Kunst aus der Kolonialzeit In Siebenmeilenstiefeln zur Restitution?

Restitution? Im Besitz der Nordamerika-Sammlung des Museums Fünf Kontinente in München: Chilkat-Schurz der indigenen Tlingit von der Nordwestküste Amerikas, Entstehungszeitraum: um 1800 bis 1850
Im Besitz der Nordamerika-Sammlung des Museums Fünf Kontinente in München: Chilkat-Schurz der indigenen Tlingit von der Nordwestküste Amerikas, Entstehungszeitraum: um 1800 bis 1850 | Foto (Detail): Museum Fünf Kontinente München © MFK

Es gibt zurzeit rege Debatten über die Rückgabe von Kulturobjekten aus kolonialen Kontexten an die Urhebergesellschaften. Dabei entstehen sowohl plausible Lösungsansätze als auch neue, noch komplexere Fragen.

 

Von Uta Werlich

Der Umgang mit Kulturgütern aus kolonialen Kontexten steht aktuell im Zentrum einer breit geführten Debatte, die in den vergangenen Jahren zum einen katalysiert wurde durch die Kritik am Humboldt Forum, die vor allem von zivilgesellschaftlichen Initiativen geäußert wurde. Zum anderen durch die Rede des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron, der im November 2017 in Burkina Faso forderte, innerhalb von fünf Jahren die Voraussetzungen für die zeitweilige oder endgültige Rückgabe afrikanischer Kulturgüter zu schaffen. Und durch den in Folge publizierten Rapport sur la restitution du patrimoine culturel africain. Vers une nouvelle éthique relationelle von Bénédicte Savoy und Felwine Sarr. In Deutschland wurde 2018 der Wille zur Aufarbeitung der Kolonialzeit im Koalitionsvertrag der Bundesregierung formuliert; die Kulturminister*innen der Länder, Vertreter*innen des Bundes und der kommunalen Spitzenverbände positionierten sich im folgenden Jahr in einem Eckpunktepapier. Nur wenige Wochen später veröffentlichte der Deutsche Museumsbund eine zweite, überarbeitete Fassung des „Leitfadens zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“, der als Ergebnis einer interdisziplinären Arbeitsgruppe erstmals im Mai 2018 erschienen war. Während der „Leitfaden“ betont, dass die Aufarbeitung von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten fast alle Museumssparten betrifft, sehen sich besonders oft ethnologische Museen und Sammlungen mit der Frage nach der Herkunft von Objekten konfrontiert.

Gemeinsame Lösungsfindung

Im April 2019 legten die Direktor*innen der ethnologischen Museen und Sammlungen im deutschsprachigen Raum eine gemeinsame Stellungnahme vor, in welcher sie sich sowohl dazu verpflichten, über ihre Bestände transparent zu informieren und Forschungen zu Sammlungen öffentlich zugänglich zu machen, als auch sich für die Rückgabe von unrechtmäßig erworbenem Sammlungsgut aussprechen. Als Grundlage für die Klärung von Erwerbungsumständen wird die kooperative Provenienzforschung mit Partner*innen aus den jeweiligen Herkunftsstaaten und -gesellschaften gesehen. Erste Schritte in diese Richtung werden seit Kurzem durch die beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste (DZK) angesiedelte „Förderung von Projekten zur Provenienzforschung bei Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ ermöglicht.
  • Museum Fünf Kontinente München: 1862 als erstes ethnologisches Museum in Deutschland mit dem Namen Königlich Ethnographische Sammlung gegründet, seit 1917 Staatliches Museum für Völkerkunde und 2014 in Museum Fünf Kontinente umbenannt Marietta Weidner © Museum Fünf Kontinente
    Museum Fünf Kontinente München: 1862 als erstes ethnologisches Museum in Deutschland mit dem Namen Königlich Ethnographische Sammlung gegründet, seit 1917 Staatliches Museum für Völkerkunde und 2014 in Museum Fünf Kontinente umbenannt
  • Restitution? Große Sammlung: Einblick in die Dauerausstellung Ozeanien des Museums Fünf Kontinente in München Nicolai Kästner © MFK
    Große Sammlung: Einblick in die Dauerausstellung Ozeanien des Museums Fünf Kontinente in München
  • Restitution? Im Besitz der Ozeanien-Sammlung des Museums Fünf Kontinente in München: Rindenbastmaske aus Muliama in Süd-Neuirland, Papua-Neuguinea, von 1899 bis 1914 Teil der deutschen Kolonie Deutsch-Neuguinea Museum Fünf Kontinente München © MFK
    Im Besitz der Ozeanien-Sammlung des Museums Fünf Kontinente in München: Rindenbastmaske aus Muliama in Süd-Neuirland, Papua-Neuguinea, von 1899 bis 1914 Teil der deutschen Kolonie Deutsch-Neuguinea
  • Restitution? Im Besitz der Ozeanien-Sammlung des Museums Fünf Kontinente in München: Giebelwand eines Zeremonial-Vorratshauses für Yams, Papua-Neuguinea Museum Fünf Kontinente in München © MFK
    Im Besitz der Ozeanien-Sammlung des Museums Fünf Kontinente in München: Giebelwand eines Zeremonial-Vorratshauses für Yams, Papua-Neuguinea
  • Restitution? Große Sammlung: Blick in die Dauerausstellung Orient des Museums Fünf Kontinente in München Nicolai Kästner © MFK
    Blick in die Dauerausstellung Orient des Museums Fünf Kontinente in München
  • Restitution? Im Besitz der Orient-Sammlung des Museums Fünf Kontinente in München: Koranblatt im Kufi-Duktus aus einem Derwisch-Konvent, Nordafrika oder Naher Osten, entstanden zwischen dem 9. und 10. Jahrhundert Museum Fünf Kontinente München © MFK
    Im Besitz der Orient-Sammlung des Museums Fünf Kontinente in München: Koranblatt im Kufi-Duktus aus einem Derwisch-Konvent, Nordafrika oder Naher Osten, entstanden zwischen dem 9. und 10. Jahrhundert
  • Restitution? Im Besitz der Südamerika-Sammlung des Museums Fünf Kontinente in München: Keramikgefäß in Form eines Jaguars aus Guanacaste (Costa Rica), entstanden zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert Museum Fünf Kontinente München © MFK
    Im Besitz der Südamerika-Sammlung des Museums Fünf Kontinente in München: Keramikgefäß in Form eines Jaguars aus Guanacaste (Costa Rica), entstanden zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert
  • Restitution? Im Besitz der Südamerika-Sammlung des Museums Fünf Kontinente in München: Keramikschale der Maya aus Guatemala, entstanden zwischen dem 6. und 9. Jahrhundert Museum Fünf Kontinente München © MFK
    Im Besitz der Südamerika-Sammlung des Museums Fünf Kontinente in München: Keramikschale der Maya aus Guatemala, entstanden zwischen dem 6. und 9. Jahrhundert
  • Restitution? Im Besitz der Nordamerika-Sammlung des Museums Fünf Kontinente in München: Tuch, sogenannter Tipi-Liner, Baumwolle, Aquarellfarben, bemalt mit Heldentaten eines Kriegers. Plains, North Dacota, Standing Rock Reservation. Um 1880. Sammlung Prinzessin Therese von Bayern. Museum Fünf Kontinente München © MFK
    Im Besitz der Nordamerika-Sammlung des Museums Fünf Kontinente in München: Tuch, sogenannter Tipi-Liner, Baumwolle, Aquarellfarben, bemalt mit Heldentaten eines Kriegers. Plains, North Dacota, Standing Rock Reservation. Um 1880. Sammlung Prinzessin Therese von Bayern.
  • Restitution? Im Besitz der Nordamerika-Sammlung des Museums Fünf Kontinente in München: Tuch, sogenannter Tipi-Liner, Baumwolle, Aquarellfarben, bemalt mit Heldentaten eines Kriegers. Plains, North Dacota, Standing Rock Reservation. Um 1880. Sammlung Prinzessin Therese von Bayern. Museum Fünf Kontinente München © MFK
    Im Besitz der Nordamerika-Sammlung des Museums Fünf Kontinente in München: Tuch, sogenannter Tipi-Liner, Baumwolle, Aquarellfarben, bemalt mit Heldentaten eines Kriegers. Plains, North Dacota, Standing Rock Reservation. Um 1880. Sammlung Prinzessin Therese von Bayern.
Das Museum Fünf Kontinente erhielt im November 2019 durch das DZK und das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst eine zunächst für zwölf Monate bewilligte Förderung, die noch weitgehend ungeklärte Herkunftsgeschichte eines rund 200 Objekte umfassenden Konvoluts aus Kamerun zu erforschen. Die Sammlung hatte des Museum in den 1890er-Jahren von Max von Stetten erhalten, der Führer der Polizeitruppe und anschließend Kommandeur der Schutztruppe in Kamerun war.

