Edward W. Saʿid Eine deutsch-ägyptische Erinnerung

Dekolonisierung – Ein Bild der Cartoon-Figur Handala ist auf einem Felsen des Gaza-Hafens bei Sonnenuntergang zu sehen,
Die Cartoon-Figur Handala auf einem Wellenbrecher im Gaza-Streifen, daneben die Gedichtzeile „Auf dieser Erde ist etwas, das zu Leben verdient“ von Mahmoud Darwish, 10. April 2015. Die Figur des palästinensischen Karikaturisten Naji Al-Ali wurde seit dem Ende der 1960er-Jahre zum Symbol des palästinensischen Widerstands. Handala entschied sich im Alter von zehn Jahren nicht mehr zu wachsen, dem Alter, in dem der Künstler aus Palästina vertrieben wurde. „Alhandal“ bedeutet im Arabischen Bitterapfel oder wilder Kürbis. Mahmoud Darwish selbst gehört zu den engsten Weggefährten Edward Saids. | Foto (Detail): Mohammed Saber © picture alliance / dpa

Obwohl es wohl kaum die Karriere war, die sich seine Familie für ihn vorgestellt hatte, hat Edward Saids Kritik an einem allgegenwärtigen Eurozentrismus und dem berühmt-berüchtigten Nexus von Wissen und Macht in den „Nord‑Süd“‑Beziehungen Fachdisziplinen in sämtlichen Bereichen und über die Geisteswissenschaften hinaus geprägt.

Von Sonja Hegasy

„Edward Said liebte Musik, und ich liebte seine Liebe zur Musik sowie die Musikalität, die alles prägte, was er tat.“

Teju Cole in „A Quartet for Edward Said“

Als Neuzugang an der Columbia University musste ich mich 1989 in Edward Saids erstes kulturwissenschaftliches Seminar an dieser Universität schmuggeln. Es gab einfach zu viele Studierende, die seinen Kurs belegen wollten. Ich besitze immer noch eine Kassette aus jenen Tagen. Saids Gedankengänge auf Audio zu hören, mag heutzutage nichts Besonderes mehr sein in einem digitalen Zeitalter, in dem sich zahllose Interviews und Vorlesungsmitschnitte auf YouTube und anderen Webseiten befinden. Zu allem Übel ist meine Kassette auch noch kaum verständlich. Doch wenn ich mit dem Ohr am Rekorder klebe, dann kann ich die Atmosphäre des Unterrichts wiederbeleben, das Gelächter, die Leidenschaft für die Literatur, die wir lasen, und das Türknallen von einigen Nachzügler*innen. Die unverkennbare Stimme Saids leistet – wie jede Stimme aus der Vergangenheit – ihr Übriges, um meine Erinnerungen zu wecken: Edward Said war eine charismatische Persönlichkeit, nie arrogant oder distanziert. Es war kaum zu übersehen, wie stilvoll er sich auch im Unterricht kleidete. Ich hätte es hier nicht erwähnt, wenn nicht Teju Cole zugegeben hätte (so dessen Formulierung), dass ihm als mittellosem Studenten an der Columbia University als Erstes Saids vornehmer Anzug auffiel und er beeindruckt war von „dem blitzenden Glamour, einem Glamour, der jedes Mal gegenwärtig war, wenn ich Saids elegante Erscheinung auf dem Campus erblickte.“ (00:50:60)

