Was hat die Debatte mit Kolonialerinnerung, Rassismus und Antisemitismus zu tun? Kritik der Mbembeschen Vernunft

Dekolonisierung: Freiheitsmonument bei Windhoek, Namibia, ehemalige Kolonie Deutsch-Südwestafrika, eingeweiht 2002. Allegorische Darstellung des Herero- und Nama-Aufstandes gegen die deutsche Kolonialmacht 1904/05.
Freiheitsmonument bei Windhoek, Namibia, ehemalige Kolonie Deutsch-Südwestafrika, eingeweiht 2002. Allegorische Darstellung des Herero- und Nama-Aufstandes gegen die deutsche Kolonialmacht 1904/05. | Foto (Detail): Juergen Sorges © picture alliance / akg-images

Worum geht es eigentlich in der Debatte um Achille Mbembes Aussagen zu Israel? Geht es um die Frage, wie sich Rassismus thematisieren lässt oder um postkoloniale Erinnerung? Oder geht es um die Bekämpfung von Antisemitismus? Zu befürchten ist, dass es um nichts von alldem geht. Ein Kommentar von Mark Terkessidis.

Von Mark Terkessidis

Abgehoben wirkt die Debatte und oft genug besteht der „Dialog“ aus identitären Behauptungen und gegenseitigen Zurechtweisungen. Auslöser war ein mit neuem Selbstbewusstsein vorgetragener Bezug auf „deutsche Identität“. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung fühlte sich zu einer Intervention aufgerufen, weil er durch Stellen in Mbembes Buch Politik der Feindschaft ein relevantes Narrativ der Erinnerungskultur in Deutschland gefährdet sah. Er befürchtete eine „Relativierung des Holocaust“ und berief sich auf die Behauptung eines Alt-Bundespräsidenten: „Wie es Joachim Gauck ja mal formuliert hat: Der Holocaust und die Auseinandersetzung damit gehören zur deutschen Identität.“ Für Felix Klein heißt aber „Auseinandersetzung“ einfach die Festlegung dessen, was auf dem Territorium der Bundesrepublik geäußert werden kann: Wenn „ausländische Wissenschaftler“ (Klein) hier etwas beitragen, dann können sie von „uns“ gemaßregelt werden.

„Nègre“ – das neue universelle Opfer

In einer interessanten Volte wachen nun die Nachfahren eines der größten Menschheitsverbrechen mit Rekurs auf ihre eigene Identität über die Singularität der Erfahrung ihrer damaligen Opfer. In diesem Sinne wurde in der Debatte vor allem verhandelt, wer einen legitimen Anspruch darauf erheben kann, überhaupt ein Opfer zu sein. Dieser Streit basiert auf unterschiedlichen – wie der Anglist Michael Rothberg sagt: kompetitiven – Formen der Universalisierung des Opferstatus. In den letzten Jahren wurde die Behauptung von der Singularität der Shoah durch die Erinnerung an Sklaverei und Kolonialismus herausgefordert. Achille Mbembe hat diese Erinnerung in seinem Buch Critique de la raison nègre auf eine neue Ebene gehoben. Nicht nur erklärt er „Rasse“ zum beherrschenden Prinzip der europäischen Expansionsgeschichte seit dem 16. Jahrhundert, auch die Verdinglichung des Menschlichen, die sich in der Figur des „nègre“ verkörpert, erscheint ihm als Dreh- und Angelpunkt im Walten des derzeitigen „Neoliberalismus“. Erstmals in der Geschichte, meint Mbembe, betreffe der Begriff „nègre“ nicht bloß die Menschen afrikanischer Herkunft, sondern werde zur Bezeichnung für die globalen Opfer des Kapitalismus: nomadische Arbeitskräfte, Immigranten, Geflüchtete, „Überflüssige“; die Betroffenen von Drohnenangriffen, Zonierungspraktiken oder Schuldknechtschaften. Wir erleben nach Mbembe ein „devenir-nègre du monde“, was umgekehrt auch bedeutet, dass all diese Praktiken sich als Fortsetzung der Geschichte des Rassismus erklären lassen: Rassismus wird so zum Erklärungsparadigma per se für alle „Nachtseiten“ des Weltsystems.

Der Nutzen für die deutsche Rassismusdiskussion

Um seine Behauptungen zu belegen, springt Mbembe recht schamlos durch die Theorien und Epochen, was es schwer macht, diese durchaus fragwürdigen Thesen zu widerlegen. Insofern sei auch die Frage erlaubt, ob diejenigen, die ständig Mbembes „Brillanz“ rühmen, seine Werke auch wirklich gelesen haben. Offenbar belegt zumal die schwere Nachvollziehbarkeit der Texte die „Brillanz“.

Interessanterweise wird Mbembe häufig als nicht-identitärer Denker gerühmt, weil er etwa in seinem Brief an die Deutschen Sätze schreibt wie: „Mein intellektuelles Herangehen kann als ununterbrochene Reise beschrieben werden, oder eher noch als endlose Wanderung von einem Ufer zum anderen. Ich nenne das das Überqueren.“ Allerdings handelt es sich doch um ziemliche Plattitüden, die dadurch konterkariert werden, dass er überhaupt glaubt, man könnte „die Deutschen“ adressieren. Unterdessen ist die Bundesrepublik eine Gesellschaft, in der die Menschen mit Migrationshintergrund und BPOC in manchen Städten bereits die Mehrheit stellen. Selbst schwarze Deutsche werden zu diesem offenbar homogenen Kollektiv gezählt. Repräsentieren Redakteure der FAZ für Mbembe „die Deutschen“?

