmäßig, und auf seiner Homepage steht nach wie vor der Text „Postkoloniale Israelfeindschaft“. Ginge es nach ihm, wäre die israelische Besatzung im Grunde von jeder vergleichenden Betrachtung ausgenommen: „Wenn jemand sagt, ich muss aufpassen, dass Afrika kein Freiluftgefängnis wie Gaza wird, dann wird es problematisch.“

Es ist eine Haltung, die gewiss besten Absichten entspringt. Setzt sie sich durch, ist ein wissenschaftlicher Austausch mit dem globalen Süden unmöglich, denn dort wird Israel auch als – weiße – Besatzungsmacht wahrgenommen. NS- oder Antisemitismusforscher oder Museumspädagogen klagen seit Jahren über schwindende Spielräume, nun fürchten sie, der Fall Mbembe könnte zum Chodorkowskij-Moment werden. Wenn eine Figur seiner Statur in dieser Geschwindigkeit demontiert werden kann, wer wagt sich noch auf eine Konferenz in Deutschland? Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, eine der Wenigen, die sich noch namentlich zu Wort melden, spricht von einem „Einschnitt, einer Blamage für den Wissenschaftsstandort Deutschland“. Eine Forscherin ergänzt mit Blick auf Konferenzen hilflos: „Dann können wir es auch lassen.“

Postkolonialismus-Forscher sehen den Fall Mbembe als Ablenkungsmanöver: So werde ein weiteres Mal verhindert, dass sich Deutschland seinen kolonialen Verbrechen und der Frage nach Reparationen oder Restitution von Raubgütern stellen müsse. Aber das ist nur ein Teil des Bildes.

„Die Fixierung auf die Singularität des Holocaust“, so Assmann, führt dazu, die Schoah zu isolieren und als Erinnerung abzukapseln. Das macht sie letztlich steril. Die letzten Zeitzeugen sterben. Syrer, Iraker, Eritreer aber bringen andere Traumata mit. Wer ihre Empathie für den Holocaust wecken will, muss ihre Gewalterfahrungen ernstnehmen und in Beziehung zur Schoah setzen, sonst wird man sie verlieren. „Wir sind nicht mehr das biodeutsche Täterkollektiv, sondern eine Einwanderergesellschaft und brauchen neue Zugänge zu unserer Geschichte. Wir könnten durch Überkreuzungen und Überquerungen ins Gespräch kommen“, sagt Assmann: „Mbembe wäre der Schlüssel dazu.“

Im Historikerstreit ging es um die Identifikation der Gesellschaft mit der Schoah, die besondere Verantwortung für Israel gehörte dazu. Fast 35 Jahre später zeigt Israels Premier Netanjahu autokratische Züge und versteht sich bestens mit seinem ungarischen Kollegen Viktor Orbán, der sich ab und an antisemitisch äußert. Die AfD bewundert Netanjahu: für seinen rücksichtslosen Umgang mit den palästinensischen Muslimen und sein Bemühen um ein religiös und ethnisch homogenes Staatswesen, wie sie es gern hätte. Es ist leicht zu erraten, auf welcher Seite die AfD im Fall Mbembe steht.

Der Artikel wurde zuerst in der Süddeutschen Zeitung vom 15.05.2020 veröffentlicht.