Fähigkeit zur Selbstkorrektur

Eine Eigenschaft, die mir in den Sinn kommt, war Saids Interesse an – und wichtiger noch Fähigkeit zur – Selbstkorrektur. Seit meinen frühen Studientagen bin ich an Denker*innen interessiert, die ihr eigenes Theoriegerüst später im Leben einmal grundsätzlich überarbeitet haben; etwas, das nicht sehr verbreitet ist. Edward Said setzte sich ausführlich mit seinen Rezensent*innen auseinander, antwortete auf ihre Kritik und überdachte seine Theorien in kontinuierlichem Austausch mit ihren Positionen. Das wird zum Beispiel an seinem Essay „Theorien auf Wanderschaft“ deutlich, in dem Said fragt, was mit einer Theorie geschieht, sobald sie sich aus ihrem ursprünglichen Kontext herausbewegt. Said machte sich daran, die transtemporalen und translokalen Verflechtungen von Theorien zu ergründen und argumentierte, dass die „gewanderten“ Theorien oft domestiziert und ihrer ursprünglichen Kraft beraubt werden. Ich war nie davon überzeugt, dass eine Theorie ihr aufrührerisches Potenzial einbüßt, wenn sie aus dem ursprünglichen Kontext herausgelöst wird – ganz im Gegenteil. Wo viele einen Prozess der „Kommodifizierung“ oder gar „Disneyfizierung“ durch die westliche kulturelle Globalisierung am Werk sehen, der lokale Vorstellungen überschreibt und die Welt vereinheitlicht, ist mir eher daran gelegen, den kreativen Teil zu erforschen, denn die Menschen greifen allgemein gern „Dinge“ auf und drücken ihnen dann ihren eigenen Stempel auf. Daher war es sehr gewinnbringend für mich, als ich Jahre später las, wie Said seinen Ansatz der „Theorien auf Wanderschaft“ veränderte und hier nun einbezog, wie Theorien gerade außerhalb ihres ursprünglichen Kontextes mit Leben und Originalität erfüllt und verschmolzen werden können.

Ein „Musiknarr“

Viele wissen nicht, dass Said seit 1986 Kritiker für klassische Musik der US-amerikanischen Wochenzeitschrift The Nation war. Mehr als 50 seiner Kritiken gewähren uns Einblick in eine seiner großen Leidenschaften und bezeugen, was für ein „Musiknarr“ (Mariam C. Said) er war. Said war stark beeinflusst von dem deutschen Komponisten, Philosophen, Musikwissenschaftler und Begründer der Frankfurter Schule Theodor Adorno. Er nutzte Adornos Analyse, um zu untersuchen, was Komponisten wie Pierre Boulez und Arnold Schönberg oder Interpreten wie Glenn Gould im Sinn hatten oder worauf sie reagierten. Wenn man heute diese Kritiken liest, wird man in eine Parallelwelt hineingezogen: Wir können den jungen András Schiff durch Saids Augen 1989 in der Carnegie Hall sehen. Gleichzeitig können wir Sir András Schiff heute im Berliner Pierre Boulez Saal erleben und hören. Dies ist ein faszinierendes Vexierspiel, das Said uns hinterlassen hat. Die Lektion, auf der Daniel Barenboim und er als Gründer des West-Eastern Divan Orchestra beharren, ist, dass wir von der Musik lernen, dass eine Stimme nichts ohne die andere ist. Der Kontrapunkt „macht die Musik schöner“, so erfahren wir. Die Musik akzeptiere Dissens und Subversion, meint Daniel Barenboim. Aber lässt sich das wirklich von der Musik auf die politische Sphäre übertragen?

Am falschen Ort

Edward Said erlebte die Vorbereitungen für den Irakkrieg und starb am 24. September 2003, ein halbes Jahr nach Beginn der Invasion. Misinformation about Iraq führt Saids einflussreiches Werk Covering Islam. How the Media and the Experts Determine How We See the Rest of the World fort. Der Bogen, der sich von 1981 bis zur gegenwärtig stetig zunehmenden Islamophobie und der Art und Weise spannt, wie die Medien ihre Berichterstattung noch immer auf bekannten Stereotypen und Erwartungshaltungen aufbauen, ist offensichtlich. Die Soldaten, die 2003 ihre Panzer in Richtung Bagdad lenkten, hörten aufputschende Songs, um ihre Kampfbereitschaft zu stärken, ihre Angst zu lindern und ihren Schmerz zu unterdrücken. Musik, wie Touchdown von T.I. und Eminem oder Indestructible von Disturbed, war eine Konstante während ihres Einsatzes.

Saids Autobiografie Am falschen Ort (2002, „Deplatziert“ oder „Fehl am Platz“ wäre meiner Ansicht nach die passendere Übersetzung für den Originaltitel Out of Place), die er nach seiner Leukämiediagnose zu schreiben begann, ist selbst ein Werk des „Spätstils“, denke ich. Said hat diese Bezeichnung von Adorno übernommen, um zu untersuchen, was mit einem Kunstwerk am Lebensende seiner Schöpfer*innen geschieht. Welche ästhetischen Eigenschaften entwickeln diese Werke? „Was ist mit einem künstlerischen Spätwerk, das nicht als Harmonie und Auflösung, sondern als Unnachgiebigkeit, Erschwernis und ungelöster Widerspruch erlebt wird? Was, wenn Alter und Krankheit nicht die Gelassenheit einer über allem stehenden Reife hervorrufen?“, fragte Said (in On Late Style: Music and Literature Against the Grain. Seite 7).