Wenn es möglich sein sollte, die Erwerbungsumstände wesentlicher Objekte des Konvoluts zu klären, und sich die am Anfang des Projekts stehende Vermutung bestätigt, dass diese Objekte aus einem Gewaltkontext stammen und sich somit nach heutiger Ansicht unrechtmäßig im Museum befinden, ist Restitution ein Thema. Im Dialog mit unseren Projektpartner*innen in Kamerun und Vertreter*innen der Herkunftsgesellschaften wäre dann zu klären, ob eine Rückgabe gewünscht ist oder eine andere Form der Kompensation. Auch könnte im Falle einer Restitution über die Möglichkeit einer dauerhaften Leihgabe an das Museum Fünf Kontinente nachgedacht werden und sicher wird sich die Frage stellen, an wen zurückgegeben werden soll: an den Nationalstaat, an eine Herkunftsgemeinschaft oder an eine Privatperson? Nicht immer ist hier von deckungsgleichen Interessen auszugehen, und berechtigte und ungerechtfertigte Ansprüche voneinander zu unterscheiden, wird zukünftig sicherlich eine größere Rolle als bisher in der Diskussion über den Umgang mit unserem kolonialen Erbe spielen.

Kollaborative Wissensproduktion

Mit seinem Projekt „Der ´Blaue-Reiter-Pfosten´ und die Sammlung Max von Stettens (1893–1896) aus Kamerun im Museum Fünf Kontinente München“ hat das Museum begonnen, die Kolonialgeschichte seiner Sammlungen zu erforschen. Es stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, weitere Einzelfälle zu prüfen, oder ob in Anbetracht der großen Anzahl von Objekten, die allein während der deutschen Kolonialzeit nach München gelangten, andere Strategien greifen sollten.
Mit Blick auf die von Max von Stetten zusammengetragene Sammlung arbeiten wir ergebnisoffen und schließen mögliche Restitutionen nicht aus. Diese sehen wir aber nicht als alleiniges Endziel des Projekts. Vielmehr geht es um die gemeinsame Produktion von Wissen über eine sensible Sammlung und über eine geteilte Geschichte, um den Aufbau von Beziehungen und die Etablierung von Netzwerken. Nur wenn es uns gelingt, diese über das Ende der Projektlaufzeit und mögliche Restitutionen hinaus aufrechtzuerhalten und zu verstetigen, wird sich die Arbeit des Museums Fünf Kontinente nachhaltig und wesentlich verändern.
 
Dr. Uta Werlich leitet seit 1. April 2018 das staatliche Museum Fünf Kontinente in München.