Museum der Vertreibung Afro-brasilianisches Erbe und der Kampf um das Recht auf die Stadt

Zerstörte Wohnungen am Olympiapark im Stadtteil Barra in Rio de Janeiro am 27.04.2016. Die Stadtverwaltung hat wegen Olympia fast die gesamte Vila Autódromo abreißen lassen, die Bewohner*innen der Favela bekamen neue Wohnungen in einer nahen Apartment-Siedlung angeboten.
Zerstörte Wohnungen am Olympiapark im Stadtteil Barra in Rio de Janeiro am 27.04.2016. Die Stadtverwaltung hat wegen Olympia fast die gesamte Vila Autódromo abreißen lassen, die Bewohner*innen der Favela bekamen neue Wohnungen in einer nahen Apartment-Siedlung angeboten. | Foto (Detail): Jasmin Sarwoko © dpa

Ein Museum in Rio de Janeiro trägt Informationen über Zwangsräumungen zusammen und schafft auf diese Weise einen wichtigen städtischen Raum der Erinnerung und der zeitgenössischen afro-brasilianischen Kunst.

Von Miriane Peregrino

Im Vorfeld der Olympischen Spiele von 2016 planten die Einwohner*innen und Aktivist*innen der Vila Autódromo im Westen Rio de Janeiros mit der Einrichtung eines Museums der Vertreibung einen weiteren Akt des Widerstands gegen die ihnen auferlegten Zwangsräumungen. Dieser Raum wurde als Mittel im Kampf um das Recht auf die Stadt und als Gegenentwurf zur offiziellen Version der zu dieser Zeit in Rio stattfindenden Mega-Sportevents geschaffen. Von den 780 Familien, die zu Beginn der Räumungen durch die Stadtverwaltung in der Siedlung lebten, sind heute nur 20 übriggeblieben.

Die Initiative zur Gründung des Museums kam vom Aktivisten und Museumskundler Thainã de Medeiros. Unterstützung erhielt das Vorhaben durch ein von der Professorin und Architektin Diana Bogada koordiniertes Erweiterungsprojekt der Universität mit Erinnerungsworkshops, die während der Räumungen mit den Bewohner*innen der Siedlung veranstaltet wurden. Pedro Henrique Netto war als Student am Projekt und an den Workshops beteiligt, die den Impuls für das Museum gaben.

Mit seiner Skulptur Vila de Todos os Santos (Gemeinschaft aller Heiligen) will er seine Anerkennung für Heloísa Helena Berto, auch Mãe Luizinha de Nanã genannt, und ihr Candomblé-Terreiro in der Siedlung Vila Autódromo zum Ausdruck bringen. Monatelang war das Terreiro in der Casa de Nanã durch Werbetafeln und Absperrungen innerhalb des Olympiaparks und ohne Strom- und Wasserversorgung von der Außenwelt abgeschnitten, bevor die Stadtverwaltung im Februar 2016 schließlich die Räumung und den Abriss des Hauses anordnete.

„Mit dem Titel meines Werks will ich zum Ausdruck bringen, dass Vila Autódromo ein Ort für alle Menschen war, ungeachtet ihrer Religion, ethnischen Herkunft oder Rasse. Für die Skulptur errichtete ich einen kreisförmigen Platz aus Backsteinen, die ich nahe des ehemaligen Standorts von Dona Helenas Haus fand,“ so Architekt Nunes Netto, der ebenfalls Religionen afrikanischen Ursprungs praktiziert. „Dieser kreisförmige Raum steht für Dona Helenas Widerstand, das Rund repräsentiert auch die Candomblé-Sitzungen im Haus von Nanã,“ führt er weiter aus.