Seine Autobiografie ist freilich nicht unversöhnlicher als seine anderen Werke, aber sie ist ein Grundstein im Vorhaben, Erfahrungsberichte von Vertreibung, verlorenem Land und einem „nicht existierenden Volk“ zu bewahren. Dieses Ziel war es ihm wert, das Genre zu verändern. Die Autobiografie verschafft uns einen der seltenen Einblicke eines Zeitzeugen der Nakba (Katastrophe) von 1948, hier aus der Sicht eines Zwölfjährigen. Am falschen Ort beschreibt Saids Kindheit und Jugendjahre bis zum Ende seines Studiums in den Vereinigten Staaten. Es ist wichtig, diesen generationellen Aspekt zu berücksichtigen. Heute, nach dem sogenannten Nakba-Gesetz von 2011, das dem Finanzministerium Israels erlaubt, öffentliche Gelder zu entziehen, wenn eine Einrichtung diese (neben anderen Gründen) für „das Gedenken an den Unabhängigkeitstag oder den Tag der Gründung des Staates (Israel – Anmerkung der Verfasserin) als einem Tag der Trauer“ verwendet, sind Stimmen, die von der Vertreibung der Palästinenser berichten, für kommende Generationen unverzichtbarer denn je.

Zu Hause schwieg Saids Familie über die Nakba, sodass er fast nichts über die Geschehnisse in Palästina erfuhr, mit Ausnahme dessen, woran er sich selbst erinnerte: palästinensische Flüchtlinge, die nach Ägypten strömten und um die sich seine Tante Nabiha kümmerte. An vielen Stellen des Buches schreibt er, wie seine Mutter den Kindern Nachrichten vorenthielt mit den Worten, dass sie sich ihren kleinen Kopf nicht über dieses oder jenes zerbrechen sollten. Doch die Vertreibung des eigenen Volkes zu kaschieren, war sicher mehr als nur das Verbergen von „Nachrichten“. Edward Said erzählt in seinen Memoiren mehr als einmal vom Schweigen in seiner Familie:

„Das Thema Palästina kam selten offen zur Sprache, wenngleich gelegentliche Kommentare meines Vaters Hinweise auf den katastrophalen Zusammenbruch einer Gesellschaft und das Verschwinden eines Landes lieferten. [...] Heute erscheint es mir unerklärlich, dass das Problem Palästinas und seines tragischen Verlusts, das unser Leben jetzt seit Generationen beherrscht, von dem so gut wie jeder unserer Bekannten betroffen war und das unsere Welt von Grund auf veränderte, bei meinen Eltern im Vergleich dazu so verdrängt und wenig diskutiert, ja kaum erwähnt wurde.“

