Im Tanz erinnern „Die Narben der Vergangenheit nicht überschminken“

Performance von Trixie Munyama auf dem Festival „The Burden of Memory“ im November 2019 in Yaoundé.
Performance von Trixie Munyama auf dem Festival „The Burden of Memory“ im November 2019 in Yaoundé. | Foto (Detail): Goethe-Institut Kamerun / Yvon Yasmi

Trixie Munyama ist Tänzerin, Performerin, Choreografin und Dozentin für Tanzwissenschaften in Windhoek, Namibia. Aufgewachsen im angolanischen Exil, wurde ihr Interesse am Tanz bereits in Kindertagen geweckt – mit der Beobachtung und Teilnahme an traditionellen Oshiwambo-Tänzen. Nach Arbeitsaufenthalten in London und Kapstadt gründete sie das Da-mâi Dance Ensemble, mit dem sie heute lokale Narrative in Namibia erforscht. Im Gespräch mit der Journalistin Elisabeth Wellershaus spricht Trixie Munyama über Formen des Erinnerns und die Auseinandersetzung mit Schmerz, Trauer und Ritualen bei der Bewältigung der Vergangenheit.
 

Von Elisabeth Wellershaus

Sie beschäftigen sich in Ihren choreografischen Arbeiten vor allem mit der kolonialen Vergangenheit Namibias, versuchen aus künstlerischer Perspektive die Schrecken dieser Zeit zu verarbeiten. Auf welche Aspekte konzentrieren Sie sich dabei besonders?

Vor ein paar Jahren habe ich zusammen mit anderen Choreograf*innen und Performer*innen begonnen, mich mit diesem Teil unserer Geschichte zu beschäftigen. Mit dem Genozid an Nama und Ovaherero, der kolonialen Politik und den Traumata, die darauf folgten und bis heute anhalten. Viele der Probleme, die unsere Gesellschaft gegenwärtig heimsuchen, haben ihre Wurzeln unter anderem in dieser Geschichte: soziale Ungleichheit, Korruption, die Auseinandersetzung mit der Landfrage. Deshalb interessiert mich vor allem der Aspekt des Trauerns – dem Trauern um die Toten, die wir durch koloniale Verbrechen und Gewalt verloren haben. Aber eben auch um die Möglichkeiten, um die unsere Vergangenheit derzeit noch immer junge Menschen im Land bringt. In meinen Stücken geht es oft um Rituale, mit denen ich die Trauer adressiere, um sie dann kollektiv zu verarbeiten.

Wo liegen für Sie als Künstlerin die Chancen, wo die Schwierigkeiten bei der Aufarbeitung des Themas?
 
Die Chancen liegen darin, gemeinsam mit dem Publikum etwas zu thematisieren, das auf nationaler Ebene noch immer viel zu stark verdrängt wird. Schwierig daran ist zum einen, das richtige Maß zu finden. Wir haben anfangs viel mit historischen Dokumenten, mit Archivfotografien gearbeitet. Aber im Offenlegen solcher Bilder steckt immer auch die Gefahr der Re-Traumatisierung. Außerdem bin ich keine Geschichtsschreiberin, sondern Künstlerin. Es geht mir zwar um historische Genauigkeit, weswegen ich viel mit den Sprecher*innen der traditionellen Gemeinschaften, mit den ältesten Mitgliedern aus Ovaherero und Nama-Communities, spreche. Aber nicht alle Aussagen sind verlässlich. Doch es geht mir eben auch nicht allein um das akkurate Abbilden von Geschichte, sondern um eine Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart.

Würden Sie sagen, dass die treibende Kraft in der Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit derzeit vor allem von den Kreativen in Namibia ausgeht?
 
Die Diskussion wird derzeit verstärkt von Künstler*innen und Akademiker*innen im In- und Ausland angetrieben, ebenso von Ovaherero und Nama in der Diaspora. Auch Kulturinstitutionen im Ausland – gerade Deutschland – beschäftigen sich immer stärker mit der Kolonialvergangenheit und suchen den Austausch. Namibias Politiker*innen verhalten sich dagegen eher zurückhaltend. Unter anderem hat das damit zu tun, dass die Zeit der Unabhängigkeitskämpfe noch immer stark im zeitgenössischen Gedächtnis verankert ist. Neben dem Heldenmythos aus Befreiungszeiten bleibt kaum Raum für die Trauer: nicht für die öffentliche Aufarbeitung des Kolonialismus, der Apartheid und auch nicht für die Verbrechen, die während der Befreiung – unter anderem in den Kerkern des SWAPO- Sicherheitsapparats – verübt wurden. Die Rhetorik von Seiten der Regierung lautet: „vergessen und vergeben“. Aber das ist ein utopischer Ansatz, der die Probleme der Gegenwart nicht mit der Vergangenheit in Bezug setzt. Letztlich ist das auch eine Frage von Prioritäten: Die Regierung besteht überwiegend aus Mitgliedern der Ovambo, der zahlenmäßig stärksten Bevölkerungsgruppe. Nama und Ovaherero, die vom Genozid direkt betroffen waren, sind seit geraumer Zeit politisch unterrepräsentiert und kämpfen nach wie vor dafür, dass ihre Perspektiven gehört werden.

Glauben Sie, dass eine künstlerische Herangehensweise möglicherweise ohnehin stärker in die Gesellschaft hineinwirken kann?
 
