Provenienzforschung Gemeinsame Spurensuche

Gemeinsame Sichtung der Sammlung Max von Stetten im Museum Fünf Kontinente in München: Professor Albert Gouaffo, Projektleiter Kamerun, mit Yrine Matchinda (rechts), Mitarbeiterin für den frankophonen Teil der Sammlung, und Karin Guggeis, Gesamtprojektleitung
Gemeinsame Sichtung der Sammlung Max von Stetten im Museum Fünf Kontinente in München: Professor Albert Gouaffo, Projektleiter Kamerun, mit Yrine Matchinda (rechts), Mitarbeiterin für den frankophonen Teil der Sammlung, und Karin Guggeis, Gesamtprojektleitung | Foto (Detail): Stefan Eisenhofer © Museum Fünf Kontinente

In Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen und Herkunftsgemeinschaften in Kamerun erforscht das Museum Fünf Kontinente in München seine kolonialzeitliche Sammlung.

Von Dr. Karin Guggeis

Der „Blaue‑Reiter‑Pfosten“ und die Sammlung, die Max von Stetten in den Jahren 1893 bis 1896 in Kamerun zusammengetragen hat, stehen im Mittelpunkt des Provenienzforschungsprojekts, das im November 2019 startete. Die gemeinsame deutsch‑kamerunische Spurensuche zielt auf eine möglichst detaillierte Erforschung der Erwerbskontexte und lokalen Bedeutung der einzelnen Kulturgüter im Museum Fünf Kontinente München. Zudem wird die geteilte Geschichte zwischen Deutschland und Kamerun in dieser frühen Phase kolonialer Expansion erarbeitet, exemplarisch an der Person Max von Stettens. Durch die kritische Reflexion kolonialparteilicher Begriffe soll deutlich werden, dass Afrikaner*innen selbst in der Kolonialzeit nicht nur Opfer, sondern auch Akteur*innen waren.

Zwölf Monate lang fördern das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste (Bereich koloniale Kontexte) und das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst das Projekt, das die genaue Herkunft und die Erwerbskontexte der mehr als 200 Werke der Sammlung sowie die Aktivitäten Max von Stettens bei der Kolonisierung Kameruns durch das Deutsche Reich erforscht.

Dringender Forschungsbedarf aus mehreren Gründen

Der Sammler war an sogenannten Strafexpeditionen beteiligt und Führer der Polizeitruppe sowie anschließend Kommandeur der dortigen „Schutztruppe“. Zudem beinhaltet das Konvolut eines der prominentesten Werke der Afrika‑Sammlung des Museums Fünf Kontinente, das aufgrund seiner Abbildung im Almanach Der Blaue Reiter von Wassily Kandinsky und Franz Marc (1912) „Blauer‑Reiter‑Pfosten“ genannt wird. In krassem Widerspruch zur herausragenden Bedeutung dieses geschnitzten Holzblocks für die Münchner Lokalgeschichte und die globale Kunstgeschichte stehen die bisherigen Erkenntnisse: Über seine Funktion, Bedeutung und Herkunft gibt es nur Vermutungen.
  • Der „Blaue-Reiter-Pfosten“, ein auf zwei Seiten beschnitzter Holzblock aus Kamerun, im Museum Fünf Kontinente in München Lino Mirgeler © picture alliance/dpa
    Der „Blaue-Reiter-Pfosten“, ein auf zwei Seiten beschnitzter Holzblock aus Kamerun, im Museum Fünf Kontinente in München
  • Museum Fünf Kontinente München: 1862 als erstes ethnologisches Museum in Deutschland mit dem Namen Königlich Ethnographische Sammlung gegründet, seit 1917 Staatliches Museum für Völkerkunde und 2014 in Museum Fünf Kontinente umbenannt Marietta Weidner © Museum Fünf Kontinente
    Museum Fünf Kontinente München: 1862 als erstes ethnologisches Museum in Deutschland mit dem Namen Königlich Ethnographische Sammlung gegründet, seit 1917 Staatliches Museum für Völkerkunde und 2014 in Museum Fünf Kontinente umbenannt
  • Provenienzforschung im Museum Fünf Kontinente in München: Blick in die Afrika-Abteilung der Dauerausstellung © Museum Fünf Kontinente
    Museum Fünf Kontinente in München: Blick in die Afrika-Abteilung der Dauerausstellung
  • Museum Fünf Kontinente in München: Blick in die Nordamerika-Abteilung der Dauerausstellung © Museum Fünf Kontinente
    Museum Fünf Kontinente in München: Blick in die Nordamerika-Abteilung der Dauerausstellung
  • Museum Fünf Kontinente in München: Blick in die Ozeanien-Abteilung der Dauerausstellung © Museum Fünf Kontinente
    Museum Fünf Kontinente in München: Blick in die Ozeanien-Abteilung der Dauerausstellung
Ein weiterer Sammlungsgegenstand ist laut Akzessionskatalog wahrscheinlich Kriegsbeute. Dieser wie auch der „Blaue-Reiter-Pfosten“ verdeutlichen beispielhaft die weitreichenden Chancen einer gemeinsamen intensiven und längerfristigen Spurensuche mit kamerunischen Partner*innen. Koordinator der Arbeiten in Kamerun ist Professor Albert Gouaffo, weiterhin sind die Wissenschaftler*innen Yrène Matchinda, Lucie Nankeng und Professor Joseph Ebune Teil des Teams.

Der Dialog mit den Herkunftsgemeinschaften kann beginnen, gegenseitiges Vertrauen aufgebaut werden, mündliche Traditionen über die einstige Verwendung, Bedeutung oder Nutzer*innen dieser 130 Jahre alten Kulturgüter und zugleich über diese Phase der Kolonisierung ihrer Gemeinschaften durch das Deutsche Reich können gesammelt werden. Dadurch erhält die kamerunische Seite eine wichtige Stimme bei der Neuverortung der kulturellen Artefakte und der geteilten (Kolonial‑)Geschichte.

Die Zeit drängt

Doch es gibt auch zahlreiche Herausforderungen. Die größte ist der knappe Zeitrahmen. Die Sammlungsgegenstände stammen aus unterschiedlichen Gemeinschaften in Kamerun, die größtenteils erst genau lokalisiert werden müssen. Auch können für unseren Blick unscheinbare Dinge große rituelle Bedeutung in ihrer Herkunftsgemeinschaft gehabt haben, sodass alle Werke möglichst detailliert erforscht werden müssen. Zudem zeigte sich, dass nicht alle Gegenstände durch von Stetten in Kamerun sowie manche weit früher erworben wurden als vor ihrem Eintreffen im Museum.

Das Projekt ist ein Work‑in‑Progress, das erst am Anfang steht. Der erste Schritt einer gemeinsamen Spurensuche ist gemacht. Es geht darum, ein Bewusstsein in der Öffentlichkeit für die gemeinsame deutsch‑kamerunische Geschichte zu schaffen. Denn Geschichte ist auch aktuell für das Hier und Jetzt und auch für die Zukunft.

Nach dem Abschluss des Projekts ist eine weitere Zusammenarbeit vorgesehen, die entstandenen Netzwerke in Kamerun sollen nach Möglichkeit weiter aufrechterhalten werden. Für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden die Ergebnisse durch Ausstellungen in München und Kamerun sowie global durch eine mehrsprachige Online-Publikation.
 
Dr. Karin Guggeis leitet das Provenienzforschungsprojekt des Museums Fünf Kontinente.