Edward Said: „Am falschen Ort. Autobiografie“

Said war einer der maßgeblichen Kritiker des Osloer Friedensprozesses. Heute lesen sich seine Ansichten über die Verhandlungen in Oslo wie der treffendste Kommentar zur derzeitigen Situation in Israel und Palästina. So knüpfen die hitzigen Debatten, die sich 2020 in Deutschland um Achille Mbembes Kritik an der israelischen Besatzungspolitik entfachten, nahtlos an seinen Essay „How Do You Spell Apartheid? O-s-l-o“ an, der 1998 in der israelischen Tageszeitung Ha’aretz veröffentlicht wurde. Mbembe und Said liegen offensichtlich auf einer Linie. Man erinnere sich an Saids Worte in Ha’aretz zum Zionismus um die Wende zum 19. Jahrhundert: „Der Zionismus sprach ein europäisches Publikum an, für die die Einteilung ausländischer Territorien und Bevölkerungen in mehrere ungleiche Klassen ein weit verbreitetes, ‚natürliches‘ Vorgehen war. Das ist der Grund, warum sich beispielsweise jeder einzelne Staat oder jede Bewegung in den ehemals kolonisierten Gebieten Afrikas und Asiens heute mit dem Kampf der Palästinenser identifiziert, ihn voll unterstützt und versteht.“ In diesem Sinne suchen Mbembe (und andere) nach Wegen des zivilen Ungehorsams, um der Besetzung zu begegnen. Wäre etwa der Aufruf zu einem Boykott, ähnlich wie der gegen Südafrika unter der Apartheid, ein legitimes Mittel? Oder würde das uns (also insbesondere die deutsche, aber auch die weltweite Erinnerungsgemeinschaft) eher an den Boykott gegen Juden und ihre Geschäfte im nationalsozialistischen Deutschland nach dem 1. April 1933 erinnern? Nach zwei Beschlüssen des Deutschen Bundestags in den vergangenen drei Jahren, die eine Grundlage dafür schufen, Kritik an Israels Politik sehr schnell als antisemitisch abzutun, wurde Achille Mbembe, der in Deutschland viele wichtige Auszeichnungen erhielt, plötzlich wie ein Paria behandelt: Vom Geschwister-Scholl-Preisträger zum Holocaust-Relativierer ist es dieser Tage anscheinend ein kurzer und eleganter Weg in Deutschland. Es dauerte nicht lange, bis auch Edward Said (der in Deutschland außerhalb universitärer Kreise kaum bekannt ist) in der deutschen Presse diffamiert wurde. Saids Essay „How Do You Spell Apartheid? O-s-l-o“ erinnert uns an die Historizität des Begriffs „Apartheid“ im israelisch-palästinensischen Kontext sowie an die Solidaritätsnetzwerke, die aus dem 19. und 20. Jahrhundert stammen.
  • Dekoloniisierung – Edward Wadie Said, Porträtaufnahme © Bruni Meya /picture-alliance / akg-images
    Edward Wadie Said, Porträtaufnahme 1999. Der US-amerikanische Literaturwissenschaftler palästinsensischer Herkunft wurde 1935 in Jerusalem geboren und starb 2003 in New York.
  • Dekolonisierung – Syllabus der Autorin für das Seminar in Kulturwissenschaften, das 1990 gemeinsam von Jean Franco und Edward Wadie Said an der Columbia University unterrichtet wurde. © Foto: Sonja Hegasy, Montage: Tobias Schrank / Goethe-Institut
    Syllabus der Autorin für das Seminar in Kulturwissenschaften, das 1990 gemeinsam von Jean Franco und Edward Wadie Said an der Columbia University unterrichtet wurde. Jean Franco war die erste Professorin für lateinamerikanische Literatur in England und kam 1982 an die Columbia University. Said war von 1963 bis 2003 Professor für Literatur an den Fakultäten für Anglistik und Vergleichende Literaturwissenschaft.
  • Dekolonisierung – Dirigent Daniel Barenboim und das West-Eastern Divan Orchestra am 11. November 2018 beim Abschlusskonzert der US-Tournee in Los Angeles. © Manuel Vaca
    Dirigent Daniel Barenboim und das West-Eastern Divan Orchestra am 11. November 2018 beim Abschlusskonzert der US-Tournee in Los Angeles. Die Ursprünge des West-Östlichen Divans liegen in den Gesprächen zwischen seinen Gründern, Edward Said und Daniel Barenboim. Im Laufe ihrer großen Freundschaft diskutierten der palästinensische Autor/Wissenschaftler und der israelische Dirigent/Pianist Ideen über Musik, Kultur und Menschlichkeit. In ihrem Austausch erkannten sie die dringende Notwendigkeit eines alternativen Weges, um den israelisch-palästinensischen Konflikt zu lösen.
  • Dekolonisierung – Der Tempel von Dendur im Metropolitan Museum of Art in New York Richard Drew © picture alliance / AP Photo
    Der Tempel von Dendur im Metropolitan Museum of Art in New York
  • Des représentants des médias photographient les traces des détériorations faites sur le sarcophage du prophète Ahmose au Neues Museum à Berlin. Bernd von Jutrczenka © picture alliance/dpa
    Des représentants des médias photographient les traces des détériorations faites sur le sarcophage du prophète Ahmose au Neues Museum à Berlin. Sur l’Île aux Musées, le 3 octobre 2020, environ 70 œuvres d’art issues du Pergamon Museum, du Neues Museum, de la Alte Nationalgalerie et d’autres sites ont été aspergées d’un liquide gras. Photo datant du 21/10/2020.
Zu Lebzeiten wandte sich Said unermüdlich sowohl in hebräischen als auch in arabischen Medien an alle Konfliktparteien. So wäre beispielsweise nur wenig Courage erforderlich, um in der New York Times zu schreiben: „Wir sollten die Realität des Holocaust nicht als einen Blankoscheck für die Israelis anerkennen, um uns zu misshandeln, sondern als ein Zeichen unserer Humanität, unserer Fähigkeit, Geschichte zu verstehen, unserer Forderung, dass unsere Leiden gegenseitig anerkannt werden.“ Doch diese Zeilen veröffentlichte Said 1998 in der auflagenstarken panarabischen Tageszeitung al-Hayat.
Dekolonisierung – Handala, ein palästinensisches Nationalsymbol für das „Recht auf Rückkehr“ Handala, ein palästinensisches Nationalsymbol für das „Recht auf Rückkehr“ | © Naji al-Ali
Zu guter Letzt stieß ich unter den von ihm verfassten Rezensionen auf eine, die mich besonders ansprach: „Egyptian Rites“ (Ägyptische Rituale), die 1983 in der New Yorker Village Voice erschien (heute würde Said vermutlich bloggen). Welche „Riten“ meinte er, fragte ich mich. Tatsächlich rezensiert er hier den neuen ägyptischen Flügel des Metropolitan Museum of Art, in dem der komplette Tempel von Dendur ausgestellt ist, sowie eine Filmreihe, die die Ausstellungseröffnung begleitete. Said schrieb:
 
