Afrikanisch-europäische Koproduktion Eine Chance für die Zukunft

Dekolonisierung und postkoloniale Entwicklungszusammenarbeit: Agadez Design
Postkoloniale Entwicklungszusammenarbeit: Agadez Design | Foto (Detail): © Maik Reichert

Sie gilt als einzigartig, die Schmiedekunst der Tuaregs. Italienisches Schmuckdesign ist seit Jahrhunderten von den Formen aus dem Niger beeinflusst und fördert nun dort aktiv den Erhalt des traditionellen Kunsthandwerks. Eine Multimedia-Reportage.

Von Sarah Wollberg (Texte, Interviews) und Maik Reichert (Fotos/Kamera, Interviews)

Mitten in Rom, wenige Meter vom Kolosseum entfernt, liegt Agadez. Das Schmuckgeschäft von Maria Antonietta Sutto und Zaccaria Yahaya ist seit zwanzig Jahren ein Ort des Austauschs, der Tuareg-Kunsthandwerk mit italienischem Design vereint.

Maria Antonietta ist eine Mailänder Designerin. Zaccaria stammt aus einer anerkannten Tuareg-Familie von Kunstschmieden aus dem Niger. „Als ich in Italien Antoniettas Zeichnungen sah, wurde mir deutlich, wer ich bin und woher ich komme“, erzählt er uns. Sie hingegen findet viele Formen der Tuareg-Kultur in Italien wieder, da deren Einfluss bis an die Küsten des Mittelmeers reichte. „Die starke Identität der Tuareg inspiriert mich. Ich füge den traditionellen Symbolen meine Kreativität hinzu.“

Gemeinsam bringen sie Antoniettas Zeichnungen in das nigrische Agadez, wo die Kunstschmiede die Schmuckstücke anfertigen. Die Tuareg-Kunstschmiede haben eine Handfertigkeit, die es in Europa heute nicht mehr gibt. „Wir reden hier von Spitzenqualität, was das Handwerk, die Materialien und das Design betrifft. Sie sind in der ganzen Welt einzigartig“ erklärt Antonietta, während sie uns das silberne Agadez-Kreuz und das Berber-Symbol Amazigh zeigt.

Einzigartigkeit und Wertschätzung

Die Lampe über dem Ladentisch von der Form eines antiken Schmuckbehälters wurde vom MoMA in New York angefragt. Antonietta verwendet bei ihren Kreationen nicht nur Formen und Symbole, sondern auch wertvolle Materialien aus der Tuareg-Tradition wie Silber und Ebenholz. „Die Tuareg-Kultur ist in der ganzen Welt ein Mythos. Heute wird die jüngere Generation vor Ort sich ihrem Wert endlich bewusst.“
 

In Gefahr

Doch die Situation im Niger ist schwierig. Der Libyen-Krieg und die Europa-Politik haben zu Sicherheitsproblemen und Abschottung geführt. Der Tourismus und der wirtschaftliche Austausch des Landes sind stark eingeschränkt. „Ich habe Angst, dass die Tuareg zu einer Postkarte werden. Europa und die ganze Welt sollten ein Augenmerk auf diese reiche Kultur legen. Ich spreche von den Tuareg, weil ich von mir spreche, aber alle Kulturen Afrikas sollten ins Scheinwerferlicht gerückt werden!“, lautet Zaccarias Appell.
  • Diese Lampe von Agadez Design hängt auch im MoMA, im Museum of Modern Art in New York. © Maik Reichert
    Diese Lampe von Agadez Design hängt auch im MoMA, im Museum of Modern Art in New York.
  • Der Turm der Großen Moschee, Agadez, Niger. Agadez wurde vor dem 14. Jahrhundert gegründet und entwickelte sich zur wichtigsten Stadt des Tuareg-Volkes. Die Moschee wurde ursprünglich im 16. Jahrhundert erbaut und 1844 im gleichen Stil wieder aufgebaut. © Maik Reichert
    Der Turm der Großen Moschee, Agadez, Niger. Agadez wurde vor dem 14. Jahrhundert gegründet und entwickelte sich zur wichtigsten Stadt des Tuareg-Volkes. Die Moschee wurde ursprünglich im 16. Jahrhundert erbaut und 1844 im gleichen Stil wieder aufgebaut.
  • Das Tuareg-Volk gehört zu den indigenen Ethnien der Berber, die in Nordafrika siedeln. Die Tuaregs lebten jahrhundertelang als Nomaden im Gebiet der heutigen Staaten Mali, Algerien, Niger, Libyen und Burkina Faso. Heute sind viele von ihnen sesshaft geworden. © Maik Reichert
    Das Tuareg-Volk gehört zu den indigenen Ethnien der Berber, die in Nordafrika siedeln. Die Tuaregs lebten jahrhundertelang als Nomaden im Gebiet der heutigen Staaten Mali, Algerien, Niger, Libyen und Burkina Faso. Heute sind viele von ihnen sesshaft geworden.
  • Zaccaria Yahaya mit Schmuck von Agadez Design © Maik Reichert
    Zaccaria Yahaya mit Schmuck von Agadez Design
  • Schmuck von Agadez Design © Maik Reichert
    Schmuck von Agadez Design
  • Kette von Agadez Design © Maik Reichert
    Kette von Agadez Design
Wenn eine Kultur nicht mit nachhaltigen Projekten unterstützt wird, verschwindet sie. Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel. Ein Blick in das Geschäft und in die Augen von Maria Antonietta und Zaccaria reicht aus, um zu verstehen, wie wichtig dieser ist.