Zudem erweist sich die Universalisierung des „nègre“ und die Verabsolutierung des Rassismus als überhaupt nicht nützlich für die Thematisierung von Rassismus in Deutschland. Der Begriff „nègre“ wurde aus Pietätsgründen ins Englische übersetzt als „black“ und ins Deutsche als „schwarz“, was aber die Bedeutung des objektivierenden Charakters des Begriffes zerstört. Ähnlich wie in den Theorien der „Critical Whiteness“ changiert die globale Opferbezeichnung dann plötzlich zwischen einer Zustandsbeschreibung und der tatsächlichen Hautfarbe. Die Hautfarbe erweist sich dann als entscheidend, ob sich diese Opfererfahrung auch tatsächlich beanspruchen lässt: Mit „falscher“ Hautfarbe wird es etwas absurd, wenn Betroffene von Rassismus sich als „nègre“ bezeichnen, geschweige denn als schwarz, um ihre Erfahrungen auszudrücken. Eine eigene migrantische Perspektive auf Rassismus kommt hier gar nicht mehr vor. Letztlich geht das zurück hinter die Erkenntnis von Stuart Hall, der 1991 kritisch bemerkte, dass „black“ als Mobilisierungsgrundlage für die antirassistischen Kämpfe in Großbritannien in den 1980er-Jahren viele andere Erfahrungen ausgeschlossen hätte, etwa die von Briten asiatischer Herkunft.

Identitäre Positionen und Zurechtweisungen

Die neue Universalisierung der „schwarzen“ Opfererfahrung fordert die andere universelle Opfererfahrung heraus, die jüdische, die allerdings zumal auf außenpolitischer Ebene von der israelischen Regierung, verschiedenen assoziierten Organisation und auch der deutschen Regierung vertreten wird. Die Behauptung der Singularität der jüdischen Erfahrung ist völlig legitim und politisch gesehen durchaus verständlich, löst aber sicherlich dann einen Konflikt aus, wenn dieser Anspruch mit Politiken der Teilung, Ausgrenzung und Landnahme einhergeht. Die Kritik an der israelischen Politik im „postkolonialen“ Milieu (was auch immer das heute sein mag) ist ubiquitär und oft genug undifferenziert, aber solche Aussagen mit Hinweis auf den Antisemitismus untersagen zu wollen, macht den Raum für Äußerungen sehr eng. Wenn jemand wie Achille Mbembe unter Antisemitismusverdacht gestellt wird, dann gibt es durchaus ein Problem mit der Meinungsfreiheit, denn zweifellos lautet der Konsens hierzulande, dass Antisemitismus eine Person für die Teilnahme an Diskurs disqualifiziert. Dabei erscheint es auch fragwürdig, ob ein solches Vorgehen im Kampf gegen Antisemitismus vor Ort hilfreich ist.
 
Am Ende stehen sich nur noch identitätsbezogene Positionen gegenüber – und viele der sogenannten Debattenbeiträge sind gar kein Austausch von Argumenten, sondern Zurechtweisungen. Wenn du das und das sagst, dann bist du wahlweise Antisemit oder Rassist. Wenn du mit diesen und jenen Personen Umgang gepflegt hast, dann darfst du nicht mit deutschen Steuergeldern eingeladen werden. Verhärtet wird die „Debatte“ noch dadurch, dass viele der Teilnehmenden weder über besonderes Wissen in der Rassismus- oder Antisemitismustheorie verfügen noch über Erste-Hand-Erfahrungen vor Ort im Westjordanland oder im Gaza-Streifen. So kann Achille Mbembe auch zum Paradevertreter der Themen zu Kolonialismus und Rassismus avancieren, von denen geradezu Heilserwartungen ausgehen. Aleida Assmann etwa meinte: „Wir sind nicht mehr das biodeutsche Täterkollektiv, sondern eine Einwanderergesellschaft und brauchen neue Zugänge zu unserer Geschichte. Wir könnten durch Überkreuzungen und Überquerungen ins Gespräch kommen. Mbembe wäre der Schlüssel dazu.“

Akademische Kämpfe, Halle, Hanau

Warum wäre Mbembe der Schlüssel dazu? Was sagt er den Personen polnischer, türkischer, russischer oder griechischer Herkunft über ihre Erfahrungen mit der vergangenen Postimperialität Deutschlands oder mit aktueller Diskriminierung? Tatsächlich ist Mbembe, obwohl er sich als „fragile Stimme“ aus der Peripherie inszeniert, Teil eines internationalen, universitären Milieus, das Bücherschreiben und Lehren für „akademischen Aktivismus“ hält. Zu einer Diskussion über die konkreten Vor-Ort-Bedingungen von strukturellem Rassismus hat dieses Milieu häufig wenig zu sagen. Insofern ist die Frage, ob hier nicht über als minoritär definierte Aussagepositionen primär akademische und andere Platzansprüche verhandelt werden. In diesem Sinne erscheint auch die Theorie extrem akademisch, sie kennt gar kein politisches Subjekt, keinen Anschluss an soziale Bewegungen, nur universelle Opfer. In der Zeit vor der Mbembe-Debatte starben in Halle zwei Personen bei einem Angriff auf eine Synagoge und schließlich neun Menschen mit Migrationshintergrund bei einem Anschlag in Hanau. Wäre es nicht zu erwarten gewesen, dass Beteiligte in einer so ausgiebigen Debatte über „deutsche Identität“, Rassismus und Antisemitismus auch zu diesen Ereignissen etwas zu sagen gehabt hätten?