„Ägypten ist nicht einfach nur ein fremdes Land; es ist etwas Besonders. Jeder hat schon einmal Bekanntschaft damit gemacht, sei es durch Fotografien von Abu Simbel, Büsten der Nofretete, den Geschichtsunterricht in der Schule oder Bilder von Anwar Sadat im Fernsehen. Historische Figuren – Kleopatra, Ramses, Tutanchamun und viele andere – wurden in den Dienst der Massenkultur einberufen, und sie existieren und funktionieren weiterhin als Symbole für Leidenschaft, Eroberung und Reichtum, überlagert durch eine exotische Ferne, die auch Ende des 20. Jahrhunderts nicht an Reiz verloren hat.“ (The World, the Text, and the Critic, 1983, Seite 43)
 
Mir gefällt das „jeder“ am Anfang des zweiten Satzes. Die Bilder von den Pyramiden, stets aus demselben, stadtauswärts gerichtetem Blickwinkel, Nefertiti oder Nofretete, wie die Deutschen sie nennen, in Berlin und Tutanchamun (real oder als Kopie) rangieren heute unter den bekanntesten globalen Ikonen, die in einem klebrigen und bereits tödlichen Spinnennetz fremder Zuschreibungen verharren. Am 3. Oktober 2020, am Tag der Deutschen Einheit, haben Unbekannte ägyptische sowie andere Artefakte im Neuen Museum in Berlin mit einer öligen Flüssigkeit beschädigt. Wir müssen das Gedenken an Edward Wadīʿ Saʿīd gar nicht am Leben erhalten – die derzeitigen Umstände tun dies für uns.
 
Ich danke Teju Cole dafür, dass er mir das Skript zur Verfügung stellte, sowie Roni Mann für ihre Kommentare zu einer ersten Fassung des Texts.
– Sonja Hegasy, Berlin, Dezember 2020

Quellen:

  • Teju Cole: A Quartet for Edward Said. 7. April 2018, Berlin.
  • Teju Cole: „A Quartet for Edward Said“, In: Black Paper (University of Chicago Press), erscheint 2021.
  • Mike Dibb: Edward Said: The Last Interview. First Run/Icarus Films, 2004, 120 Minuten.
  • Edward W. Said: Am falschen Ort. Autobiografie. Berlin: Berlin Verlag, 2002, S. 186f. Aus dem Englischen von Meinhard Büning.
  • Edward W. Said: On Late Style: Music and Literature against the Grain. New York: Vintage Books, 2006, S. 7.
  • Edward W. Said: „Theorien auf Wanderschaft“. In: Die Welt, der Text und der Kritiker. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1997, S. 284f. Aus dem Englischen von Brigitte Flickinger.
  • Edward W. Said: The World, the Text, and the Critic. Harvard University Press, 1983, S. 43. Übersetzung des Zitats ins Deutsche von Christiane Wagler.
  • Edward Said: „Zionism from the Standpoint of Its Victims“. In: Social Text, 1 (Winter, 1979), S. 7–58.