Museumskooperation Restitution – von der Vision zur Praxis

Provenienz: Die Makonde-Maske wurde 1985 vom Barbier-Mueller-Museum in Genf angekauft und später als in Daressalaam gestohlenes Objekt identifiziert, woraufhin die Maske 2010 an das Nationalmuseum von Tansania zurückgegeben wurde.
Die Makonde-Maske wurde 1985 vom Barbier-Mueller-Museum in Genf angekauft und später als in Daressalaam gestohlenes Objekt identifiziert, woraufhin die Maske 2010 an das Nationalmuseum von Tansania zurückgegeben wurde. | Foto (Detail): Philippe Wojazer © picture alliance/REUTERS

Die Debatte über Restitution birgt so viele Herausforderungen und Chancen, wie es Diskrepanzen zwischen diesen Diskussionen und der tatsächlichen Umsetzung der verabschiedeten Beschlüsse gibt. Flower Manase, Kuratorin am tansanischen Nationalmuseum, sieht Möglichkeiten für eine nachhaltige Kooperation zwischen ethnologischen Museen in Deutschland und dem Nationalmuseum ihres Heimatlandes.

Von Flower Manase

Die Welle von Debatten über die Restitution von Kulturgegenständen, die aus den ehemaligen Kolonien nach Europa verbracht wurden, hat seit der Veröffentlichung des Sarr-Savoy-Berichts über die Restitution afrikanischer Kulturgüter im Jahr 2018 an Fahrt gewonnen. In Tansania waren die Gespräche über eine Restitution auf einige wenige politische Entscheidungsträger*innen, Repräsentant*innen einiger Ursprungsgemeinschaften sowie Museumsexpert*innen und Wissenschaftler*innen beschränkt. Leider zeichnete sich dieser Diskurs durch das Fehlen einer klaren gemeinsamen Strategie aus, einschließlich der Abwesenheit konkreter Vorschläge für eine Zusammenarbeit mit Museen aus dem globalen Norden. Deshalb gibt es in Bezug auf die Rückgabe von Kulturgütern, die in kolonialen Kontexten aus Tansania entfernt wurden, wenig konkrete Fortschritte.

Paradigmenwechsel

Dadurch, dass Museen in Afrika und im globalen Norden verstärkt neue Arten der Kooperation und der Beschäftigung mit Themen von beiderseitigem Interesse erkunden, scheint es am Ende eines sehr langen und dunklen Tunnels etwas mehr Licht zu geben. Expert*innen aus Afrika bestehen darauf, dass sich die laufenden Debatten auf die Dekonstruktion kolonialer und rassistischer Darstellungen konzentrieren und bei den Gesprächen nicht nur kulturelle oder ethnografische Sammlungen im Mittelpunkt stehen sollten, sondern auch andere Aspekte der Naturgeschichte, darunter auch menschliche Überreste. So behandelten ethnologische Museen in Europa, die menschliche Überreste besitzen, menschliche Körperteile beispielsweise lange Zeit als Museumssammlungen, obwohl diese menschlichen Körperteile in Wirklichkeit den Urheber*innen der Sammlungen gehören, die für eine Restitution in Betracht gezogen werden. Wie kann man die Rückgabe von Kulturgütern diskutieren, wenn die Urheber*innen und ihre Vorfahr*innen nach wie vor verschwunden sind oder im Keller eines Museums hinter Schloss und Riegel liegen? Das ist die Frage, die als Allererstes in Angriff genommen und gelöst werden muss. Für endlose Debatten über die Rückgabe menschlicher Körperteile (menschlicher Überreste) sollte es keinen Platz geben.
 

„Bei der Dekonstruktion des Kolonialismus geht es nicht nur um Sammlungen. Wir müssen als Erstes die Frage der menschlichen Überreste angehen und geeignete ethische Bedingungen und Wege für den Umgang damit finden. Denn im Moment behandeln die Museen diese menschlichen Überreste immer noch als Sammlungen.“

Flower Manase im Interview

Es ist zudem wichtig, dass Afrikaner*innen ihre eigenen Geschichten schreiben. Dies ist ein entscheidender Schritt hin zur Dekonstruktion von Vorurteilen gegenüber anderer Kulturen, die in Museen in Afrika ebenso wie im globalen Norden die Grundlage kuratorischer Praktiken bildeten. Eine Schlüsselkomponente der Zusammenarbeit zwischen afrikanischen und europäischen Museen sollte die aktive Beteiligung der Ursprungsgemeinschaften an Forschungsprojekten sein, um die wahren Biografien der Kulturgüter zu ermitteln.

Die meisten Objekte in ethnologischen Museen im globalen Norden wurden auf der Basis kolonialer Ideologien und rassistischer Studien präsentiert, die unter dem Vorwand der „Zivilisierung primitiver Rassen vom Dunklen Kontinent“ durchgeführt wurden. Weil afrikanische Museen Strukturen erbten, die afrikanische Kulturen und ethnische Gruppen auf der Basis eurozentrischer Interpretationen charakterisierten, waren die Museen den lokalen Bevölkerungsgruppen lange Zeit entfremdet. Es bedarf einer radikalen Verlagerung hin zur sozialen Museologie, sodass lokale Gemeinschaften eingeladen werden, ihr eigenes Kulturerbe in Museen zu ko-kuratieren.

Die Zukunft der Museumskooperation

Kollaborative Projekte zwischen afrikanischen und europäischen Museen sollten auf Augenhöhe stattfinden. So ist etwa die Praxis, afrikanische Expert*innen zu benutzen, um die Ziele europäischer Museen zu erreichen, eine Form des intellektuellen Imperialismus, für die im 21. Jahrhundert kein Platz ist. Jede nachhaltige Kooperation sollte darauf ausgerichtet sein, neue Beziehungen zwischen gleichwertigen Partnern aufzubauen. Diese sollten in jeder Phase inklusiv und transparent sein, indem sie alle Partner auf allen Ebenen miteinbeziehen.
 

„Jetzt, wo wir zum ersten Mal mit deutschen Museen kollaborieren, haben tansanische Expert*innen eine tolle Gelegenheit, neue Perspektiven und Narrative beim Umgang mit den Sammlungen einzubringen, indem sie vor allem indigene und lokale Gemeinschaften miteinbeziehen.“

Flower Manase im Interview


Die Kooperation zwischen dem tansanischen Nationalmuseum und dem Humboldt Forum in Berlin ist ein Schritt in die richtige Richtung. Sie wird Tansania dabei helfen, die seit Langem existierende Wissenskluft zwischen älteren und jüngeren Generationen zu schließen und die Geschichte neu zu schreiben, die durch koloniale Brutalität ausgelöscht wurde. Der Fokus der Zusammenarbeit liegt darauf, die Geschichte der Sammlungen nachzuzeichnen, die aus Tansania weggeschafft wurden, und ihre Natur zu verstehen, Provenienzforschung zu betreiben und die Darstellungen neu zu schreiben, die das wahre Kulturerbe und die Geschichte der Menschen von Tansania reflektieren, wozu auch die Schrecken des Kolonialismus gehören. Das Endziel sollte die Rückgabe der kulturellen Sammlungen an die Ursprungsgemeinschaften sein.

Über die beste Art und Weise des Umgangs mit Restitution und Provenienzforschung  – ein Interview des Goethe-Instituts mit Flower Manase im Rahmen der Konferenz „Beyond Collecting: New Ethics for Museums in Transition“ (Neue Konzepte für Museen im globalen Süden) in Daressalam, Tansania, März 2020:

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