Stätten der Erinnerung

Vila de Todos os Santos von Nunes Netto ist eine von sieben Skulpturen, die für die Eröffnungsausstellung des Museums für Vertreibung gestaltet wurden. Im Jahre 2017 überreichte das Museum dem Historischen Nationalmuseum von Rio de Janeiro Bauschutt. Im Jahre 2018 weihten Anwohner*innen einen neuen Rundgang ein, der heute Stätten der Erinnerung an die Siedlung mit mehr als 18 Schildern kennzeichnet. Auf allen ist das Motto des Museums zu lesen: „Erinnerung lässt sich nicht vertreiben“. Eines der Schilder am Rundweg verweist auf die „Erinnerungs-Workshops“, die den Ausgangspunkt des Projekts bildeten: „Während die Anwohner*innen um ihr Bleiberecht kämpften, zerfielen die ursprünglichen Skulpturen, von denen einige entfernt wurden, und machten Platz für andere Aktionen. Unser Museum befindet sich im stetigen Wandel.“
Bewohner der Favela Vila Autódromo stehen am 29.07.2016 in Rio de Janeiro in Brasilien an den Resten der alten Siedlung, während daneben die Türme des Olympiaparks zu sehen sind. In der Favela Vila Autódromo am Olympiapark in Rio leisteten von 700 Familien 20 so massiven Widerstand, dass sie bleiben dürfen. Ihre Häuser wurden zwar plattgemacht – aber nun wohnen sie direkt an den Sportstätten. Bewohner der Favela Vila Autódromo stehen am 29.07.2016 in Rio de Janeiro in Brasilien an den Resten der alten Siedlung, während daneben die Türme des Olympiaparks zu sehen sind. In der Favela Vila Autódromo am Olympiapark in Rio leisteten von 700 Familien 20 so massiven Widerstand, dass sie bleiben dürfen. Ihre Häuser wurden zwar plattgemacht – aber nun wohnen sie direkt an den Sportstätten. | Michael Kappeler © dpa
Ein weiterer Ort fällt auf dem neuen Rundgang ins Auge: die „Ruinen des Hauses von Senhor Adão“. Adão Almeida Oliveira war Bewohner der Vila Autódromo und Pai-de-Santo oder Candomblé-Priester und verstarb nur wenige Monate, nachdem er die Siedlung verlassen hatte. An diesem Ort soll nicht nur an den Pioniergeist von Senhor Adão als einem der ersten Bewohner der Siedlung, sondern auch an sein zur Nacion Kanjerê gehörendes Terreiro erinnert werden. Außerdem soll ehemaliger Bewohner*innen gedacht werden, die wie er kurz nach den Räumungen verstarben. Mavilim Oliveira, sein Sohn und ehemaliger Bewohner der Vila Autódromo, berichtet, dass die Religion seines Vaters auf eine familiäre Tradition und auf seine Urgroßeltern zurückgeht, die als afrikanische Sklav*innen nach Brasilien kamen.

Afro-brasilianisches Erbe

Sandra Maria, eine Anwohnerin und Mitbegründerin des Museums für Vertreibung, betont, dass tatsächlich die Ursprünge der gesamten Community mit dem afro-brasilianischen Erbe zusammenhängen: „Die Favelas sind Teil des afro-brasilianischen Erbes. Nach der Abschaffung der Sklaverei besetzten die nunmehr befreiten Sklav*innen verlassene Stadtgebiete sowie Teile der Innenstadt. Als diese Siedlungen abgerissen wurden, zogen ihre Bewohner*innen weiter die Hügel hinauf. Hier beginnt die Geschichte der Favelas, und somit bildet das gesamte Gebiet von Vila Autódromo, wie im Übrigen alle Favelas in Brasilien, einen Teil des afrobrasilianischen Erbes.“

Auf vielen Schildern im neuen Museum der Vertreibung steht „gekämpft und geblieben“. Das Museum trägt auf seiner Website Dokumente, Berichte, Diplom- und Doktorarbeiten zur Vila Autódromo zusammen und setzt über Kontakte mit anderen Siedlungen, die ebenfalls einen Prozess der Zwangsräumung durchliefen oder durchlaufen, seinen Kampf für das Recht auf die Stadt fort. Der Entstehungsprozess, die Wechselwirkungen und die Ausstellungsstücke des Museums machen es zu einem wichtigen Ort der Erinnerung und zu einem Raum für zeitgenössische afro-brasilianische Kunst in Rio de Janeiro.

Dieser Artikel wurde erstmals im Magazin C& AMERICA LATINA veröffentlicht.