Ich glaube, dass wir als Künstler*innen grundsätzlich ganz andere Freiheiten genießen als Politiker*innen oder die Zivilgesellschaft, die in Namibia sowieso stark von der politischen Linie abhängig ist. Wir Kreativen sind in unserer Themensetzung extrem frei, können über Perspektiven und Ausrichtung unserer Kunst ganz unabhängig entscheiden. Viele von uns versuchen diese Freiheit zu nutzen, um vor allem mit jungen Menschen über koloniale Themen ins Gespräch zu kommen. In meiner Funktion als Choreografin und Dozentin am College of the Arts ist mir das aus unterschiedlichen Perspektiven möglich. Darüber hinaus versuchen meine Kolleg*innen und ich auch, uns intellektuell nicht in unserer Kunstblase zu verschanzen, sondern das Thema aus den Theatern hinaus und in die Communitys hineinzutragen.

Sie weisen oft darauf hin, wie wichtig der gemeinsame Prozess des Heilens ist. Was genau verstehen Sie im Kontext einer kolonialen Vergangenheit unter Heilung?

Die Szenen, die wir in dem Stück The Mourning Citizen zeigen, – Reinigungsrituale oder Musikstücke, in denen der Verstorbenen gedacht wird – sollen die symbolischen Möglichkeiten aufzeigen, auch mit den psychologischen Folgen der Kolonialvergangenheit umzugehen. Traditionelle Rituale sind ein wichtiger Bestandteil vieler afrikanischer Kulturen. Allerdings haben gerade junge Menschen immer mehr Angst vor den alten Traditionen. Das Christentum hat sie uns regelrecht abtrainiert, wir leiden mittlerweile fast alle selbst unter Afrophobie. Die junge Generation besonders, die nach wie vor das Gefühl hat, einer weißen Minderheit zu dienen. Es sind die unaufgearbeiteten Gräuel, die sie noch immer verfolgen. Auch das Fortleben einer systematischen Abwertung ihrer Identitäten. Wenn wir diesen Schmerz ritualisieren und die Narben der Vergangenheit nicht mehr überschminken, dann können wir vielleicht auch gemeinsam nach vorne blicken.

Wovon ich dagegen nicht allzu viel halte, sind hochpolitisierte Aktionen wie die Rückführung der Schädel von Nama- und Ovaherero-Persönlichkeiten. Aus meiner Sicht sind das leere Gesten, die dort aufhören, wo echte Aufarbeitung anfangen müsste. Die paar hübschen Pressebilder, die dabei entstehen, werden die politischen und gesellschaftlichen Lager – Regierung und Opposition, junge und alte Menschen – einander kaum näher bringen.

Vor einigen Monaten fand in Yaoundé die vom Goethe Institut konzipierte Themenwoche „The Burden of Memory“ statt, bei der Kulturschaffende aus sechs afrikanischen Ländern zusammen kamen, die ehemals unter deutscher Kolonialherrschaft standen. Wie haben Sie diese Begegnung wahrgenommen?

Das war eine echte Chance, zusammenzukommen und Geschichten auszutauschen, die einerseits unterschiedlich sind, sich andererseits aber an vielen Stellen überschneiden. Im inner-afrikanischen Kontext wissen wir noch immer zu wenig übereinander. Dabei kann das Teilen einer mitunter sehr ähnlich erlebten traumatischen Vergangenheit sehr heilsam sein. Es hat sich in dieser Woche also schnell eine Vertrautheit unter den Künstler*innen aus Kamerun, Togo, Tansania, Ruanda, Burundi und Namibia eingestellt. Vielleicht ein Grundstein für zukünftige gemeinsame Arbeit.

Die Auseinandersetzung mit europäischen Kulturschaffenden ist vermutlich ungleich komplexer.

Ja, definitiv. Deshalb ist es in diesem Zusammenhang extrem wichtig, sich zu fragen: Wer erzählt die Geschichte – und mit welcher Agenda? Geht es um den aufrichtigen Versuch, die Kolonialgeschichte aus unterschiedlichen Perspektiven zusammenzudenken? Oder schlicht um ein weiteres Kulturformat, nach dem man sich auf die Schulter klopfen kann, weil die Besucher*innenzahlen stimmten? Für die Menschen in Namibia geht es bei dem Thema nämlich um sehr sensible Dinge, die unseren Alltag noch heute elementar prägen. Aber gerade weil meine Perspektive als Schwarze Frau aus Namibia eine dezidiert andere ist als die eines deutschen Kulturmanagers, müssen wir den Austausch suchen. Schließlich müssen wir uns alle mit einer Vergangenheit auseinandersetzen, die uns geprägt hat, Europa genauso wie Afrika. Wir kommen also kaum drum herum, uns kollektiv mit diesen Geschichten zu beschäftigen – schon damit kommende Generationen unsere Traumata nicht mehr nachleben müssen.


Bei dem Artikel handelt es sich um eine gekürzte Fassung eines Beitrags der Reihe „Goethes Welt“  aus „Politik & Kultur“ (Juni-Ausgabe 6/2020). Einmal im Monat erscheint in der Zeitung Deutschen Kulturrats in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut ein Beitrag aus einem afrikanischen Land zu spezifischen Aspekten der Kulturszenen vor Ort.